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Patriotismus
Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat oder dem Vaterland bezeichnet, häufig bezieht er sich auf die Nation.
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Kernbegriff und Formen
Patriotismus bezeichnet die emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat oder dem Vaterland und bezieht sich häufig auf die Nation. Im Deutschen ist „Vaterlandsliebe“ ein Synonym. Die Bindung kann sich auf ethnische, kulturelle, politische oder historische Merkmale beziehen und wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet.
Eine besondere Form ist der Verfassungspatriotismus. Er bedeutet das positive Bekenntnis zu den in einer Verfassung verankerten übernationalen ethischen und politischen Grundrechten und Wertvorstellungen. In der Tradition westlicher Rechtsstaaten gehören dazu die unveräußerliche Menschenwürde und die daraus abgeleiteten Menschenrechte, deren Geltung als universal verstanden wird.
Patriotismus wird häufig als staatsbürgerliches Ethos beschrieben: Menschen fühlen sich dem staatlichen Ganzen nicht nur als rechtlicher und politischer Ordnung, sondern auch als tragender Gemeinschaft verbunden. Diese Hingabe kann gefühlsbetont und leidenschaftlich sein. Der Historiker Otto Dann definiert Patriotismus als „sozialpolitisches Verhalten, in dem nicht die eigenen Interessen im Vordergrund stehen, sondern das Wohl aller, das bonum commune“.
Abgrenzung und wissenschaftliche Bewertung
Üblicherweise wird Patriotismus vom Nationalismus und vom Chauvinismus unterschieden. Patrioten identifizieren sich demnach mit dem eigenen Volk und Land, ohne dieses über andere zu stellen oder andere Völker ausdrücklich abzuwerten. Der deutsche Bundespräsident Johannes Rau fasste die Unterscheidung 1999 so zusammen: „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“
Nach dem Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung kann Patriotismus die Wertschätzung eigener Traditionen sowie kultureller und historischer Werte bedeuten. Er kann jedoch auch in nationale Arroganz, Chauvinismus und übersteigerten Nationalismus münden. In einem positiven, zeitgemäßen Verständnis kann Patriotismus dagegen als Bekenntnis zu demokratischen Grundlagen sowie zur Verteidigung von Grund- und Menschenrechten gelten.
Eine empirische Längsschnittstudie von 1997 kam zu dem Ergebnis, dass Patriotismus und Nationalismus unterscheidbar seien: Patriotismus könne mit Toleranz gegenüber Fremdgruppen und Minderheiten vereinbar sein, während Nationalismus mit Fremdgruppenabwertung und Antisemitismus verbunden werde. Die bloße Identifikation mit Deutschland sei danach keine direkte Ursache für Fremdgruppenabwertung oder Antisemitismus.
Diese klare Trennung ist jedoch umstritten. Historiker wie Dieter Langewiesche und Christian Jansen betonen, dass konstruktive und destruktive Elemente in historischen Nationsbildungsprozessen zusammenwirkten. Sozialpsychologische Studien des 21. Jahrhunderts kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass patriotische und nationalistische Einstellungen häufig gemeinsam auftreten. Christopher Cohrs stellte fest: „Menschen mit patriotischen Einstellungen lehnen Nationalismus nicht ab. Vielmehr geht beides oft Hand in Hand.“ Eine Studie von Adam Rutland zeigte bei Kindern einen engen Zusammenhang zwischen Zustimmung zur eigenen Nation und der Abwertung anderer Nationen. Wilhelm Heitmeyer kam in seiner Langzeituntersuchung Deutsche Zustände zu dem Ergebnis, dass eine positive Einstellung zur Demokratie und ihren Werten besser vor Fremdenfeindlichkeit und rassistischem Gedankengut schützt als eine patriotische Grundeinstellung. Deshalb werden Patriotismus und Nationalismus in der wissenschaftlichen Literatur teilweise synonym gebraucht.
Politische Entwicklung und Deutschland
In Mitteleuropa entwickelte sich der moderne Patriotismus aus dem revolutionären Liberalismus und Nationalismus des Bürgertums. Dieses strebte gegen den Feudalismus einen demokratisch verfassten Nationalstaat an. Die Idee einer Volksherrschaft „von unten“ setzte sich langfristig, ausgehend von der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, in den meisten europäischen Staaten als Verfassung und politisches Selbstverständnis durch.
