Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Pazifismus
Pazifisten stehen für eine ethische Grundhaltung, die danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften …
Inhalt6 Abschnitte
Definition und Grundgedanken
Pazifismus ist eine weltanschauliche Strömung, die jeglichen Krieg als Mittel der Auseinandersetzung ablehnt. Pazifisten fordern den Verzicht auf Rüstung und militärische Ausbildung und setzen bei bewaffneten Besetzungen auf Soziale Verteidigung und Zivilen Ungehorsam. Ihr Ziel ist es, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen. Strenge Auslegungen lehnen jede Form der Gewaltanwendung ab und treten für vollkommene Gewaltlosigkeit ein.
Der moderne Pazifismus entstand im 19. Jahrhundert in organisierten Friedensgesellschaften. Eine internationale Zentrale wurde 1891 als Bureau International Permanent de la Paix gegründet. Wegen seiner unterschiedlichen historischen Varianten gibt es keine einheitliche Definition. Als kleinster gemeinsamer Nenner gilt heute meist die Ablehnung des Krieges sowohl als Ereignis als auch als Institution. Die gegensätzliche Haltung heißt Bellizismus, also Kriegsverherrlichung. Der Antimilitarismus geht weiter, weil er neben dem Krieg auch den Militarismus ablehnt.
Der Begriff wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als politisches Schlagwort etabliert. Émile Arnaud setzte sich 1901 für seine Verwendung ein; auf dem zehnten Weltfriedenskongress in Glasgow vom 10. bis 13. September 1901 griffen ihn nationale Friedensgesellschaften auf. In Deutschland verbreitete ihn Alfred Hermann Fried unter dem Einfluss Bertha von Suttners. Inhaltlich sollte er individuelle und kollektive Bestrebungen bezeichnen, die eine friedliche, gewaltfreie zwischenstaatliche Konfliktlösung und eine auf Recht gegründete Staaten- und Völkergemeinschaft anstreben.
In der Forschung werden ein enger, ein engerer und ein weiter Pazifismusbegriff unterschieden: Der enge schließt jede Gewaltanwendung kategorisch aus, der engere lehnt kriegerische Gewalt ab, und der weite zielt auf die Überwindung der Institution Krieg. Robert L. Holmes bezeichnet als pragmatischen Pazifismus die Einsicht, dass ein groß angelegter, organisierter und systematischer Krieg in der heutigen Welt inakzeptabel ist.
Motive und theoretische Unterscheidungen
Ein wichtiges Motiv ist der Schutz des in den Menschenrechten garantierten Rechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Da Kriege auch unbeteiligte Menschen töten, gilt dieses Töten im deontologischen Pazifismus, auch Gesinnungspazifismus genannt, als moralisch niemals zu rechtfertigen. Eine kategorische Position hält kriegerische Gewalt grundsätzlich für kein legitimes Mittel der Konfliktlösung.
Der konditionale Pazifismus beurteilt Kriege abhängig von ihren Bedingungen und Folgen. Ein Krieg kann danach unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt oder verboten sein, etwa wenn er einen dauerhaften Frieden erreichen könnte oder wenn er eine Eskalation zum Weltkrieg und zur Selbstvernichtung drohen lässt. Der konsequentialistische Pazifismus lehnt Krieg nicht von vornherein, sondern wegen seiner unabschätzbaren Folgen ab. Der Nuklearpazifismus ist hierfür ein Beispiel: Angesichts großer Atomwaffenarsenale und der Blockkonfrontation könne jeder Konflikt in einen Atomkrieg münden.
Beim Ziel-Pazifismus stehen die Überwindung der Institution Krieg und ein friedliches Zusammenleben im Mittelpunkt. Gewalt als Mittel ist dabei nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Beim Mittel-Pazifismus geht es vor allem darum, Gewalt nicht zur Konfliktlösung einzusetzen. Der Gewaltverzicht soll langfristig gewaltfreie Beziehungen aufbauen.
Neben ethischen gibt es utilitaristische und wirtschaftliche Begründungen. Norman Angell wollte in seinem 1910 erschienenen Buch Die große Täuschung zeigen, dass Krieg ein schlechtes Geschäft sei und selbst der Sieger sich wegen der wirtschaftlichen Verflechtungen schädige. Vertreter des Freihandels sahen im internationalen Austausch ebenfalls eine Voraussetzung des Friedens. Religiöse Pazifisten berufen sich vor allem auf das Evangelium Jesu von Nazaret und leiten daraus eine unbedingte Verpflichtung zum Frieden ab.
