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Geschichte der Religion
Religion als Machtinstrument ; ab 1400 v. Chr. Erste Vorstufe des Monotheismus in Ägypten ; ab 1200 v. Chr. Jüdische Stammesreligion als Vorläufer des Judentums.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Grundlinien
Die Geschichte der Religion umfasst die Entwicklung religiöser Anschauungen und Praktiken im Laufe der Zeit. Religion ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Weltanschauungen, die Verhalten, Handeln, Denken, Fühlen und Wertvorstellungen prägen. Ihre Grundlage ist der Glaube an transzendente, also die unmittelbar erfahrbare Welt überschreitende Kräfte und an damit verbundene heilige Objekte. Religiosität bezeichnet dagegen das subjektive religiöse Empfinden und Wünschen eines Einzelnen; eine Religion umfasst eine Lehre und die zugehörige Institution.
Heute wird meist ein enger Zusammenhang zwischen dem Wandel der Religionen und Veränderungen der Sozialstruktur, Wirtschaftsweise und Politik angenommen. Eine geradlinige Entwicklung von angeblich „primitiven“ zu „höheren“ Religionen gilt jedoch nicht als wissenschaftlicher Konsens. Auch ethnische oder sogenannte Naturreligionen haben sich historisch verändert. Deshalb lassen sich prähistorische Glaubensvorstellungen nicht zuverlässig aus heutigen schriftlosen Kulturen rekonstruieren.
Wie stark Religion altruistisches Verhalten oder die Fortpflanzung begünstigt, ist umstritten. Ina Wunn kritisiert Modelle, die ethnische oder polytheistische Religionen als niedrigere Entwicklungsstufen bewerten: Solche Hierarchien verzerren nicht nur die Forschung, sondern können auch die Unterdrückung religiöser Minderheiten als vermeintlichen Fortschritt rechtfertigen.
Anfänge von Religiosität und Kult
Für die Zeit von 6–2 Mio. Jahren v. Chr. werden erste Formen ästhetischen Empfindens, sozialen Verhaltens sowie die Entwicklung von Denken und Sprache angenommen; Hinweise auf Religion fehlen jedoch. Als Voraussetzung für Religiosität gilt abstraktes Denken: Menschen konnten über ihre Wahrnehmungen nachdenken, Fragen stellen und zwischen Bekanntem, Unbekanntem und einem scheinbar unerreichbaren „Übernatürlichen“ unterscheiden.
Die Venus von Tan-Tan ist mehr als 300.000 Jahre alt und gilt als ältestes bekanntes Kunstwerk des Menschen; ein religiöser Bezug ist reine Spekulation. Ab 200.000 Jahren vor heute sind erste Bestattungen belegt. Grabbeigaben und mögliche Zeremonien bei Neandertalern und Cro-Magnon-Menschen könnten auf Todes- und Jenseitsvorstellungen hinweisen. Funde aus Grabstätten sprechen für frühe animistische Vorstellungen, also für eine von zahlreichen Geistern belebte Welt. Als möglicherweise erste gottähnliche Idee gilt ein „Herr“ oder eine „Herrin der Tiere“, der beziehungsweise die Tierwelt und Jagderfolg beherrschte. Übertragungen neuerer Vorstellungen wie Schamanismus, Mana, Tabu oder Totem auf die Vorgeschichte bleiben jedoch unbeweisbar.
Ab 35.000 v. Chr. wurden Bestattungsformen feiner ausgestaltet; Höhlenmalereien und Venusfigurinen werden teilweise religiös interpretiert. Ab 12.000 v. Chr. entstanden differenziertere Bestattungsriten, darunter Gräberfelder, Totenfeuer, Schädeldeponierungen und Gräber in oder unter Häusern. Geburt, Fruchtbarkeit, Tod sowie das Verhältnis zwischen Jägern und Beutetieren erhielten offenbar besondere Bedeutung. Kollektive Kulte, Vorstellungen einer menschlichen Seele und religiöse Spezialisten wie Geisterbeschwörer oder Zauberer sind wahrscheinlich. Die Deutung steinzeitlicher Kunst als Beleg für Schamanismus ist umstritten; im engeren Sinn bezeichnet Schamanismus die keineswegs einheitlichen traditionellen Religionen Sibiriens und des nördlichen Nordamerikas.
