Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Synagoge

Es dient auch als Ort für soziale und kulturelle Veranstaltungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Sie ist die wichtigste Institution im Judentum und hat …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Bezeichnungen
  2. 2. Entstehung und frühe Zeugnisse
  3. 3. Antike Synagogen
  4. 4. Bauform und Ausstattung
  5. 5. Aufgaben im Gemeindeleben
  6. 6. Mittelalter, Zerstörungen und Erinnerung

Bedeutung und Bezeichnungen

Eine Synagoge ist ein Gebäude für die Versammlung, den gemeinsamen Gottesdienst und oft auch das Lernen einer jüdischen Gemeinde. Sie ist zugleich ein Ort für soziale und kulturelle Veranstaltungen. Als wichtigste Institution des Judentums hat sie den gemeinschaftlichen Gottesdienst im Christentum und im Islam maßgeblich beeinflusst. In der Forschung ist umstritten, wann antike Texte mit dem Wort synagōgē tatsächlich ein Gebäude für religiöse Handlungen meinen und wann die ersten Synagogen entstanden.

Im Neuhebräischen heißen Synagogen bet knesset („Haus der Versammlung“) oder bet tefillah („Haus des Gebets“). Weitere Bezeichnungen sind bet ha-midrasch („Haus des Lernens“), jiddisch schul, sephardisch esnoga und im Iran kenisa. Kleine chassidische Bethäuser werden stibl oder Klaus genannt. Im Reformjudentum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde auch Tempel verwendet; in Nordamerika ist dies außerhalb der strengen Orthodoxie verbreitet. Viele traditionelle Juden halten die Bezeichnung für ungenau, weil das Judentum historisch nur einen Tempel in Jerusalem hatte.

Entstehung und frühe Zeugnisse

Die Entstehungszeit der Synagoge ist nicht eindeutig geklärt. Jüdische Quellen und das Neue Testament nennen Mose als Begründer; die rabbinische Literatur kennt jedoch keine Synagogen aus der frühesten Zeit oder aus der Zeit des ersten Jerusalemer Tempels, auch nicht der Legende nach. Als mögliche Hinweise gelten Jeremia 39,8 und Psalm 74,8. Seit dem 16. Jahrhundert wird das babylonische Exil nach der Zerstörung des ersten Tempels als möglicher Ursprung vermutet. Auch Ezechiel 11,16 sowie Versammlungen der Ältesten vor Ezechiel werden so gedeutet.

Archäologische und schriftliche Zeugnisse machen Synagogengebäude zur Zeit des Zweiten Tempels, etwa ab 500 v. Chr., im Land Israel und in der Diaspora wahrscheinlich. Andere Deutungen sehen Vorformen in Gottesdiensten bei Esra und Nehemia, einen Ursprung bei den Pharisäern im 2. Jahrhundert v. Chr. oder in Versammlungen auf dem Marktplatz beziehungsweise am Stadttor. Diese Theorien werden jeweils auch abgelehnt oder bestritten.

Die ältesten Hinweise auf jüdische Versammlungshäuser stammen aus der hellenistischen Zeit in Ägypten. Griechische Papyri und Inschriften nennen sie proseuchē oder proseuchē tōn Ioudaiōn. Ein Brief aus Alexandrou Nesos von 218 v. Chr. erwähnt eine proseuchē. Die beiden ältesten Widmungsinschriften werden in die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. datiert und stammen aus Arsinoë-Krokodilopolis und Schedia. Im 1. Jahrhundert v. Chr. erhielt eine proseuchē in Ägypten Asylie, also Schutzrecht. Welche Kulthandlungen dort stattfanden, ist nicht bekannt.

Antike Synagogen

Eine Ruine kann als Synagoge gelten, wenn sie jüdische Motive wie Toraschrein, Menora, Schofar, Etrog und Lulav zeigt oder wenn eine Inschrift belegt, dass eine jüdische Gemeinschaft sie für religiöse Versammlungen errichtete und nutzte. Dazu zählt auch ein Einzelfund in Jericho aus dem Jahr 75 v. Chr.

