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Jerusalemer Tempel

Damit verlor die JHWH-Religion ihren Mittelpunkt. Große Teile der Bevölkerung wurden ins babylonische Exil deportiert. Zweiter Tempel: Hauptheiligtum der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und religiöse Grundidee
  2. 2. Zeltheiligtum und Aufbau des Sakralraums
  3. 3. Erster Tempel: Quellen, Datierung und Bau
  4. 4. Zerstörung und Zweiter Tempel
  5. 5. Herodianischer Tempel und sein Ende
  6. 6. Heiligkeit, Reinheit und heutige Zugangsfrage

Bedeutung und religiöse Grundidee

Der Jerusalemer Tempel war das zentrale Heiligtum der jüdischen Religion auf dem Tempelberg in Jerusalem. Der Begriff bezeichnet zwei nacheinander bestehende Heiligtümer: den Ersten oder Salomonischen Tempel, der 587/586 v. Chr. von den Neubabyloniern zerstört wurde, und den Zweiten Tempel, der um 515 v. Chr. vollendet, später stark erweitert und 70 n. Chr. von römischen Truppen zerstört wurde. Im Tempel bildeten Opfer, Priesterschaft und die dafür nötige Versorgung einen grundlegenden Teil des religiösen Lebens.

Die häufigste biblische Bezeichnung ist „Haus JHWHs“; sie kennzeichnet den Tempel als Ort der Gegenwart Gottes. Hechal bezeichnet vor allem den inneren Sakralraum, Miqdasch das „Heiligtum“. Nach 70 n. Chr. setzte sich im rabbinischen Judentum Bet HaMikdasch, „Haus des Heiligtums“, durch.

Kultpsalmen stellen den Tempel als Mittelpunkt einer von JHWH gegründeten Weltordnung dar. Nach dem darin vorausgesetzten altorientalischen Weltbild ruht die Erde auf den Urwassern; in ihrer Mitte erhebt sich der heilige Berg mit dem Tempel. Dieser verbindet als „axis mundi“ Himmel und Erde. JHWH wohnt im Tempel und herrscht zugleich über den Himmel.

Vom herodianischen Tempel sind Teile der Umfassungsmauern seiner Plattform erhalten. Ein westlicher Abschnitt ist als Klagemauer heute die wichtigste heilige Stätte des Judentums, obwohl diese Mauer zur Zeit des Tempels keine besondere religiöse Bedeutung hatte. Auf dem Tempelberg stehen heute der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee, bedeutende islamische Heiligtümer. Die Erwartung des Messias ist in Teilen des Judentums mit dem Wiederaufbau eines „Dritten Tempels“ verbunden.

Zeltheiligtum und Aufbau des Sakralraums

Die Tora beschreibt in Ex 25–27 und Ex 36–39 den Mischkan oder die Stiftshütte als zerlegbares, transportables „Zelt der Begegnung“, in dem die Bundeslade aufbewahrt wurde. Er bestand aus zwei Hauptzonen:

  • dem Vorhof mit Becken und Brandopferaltar;
  • dem Innenraum mit Räucheraltar, siebenarmigem Leuchter und Schaubrottisch sowie dem hinter einem Vorhang liegenden Allerheiligsten.

Der Innenraum war der Arbeitsbereich des Hohenpriesters. Die Tora benutzt das Zeltheiligtum als Modell zur Darstellung von Opfer- und Reinigungsritualen. Um die Abläufe im steinernen Jerusalemer Tempel zu erschließen, müssen diese Vorschriften auf dessen räumliche Verhältnisse übertragen werden.

Einige Forscher vermuten, dass Einzelheiten des Mischkan und seiner Zeremonien ursprünglich aus dem Jerusalemer Tempelkult stammen und nachträglich in die Frühzeit Israels zurückprojiziert wurden. Julius Wellhausen fasste diese These so zusammen, dass die Stiftshütte nicht das Vorbild des Tempels, sondern dessen tragbar gemachte Kopie sei. Die Beschreibungen von Zeltheiligtum und Erstem Tempel haben sich wahrscheinlich gegenseitig beeinflusst.

Erster Tempel: Quellen, Datierung und Bau

Über den Ersten Tempel informiert ausschließlich die Hebräische Bibel. Nach 1 Kön 6 begann Salomo den Bau im vierten Jahr seiner Regierung; die Bauzeit soll sieben Jahre betragen haben. Ob diese Angaben auf einer zeitnahen Quelle beruhen, ist umstritten. Der wichtigste Baubericht könnte erst in der Spätzeit des Königreichs Juda entstanden sein und den Tempel in seiner damaligen Gestalt beschreiben.

