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Rabbinisches Judentum

Das rabbinische Judentum legt großen Wert auf die mündliche Tora und deren schriftliche Ausarbeitung im Midrasch, Tosefta und Talmud sowie auf die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und historische Voraussetzungen
  2. 2. Von Jerusalem über Jabne nach Galiläa
  3. 3. Mündliche Tora, Halacha und Talmud
  4. 4. Rabbinisches Denken und die Einheit der Tora
  5. 5. Christliches Umfeld und Entwicklung im Vergleich

Grundzüge und historische Voraussetzungen

Das rabbinische Judentum entwickelte sich nach der Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. zur Hauptströmung des Judentums. Ab etwa 200 n. Chr. prägte es Ritus und Theologie maßgeblich; wahrscheinlich erlangte es erst ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. normative Geltung. Kennzeichnend sind die Autorität gelehrter Rabbiner bei der Auslegung der heiligen Schriften und eine neue Kultordnung: An die Stelle der Tieropfer traten Gebetsgottesdienste, Torastudium und die Befolgung der Gebote.

Die jüdische Religion entstand innerhalb der altorientalischen Religionswelt. Der Glaube an JHWH als den einen, transzendenten und geschichtlich handelnden Gott bildete sich als dynamischer Differenzierungsprozess aus älteren kanaanäischen Traditionen heraus. Zunehmend wurde Gottes Wirklichkeit nicht mehr vor allem kosmologisch, sondern heilsgeschichtlich verstanden: Sie zeigte sich im Bund und in der Geschichte Israels.

Die Tempelzerstörung führte zum Verlust des zentralen Kultortes und der Opferpraxis. Die religiöse Autorität verlagerte sich von den Priestern (Kohanim) und der Tempelaristokratie auf Rabbiner und Schriftgelehrte. Das Judentum entwickelte sich ohne Tempel weiter; einige Strömungen verbanden dies mit der Hoffnung auf einen zukünftigen Messias, der den Tempel wiederaufbauen und den Opferdienst wiederherstellen könnte. Der Zeitraum von 70 n. Chr. bis zur Konsolidierung der rabbinischen Literatur und zur Kodifizierung des Talmuds im 6. Jahrhundert bildet den Kern dieser Transformation.

Von Jerusalem über Jabne nach Galiläa

Bis 70 n. Chr. war das religiöse Leben auf Jerusalem und den Tempel ausgerichtet. Der Kult beruhte auf den in der Tora, besonders im Wajikra (Drittes Buch Mose bzw. Levitikus), geregelten Opfern. Nach dem jüdisch-römischen Krieg wurden Jerusalem und der Tempel zerstört. Nach der Darstellung des Artikels wurden etwa ein Drittel der Juden, ungefähr 1,1 Millionen Menschen, getötet; außerdem fiel der jüdische Landbesitz an Rom. Diese Veränderungen machten eine Neuordnung des religiösen und politischen Lebens notwendig.

Der Tradition nach ließ sich Jochanan ben Sakkai im Jahr 70 in einem Sarg aus Jerusalem schmuggeln und gründete in Jabne ein jüdisches Lehrhaus. Die Quellen erlauben keine eindeutige Trennung zwischen Legende und Geschichte. Unbestritten ist jedoch, dass ben Sakkai zahlreiche Männer aus wichtigen jüdischen Gruppen um sich versammelte, darunter Priester und Schriftgelehrte. Sie beschäftigten sich mit der Neuordnung von Ritus und Liturgie ohne Tempel. Eine unmittelbare Prägung des zeitgenössischen Judentums ist für diese frühen Schriften allerdings nicht nachweisbar; ihre Bedeutung wurde vor allem rückblickend sichtbar.

Ab etwa 80 übernahm Gamaliel II. die Führungsrolle in Jabne. Später verlagerte sich das Zentrum nach dem Bar-Kochba-Aufstand von 132 bis 135 n. Chr. nach Galiläa. Nach der Niederschlagung des Aufstands verboten die Römer Juden den Zugang zu Jerusalem und errichteten über den Trümmern des Tempels eine Jupiterstatue. Viele Juden zogen nach Syrien in die Diaspora. In Judäa wurden Juden zur Minderheit, während sie in Galiläa weiterhin die Mehrheit bildeten.

