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Bergpredigt

Die Bergpredigt (lateinisch oratio montana; auch Bergrede) ist ein Textabschnitt des Matthäusevangeliums (Mt 5,1–7,29 EU) im Neuen Testament, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Quellen
  3. 3. Aufbau und Grundgedanken
  4. 4. Antithesen und weitere Lehren
  5. 5. Wirkung und Deutungen
  6. 6. Kulturelle Verarbeitung

Kern und Bedeutung

Die Bergpredigt, auch Bergrede genannt, ist ein Textabschnitt im Matthäusevangelium des Neuen Testaments: Mt 5,1–7,29. In ihr sind wichtige Lehrsätze von Jesus von Nazaret zusammengestellt. Jesus spricht zu den Jüngern, die ihm auf einen Berg gefolgt sind, und legt ihnen den in der Tora offenbarten Willen Gottes neu aus. Die Bergpredigt ist damit keine neue Tora, sondern eine Auslegung der Tora. Der Artikel bezeichnet sie als jüdische Tora-Auslegung, also als Midrasch.

Der Name „Bergpredigt“ geht auf die Ortsangabe am Anfang zurück: Jesus sieht die vielen Menschen, steigt auf einen Berg, setzt sich, und seine Jünger treten zu ihm. Dann beginnt er zu lehren. Der Verfasser des Matthäusevangeliums stellt damit eine Verbindung zum Berg Sinai her. Dort empfing Mose nach Ex 19 beziehungsweise Dtn 26 von Gott die Tora und gab sie an Israel weiter. Jesus wird in diesem Vergleich als Vertreter des Gotteswillens Mose gleichgestellt; seine 12 Jünger stehen für die Zwölf Stämme Israels und damit für das ganze erwählte Gottesvolk.

Die Bergpredigt hat das Christentum stark geprägt und auch nichtchristliche Denker sowie andere Religionen beeinflusst. Einige jüdische Autoren des 20. Jahrhunderts erkannten sie als genuin jüdische Toraauslegung an, die mit wesentlichen damaligen und heutigen Lehren der Rabbiner übereinstimmt.

Entstehung und Quellen

Die Bergpredigt hat eine deutliche Parallele im Lukasevangelium: die sogenannte Feldrede in Lk 6,17–49. Außerdem haben Matthäus und Lukas weitere gemeinsame Abschnitte, die teilweise wörtlich übereinstimmen, aber in den anderen Evangelien nicht vorkommen.

Diese Übereinstimmungen führten in der neutestamentlichen Wissenschaft zur Zweiquellentheorie. Sie nimmt an, dass Matthäus und Lukas neben anderen Überlieferungen eine gemeinsame schriftliche Quelle benutzt haben. Diese Quelle wird Logienquelle oder Spruchquelle genannt und mit Q abgekürzt. Nach dieser Theorie enthielt Q vor allem einzeln überlieferte Sprüche Jesu und nur wenige kurze erzählerische Abschnitte.

Die vorherrschende Annahme ist: Unbekannte Verfasser von Q sammelten mündlich überlieferte Jesussprüche und schrieben sie auf. Die Verfasser des Lukas- und Matthäusevangeliums überarbeiteten diese Sammlung und bauten sie in ihre Evangelien ein. Im Matthäusevangelium wurden einzelne Sprüche, die oft nur locker zusammenhingen, zu einer zusammenhängenden Rede Jesu auf einem Berg zusammengestellt. So entstand die Bergpredigt als literarische Komposition.

Die Zweiquellentheorie sieht die in der Bergpredigt überlieferten Q-Sprüche als historisch wertvolle Quelle, die nahe an den historischen Jesus heranführt. Umstritten bleibt aber, wie genau redaktionelle Bearbeitung und ältere Überlieferung voneinander zu trennen sind. In der Feldrede bei Lukas stehen im Unterschied zur Bergpredigt drei Gebote in verschärfter Form im Vordergrund: das Armutsgebot, die Feindesliebe und das Verbot des Richtens.

