Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg) war ein deutscher Schriftsteller, der zu den bedeutendsten Publizisten der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Profil
  2. 2. Ausbildung und literarischer Beginn
  3. 3. Krieg und Kampf für die Republik
  4. 4. Frankreich, Hauptwerke und politische Konflikte
  5. 5. Exil, Verstummen und Tod
  6. 6. Kontroversen und Nachwirkung

Bedeutung und Profil

Kurt Tucholsky (9. Januar 1890–21. Dezember 1935) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Er arbeitete als Journalist, Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker sowie als Literatur-, Film- und Musikkritiker. Einen großen Teil seiner Texte veröffentlichte er in der Wochenzeitschrift Die Weltbühne und unter den Pseudonymen Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser.

Tucholsky verstand sich als linker Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist. In der Tradition Heinrich Heines verband er politische Kritik mit Satire und sprachlicher Zuspitzung. Er warnte früh vor dem Einfluss der alten monarchistischen Eliten, der politischen Rechten und des Nationalsozialismus. Besonders scharf kritisierte er Militarismus, politische Morde, eine nationalistisch geprägte Justiz und die mangelnde Verteidigungsbereitschaft der Republik. Zugleich schrieb er unterhaltsame Erzählungen, Gedichte, Chansons und Reiseberichte. In 25 Jahren veröffentlichte er in fast 100 Publikationen mehr als 3.000 Artikel, davon etwa 1.600 in der Weltbühne.

Ausbildung und literarischer Beginn

Tucholsky wurde in Berlin als ältester Sohn einer jüdischen Familie geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Stettin. Nach der Rückkehr nach Berlin besuchte er mehrere Schulen und legte im September 1909 als externer Schüler das Abitur ab. Schule und Lehrer beurteilte er später überwiegend kritisch.

Ab Oktober 1909 studierte er Rechtswissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin; ein Semester verbrachte er an der Universität Genf. Zusätzlich belegte er Veranstaltungen in Nationalökonomie, Germanistik, Geographie und Psychologie. Weil er bereits intensiv journalistisch arbeitete, verzichtete er 1913 auf die erste juristische Staatsprüfung und damit auf eine Laufbahn als Anwalt. An der Universität Jena promovierte er mit der Dissertation „Die Vormerkung aus § 1179 BGB und ihre Wirkungen“. Die Verteidigung bestand er am 19. November 1914 cum laude; die Promotionsurkunde erhielt er am 12. Mai 1915.

Sein erster veröffentlichter Text war die Satire „Märchen“, die 1907 in der Zeitschrift Ulk erschien und sich über den Kunstgeschmack Kaiser Wilhelms II. lustig machte. Mit „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“ wurde Tucholsky 1912 einem größeren Publikum bekannt. Die Erzählung zeichnete sich durch einen damals ungewöhnlich frischen und spielerisch-erotischen Ton aus. Am 9. Januar 1913 erschien sein erster Artikel in Die Schaubühne, die 1918 in Die Weltbühne umbenannt wurde. Deren Herausgeber Siegfried Jacobsohn wurde Tucholskys Mentor und enger Freund.

Krieg und Kampf für die Republik

Im April 1915 wurde Tucholsky zum Militär eingezogen und an die Ostfront geschickt. Er diente zunächst als Armierungssoldat und Kompanieschreiber, später als Redakteur der Feldzeitung Der Flieger. 1918 wurde er als Vizefeldwebel und Feldpolizeikommissar nach Rumänien versetzt. Dort ließ er sich protestantisch taufen; aus der jüdischen Gemeinde war er bereits am 1. Juli 1914 ausgetreten. Obwohl er den unmittelbaren Kampfeinsatz nach eigener Aussage möglichst vermied, kehrte er im Herbst 1918 als überzeugter Pazifist und Antimilitarist aus dem Krieg zurück.

Nach der Novemberrevolution übernahm er bis April 1920 die Chefredaktion der satirischen Zeitschrift Ulk und schrieb wieder regelmäßig für die Weltbühne. Seine Pseudonyme ermöglichten es ihm, in derselben Ausgabe unterschiedliche Formen zu veröffentlichen: politische Leitartikel, Gerichtsberichte, Satiren, Gedichte und Rezensionen. Außerdem verfasste er Texte, Lieder und Couplets für das Kabarett. Seine gut bezahlte Mitarbeit am anti-polnischen Propagandablatt Pieron von Juli 1920 bis April 1921 bereute er später ausdrücklich.