Das neue Zentrum entstand in Uscha. Dort wurden religiöse und rechtliche Fragen geregelt, das Verhältnis zu Rom sollte verbessert und das rechtliche Material der mündlichen Tora gesammelt und systematisiert werden. Die endgültige redaktionelle Festlegung der Mischna erfolgte jedoch erst um 200 n. Chr. durch Juda beziehungsweise Jehuda ha-Nasi. Der Sanhedrin, der vor 70 aus Priestern, Ältesten und Schriftgelehrten bestanden hatte, wurde in Jabne als rabbinisches Lehrhaus und Gerichtshof (Bet Din) neu organisiert. Die Priesterschaft hatte darin keine institutionelle Führungsrolle mehr.

Mündliche Tora, Halacha und Talmud

Das rabbinische Judentum legt besonderen Wert auf die mündliche Tora, also die überlieferte Auslegung und Anwendung der schriftlichen Tora. Eine solche Auslegung durch Schriftgelehrte wird bereits seit dem babylonischen Exil angenommen. Nach der Tempelzerstörung gewann sie weiter an Bedeutung; ab etwa 220 lag eine anerkannte und verbindliche Form vor.

Die Halacha ist der aus der Tora entwickelte jüdische Gesetzeskorpus. Bis in das 2. nachchristliche Jahrhundert wurde sie in den Lehrhäusern (Batei Midrasch) der Tempel- und Jabnezeit mündlich an die nächste Generation weitergegeben. Rabbi Akiba ben Josef, der bis 135 n. Chr. wirkte, schuf innerhalb der Halacha eine gewisse Ordnungsstruktur. Unter Rabbi Jehuda ha-Nassi wurde die mündliche Lehre als Mischna endgültig redigiert und schriftlich festgehalten.

Mit der Verschriftlichung endete die Diskussion nicht. Die halachischen Inhalte wurden in Palästina und Babylonien weiter erörtert. Der Talmud enthält die Mischna, kommentiert sie und nimmt zusätzliche Erklärungen der mündlichen Lehre sowie Gesetzesentscheidungen auf. Im 5. Jahrhundert entstand der Jerusalemer Talmud; etwas später folgte im Sassanidenreich der für das Judentum maßgeblichere Babylonische Talmud. Responsen, hebräisch She’elot uTeshuvot („Fragen und Antworten“), sowie rabbinische Empfehlungen ergänzten die Auslegungstradition.

Die Jeschiwot, auch rabbinische Akademien genannt, wurden zu zentralen Lehr- und Studienorten. Dort studierten Rabbiner die Tora und die mündliche Überlieferung, legten Texte aus und entwickelten Vorschriften für das jüdische Leben. Bedeutende Zentren lagen zunächst in Palästina und später in Babylonien, unter anderem in Sura und Pumbedita. Sie prägten das Judentum bis zu ihrem Niedergang um 1040. Mit dem 11. Jahrhundert war die Verständigung über Inhalt und Umfang der Schriftkorpora grundsätzlich abgeschlossen.

Rabbinisches Denken und die Einheit der Tora

Rabbinisches Denken ist keine geschlossene philosophische Theorie. Es zeigt sich in Lernen, Auslegen, Argumentieren und Handeln innerhalb der Lehrhäuser und der jüdischen Gemeinschaft. Im Mittelpunkt stehen die Tora, die Halacha, die Traditionspflege und der Streit (Machloket) über die richtige Deutung. Es handelt sich um eine praktisch-theologische Hermeneutik: Sie ist textzentriert, dialogisch, pluralitätstolerant, traditionsgebunden und auf verbindliches Handeln ausgerichtet.