Historische Wurzeln und religiöse Traditionen
Die Sehnsucht nach Frieden gilt als sehr alt, der organisierte Pazifismus jedoch als neuzeitliches Phänomen und als einer der zentralen Begriffe des 20. Jahrhunderts. Häufig werden der indische König Ashoka (272–231 v. Chr.), der sich nach seiner Bekehrung zum Buddhismus zur Gewaltlosigkeit bekannte, und das Liebesgebot Jesu von Nazaret als frühe Bezugspunkte genannt.
In chinesischen Traditionen kritisierten Laotse und Konfuzius den Krieg und suchten Frieden durch innerseelische und politische Balance, ohne jede Militärgewalt grundsätzlich abzulehnen. Der Hinduismus verbindet Frieden mit der spirituellen Einung von Atman und Brahman. Die Bhagavadgita lehrt, dass Krieg und Kampf nie aufhören werden, den mit dem Göttlichen Verbundenen aber nicht mehr berühren. Der Jainismus fordert mit dem Ideal Ahimsa das Nichtverletzen und verbietet das Töten jedes Lebens. Gandhi leitete daraus im 20. Jahrhundert eine politisch wirksame strikte Gewaltlosigkeit ab. Der Buddhismus verbindet Mitgefühl und Barmherzigkeit mit gewaltloser Konfliktbewältigung; seit dem Großreich Ashokas im 3. Jahrhundert v. Chr. wirkte diese Vorstellung auch auf Politik ein, blieb aber häufig an einen „guten Herrscher“ gebunden.
Die jüdische Prophetie entwirft in Jes 2,2–4 EU die Vision, Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln zu machen: Kein Volk soll mehr gegen ein anderes Krieg führen oder Krieg lernen. Diese Vorstellung verbindet universale Abrüstung mit Recht und Gerechtigkeit.
Jesus bekräftigte diese Hoffnung. In der Bergpredigt fordert er Nächstenliebe, Verzicht auf Rache und Gegengewalt sowie Feindesliebe (Mt 5,38–48 EU). Die ersten Christen betrachteten die Mitgliedschaft im Christentum während der ersten drei Jahrhunderte meist als unvereinbar mit Kriegsdienst. Nach der Konstantinischen Wende und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Theodosius I. im Jahr 380 entwickelte Augustinus die Lehre vom Gerechten Krieg. Dadurch wurde christlicher Pazifismus in den Großkirchen zur Minderheitsmeinung, blieb aber in Friedenskirchen und später in pazifistischen Bewegungen lebendig. Zu diesen Friedenskirchen zählen unter anderem Quäker, Mennoniten, Waldenser, Hutterer und Teile der Baptisten.
Wichtige Strömungen
Eine einheitliche Typisierung gibt es nicht. Genannt werden unter anderem religiöser, moralisch-weltanschaulicher, anarcho-syndikalistischer und politisch-wissenschaftlicher beziehungsweise organisatorischer Pazifismus.
Der „bürgerliche“ Pazifismus entstand im 19. Jahrhundert vor allem im städtischen Bürgertum. Seine Vertreter waren häufig Kaufleute, Industrielle, Bankiers, Anwälte, Beamte, Professoren und Pastoren. Sie beriefen sich auf Aufklärung und historischen Fortschritt. Staaten sollten durch Völkerbund, Schiedsgerichte und überstaatliches Recht Konflikte friedlich lösen. Weitere Ziele waren europäische Zusammenarbeit, internationaler Handel und Abrüstung. Der bürgerliche Pazifismus lehnte nicht jede kriegerische Gewalt als Definitionselement ab, erkannte das staatliche Gewaltmonopol an und bejahte grundsätzlich den Verteidigungskrieg. Aufklärung durch Vorträge, Zeitschriften, Publikationen und Kongresse sollte die Bevölkerung und Regierungen beeinflussen. Diese Richtung wird auch als Rechts-Pazifismus bezeichnet.
Alfred Fried entwickelte ab 1908 den „wissenschaftlichen“ oder „organisatorischen Pazifismus“. Er kritisierte einen Reformpazifismus, der nur den Krieg als Erscheinung bekämpfe, nicht aber die „Anarchie der internationalen Beziehungen“ als Ursache. Internationale Handels- und Vertragsverflechtungen sollten eine geordnete, rechtlich geregelte Gewalt schaffen. Fried betonte jedoch, dass dadurch nicht jeder Krieg ausgeschlossen werde. Sein Ansatz wurde wegen seiner Rationalität begrüßt, aber auch kritisiert, weil moralischer Idealismus zu kurz kommen könne.