Der ältere exegetische Konsens betrachtete Salomo als mächtigen Herrscher eines wohlhabenden Großreichs, der einen prächtigen Tempel neben einem noch größeren Palast errichten ließ. Nach jahrzehntelanger archäologischer Forschung lassen sich dem Jerusalem des 10. Jahrhunderts v. Chr. jedoch nur wenige entsprechende Funde zuordnen. Viele für die biblische Darstellung vorausgesetzte wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklungen sind erst ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. sicherer erkennbar.

Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman bestreiten deshalb ein salomonisches Großreich und große Bauprojekte des 10. Jahrhunderts. Ein historischer Salomo habe höchstens ein bescheidenes lokales Heiligtum finanzieren können. Die genaue Beschreibung in 1 Kön 6–7 könne aber von einem Autor stammen, der den später von den Babyloniern zerstörten Tempel kannte. Als mögliche Bauzeit des großen Tempels erwägen sie die wirtschaftliche Blüte unter König Joasch am Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr.

Nach den biblischen Maßen war der Tempel ein regional typischer Langraumtempel, etwa 50 Meter lang, 25 Meter breit und 15 Meter hoch. Er bestand aus der fünf Meter tiefen Vorhalle Ulam, dem Hauptraum Hechal und dem Allerheiligsten Debir. Ob der Debir ein eigener Raum oder ein hölzerner kubischer Schrein im Hauptraum war, ist umstritten. Er maß 20 Ellen je Seite und enthielt die Bundeslade sowie vergoldete Kerubfiguren, die zusammen einen Kerubenthron bildeten. Vor dem Allerheiligsten standen auf jeder Seite fünf goldene Leuchter.

Im Vorhof befanden sich das Säulenpaar Jachin und Boas, das Eherne Meer und Kesselwagen. Der große Brandopferaltar wird im ursprünglichen Baubericht nicht erwähnt und wurde möglicherweise erst unter König Ahas errichtet. Vergleichbare eisenzeitliche Tempel in Tell Ta‘yinat, ‘Ain Dara und anderen Orten der Levante zeigen denselben Aufbau und eine von außen nach innen zunehmende Heiligkeit. Neben Jerusalem bestanden vorexilisch weitere JHWH-Heiligtümer, unter anderem in Schilo, Dan, Bet-El und Tel Arad.

Zerstörung und Zweiter Tempel

Nach der Einnahme Jerusalems zerstörten die Neubabylonier 587/586 v. Chr. den aus Palast und Tempel bestehenden Baukomplex. Die biblischen Inventarlisten berichten von beschlagnahmten Tempelgeräten und stellen zugleich eine Verbindung zum späteren Neubau her: Nach Esr 1,7–11 wurde ein Teil der Geräte mit den Rückkehrern aus dem Exil nach Jerusalem gebracht. Sichere Gegenstände aus dem Ersten Tempel sind nicht bekannt. Der sogenannte Elfenbein-Granatapfel und die 2003 bekannt gewordene Joasch-Inschrift gelten mehrheitlich beziehungsweise nach Prüfung durch die Israelische Altertümerbehörde als Fälschungen.

Der unter dem persischen Statthalter Serubbabel errichtete Zweite Tempel wurde laut Esr 6,3–7 auf den Fundamenten seines Vorgängers gebaut und am 12. März 515 v. Chr. vollendet. Wegen begrenzter Mittel war er zunächst eine schlichte Wiederherstellung. Das Allerheiligste war nun ein leerer, durch einen Vorhang abgetrennter Raum; anstelle der zehn Leuchter des Ersten Tempels stand eine siebenarmige Menora, die später zu einem Symbol des Judentums wurde. Obwohl auch in Elephantine, auf dem Garizim und in Leontopolis JHWH verehrt wurde, entwickelte sich Jerusalem zum religiösen Zentrum der jüdischen Diaspora.

Unter Antiochos IV. Epiphanes wurde der Tempel im Dezember 167 v. Chr. entweiht und Zeus Olympos geweiht. Ein neues Kultobjekt erscheint in der Bibel als „Greuel der Verwüstung“. Seine genaue Gestalt ist unsicher; möglicherweise wurde der Brandopferaltar umgestaltet und mit einem Symbol des Zeus versehen. Nach Flavius Josephus wurden dort Schweine geopfert. Judas Makkabäus ließ den entweihten Altar abreißen, errichtete einen neuen und stellte den traditionellen JHWH-Kult wieder her. Die erneute Tempelweihe Ende 164 v. Chr. wird bis heute mit Chanukka erinnert.