Die Tora gilt als Einheit, obwohl ihre Auslegung unterschiedliche oder sogar widersprüchliche Meinungen hervorbringen kann. Diese Einheit ist keine vollständige literarische oder systematische Widerspruchsfreiheit, sondern ein theologisches Grundaxiom: Alle Auslegungen beziehen sich auf die göttliche Autorität und die lebenspraktische Verbindlichkeit der Tora. Minderheitsmeinungen werden überliefert, ohne dass dadurch die Einheit des Textes zerfällt. Nach der Tempelzerstörung ersetzte die Einheit der auslegbaren Tora die verlorene räumliche und kultische Einheit des Tempels.

Daniel Boyarin betont die dialogische Struktur der rabbinischen Texte. Einheit entsteht für ihn gerade im fortgesetzten Streit der Auslegungen; Autorität wird durch Argumentation und Diskurs gebildet. Michael Fishbane versteht rabbinische Hermeneutik als Fortsetzung eines bereits innerbiblischen Auslegungsprozesses: Neue Deutungen schließen an ältere Traditionen an und verändern sie. Karl Erich Grözinger bezeichnet die Einheit der Tora als hermeneutisches Axiom, das pluralistische Lesarten ermöglicht. Jacob beziehungsweise Jacob Neusner hebt die systemische Ordnung und die normative Funktion der Tora hervor. Gemeinsam zeigen diese Perspektiven, dass Einheit im rabbinischen Judentum durch die produktive Verbindung von Pluralität, Tradition und Praxis entsteht.

Christliches Umfeld und Entwicklung im Vergleich

Das Aufkommen des Christentums war ein weiterer Einschnitt. Die Jesusbewegung war zunächst eine innerjüdische Strömung; Jesus, seine Jünger und die frühen Gemeinden bewegten sich innerhalb jüdischer Denk- und Streitkulturen. Erst nach der Tempelzerstörung kam es schrittweise zur Trennung. Die Aufnahme von Nichtjuden, die Lockerung oder Aufgabe halachischer Bindungen und der exklusive Messiasanspruch führten dazu, dass das Christentum zunehmend als konkurrierende Religion wahrgenommen wurde.

Rabbinische Texte bezeichneten jüdische Jesusanhänger häufig unscharf als Minim („Sektierer“ oder „Abweichler“). Der Ausdruck diente vor allem der Grenzziehung gegenüber verschiedenen Bewegungen, deren Lehren als Gefahr für die rabbinische Normbildung galten. Notzrim („Nazoräer“) bezeichnete zunächst jüdische Jesusanhänger, später Jesusanhänger und Christen insgesamt. Neutralere Umschreibungen wie Ma’aminim be-Yeshu („die an Jesus Glaubenden“) waren seltener. Gilyonim beziehungsweise Avon Gilyon waren polemische Bezeichnungen für die Evangelien. Ab dem 4. Jahrhundert, besonders unter Konstantin, wurde das Christentum im Römischen Reich privilegiert. Kirchen und christliches Pilgerwesen in Palästina führten zu wirtschaftlichem Aufschwung, machten Juden dort aber zunehmend zu Fremden im eigenen Land.

Im vor-rabbinischen Judentum (Second Temple Judaism) von etwa 516 v. Chr. bis 70 n. Chr. standen Tempel, Opferkult, Wallfahrten und priesterliche Autorität im Zentrum. Im rabbinischen Judentum wurden Tora, Synagoge, Lehrhaus, Gebet, Torastudium, Mizwot und die Heiligung des Alltags maßgeblich. Autorität beruhte nun auf Gelehrsamkeit und Auslegung statt auf priesterlicher Abstammung. Die religiösen Orte wurden dezentral und diasporafähig; die Tora wurde als fortdauernd auszulegender Text verstanden. Kontroversen galten nicht mehr grundsätzlich als Bedrohung der Einheit, sondern als Methode der Wahrheitsfindung. Die historische Zäsur der Tempelzerstörung führte damit zu einer orts- und zeitunabhängigeren Form religiöser Kontinuität.

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