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Religionswissenschaft

Die Religionswissenschaft ist eine Geisteswissenschaft oder auch Kulturwissenschaft, die Religion empirisch, historisch und systematisch erforscht.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Selbstverständnis
  2. 2. Untersuchungsebenen und Methoden
  3. 3. Entwicklung der Disziplin
  4. 4. Methodische Richtungen und Studium

Gegenstand und Selbstverständnis

Religionswissenschaft ist eine Geistes- beziehungsweise Kulturwissenschaft. Sie erforscht Religion empirisch, historisch und systematisch. Gegenstand sind alle konkreten Religionen, religiösen Gemeinschaften, Weltanschauungen und Ideologien sowie religiös konnotierte Narrative der Vergangenheit und Gegenwart. Dazu gehören auch die Binnensystematiken einzelner Religionen, also deren eigene Vorstellungen, Ordnungen und Deutungen.

Was genau als „Religion“ oder „religiös“ gilt, ist bislang nur vorläufig bestimmt. Deshalb verwendet die Religionswissenschaft meist Arbeitsdefinitionen, die auf die jeweilige Fragestellung zugeschnitten sind. Diese dienen als Heuristik, also als vorläufiges Werkzeug zur Untersuchung. Im deutschsprachigen Raum wird das Fach häufig durch Begriffe wie „allgemein“ oder „vergleichend“ näher gekennzeichnet und oft mit Religionsgeschichte verbunden.

Zu den Subdisziplinen gehören unter anderem Religionsvergleich beziehungsweise Religionskomparatistik, Religionsgeschichte, Religionsphänomenologie, Religionssoziologie, Religionspsychologie, Religionsethnologie, Religionsökonomie und Religionsgeographie. Es bestehen außerdem Berührungspunkte mit allen theologischen Bereichen, also mit Kirchengeschichte, Exegese, systematischer und praktischer Theologie. Neue, innerhalb des Faches teilweise umstrittene Ansätze sind die „Angewandte“ beziehungsweise „Praktische Religionswissenschaft“ sowie die Interkulturelle Religionswissenschaft.

Der traditionellen kulturwissenschaftlichen Perspektive wird zunehmend ein naturalistisches Paradigma gegenübergestellt. Unter dem Einfluss der Kognitionswissenschaften und von Weltanschauungen wie dem Evolutionären Humanismus entstanden Religionstheorien, die annehmen, Religionen hätten sich aus evolutionären und biologischen Merkmalen des Menschen entwickelt.

Untersuchungsebenen und Methoden

Die Religionswissenschaft untersucht nicht, ob religiöse Aussagen wahr sind oder ob transzendente Wirklichkeit existiert. Sie arbeitet auf der Sachebene, indem sie Erscheinungsformen und Elemente verschiedener Religionen oder religiöser Narrative ordnet, klassifiziert, vergleicht und analysiert. Wichtige Grundlagen sind religionsgeschichtliche Forschung sowie qualitative und quantitative Methoden, beispielsweise Feldforschung. Für Vergleiche und weiterführende Analysen werden interdisziplinäre Zugänge genutzt, etwa kulturtheoretische, religionssoziologische und religionspsychologische Verfahren.

Religionsphilosophie und Religionstheologie gehören ausdrücklich nicht zur Religionswissenschaft, weil sie normative Elemente enthalten. Eine wichtige Rolle spielen dagegen Philologien, also sprach- und textbezogene Fächer, in denen religiöse Schriften oder religiöses Leben untersucht werden. Genannt werden Gräzistik, Latinistik, Semitistik, Arabistik, Sinologie, Keilschriftforschung und Indologie. Hinzu kommen Fächer mit Schwerpunkt auf einer Religion oder einem Kulturkreis, etwa Keltologie, Judaistik, Buddhismuskunde, Islamwissenschaft, Afrikanistik, Orientalistik und Tibetologie.

Weitere Partnerfächer sind Geschichte, Archäologie, Volkskunde, Ethnologie beziehungsweise Völkerkunde, Anthropologie und andere Kulturwissenschaften. Wegen religiöser Konflikte bestehen auch Verbindungen zur Politikwissenschaft sowie zur Friedens- und Konfliktforschung. Seit den 1990er Jahren spielen außerdem Neurowissenschaften eine Rolle. Religiöse Binnensystematiken gehören zum Gegenstand, aber grundsätzlich nicht zur Methode der Religionswissenschaft.

In der Praktischen, Angewandten oder Interkulturellen Religionswissenschaft können religiöse Akteure auch als Dialogpartner auftreten. Christliche Theologien und andere Disziplinen verwenden religionswissenschaftliche Methoden, wenn sie historische Grundlagen erforschen. Ist Religionswissenschaft an einer theologischen Fakultät angesiedelt, wird sie teilweise als Missionswissenschaft, vergleichende Religionsgeschichte oder Hilfsdisziplin einer Universaltheologie verstanden.

Ein Beispiel für einen neueren Forschungsschwerpunkt ist die „Materiale Religion“. Sie fragt, wie Religion sich auf materialer Ebene ereignet. Untersucht werden nicht nur Bilder, Statuen, religiöse Gebrauchsgegenstände, Kultanlagen, Gebäude, Amulette und Talismane, sondern die Wechselwirkungen zwischen religiösen Objekten, ihrer Umwelt und den handelnden Personen. Im Mittelpunkt stehen außerdem die Verkörperung von Religion in Handlungen und Ritualen sowie Religion als Ergebnis ästhetischer, sozialer, habitueller und kognitiver Arrangements.