Rituale mit wiederkehrendem Ablauf sollten das Geheimnisvolle vertrauter machen und Angst vermindern. Weil sie Krankheiten, Naturkatastrophen oder andere Gefahren nicht immer abwenden konnten, wuchs der Bedarf an Deutung und spiritueller Hilfe. Damit gewannen das „Heilige“, religiöse Fachpersonen und Symbole an Bedeutung.
Götterwelten, Gesellschaft und Herrschaft
Mit der neolithischen Revolution entstanden ab etwa 8000 v. Chr. sesshafte, landwirtschaftliche Gesellschaften. Ihre Religionen spiegelten Arbeitsteilung, planende Lebensweisen und die Abhängigkeit von der Bodenfruchtbarkeit wider. Götter wurden zunehmend menschenähnlich dargestellt: launisch, streitbar und fehlbar, aber fähig, die Welt zu verändern. Weibliche Figuren werden teilweise als Muttergöttinnen gedeutet; diese Interpretation ist wie andere Deutungen prähistorischer Funde umstritten. Wahrscheinlich spielten Vorstellungen von Mutter Erde, mythischen Ahnen und polytheistischen, also aus mehreren Gottheiten bestehenden Götterwelten eine wichtige Rolle.
Bei hierarchisch organisierten Hirtennomaden waren regenbringende Himmelsgötter verbreitet, oft mit einem Hochgott an der Spitze. Eine solche Hervorhebung eines Gottes innerhalb einer Götterwelt heißt Henotheismus. In jungsteinzeitlichen Religionen wurde vermutlich bereits nach dem Ursprung der Welt gefragt. Seit dieser Zeit nahmen die Unterschiede zwischen den Religionen stärker zu.
Klimaveränderungen, Bevölkerungswachstum und neue Technologien führten später zu erblichen Häuptlingstümern, vorstaatlichen Gesellschaften und Hochkulturen. Herrschende Schichten leiteten ihre Abstammung häufig von Göttern ab. Religion legitimierte damit Herrschaft; in der Theokratie wird politische Macht religiös begründet, und Recht und Religion bilden eine Einheit. Komplexere Götterwelten sowie zahlreiche Gebote und Rituale brachten Vollzeitspezialisten wie Priester, Heiler, Wahrsager und Traumdeuter hervor.
Ab 3000 v. Chr. sind ägyptische und babylonische Priesterreligionen belegt, ab 1600 v. Chr. Polytheismus und Königsahnenkult in der chinesischen Shang-Dynastie. Eine Vorstufe des Monotheismus entstand ab 1400 v. Chr. in Ägypten; ab 1200 v. Chr. entwickelte sich die jüdische Stammesreligion als Vorläufer des Judentums. Aus henotheistischen Traditionen des Nahen Ostens ging in einem jahrhundertelangen synkretistischen, also verschiedene Traditionen verbindenden Prozess ein abbildloser oder abbildarmer Monotheismus hervor. Er verbreitete sich später durch Christentum und Islam nahezu weltweit.
Die enge Verbindung zwischen Gesellschaft und Götterbild zeigt auch Griechenland: Die patriarchalische Adelsgesellschaft und der Heroenkult prägten die anthropomorphe Götterwelt Homers und Hesiods. Mit der Polis um 600 v. Chr. wurde der Stadtverband für den Kult zuständig; Tempelfeste und Spiele stärkten vor allem die gemeinsame Identität. Römische Staatskulte waren genau geregelten Vertragspflichten vergleichbar, ließen aber religiöse Toleranz, individuelle Frömmigkeit und orientalische Erlösungskulte zu. Mit dem Christentum als Staatsreligion verstärkten sich Dogmatismus und äußere Intoleranz, sichtbar unter anderem im Streit um den Arianismus nach 325, in Kreuzzügen und Häretikerverfolgungen.