Herodianischer Tempel und sein Ende

Herodes der Große begann 21 v. Chr. mit einer grundlegenden Erneuerung des baufälligen Zweiten Tempels. Das eigentliche Tempelhaus wurde innerhalb von anderthalb Jahren fertiggestellt und eingeweiht; die Arbeiten am Gesamtkomplex dauerten bis kurz vor Beginn des Jüdischen Krieges 66 n. Chr. Das Tempelhaus orientierte sich an seinen Vorgängern, die Gesamtanlage dagegen am hellenistischen Bautyp eines Temenos: einer großen künstlichen Plattform mit Säulengängen an drei Seiten und einer Basilika an der vierten.

Die trapezförmige Plattform umfasste etwa 141.280 m². Ihre heutigen Umfassungsmauern sind im Westen 487 m, im Norden 315 m, im Osten 466 m und im Süden 279 m lang. Damit war sie damals die größte Tempelanlage des antiken Mittelmeerraums. Das befestigte Areal hatte zugleich große strategische Bedeutung.

Im jüdisch-römischen Krieg hielten die Verteidiger den Tempel bis zuletzt. Bei der römischen Einnahme Jerusalems wurde er im August 70 n. Chr. in Brand gesetzt und geplündert. Anders als vom Ersten Tempel existieren Einzelfunde sowie bauliche Reste in und vor den Umfassungsmauern.

In der späteren römischen Stadt Aelia Capitolina gab es einen Jupiter-Tempel; umstritten ist, ob er auf dem Tempelberg oder beim Forum lag. Unter Konstantin und seinen Nachfolgern blieb das Tempelgelände bewusst verwildert. Kaiser Julian begann 362 n. Chr. Vorbereitungen zum Wiederaufbau des jüdischen Tempels. Ein Erdbeben am 27. Mai 363 beschädigte die Baustelle; danach wurde das Vorhaben nicht fortgesetzt. Seit 691 steht dort der Felsendom, seit 705/715 außerdem die al-Aqsa-Moschee.

Tuvia Sagiv vertritt die nicht allgemein anerkannte Theorie, die große Plattform stamme von einem hadrianischen Jupitertempel und der herodianische Tempel liege etwa 16 Meter unter dem heutigen Bodenniveau. Während des Osloer Friedensprozesses wurde daraus ein Modell übereinanderliegender palästinensischer, internationaler und israelischer Souveränitätszonen entwickelt; die palästinensische Seite lehnte es vollständig ab.

Heiligkeit, Reinheit und heutige Zugangsfrage

Die Tempelordnung unterschied zwischen profan und heilig sowie zwischen unrein und rein. Profan war der alltägliche Raum außerhalb des Tempels; heilig war der Bereich der göttlichen Gegenwart. Reinheit bezeichnete den Zustand, in dem ein Mensch oder Gegenstand mit dem Heiligen in Kontakt treten durfte. Unreinheit schloss diesen Kontakt aus.

Tempelrolle und Mischna beschreiben abgestufte Zonen zunehmender Heiligkeit. Die wichtigsten Bereiche reichten vom Heiligen Land, befestigten Städten, Jerusalem und dem Tempelberg über Außenhöfe, Frauen-, Männer- und Priestervorhof sowie den Brandopferaltar bis zum Tempelhaus und Allerheiligsten. Wo das Allerheiligste genau lag, ist unbekannt; teilweise wird es über dem Felsen im Zentrum des Felsendoms vermutet.

Die inneren Bereiche bis einschließlich des Priestervorhofs durften nicht im Zustand der Totenunreinheit betreten werden. Das dafür erforderliche Reinigungsritual konnte bald nach der Tempelzerstörung nicht mehr vollzogen werden. Der äußere Hof des herodianischen Tempels war dagegen bis zur Balustrade, dem Soreg, auch Menschen mit Totenunreinheit zugänglich.

Die daraus abgeleiteten Regeln sind umstritten. Das Oberrabbinat von Israel verbietet Juden seit 1967 den Besuch des gesamten Tempelbergs. Andere rabbinische Autoritäten wie Moshe Feinstein erlauben den Besuch bestimmter äußerer Bereiche nach Reinigung in einer Mikwe, einem rituellen Tauchbad. Deshalb begehen manche religiöse Juden einen Rundweg außerhalb des vermuteten Verlaufs des antiken Soreg; besonders verbreitet ist dies unter religiösen Zionisten.

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