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Evangelium (Literaturgattung)

Als Evangelium (von griechisch-lateinisch euangelium) bezeichnet man außer der christlichen Glaubensbotschaft auch eine antike, frühchristliche …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Evangelien als Erzählungen
  3. 3. Gattung und Aufbau
  4. 4. Die vier kanonischen Evangelien
  5. 5. Entstehungszeit, Überlieferung und Wahrheitsfrage

Definition und Bedeutung

Ein Evangelium bezeichnet neben der christlichen Glaubensbotschaft auch eine antike frühchristliche Literaturgattung. Evangelientexte erzählen vom Leben, Tod und von der Auferstehung Jesu sowie von deren Bedeutung für Christen. Meist sind damit die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes im Neuen Testament gemeint; ihre Verfasser werden Evangelisten genannt.

Das Wort εὐαγγέλιον (euangélion) bedeutet „gute Nachricht“, „gute Botschaft“ oder „frohe Botschaft“. Bei Paulus, der das Wort in seinen Briefen 60-mal verwendet, bezeichnet es die von ihm verkündigte Gute Nachricht von Jesus. In Markus 1,1 wird der Begriff auf das Heilsgeschehen in Jesus Christus bezogen. Diese Botschaft wurde zunächst mündlich verkündet. Indem der Autor des Markusevangeliums den Begriff für ein schriftliches Werk verwendete, schuf er das erste Beispiel der literarischen Gattung und gab ihr zugleich ihren Namen.

Neben den vier biblischen Evangelien sind weitere frühchristliche Evangelien überliefert. Sie gehören nicht zum biblischen Kanon, also zur anerkannten Sammlung biblischer Schriften, sondern zu den neutestamentlichen Apokryphen. Seit dem Ende des 2. Jahrhunderts wurden nur die vier kanonischen Evangelien anerkannt. Athanasius bestätigte im „39. Osterfestbrief“ von 367 n. Chr. mehr als zwanzig griechisch verfasste Schriften als neutestamentlichen Bibelkanon.

Evangelien als Erzählungen

Die Evangelien lassen sich erzähltheoretisch untersuchen. Als Vermittlungsinstanz führt ein Erzähler die Rezipienten, also Leser oder Hörer, durch den Text. Dabei wird zwischen zwei Zeitebenen unterschieden:

• Die erzählte Zeit ist der Zeitraum und die zeitliche Ordnung der dargestellten Ereignisse.

• Die Erzählzeit ist die Zeit beziehungsweise der Textumfang, der benötigt wird, um die Geschichte wiederzugeben.

Die Texte stellen Ereignisse und deren Veränderungen dar. Dafür wird der Fachbegriff Diegesis verwendet. Eine narrative Analyse untersucht unter anderem den Spannungsbogen, die Figuren und die Perspektive des Erzählers.

Die Großform eines Evangeliums, bei Gérard Genette als discours bezeichnet, besteht aus vielen literarischen Kleinformen. Zu den Erzählformen gehören Anekdoten, Wundergeschichten, Gleichnisse und Genealogien. Hinzu kommen Erzählmuster wie Verkündungs- und Berufungsschemata, Redeformen wie Vorwort, Spruch, Abschiedsrede, Katalog, Haustafel, Gebet, Hymnus, Akklamation sowie liturgische und Bekenntnisformeln. Als Stiltypen erscheinen unter anderem Diatribe und Paränese.

Gattung und Aufbau

Der Ausdruck „literarische Gattung“ bezeichnet eine formale Kategorie zur Untersuchung von Textformen und legt noch nichts über den Inhalt eines Textes fest. Die Evangelien wurden in Koine geschrieben, der damals geläufigen altgriechischen Umgangssprache.

In ihrem Aufbau knüpfen sie an antike Romane und hellenistische Biografien an. Gemeinsamkeiten sind beispielsweise eine dreigliedrige Gesamtform, literarische Topoi, also wiederkehrende Darstellungsmuster, und die allmähliche Offenlegung einer zunächst verborgenen Identität anhand eines exemplarisch dargestellten Lebens. Die Hauptfigur wird erzählerisch vergegenwärtigt, um die Vorstellungswelt der Rezipienten zu bewegen.

Hellenistische Biografien folgten allerdings keinem festen Aufbau. Die Evangelien ordnen dagegen typische narrative Elemente um ihre Hauptfigur Jesus: Geburt und Taufe Jesu, Wunderberichte, Streitgespräche, Passionsgeschichte, Kreuzigung und Auferstehung. Dadurch stellen sie seine Person, sein Wirken und seine Wirkmächtigkeit erzählerisch dar.