Heilige Schriften und neue Auslegungen
Die kulturelle Differenzierung urbaner Gesellschaften führte zur Kanonisierung: Unterschiedliche Überlieferungen wurden vereinheitlicht, geordnet und verbindlich festgelegt. Die Schrift beschleunigte diesen Prozess. Zu wichtigen Stationen gehören die Kanonisierung der Veden ab 1200 v. Chr., die zarathustrische Religion mit dem Avesta ab 1000 v. Chr., die Festschreibung der olympischen Götter durch Homer und Hesiod um 700 v. Chr. sowie die Verschriftlichung der jüdischen Tora ab 440 v. Chr. Das frühe Christentum entstand ab etwa 40, der Islam ab 650.
In monotheistischen Religionen galt häufig Gott selbst als Autor heiliger Texte. Menschliche Änderungen wurden dadurch ausgeschlossen und der religiöse Wandel verlangsamt. Dogmen erhoben bestimmte Glaubensaussagen zur verbindlichen Wahrheit und tabuisierten Zweifel. Religiöse Gemeinschaften grenzten sich durch Regeln und Zugehörigkeitsrituale stärker von ihrer Umgebung ab. Kanonisierung, Dogmatik und wachsende priesterliche Kompetenz kennzeichnen den Beginn der Hochreligionen; Schrift war dabei zumindest ein wichtiger Katalysator.
Karl Jaspers bezeichnete die Zeit zwischen 800 und 200 v. Chr. als Achsenzeit. In China, Indien, Iran und Griechenland seien damals grundlegende religiöse und philosophische Neuerungen entstanden, die er als „Vergeistigung“ deutete.
Mit wachsendem zeitlichem und sprachlichem Abstand wurden heilige Texte schwerer verständlich. Daraus entstand das Bedürfnis nach Auslegung und Neubewertung; Konfessionen, Schulen und Lehren bildeten sich. Zu den Reformbewegungen zählt ab 500 v. Chr. die antiritualistische und antitheistische Lehre Siddhartha Gautamas. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden neue Auslegungen der Tora; zwischen 1350 und 1700 wirkten Renaissance-Humanismus, Reformation und Gegenreformation. Trotz Neuinterpretationen blieben paradoxe Aussagen bestehen, die mit der Besonderheit religiöser Erfahrung erklärt wurden. Bis zur frühen Neuzeit bestimmten die Weltreligionen in ihren Verbreitungsgebieten wesentlich die Lebensordnung, Sinngebung und sozialen Bindungen.
Moderne Vielfalt und wissenschaftliche Systematik
Seit der Aufklärung entstanden neben Religion weitere systematische Weltanschauungen aus Wissenschaft, Philosophie, Begegnungen verschiedener Religionen und esoterischen Lehren. Religion wurde zunehmend von Alltag und anderen Lebensbereichen getrennt und zu einer von mehreren Möglichkeiten der Welterklärung. Seit dem 19. Jahrhundert verstärkten Sektenbildung und die Globalisierung des Wissens die Konkurrenz zwischen religiösen Angeboten. Dazu gehören der Babismus von 1844 und die Bahai-Religion von 1852. Seit etwa 1960 entwickelte sich außerdem ein „Esoterik-Markt“ aus Büchern, Seminaren und Workshops. Manche Angebote verbinden aus ihrem Zusammenhang gelöste Bestandteile verschiedener Religionen zu angeblich traditionellen Lehren.
Europäische Expansion, Kolonialgeschichte, neue Kommunikationsmedien und Mobilität trugen zu einer Krise oder Verwandlung ethnisch-traditioneller Religionen bei. Der Ausdruck „unsichtbare Religion“ beschreibt, dass religiöse Formen auch außerhalb klassischer Institutionen fortbestehen können. In modernen Gesellschaften besitzen organisierte Religionen bei vielen Fragen kein Monopol mehr; ihr wesentliches Alleinstellungsmerkmal bleibt das Transzendente.