Die frühesten ausgegrabenen möglichen Synagogen liegen in der griechisch-römischen Diaspora. Meist waren es ursprünglich anders genutzte, oft private Gebäude, die später zu Versammlungshäusern umgebaut wurden. Sie folgten örtlichen Bautraditionen, besaßen meist noch keinen Aufbewahrungsort für Torarollen und waren nicht nach Jerusalem ausgerichtet. Als ältestes Bauwerk gilt die Synagoge auf Delos: Ihre Ruinen stammen aus der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr., ältere Bauteile möglicherweise aus dem späteren 2. Jahrhundert v. Chr. Ihre Zuordnung bleibt aufgrund der Befunde nur möglich, nicht sicher.

Weitere wichtige Beispiele sind Ostia, Priene, Stobi, Sardes und Dura Europos. Die Synagoge von Sardes, ins 3. Jahrhundert n. Chr. datiert, ist die größte bisher bekannte antike Synagoge und wurde bis zur Zerstörung der Stadt 616 genutzt. Dura Europos am Euphrat war ein umgebautes Privathaus; die zweite Bauphase datiert auf 244/245 n. Chr. Die Wandmalereien machen sie zu einem besonders bedeutenden Fund. Sie blieb bis zur Zerstörung der Stadt 256 n. Chr. in Gebrauch.

Für Judäa, Galiläa und den Golan kommen Bauten in Masada, Herodium, Migdal und Gamla als Synagogen vor der Tempelzerstörung von 70 n. Chr. in Betracht. Die Theodotos-Inschrift beschreibt eine Synagoge in Jerusalem nahe dem Tempel. Bei Gamla gehen die Bewertungen auseinander: Carsten Claußen hält den Bau für sicher als Synagoge identifizierbar, Marilyn Joyce Segal Chiat nicht. In den Evangelien sind Synagogen außerdem wichtige Orte der Lehre Jesu von Nazaret, etwa in Kafarnaum und Nazaret.

Bauform und Ausstattung

Synagogen haben keinen einheitlichen Grundriss. Sie orientieren sich meist an der Architektur ihrer Umgebung; in der Antike etwa an dorischer oder griechisch-römisch korinthischer Formensprache. Gemeinsame Merkmale finden sich vor allem im Inneren. Der Gebetsbereich ist symbolisch mit dem Mischkan und dem Jerusalemer Tempel verbunden.

In Westeuropa liegt an der Ostwand, in Richtung Jerusalem (Misrach), der Aron ha-Qodesch, der Toraschrein oder die Heilige Lade. Dort werden die Sifrei Torah, die Pergamentrollen der Tora, aufbewahrt. Darüber befinden sich eine symbolische Gebotstafel und das Ner Tamid, das ewige Licht. Es erinnert an die Feuersäule beim Zug der Israeliten durch die Wüste Sinai und an die dauerhafte Verbundenheit mit Gott. Für die Lesung wird die Tora auf die Bima, das Lesepult, gelegt.

In traditionellen aschkenasischen Synagogen steht die Bima meist in der Mitte. In sephardischen Bauten stehen sich Aron ha-Qodesch im Osten und Bima im Westen gegenüber; in italienischen Synagogen kann die Bima mit einer nach außen vortretenden Nische verbunden sein. Eine Menora schmückt den Raum. Die Geschlechtertrennung durch eine Mechiza wird je nach religiöser Ausrichtung unterschiedlich baulich umgesetzt oder nicht berücksichtigt.

Der Talmud verlangt Fenster und sagt, Synagogen sollten größer sein als andere Gebäude des Ortes; letzteres ließ sich in der Diaspora nicht verwirklichen. Stilistisch reichen die Formen vom chinesisch anmutenden Bau in Kaifeng über gotische Synagogen in Prag und Budapest bis zum orientalisierenden Historismus des 19. Jahrhunderts.

Aufgaben im Gemeindeleben

Eine Synagoge dient nicht nur dem Gottesdienst. Sie ist auch Ort für Gemeindeveranstaltungen, Erwachsenenbildung und Hebräischschulen für schulpflichtige Kinder. Anders als eine katholische oder orthodoxe Kirche ist sie kein geweihter Raum. Fast jeder Ort kann als Synagoge dienen, wenn er die nötigen Anforderungen erfüllt; er muss nicht einmal umschlossen sein. Der Platz vor der Klagemauer in Jerusalem gilt beispielsweise als Freiluftsynagoge.