Die vier kanonischen Evangelien

Die vier kanonischen Evangelien stehen am Anfang des Neuen Testaments. Sie berichten vom Wirken Jesu und entstanden wenige Jahrzehnte danach. Nach allgemeinem Konsens der Bibelwissenschaftler wurden alle vier ursprünglich auf Griechisch verfasst. Überschriften wie „Evangelium nach Matthäus“ gehörten nicht zu den ursprünglichen Texten, wurden aber früh hinzugefügt und sind in der gesamten Überlieferung einheitlich. Ob sie die tatsächlichen ursprünglichen Verfasser nennen oder unbekannten Autoren nachträglich zugeordnet wurden, ist nicht überprüfbar.

• Matthäus: Traditionell gilt der Apostel und frühere Zöllner Matthäus als Verfasser. Das Evangelium richtet sich vor allem an Judenchristen mit guten Kenntnissen der jüdischen Bibel.

• Markus: Traditionell wird Johannes Markus als Verfasser angesehen. Er war kein Apostel und soll Material vom Apostel Petrus erhalten haben. Als Adressaten gelten vor allem Heidenchristen.

• Lukas: Als Verfasser gilt traditionell Lukas, ein Arzt und Begleiter des Paulus, der kein Apostel war. Das Evangelium unterscheidet sich durch seine gehobene Sprache und richtet sich vor allem an gebildete Heidenchristen.

• Johannes: Traditionell wird das Evangelium dem Apostel Johannes zugeschrieben. Es richtet sich allgemein an Christen und soll ihren Glauben vertiefen.

Die ersten drei Evangelien berichten viele Ereignisse ähnlich und werden als synoptische Evangelien zusammengefasst. Große Teile des kürzeren Markusevangeliums finden sich auch bei Matthäus und Lukas. Dennoch wurden alle vier Texte einzeln in den Kanon aufgenommen. Eine Evangelienharmonie, also eine zusammenhängende Erzählung aus allen vier Evangelien, ersetzte sie nicht. Eine Ausnahme war Tatians Diatessaron, das in der syrischen Kirche bis ins 4. Jahrhundert verwendet und anschließend von den ursprünglichen Evangelien verdrängt wurde.

Entstehungszeit, Überlieferung und Wahrheitsfrage

Der mögliche Entstehungszeitraum der neutestamentlichen Evangelien reicht von 30 oder 33 n. Chr., dem Jahr der Kreuzigung Jesu, bis ungefähr 120 n. Chr. Als frühe Belege gelten Kirchenväter-Zitate und Papyrus 52 (𝔓52), ein Fragment des Johannesevangeliums aus der Zeit Kaiser Hadrians, das um 125 n. Chr. entstanden ist. Eine Datierung einzelner Evangelien bereits in die 30er Jahre wird in der theologischen Forschung kaum vertreten. Diskutiert werden vor allem mittlere Datierungen um 60 n. Chr. und späte Datierungen um 85 n. Chr.

Zur Datierung dienen stilistische Eigenheiten, wechselseitige Bezüge zwischen den Texten, theologische Unterschiede und Hinweise auf historische Tatsachen. Die heute mehrheitlich vertretenen Zeitansätze lauten: Markus um 70, Matthäus und Lukas jeweils 80–90 sowie Johannes um 100 n. Chr. Andere Forscher kommen zu teilweise deutlich früheren oder späteren Ergebnissen; die Datierung bleibt daher Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.

Seit dem 2. Jahrhundert kursierten zahlreiche pseudepigraphe Evangelien. „Pseudepigraph“ bedeutet, dass eine Schrift unter dem Namen einer Person verbreitet wurde, die wahrscheinlich nicht ihr tatsächlicher Verfasser war. Diese Texte wurden nicht in den Kanon aufgenommen und als apokryphe Evangelien bezeichnet. Dazu gehören das Thomas-, Petrus-, Judas-, Wahrheits- und Philippusevangelium. Einige sind nur in Fragmenten oder als Zitate bei Kirchenvätern erhalten.

Ob die kanonischen Evangelien rein faktual, also im Sinne überprüfbarer Geschichtsschreibung, oder fiktional erzählen, ist im theologischen Diskurs ungeklärt. Frank Zipfel unterschied 2001 zwischen „Fiktivität“ als Fiktion im Verhältnis zur Geschichte und „Fiktionalität“ als Fiktion im Verhältnis zum Erzählen, zur Erzählerfigur und zum Erzählakt. Fiktionale Texte können trotz erfundener Figuren, Ereignisse oder Handlungen Elemente der wirklichen Welt enthalten. Nach Gerd Häfner lassen sich die Evangelien möglicherweise als faktuale Erzählungen mit fiktionalen Elementen verstehen.

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