Die heutige Forschung lehnt klassisch evolutionistische Modelle ab, die eine einlinige, vorherbestimmte Höherentwicklung annehmen. Auch neoevolutionistische Modelle, die zwar keine festgelegten, aber weiterhin „höhere“ und komplexere Stufen voraussetzen, werden kritisiert. Dazu zählt Robert Bellahs Fünfstufenmodell von „primitiven“ über „archaische“ und „historisch-klassische“ bis zu „frühmodernen“ und „modernen Religionen“. Es erfasst weder Querverbindungen noch Rückentwicklungen und synkretistische Verschmelzungen ausreichend.
Ina Wunn bevorzugt kulturrelativistische Stammbaummodelle: Animistisch-magischer Glaube steht darin nicht unter, sondern neben den Weltreligionen. Wie die biologische Evolution kennt religiöse Entwicklung keinen allgemeinen Fortschritt, sondern ungerichtete Veränderung zu nicht vorherbestimmten Stadien bei zunehmender Komplexität des Gesamtsystems. Religionen verändern sich, wenn Umwelt und Lebensbedingungen neue religiöse Bedürfnisse erzeugen. Dabei muss zwischen homologen Entwicklungen aus einer gemeinsamen Vor-Religion und analogen Entwicklungen aus unterschiedlichen Ursprüngen unter ähnlichem Selektionsdruck unterschieden werden. Eine solche detaillierte Systematik existiert bisher nur für wenige Religionen, etwa die indischen. Weltweite Klassifikationen sind meist zu grob, trennen Homologien und Analogien unzureichend und beruhen auf uneinheitlichem ethnografischem Material.
Mögliche Selektionsvorteile
Als mögliche Vorteile religiöser Vorstellungen werden vor allem Umweltanpassung, Kooperation und Reproduktion diskutiert, doch ihre tatsächliche Wirkung ist nicht zweifelsfrei belegt.
Für „Ökosystem-Menschen“, die unmittelbar von einem bestimmten Lebensraum abhängen, können religiöse Tabus einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen fördern. Wenn bestimmte Lebewesen nicht getötet werden dürfen, Geister die Beutetiere bewachen und Normverstöße als gefährlich gelten, kann Religion zum Schutz der Lebensgrundlage beitragen.
Religionen können Kooperation unterstützen, indem sie ethische Maßstäbe festlegen, Egoismus ächten und altruistisches, also selbstloses, Verhalten belohnen. Experimente zeigen, dass bereits das Gefühl, von übernatürlichen Akteuren beobachtet zu werden, normgerechtes Verhalten fördern kann; genannt werden Vernunft, Ehrlichkeit, Großzügigkeit, Höflichkeit und Courage. Religion kann Kooperation jedoch auch erschweren. Der Artikel nennt problematische Vorschriften und Machtlegitimation sowie Fanatismus, der destruktives Verhalten religiös rechtfertigt, etwa die Gewalt der Konquistadoren gegen indigene Menschen, den christlichen Antijudaismus und modernen islamistischen Terror.
Für die letzten Jahrzehnte zeigen zahlreiche Studien, dass religiöse Menschen mehr Kinder haben. Als mögliche Gründe gelten bessere Chancen bei der Partnersuche durch Kooperation, gesundheitliche Wirkungen höherer Lebenszufriedenheit, Verbote von Verhütungsmitteln sowie die religiöse Wertschätzung von Fruchtbarkeit und Kinderreichtum. Auch eine mögliche Verringerung des Kriegsrisikos durch Lehren von Liebe und Barmherzigkeit wird genannt. Dieser letzte Zusammenhang wird jedoch kritisiert: In Ländern mit geringer Kindersterblichkeit, hoher Lebenserwartung, breiter Bildung und hohem Lebensstandard scheint die sozioökonomische Lage entscheidender zu sein.