Aufbau und Grundgedanken

Die Bergpredigt beginnt mit neun Seligpreisungen, den sogenannten Makarismen, in Mt 5,3–12. Sie stehen formal in der Tradition der Weisheitsliteratur, also von Formulierungen wie „Wohl dem, der …“. Jesus verbindet die Seligpreisungen mit Armut, Trauer, Demut, Sanftmut, Gerechtigkeitssuche, Barmherzigkeit, reinem Herzen, Friedensstiftung und Leidensbereitschaft wegen Verfolgung.

Die Seligpreisungen unterscheiden sich vom Alten Testament in mehreren Punkten. Erstens ist ihre Häufung auffällig: Dort folgen selten mehr als zwei aufeinander, hier sind es neun. Zweitens spricht Jesus direkt in der zweiten Person, während das Alte Testament meist sachlich in der dritten Person formuliert. Drittens sind seine Worte kurz und eindeutig. Viertens weitet Jesus das Heil schon auf die Gegenwart und ohne Einschränkung auf alle aus.

Danach folgen die Bildworte vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“ in Mt 5,13–16. Sie fordern die Anhänger Jesu dazu auf, sichtbar wirksam zu sein; dazu gehört das Bild, ein Licht nicht „unter den Scheffel“ zu stellen.

Anschließend erklärt Jesus sein Verhältnis zu „Gesetz und Propheten“ in Mt 5,17–20. Dieser Abschnitt kann als Präambel verstanden werden: Jesus will Gesetz und Propheten nicht aufheben, sondern erfüllen. Dabei wird der Wortlaut geachtet. Die Bergpredigt versteht sich also als Auslegung und Zuspitzung des göttlichen Willens, nicht als Abschaffung der bisherigen Überlieferung.

Antithesen und weitere Lehren

Der Hauptteil zeigt Jesu Auslegung an mehreren Themen. Diese Abschnitte werden oft Antithesen genannt, weil Jesus jeweils ein Gebot oder eine bekannte Regel aufgreift und ihr ein „Ich aber sage euch“ gegenüberstellt. Dabei werden Gebote nicht einfach abgeschafft, sondern verschärft und auf innere Haltung und konkretes Handeln bezogen.

Beim Thema Töten verweist Jesus auf „Du sollst nicht töten“ und warnt schon vor Zorn, Beschimpfung und Verachtung des Bruders. Beim Ehebruch bezieht er sich auf „Du sollst nicht die Ehe brechen“ und spricht bereits den lüsternen Blick an. Zur Ehescheidung greift er die Regel auf, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde geben soll, und verschärft den Blick auf die Folgen von Entlassung und Wiederheirat. Beim Schwören steht der Regel gegen den Meineid die Forderung gegenüber: „Schwört überhaupt nicht“.

Beim Thema Vergeltung greift Jesus „Auge für Auge“ auf. Dem setzt er Forderungen entgegen, die auf Gewaltverzicht, Nachgeben und Freigebigkeit zielen: die andere Wange hinhalten, auch den Mantel geben, eine zweite Meile mitgehen und den Bittenden nicht abweisen. Bei der Feindesliebe steht die Regel „Liebe deinen Nächsten“ und die Vorstellung „hasse deinen Feind“ im Hintergrund. Jesus fordert: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“

Im sechsten Kapitel warnt Jesus vor Veräußerlichung und Heuchelei. Religiöse Handlungen sollen nicht zur Selbstdarstellung werden; Gott sieht „das Verborgene“. Im Zentrum steht das Vaterunser in Mt 6,9–13 als Gebet der neuen Gerechtigkeit. Danach folgen Mahnungen gegen Reichtum, Sorge und mangelndes Vertrauen in die Gottesherrschaft.