Der radikale Pazifismus gewann besonders nach dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung. Er forderte die Abschaffung der Wehrpflicht, allgemeine Abrüstung, Kriegsdienstverweigerung, eine umfassendere internationale Rechtsorganisation und aktiven Widerstand gegen Militarisierung und geheime Aufrüstung. Der revolutionäre Pazifismus Kurt Hillers, dessen Gruppe Revolutionärer Pazifisten 1926 gegründet wurde, verstand Frieden als etwas, das aktiv hergestellt werden müsse. Innerhalb der Gruppe reichte die Auffassung von einer geistigen Umgestaltung bis zur Unterstützung des Bürgerkriegs und einer sozialistischen Revolution; Hiller hielt Gewalt auf dem Weg zu einem friedlichen sozialistischen Endzustand für möglich.
Der anarchistische Pazifismus verbindet die Ablehnung von Staat und Herrschaft mit grundsätzlichem Antimilitarismus und persönlicher Gewaltfreiheit. Als Mittel gelten Ziviler Ungehorsam, Streiks, Boykotte, Blockaden und Besetzungen, teilweise auch Sabotage gegen Kriegswaffen und Militärfahrzeuge. In Deutschland zählen Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Friedrich zu wichtigen Vertretern. Leitend ist die „ethisch begründete Einheit von Zweck und Mittel“.
Von den Friedensgesellschaften bis 1945
Nach 1815 entstanden zahlreiche Friedensgesellschaften: 1815 die Massachusetts Peace Society, 1816 die London Peace Society, 1830 die Société de la Paix in Genf und 1841 das Comité de la Paix in Frankreich. Internationale Friedenskongresse fanden unter anderem 1843 in London, 1848 in Brüssel, 1849 in Paris und 1850 in Frankfurt am Main statt. Die Bewegung verband sich mit der Aufhebung der Sklaverei und dem Freihandel.
In Deutschland entstand erst 1886 wieder ein Friedensverein. Bertha von Suttners Roman Die Waffen nieder! förderte den Friedensgedanken. 1891 gründete sie eine österreichische Friedensgesellschaft; im November 1892 folgte die Deutsche Friedensgesellschaft. Der Hamburger Weltfriedenskongress von 1897 und die Haager Friedenskonferenz von 1899 stärkten die internationale Öffentlichkeit. Der Ständige Schiedshof in Den Haag bestand seit 1900, die Interparlamentarische Union seit 1899. Dennoch blieb der politische Einfluss vor dem Ersten Weltkrieg begrenzt.
Der Erste Weltkrieg ab August 1914 zeigte, dass internationale Verflechtungen keinen Frieden garantierten. Friedensorganisationen wurden überwacht und zensiert. Der Bund Neues Vaterland und die Zentralstelle Völkerrecht warben für Demokratisierung und einen Verständigungsfrieden, konnten aber keinen entscheidenden Einfluss gewinnen. Woodrow Wilsons 14 Punkte von Januar 1918 forderten einen Verband der Nationen zur Sicherung der politischen Unabhängigkeit und territorialen Unverletzbarkeit aller Staaten.
In der Weimarer Republik wurde Pazifismus zunächst durch Kriegsmüdigkeit und Not populär. Organisationen wie der Friedensbund der Kriegsteilnehmer und die Nie-wieder-Krieg-Bewegung besaßen bis etwa 1923 eine Massenbasis. Rechte Kreise griffen Pazifisten als Landesverräter an; es kam zu Morden und Attentaten. 13 Verbände schlossen sich 1922 zum Deutschen Friedenskartell zusammen, das 1928 bis zu 100.000 Mitglieder repräsentierte. 1926 trat Deutschland dem Völkerbund bei, 1928 wurde der Briand-Kellogg-Pakt geschlossen, der den Krieg als Werkzeug der Politik ächten sollte. Zugleich führten Radikalisierung und innere Spaltung zur politischen Isolation. Gegen Ende der 1920er Jahre verschärften sich die Repressionen, etwa im Weltbühne-Prozess von 1931.