Tucholsky griff in der Artikelserie „Militaria“ den fortwirkenden Geist des wilhelminischen Offizierskorps an. Als Beobachter politischer Prozesse verurteilte er die milden Urteile gegen rechtsradikale Täter und die nationalistische Haltung zahlreicher Richter. Nach politischen Morden wie dem an Walther Rathenau forderte er die Republik auf, sich entschlossener gegen ihre Feinde zu verteidigen. Er beteiligte sich 1919 an der Gründung des Friedensbundes der Kriegsteilnehmer und war von 1920 bis 1922 Mitglied der USPD. Gegenüber SPD und KPD blieb er ebenfalls kritisch: Der SPD warf er vor, während der Revolution alte Machtstrukturen in Militär, Verwaltung und Justiz bewahrt zu haben; der KPD hielt er später eine wirklichkeitsferne Politik und die Abhängigkeit von Moskau vor. Er bestand auf der Unabhängigkeit des Intellektuellen von der Parteidisziplin.

Frankreich, Hauptwerke und politische Konflikte

1924 ging Tucholsky als Korrespondent der Weltbühne und der Vossischen Zeitung nach Paris. Von dort aus beteiligte er sich weiter an deutschen Debatten und wollte zugleich die Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen fördern. Nach Siegfried Jacobsohns Tod übernahm er Ende 1926 kurzzeitig die Leitung der Weltbühne, übergab sie jedoch bald an Carl von Ossietzky und blieb Mitherausgeber.

Zu seinen wichtigen Büchern gehören die Reisebeschreibung „Ein Pyrenäenbuch“ (1927), die Textsammlung „Mit 5 PS“ (1928), „Das Lächeln der Mona Lisa“ (1929), das zusammen mit John Heartfield gestaltete gesellschaftskritische Werk „Deutschland, Deutschland über alles“ (1929) und der Kurzroman „Schloß Gripsholm“ (1931). „Mit 5 PS“ bezog sich auf Tucholskys eigenen Namen und seine vier wichtigsten Pseudonyme. In „Deutschland, Deutschland über alles“ verband er heftige Angriffe auf Politik und Gesellschaft mit einer ausdrücklichen Liebe zu Landschaft, Sprache und Land.

Tucholsky hielt die Novemberrevolution für unvollendet und forderte grundlegende Veränderungen in Justiz, Verwaltung und Gesellschaft. Zeitweise näherte er sich der KPD an und veröffentlichte klassenkämpferische Gedichte, bezeichnete sich aber nicht als Kommunist. Seine Überzeugung fasste er 1928 so zusammen, dass er den Krieg der Nationalstaaten als Verbrechen bekämpfe und einen abgelehnten Staat zugunsten des Friedens und des „wirklichen Vaterlands“ Europa verrate.

1929 veröffentlichte die Weltbühne Walter Kreisers Artikel „Windiges aus der deutschen Luftfahrt“ über die verbotene Aufrüstung der Reichswehr. Carl von Ossietzky wurde deshalb 1931 im Weltbühne-Prozess zu 18 Monaten Haft verurteilt. Wegen Tucholskys Satz „Soldaten sind Mörder“ wurde Ossietzky 1932 erneut angeklagt, aber freigesprochen, weil das Gericht darin keine Verunglimpfung der Reichswehr sah. Tucholsky blieb aus Angst vor einer Festnahme im Ausland und bereute später, Ossietzky während des Prozesses nicht persönlich unterstützt zu haben.

Als Literaturkritiker besprach Tucholsky mehr als 500 Werke. Er machte früh auf Franz Kafka aufmerksam und bezeichnete dessen Romanfragment „Der Process“ als eines der stärksten Bücher der Zeit. James Joyces „Ulysses“ beurteilte er zwiespältig: Teile erschienen ihm langweilig, andere als außergewöhnlich und wegweisend. Als Dichter schrieb er vor allem Chansons, Couplets und „Gebrauchslyrik“, also verständliche, auf aktuelle gesellschaftliche Situationen bezogene Gedichte. Bekannte Beispiele sind „Mutterns Hände“ und „Augen in der Großstadt“.

Exil, Verstummen und Tod

1929 verlegte Tucholsky seinen Wohnsitz dauerhaft nach Schweden. Er erkannte früh die Gefahr einer nationalsozialistischen Herrschaft und rechnete auch mit einem kommenden Krieg. Gleichzeitig litt er darunter, dass seine Warnungen kaum politische Wirkung zeigten. Persönliche Verluste, Beziehungsprobleme und eine chronische Erkrankung verstärkten seine Resignation. Sein letzter größerer Beitrag erschien am 8. November 1932 in der Weltbühne; am 17. Januar 1933 folgte noch eine kurze Notiz.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde die Weltbühne verboten, Tucholskys Bücher wurden verbrannt und ihm wurde die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Sein Name stand auf der ersten Ausbürgerungsliste vom 25. August 1933. Er beteiligte sich nicht an der Exilpresse, verfolgte die Entwicklungen aber weiterhin aufmerksam. Hinter den Kulissen unterstützte er die Bemühungen, dem im Konzentrationslager inhaftierten Ossietzky den Friedensnobelpreis für 1935 zu verleihen. Ossietzky erhielt ihn 1936 rückwirkend.