Es gibt normalerweise drei tägliche Gebete: Shacharit am Morgen sowie Mincha als Nachmittagsgebet und Maariv als eigentliches Abendgebet, die praktisch ineinander übergehen. Besondere Gottesdienste finden am Schabbat und an jüdischen Feiertagen statt. In vielen kleineren Gemeinden gibt es nur ein- oder zweimal wöchentlich Gottesdienste.

Mittelalter, Zerstörungen und Erinnerung

In Mitteleuropa verbreiteten sich Synagogenbauten von den Gemeinden am Rhein, etwa seit dem 10. Jahrhundert, durch die Migration deutscher Siedler nach Osten. Das älteste bis zum Dach erhaltene Synagogengebäude Mitteleuropas ist die Alte Synagoge in Erfurt mit Bauteilen aus dem späten 11. Jahrhundert. Die Altneu-Synagoge in Prag wurde im 13. Jahrhundert frühgotisch erbaut und ist die älteste noch genutzte, unzerstörte Synagoge Europas.

Synagogen wurden wiederholt in Pogromen zerstört; im Mittelalter entstanden an manchen Standorten Frauen- oder Marienkirchen. Während der Novemberpogrome am 9. und 10. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten, meist Angehörige der SA, in Deutschland und Österreich 2.676 Synagogen und jüdische Gemeindehäuser; mindestens 91 Menschen wurden getötet. In Wien wurden 42 Synagogen und Gebetshäuser angezündet. Die Große Synagoge in Warschau wurde am 16. Mai 1943 am Ende des Aufstands im Warschauer Ghetto von General Jürgen Stroop gesprengt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern häufig Gedenktafeln an verschwundene Synagogen. In Graz wurde um 2000 am Grieskai eine Synagoge an derselben Stelle unter Verwendung von Ziegeln der früheren Synagoge wiedererrichtet. In Wien begann 2018 das Projekt Ot mit Lichtzeichen an Orten zerstörter Synagogen.

Lernvideos zu Synagoge

Weiterlesen

Gottesdienst Ein Gottesdienst ist eine Zusammenkunft von Menschen mit dem Zweck, mit Gott in Verbindung zu treten, mit ihm Gemeinschaft zu haben, Opfer zu bringen, … Judentum Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und … Christentum Das Christentum ist eine Weltreligion, die aus dem Judentum hervorging und sich ab dem 4. Jahrzehnt n. Chr. über Judäa hinaus ausbreitete. Islam Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien durch den Mekkaner Mohammed gestiftet wurde. Israel Während des Palästinakriegs erfolgte am 14. Mai 1948 die israelische Unabhängigkeitserklärung. Die folgenden Jahrzehnte sind vom andauernden arabisch- … Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Orthodoxes Judentum Das orthodoxe Judentum ist eine der Hauptströmungen des heutigen Judentums neben dem konservativen Judentum, dem liberalen Judentum (bekannt auch als … Tanach Mehrere Ströme (Texttypen) fließen parallel darin, mischen sich manchmal und trennen sich wieder. → Hauptartikel: Schriftrollen vom Toten Meer … Hellenismus Als Hellenismus (von altgriechisch Ἑλληνισμός hellēnismós, deutsch ‚Griechentum') bezeichnet man die Epoche der antiken griechischen Geschichte vom … Schabbat Im Christentum entstand die Feier des Sonntags aus dem jüdischen Schabbat. Dabei wurde der wöchentliche Ruhetag auf den „ersten Tag der Woche“ gelegt, an dem … Ekklesiologie Die Ekklesiologie ist im Christentum die theologische Reflexion über die Ekklesia (altgriechisch ἐκκλησία ekklēsía, lateinisch ecclesia, … Auszug aus Ägypten 1. Könige 6,1 Lut datiert den Exodus auf 480 Jahre vor Baubeginn des salomonischen Tempels im 4. Regierungsjahr von Salomo. Archäologische …