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Predigt
Auf Englisch und Französisch heißt Predigt sermon (von lat. sermo: Wechselrede, Gespräch; Vortrag). Im Deutschen ist der Sermon nur sprichwörtlich.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff, Funktion und Formen
Eine Predigt ist eine Rede im Rahmen einer religiösen Feier und hat meistens einen religiösen Inhalt. Im Neuen Testament und im christlichen Gottesdienst besitzt sie einen besonderen Stellenwert. Die Homiletik ist die christlich-theologische Lehre von der Predigt. Je nach Kirche wird bevorzugt von einer erhöhten Kanzel, auch Predigtstuhl genannt, gesprochen.
Im Allgemeinen ist die Predigt ein Monolog. Möglich sind aber auch Formen mit Fragen an die Zuhörer, Antwortmöglichkeiten, einem Sketch oder einem Kurzfilm. Verkündigungssendungen im Rundfunk sind eine an dieses Medium angepasste, vergleichbare Form.
Im Islam gehört die Predigt zum Freitagsgebet; sie kann außerdem bei anderen religiösen Feiern gehalten werden.
Umgangssprachlich kann „Predigt“ ein moralisierendes Reden bezeichnen. „Sermon“ wird im Deutschen auch für langweiliges und langatmiges Gerede verwendet.
Biblische Grundlagen
Im Alten Testament treten besonders die Propheten als Prediger auf. Sie wenden sich in öffentlichen Verkündigungen an das Volk Israel und verstehen sich dazu von Gott berufen.
Nach dem Neuen Testament beauftragte Jesus seine Jünger zu predigen. Das Evangelium sollte unter allen Völkern verkündet werden. Die Jünger riefen zur Umkehr auf; die Predigt wurde nicht nur als gesprochenes Wort, sondern als Wirken „in der Kraft und in dem heiligen Geist und in großer Gewissheit“ verstanden. Zu den bekanntesten und wirkmächtigsten Predigten gehören die Bergpredigt und die Feldrede Jesu.
Die griechischen Begriffe „keryssein“ und „kerygma“ bezeichnen einerseits Jesu eigene Verkündigung und seinen Aufruf zur Umkehr. Andererseits meinen sie besonders in den neutestamentlichen Briefen die Verkündigung von Tod und Auferstehung Jesu durch die Apostel. Diese Botschaft richtete sich zunächst als Evangelium an Nichtglaubende, also an „Juden und Heiden“.
Seit Martin Luther wird auch die Glaubensverkündigung im Gemeindegottesdienst vielfach in diesem Sinn verstanden. Für Luther hatte das „Wort“ eine zentrale Bedeutung. In der evangelischen Tradition gilt das Predigen des Evangeliums als besonders hoher Dienst am Wort.
Entwicklung bis zur Neuzeit
Predigten waren während der gesamten Kirchengeschichte wichtig. Schriftlich erhaltene Predigten sind zugleich historische Quellen, weil sie Einblicke in das Denken ihrer jeweiligen Zeit geben.
Im Altertum schrieben Stenographen die Predigten angesehener Lehrer mit. Um 400 n. Chr. prägten Augustinus und Johannes Chrysostomos die Predigt. Augustinus verfasste im Rahmen von „De doctrina christiana“ die erste Predigtlehre. Er betrachtete die zuvor oft als „heidnisch“ verdächtigte Rhetorik als hilfreich und sah die Aufgaben einer Predigt im Belehren und im Bewegen, also im Motivieren der Zuhörer. Die Predigten des Bischofs Johannes von Konstantinopel wirkten schriftlich weiter. Seinen Beinamen Chrysostomos, „Goldmund“, erhielt er im 6. Jahrhundert nach seinem Tod.
Im Mittelalter waren die Sakramente wichtiger als die Predigt; im Zentrum der Messe stand die Eucharistie, also das Abendmahl. Um 1200 entstanden Reformbewegungen wie die Waldenser und die Humiliaten, die das Predigen stark betonten. Die katholische Kirche gestattete Laien das Predigen jedoch nicht, weshalb die Waldenser aus der Kirche ausgeschlossen wurden. Anerkannt waren dagegen Predigerorden, besonders die Dominikaner, sowie Bettelorden wie die Franziskaner. Universitätsgründungen im Spätmittelalter verbesserten zudem die Bildung der Weltpriester und damit ihre Voraussetzungen für das Predigen. Im Gottesdienst wurde grundsätzlich in der jeweiligen Landessprache gepredigt, damit die Gemeinde die Botschaft verstand.
Predigt in der Neuzeit
Von Martin Luther sind mehr als 2000, von Johannes Calvin mehr als 1200 Predigten erhalten. Um 1600 predigte ein evangelischer Pfarrer mehrmals pro Woche; eine einzelne Predigt dauerte ein bis zwei Stunden. Die konfessionellen Konflikte nach der Spaltung der westlichen Christenheit wurden sowohl von Kontroverspredigern als auch von Vermittlungstheologen behandelt.