Das siebte Kapitel beginnt mit dem Verbot des Richtens. Dazu gehört das Bild vom Splitter und vom Balken: Wer andere beurteilt, soll zuerst den eigenen Fehler erkennen. Es folgt ein einzelnes Wort über die Entweihung des Heiligen, aus dem die Redewendung „Perlen vor die Säue werfen“ stammt; sein Sinn gilt als rätselhaft. Danach kommen Worte zum Gebetsvertrauen und die Goldene Regel: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ Den Abschluss bilden das Mahnwort vom engen Tor, die Warnung vor heuchlerischen Glaubenslehrern und das Gleichnis vom Haus auf Felsen oder Sand. Dieses Gleichnis stellt ein Leben nach den Grundsätzen der Bergpredigt einem Leben gegen sie gegenüber.

Wirkung und Deutungen

Die Wirkungsgeschichte der Bergpredigt ist umfangreich. Schon der Jakobusbrief greift ihre Ethik auf. Die Didache, eine frühe Kirchenordnung, und der Kirchenlehrer Augustinus verstanden den Text als bedingungslose Anweisung zum Handeln.

Gleichzeitig gab es früh Versuche, einzelne Forderungen mit den Bedingungen staatlicher und kirchlicher Ordnung zu verbinden. Paulus reflektiert in Röm 13 die Notwendigkeit einer gewaltgestützten Staatlichkeit. Mit der Entwicklung der Reichskirche kamen weitere theologische Abschwächungen auf, die etwa Eidverbot, Feindesliebe und Gewaltverzicht relativierten.

Radikalchristliche Bewegungen wandten sich gegen solche Entschärfungen. Manche blieben der Kirche nahe, etwa Orden und Heilige. Andere traten mit der Bergpredigt gegen die verfasste Kirche auf und wurden verfolgt, darunter Paulikianer, Waldenser, Katharer und Täufer. Auch Gegner der Bergpredigt gab es: Friedrich Nietzsche sah in ihr eine Übersteigerung des Menschenmöglichen, eine Vergiftung wahrer Ethik oder eine Sklavenmoral; der Artikel beschreibt seine Sicht als Religion des Ressentiments.

Die lutherische Reformation antwortete mit der Zwei-Reiche-Lehre. Danach gilt im „geistlichen“ Reich schon das Evangelium, während im „weltlichen“ Reich noch die Sünde herrscht. Bis in die Gegenwart wird deshalb zwischen Lutheranern und Friedenskirchen wie den Mennoniten über die Notwendigkeit des Militärs gestritten.

Klassische Interpretationen lassen sich in funktionale und relativierende Deutungen einteilen. Funktionale Deutungen betonen die Radikalität der Bergpredigt. Sie inspirierten etwa Leo Tolstoi, dessen Buch „Das Himmelreich in euch“ Gandhi beeinflusste, und Ernst Bloch, der in den Forderungen die Vorwegnahme einer egalitären Gesellschaft sah. Relativierende Deutungen schränken den Geltungsbereich ein: In der klassischen katholischen Sicht gelten die Forderungen als „evangelische Räte“ besonders für Menschen mit spezieller Gehorsamsverpflichtung. Die „konsequente Eschatologie“ um Albert Schweitzer versteht sie als kurzfristige „Interimsethik“ bis zum erwarteten nahen Weltende. In der deutschen Friedensbewegung der 1980er Jahre beeinflusste die Bergpredigt, angeregt durch Leonhard Ragaz, auch die Politische Theologie bei Dorothee Sölle, Jürgen Moltmann und Franz Alt.

Kulturelle Verarbeitung

Neben theologischer und politischer Wirkung wurde die Bergpredigt auch künstlerisch aufgenommen. Ein Beispiel ist das Oratorium „Bergpredigt“ von Hubert Bognermayr und Harald Zuschrader aus dem Jahr 1983. Es wurde für Musikcomputer und Stimmen komponiert und 1984 im Rahmen der Ars Electronica in Linz im neuen Linzer Dom uraufgeführt.

Die Veröffentlichung wurde vollständig auf der ersten Generation des Fairlight CMI gespielt, unter Verwendung von Samples natürlicher Töne und Geräusche. Inhaltlich stellt das Werk den Originaltext der acht Seligpreisungen Aussagen der heutigen Zeit gegenüber, die von verschiedenen Sprechern als positive und negative Interpretationen der Gegenwart vorgetragen werden.

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