Der Nationalsozialismus erklärte Pazifismus zu einem ideologischen Hauptfeind. 1933 wurden die Deutsche Friedensgesellschaft und ihre Publikationen verboten; viele Pazifisten wurden inhaftiert oder flohen ins Ausland. Mit dem Austritt aus dem Völkerbund im Oktober 1933 lehnte das Regime internationale Konfliktregelung offen ab. Der Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky 1935 machte den NS-Terror international sichtbar. Viele Pazifisten diskutierten angesichts Hitlers Gewaltpolitik, ob harte nichtmilitärische Maßnahmen oder im Angriffsfall sogar Verteidigung notwendig seien. Während des Zweiten Weltkriegs entstand mit Atlantik-Charta, Deklaration der Vereinten Nationen und UN-Charta eine neue internationale Friedensordnung; die Charta wurde am 26. Juni 1945 von 50 Staaten unterzeichnet.
Pazifismus seit 1945 und aktuelle Kontroversen
Nach 1945 wurde Pazifismus wieder rehabilitiert. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki verstärkten die Angst vor apokalyptischer Zerstörung. In Deutschland beeinflusste die Friedensbewegung das Recht auf Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz und das Verbot der Vorbereitung eines Angriffskrieges in Artikel 26. Artikel 9 der japanischen Verfassung von 1946 ist ein weiteres Beispiel.
Mit dem Ost-West-Konflikt geriet die Bewegung erneut unter Druck. Die Ohne-mich-Bewegung gegen die Wiederbewaffnung sammelte etwa sechs Millionen Unterschriften, blieb aber politisch erfolglos. Die Ostermärsche gegen atomare Aufrüstung wurden ab Ende der 1950er Jahre aus Großbritannien übernommen und in Deutschland von 1960 bis 1969 durchgeführt. Vietnamkrieg und Notstandsgesetzgebung brachten zusätzliche Unterstützung. Nach dem Zerfall der Bewegung Ende der 1960er Jahre blieb das Protestpotenzial latent; Friedens- und Konfliktforschung sowie die Zahl der Kriegsdienstverweigerer nahmen zu. 1974 fusionierte die Deutsche Friedensgesellschaft mit Wehrdienstverweigererverbänden zur DFG-VK.
Die Debatte über den NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979 führte zu einer neuen großen Friedensbewegung. Gegner sahen in der Stationierung neuer US-Raketen eine Eskalation des atomaren Wettrüstens und warnten vor einem Krieg durch Irrtum wegen verkürzter Vorwarnzeiten. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts spalteten Bürgerkriege und sogenannte humanitäre Interventionen die Friedensbewegung. Ein Flügel akzeptierte militärische Einsätze zum Schutz vor Menschenrechtsverletzungen, ein anderer wertete dies als Verrat am Pazifismus. Jürgen Habermas unterschied 1999 zwischen Rechtspazifismus, der eine verrechtlichte kosmopolitische Ordnung und bestimmte Interventionen befürworten kann, und Gesinnungspazifismus, der solche Einsätze ablehnt.
Der russische Überfall auf die Ukraine 2022 spaltete die Friedensbewegung erneut. Umstritten sind insbesondere Waffenlieferungen, zivile Widerstandsformen und das Risiko einer nuklearen Eskalation. Olaf L. Müller vertritt einen verantwortungsethischen Pazifismus, der menschliches Leid, Massensterben und unkontrollierbare Folgen berücksichtigt. Jörg Baberowski hält pazifistische Lösungen im Krieg für illusorisch, sieht Pazifismus aber im Frieden als wichtiges Korrektiv. Die 2023 von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer initiierte Petition Manifest für Frieden wurde kontrovers diskutiert.
Kritiker berufen sich auf „Si vis pacem, para bellum“ („Wenn du Frieden willst, bereite Dich zum Krieg“) und werfen gewaltlosem Pazifismus vor, notwendige Selbstverteidigung unmöglich zu machen. Jan Narveson bezeichnet diese Position als inkohärent, während Martin Ceadel zwischen Pazifismus als Doktrin der Gewaltfreiheit und Pazifizismus als politischem Einsatz für die Abschaffung von Kriegen unterscheidet. George Orwell kritisierte, Pazifismus könne unter bestimmten Bedingungen den Gegnern der Demokratie und sogar dem Nationalsozialismus nutzen. Die Debatte bleibt durch das Spannungsverhältnis zwischen unbedingter Gewaltfreiheit, Menschenrechtsschutz und verantwortlicher Folgenabwägung geprägt.