Im 18., 19. und 20. Jahrhundert erschienen Predigten häufig als Bücher. Unter dem Einfluss der Aufklärung versuchten christliche Aufklärer, Religion für vernunftorientierte Menschen verständlich zu machen. Sie richteten sich stärker am Erfahrungshorizont der Zuhörer aus und ließen Wunderberichte weg oder deuteten sie um. Die zunehmende Alphabetisierung verringerte zugleich die Abhängigkeit von Predigten, weil mehr Menschen selbst lesen konnten, auch die Bibel.
Vor und um 1800 wirkten Predigten an Erweckungsbewegungen mit. Jonathan Edwards in Nordamerika sowie John Wesley und George Whitefield in England predigten mehrmals täglich, häufig im Freien. Im 19. Jahrhundert erreichte Charles Haddon Spurgeon in London ein großes Publikum, zuletzt in einer Baptistenkirche mit 5000 Sitzplätzen, und bildete junge Prediger aus.
Im 20. Jahrhundert wollte die Evangelikale Bewegung in Predigten zwischen den Anliegen der Bibel und dem Leben der Zuhörer vermitteln. Wilhelm Busch verwendete einen lebensnahen, anekdotenhaften Stil; Helmut Thielickes Predigten enthielten viele originelle und teilweise poetisch wirkende Formulierungen. In Freikirchen hieß der hauptamtliche Mitarbeiter wegen seiner Verkündigungsaufgabe bis in die 1970er Jahre meist „Prediger“, danach setzte sich eher „Pastor“ durch. Eine Verbindung von Predigt und Politik findet sich im politischen Predigen des Linksprotestantismus, kann aber auch aus einer apokalyptischen Deutung des Zeitgeschehens entstehen.
Konfessionen und heutige Praxis
Evangelische Predigten beruhen normalerweise auf einem Bibelabschnitt. Im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland legt die Perikopenordnung in einem sechsjährigen Rhythmus Bibeltexte für jeden Sonn- und Feiertag fest. Im evangelischen Gottesdienst stehen die Verkündigung und Erklärung des Wortes Gottes im Zentrum.
Katholische Theologen unterscheiden zwischen der Missionspredigt, auch „Basis predigen“ genannt, und der innerchristlichen Glaubensauslegung. Letztere heißt häufig Homilie, also „Zurede“. Nach katholischem Verständnis kann das Thema einer Predigt im Unterschied zur Homilie freier gewählt werden; außerdem kann eine Predigt unabhängig von einem Gottesdienst stattfinden. In der katholischen Kirche besitzt das Messopfer gegenüber der Predigt die übergeordnete Bedeutung.
Die Predigtdauer hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verkürzt. Als grobe Richtwerte gelten heute etwa zehn Minuten in katholischen Kirchen, etwa 20 Minuten in evangelischen Kirchen und etwa 30 Minuten in Freikirchen. Diese Zeiten werden eher unter- als überschritten.
Für das 20. Jahrhundert werden mehrere Entwicklungen genannt:
- Technisierung: Mikrofone und Lautsprecher verstärken die Stimme.
- Vervielfältigung: Tonbänder und digitale Speicher, etwa für Podcasts, ermöglichen die weitere Verbreitung.
- Medialisierung: Visuelle Elemente ergänzen Predigten; im amerikanischen Raum gibt es auch Fernsehprediger.
- Akademisierung: Mehr Gemeindeglieder sind im Umgang mit schwierigen Texten geübt, und es gibt eine größere Auswahl geeigneter Laienprediger.
- Psychologisierung: Psychologische Themen werden häufiger behandelt.
- Internationalisierung: Seit den 1980er Jahren gibt es im deutschen Sprachraum mehr englischsprachige Gemeinden, seit den 1990er Jahren viele anderssprachige Migrationskirchen.
Wilfried Engemann kritisiert eine Profanierung heutiger Predigten: Er sieht vage Appelle, leere theologische Spekulationen und eine stärkere Ausrichtung auf Präsentation und Unterhaltung statt auf Inhalte. Dabei beobachtet er auch Einflüsse der Unterhaltungsmedien und des „African American Preaching“.
Rechtliche Grenzen
Nach einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom August 2011 besitzt die religiöse Äußerungsfreiheit auch bei Predigten keinen absoluten Vorrang gegenüber dem Persönlichkeits- und Ehrenschutz. Umgekehrt gilt auch das allgemeine Persönlichkeitsrecht nicht uneingeschränkt: Es wird durch die verfassungsmäßige Ordnung und die Rechte anderer begrenzt. Dazu gehören die Meinungsfreiheit und das einheitliche Grundrecht der Religionsfreiheit, das auch Äußerungen in einer Predigt umfasst.
Ausgangspunkt war ein Streit zwischen Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung und dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Müller hatte 2008 in einer Predigt zwei Religionskritiker kritisiert. Schmidt-Salomon bestritt die Berechtigung dieser Kritik; Müller lehnte eine Unterlassungserklärung mit Hinweis auf seine besondere Stellung als katholischer Bischof ab. Der Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts beendete die Auseinandersetzung.
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