Entwicklung der Disziplin

Religionsforschung im weiteren Sinn entstand während der neuzeitlichen Aufklärung, besonders in England, den Niederlanden, Deutschland und Skandinavien. Friedrich Max Müller prägte den Begriff „Religionswissenschaft“ in Introduction to the Science of Religion (1873) beziehungsweise Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft (1874).

In Westeuropa entwickelte sich das Fach zunächst in unterschiedlichen institutionellen Zusammenhängen. An Philosophisch-historischen Fakultäten stand es vor allem in Verbindung mit Klassischen Altertumswissenschaften und Orientalistik. An theologischen Fakultäten erschien es beispielsweise als „Allgemeine Religionsgeschichte“, Religionsphänomenologie, Fundamentaltheologie beziehungsweise Theologie der Religionen oder Missionswissenschaft.

Frühe Lehrstühle für Religionsgeschichte entstanden an der Universität Genf 1873 für Théodore Droz, in Leiden 1877 für Cornelis Petrus Tiele, in Amsterdam 1878 für Pierre Daniël Chantepie de la Saussaye und am Institut Catholique in Paris 1879/80 für Paul de Broglie. Der weltweit erste Lehrstuhl mit der Fachbezeichnung „Altindische Literatur und vergleichende Religionswissenschaft“ wurde 1894 an der Schweizer Universität Freiburg im Üechtland mit Edmund Hardy besetzt.

An deutschen Universitäten etablierte sich Religionswissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eigenständiges Fach. 1912 wurde das Religionswissenschaftliche Institut Leipzig gegründet; erster Lehrstuhlinhaber war Nathan Söderblom. 1920 folgte das religionswissenschaftliche Seminar an der Universität Bonn und damit erstmals in Deutschland eine Verankerung an einer Philosophischen Fakultät. Den Lehrstuhl hatte Carl Clemen bis 1933 inne.

Obwohl Edmund Hardy bereits 1898 und Joachim Wach 1924 eine rein empirische Grundlegung gefordert hatten, führte die Krise des Historismus nach dem Ersten Weltkrieg zu einer philosophischen Aufwertung der Religionsgeschichte. Die Religionsphänomenologie suchte nach „universalen“ Grundeigenschaften des Menschen, unter anderem bei Rudolph Otto und Mircea Eliade. Diese Ansätze gelten in der heutigen religionswissenschaftlichen Diskussion als dekonstruiert. Die Kritik am klassischen Religionsvergleich und am Universalismus von Religionsdefinitionen führte zur bis heute andauernden Diskussion über Theorie und Methodik. An den meisten Universitäten wird Religionswissenschaft deshalb unabhängig von Theologien gelehrt und ist in philosophischen oder kulturwissenschaftlichen Fakultäten verankert.

Methodische Richtungen und Studium

Nach Hamid Reza Yousefi lassen sich zwei wichtige Traditionslinien unterscheiden. Die phänomenologische Richtung hält an der Kategorie des Heiligen fest und betreibt eine Religionswissenschaft des Verstehens. Die philologische Richtung distanziert sich von dieser methodischen Form und versteht Religionswissenschaft als „reine“ Wissenschaft. Yousefi versucht, beide Linien durch eine interkulturelle Religionswissenschaft zu verbinden. Sein Ansatz betont den gesellschaftlichen Auftrag des Faches und schlägt eine pluralistische Kombination vor, in der hermeneutische, also verstehende, und empirische Verfahren ineinandergreifen.

Ein weiterer Zugang ist die diskurstheoretische beziehungsweise genealogische Religionswissenschaft nach Michael Bergunder. Ausgehend von Semiotik und Poststrukturalismus wird angenommen, dass der Begriff „Religion“ eurozentrische Prägungen enthält. Er wird deshalb im Zusammenhang einer globalen Verflechtungsgeschichte untersucht, insbesondere mit Blick auf Orientalismus und Postkolonialismus.

In Deutschland kann Religionswissenschaft unter anderem in Bayreuth, an der Freien Universität Berlin, in Bochum, Bremen, Erfurt, Frankfurt, Göttingen, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Jena, Leipzig, Marburg, Münster, München, Potsdam und Tübingen studiert werden. Übliche Abschlüsse sind B.A. „Religionswissenschaft“ oder verwandte Bachelorstudiengänge mit religionswissenschaftlichem Schwerpunkt, M.A. „Religionswissenschaft“, der in der Regel einen B.A. voraussetzt, sowie Dr. phil. Frühere Abschlüsse wie Magister Artium und Diplom laufen aus; ein Diplom gibt es nur noch in Bremen. In der deutschen Hochschulpolitik gilt Religionswissenschaft als Kleines Fach.

In Österreich ist ein Studium in Wien, Graz, Salzburg und Linz möglich. Masterstudiengänge bestehen in Graz seit dem Wintersemester 2006/07, in Salzburg seit dem Wintersemester 2016/17 und in Wien seit dem Wintersemester 2008/09. Das Masterstudium „Religion in Kultur und Gesellschaft“ an der Katholischen Privatuniversität Linz besteht seit dem Wintersemester 2015/16 und behandelt schwerpunktmäßig religionswissenschaftliche Inhalte.

Die Schweizerische Gesellschaft für Religionswissenschaft wurde 1977 gegründet. Studienangebote entstanden zunächst in Zürich, Freiburg und Genf. In den 2000er Jahren wurde das Fach deutlich ausgebaut. Bachelor- oder Masterabschlüsse in deutscher oder französischer Sprache sind in Basel, Bern, Freiburg, Genf, Lausanne und Zürich möglich.

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