Am 20. Dezember 1935 nahm Tucholsky in seinem Haus in Hindås eine Überdosis Veronal. Er starb am Abend des 21. Dezember 1935 im Krankenhaus in Göteborg. Zunächst gab es Gerüchte über einen politischen Mord. Als wahrscheinlichste Erklärung gilt ein bewusster Suizid; sein Biograph Michael Hepp fand jedoch auch Hinweise auf eine versehentliche Überdosierung. Tucholskys Asche wurde 1936 unter einer Eiche nahe Schloss Gripsholm in Mariefred beigesetzt.

Kontroversen und Nachwirkung

Tucholskys politische Rolle wird unterschiedlich beurteilt. Einige Historiker warfen ihm vor, mit seiner radikalen Kritik an SPD und Republik die parlamentarische Demokratie geschwächt zu haben. Tucholsky selbst verstand seine Kritik als konstruktiv. Das Scheitern der Republik erklärte er nicht durch zu viel Kritik, sondern durch deren geringe Wirkung auf die tatsächlichen Machtverhältnisse.

Auch sein Verhältnis zum Judentum ist umstritten. Gershom Scholem bezeichnete ihn 1967 wegen Darstellungen wie den Geschichten um den jüdischen Bürger „Herrn Wendriner“ als jüdischen Antisemiten. Andere sehen Wendriner vor allem als Kritik am angepassten, konservativen Bürgertum. Tucholsky warf Teilen des deutschen Judentums Passivität gegenüber Diskriminierung vor, wurde aber selbst von Nationalisten und Nationalsozialisten als jüdischer Gegner verfolgt.

Sein Verhältnis zu Frauen wird wegen seiner parallelen Beziehungen und gescheiterten Ehen kritisch diskutiert. Zugleich entwarf er in „Rheinsberg“ und „Schloß Gripsholm“ für seine Zeit fortschrittliche Frauenfiguren: selbstständige Charaktere, die ihre Sexualität nach eigenen Vorstellungen leben. Er unterstützte außerdem die Arbeit der Feministin Helene Stöcker.

Nach 1945 wurde Tucholsky als früher Warner vor dem Nationalsozialismus wiederentdeckt. Seine Witwe und Nachlassverwalterin Mary Gerold baute das Kurt-Tucholsky-Archiv auf und übergab es 1969 an das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Eine kritische und kommentierte Gesamtausgabe in 22 Bänden erschien von 1996 bis 2011; 2024 folgte ein Ergänzungsband mit neu aufgefundenen Texten und Briefen. Die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft, Literaturpreise und das 1995 eröffnete Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Schloss Rheinsberg halten sein Werk lebendig. Seine Texte bleiben besonders als Beispiele politischer Satire, engagierter Publizistik und sprachlich präziser Kritik an Militarismus, Nationalismus und undemokratischen Machtstrukturen bedeutsam.

Lernvideos zu Kurt Tucholsky

Weiterlesen

Weimarer Republik Die Weimarer Republik entstand im Zuge der Novemberrevolution. Diese Bezeichnung der ersten auf nationalstaatlicher Ebene verwirklichten deutschen Republik ist … Journalist Journalisten erbringen einen öffentlichen Dienst als aktive Verbreiter und Sammler von korrekten Informationen, wobei diese kritisch diskutiert werden (watchdog … Heinrich Heine Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet. Im Deutschen Bund mit … Pazifismus Pazifisten stehen für eine ethische Grundhaltung, die danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften … Nationalsozialismus Seine Wurzeln hat er in der völkischen Bewegung, die sich etwa zu Beginn der 1880er Jahre im deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn entwickelte. Ab 1919 … Krieg Als Krieg wird ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt bezeichnet, an dem planmäßig vorgehende … Patriotismus Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat oder dem Vaterland bezeichnet, häufig bezieht er sich auf die Nation. Ghetto Theresienstadt Das Ghetto Theresienstadt war während des Zweiten Weltkrieges das größte NS-Ghetto im Protektorat Böhmen und Mähren. Es wurde durch die deutschen Besatzer … Reichsbürgergesetz Das Reichsbürgergesetz war eines der beiden Nürnberger Gesetze, die auf dem siebten Reichsparteitag der NSDAP (10.–16. September 1935) vom Reichstag angenommen … Konzentrationslager Dieser Artikel behandelt das zwischen 1933 und 1945 entstandene und unterhaltene System der Konzentrationslager im Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches. Geographie Weitere sozialwissenschaftlich orientierte Bereiche der Geographie stellen die Bevölkerungsgeographie, die Bildungsgeographie und die Religionsgeographie dar. Psychologie Analyseebenen der Psychologie · Biologische Einflüsse · Psychologische Einflüsse · Soziokulturelle Einflüsse.