Im deutschsprachigen Raum war im 18. Jahrhundert zunächst unklar, worauf sich Patriotismus beziehen sollte: auf die Heimatregion, einen Territorialstaat, eine Herrscherdynastie, das Heilige Römische Reich oder sogar auf die ganze Welt. Die Zeitschrift Der Patriot bezeichnete 1724 als Ideal einen Menschen, der „die gantze Welt als sein Vaterland, ja als eine eintzige Stadt“ betrachte. Friedrich Carl von Moser versuchte 1761, einen Reichspatriotismus zu begründen. Er unterschied die unreflektierte Vaterlandsliebe vom Patriotismus als Liebe zu den freien Gesetzen eines selbst gewählten Vaterlandes. Diese Vorstellung setzte sich nicht durch; andere Autoren verstanden etwa Preußen als Vaterland.
Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 und dem Versagen seiner Institutionen gegenüber Napoleon bezog sich der deutsche Patriotismus zunehmend auf die deutsche Nation. Der Wunsch nach nationaler Einheit war häufig mit einer Abgrenzung von Frankreich verbunden, besonders während der Rheinkrise 1840. In dieser Zeit entstanden patriotische Lieder wie Die Wacht am Rhein und das Deutschlandlied. Im Kaiserreich ab 1871 verstärkte sich die Tendenz zur „nationalen Überheblichkeit“, obwohl der Patriotismus weiterhin auch auf die einzelnen Gliedstaaten bezogen blieb. Otto von Bismarck schrieb, deutscher Patriotismus benötige meist „die Vermittlung dynastischer Anhänglichkeit“.
1914 erfasste die patriotische Welle auch die deutsche Arbeiterbewegung und trug zu ihrer Spaltung bei. Nach dem Ersten Weltkrieg nutzten die Nationalsozialisten Patriotismus, um Zustimmung für ihre verbrecherischen Ziele zu gewinnen. In der Bundesrepublik spielte Patriotismus wegen der nationalsozialistischen Verbrechen zunächst eine untergeordnete Rolle. Sichtbar wurden später vor allem Verfassungspatriotismus und „Party-Patriotismus“, etwa während der Fußballweltmeisterschaft 2006. Eine Studie von 2011 verglich 53 Staaten für die Jahre 1980 bis 2001: Deutschland hatte, noch hinter Japan, den geringsten Grad an Patriotismus; den höchsten erreichte Venezuela. Für 2009 wurden je nach Quelle 60 % beziehungsweise 83 % der Deutschen mit Stolz auf ihr Land angegeben. In einer Pew-Research-Center-Umfrage von 2020 waren es 53 %, der höchste Wert unter Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten. Die DDR entwickelte seit den 1970er Jahren einen eigenen sozialistischen Patriotismus zur Abgrenzung von der Bundesrepublik und zur ideologischen Integration der Bevölkerung.
Patriotismus in einzelnen Staaten
Österreich hatte nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Schwierigkeiten, eine eigenständige österreichische Identität und ein vom deutschen Nationalgefühl unterschiedenes Nationalgefühl zu entwickeln. In einer Studie von 2006 mit 33 Ländern war Österreich jedoch das europäische Land mit dem größten Nationalstolz und lag weltweit auf Platz 4. 2010 erklärten 81 % der Österreicher, stolz auf ihr Land zu sein. Besonders stolz waren sie auf die Natur (83 %) und das Essen (55 %); auf ihre Politiker waren nur 3 % stolz. 2013 fühlten sich 64 % sehr mit Österreich, aber nur 9 % sehr mit der Europäischen Union verbunden.
In der Schweiz entwickelte sich Patriotismus nach der Gründung des demokratischen Bundesstaates 1848. Er bezog sich jedoch häufig stärker auf eine der Sprachgruppen: Deutsch, Italienisch, Französisch oder Rätoromanisch. Einen Höhepunkt erreichte er angesichts der Bedrohung durch den NS-Staat in der geistigen Landesverteidigung. Heute kann politischer Patriotismus, etwa die verbreitete Skepsis gegenüber einem EU-Beitritt, als Verfassungspatriotismus zur Verteidigung der direkten Demokratie verstanden werden.
In Frankreich war „Patriot“ während der Französischen Revolution ein wirksames politisches Schlagwort. Im Dezember 2011 forderte der Präsidentschaftskandidat François Bayrou mit „achetez français!“ zum Kauf französischer Waren auf; danach stiegen seine Umfragewerte auf 13 %. Nicolas Sarkozy erwog daraufhin ein Label „Origine France Garantie“, während François Hollande für mehr „industriellen Patriotismus“ eintrat.
In den USA ist Patriotismus besonders stark ausgeprägt. In vielen Bundesstaaten sprechen Schüler gemeinsam den Treueschwur, den Pledge of Allegiance, und viele Häuser zeigen die Nationalflagge. Umstrittene Regierungsentscheidungen wurden teilweise durch patriotische Appelle und symbolische Bezeichnungen wie „USA PATRIOT Act“ unterstützt. Kritiker sehen darin ein Mittel, öffentliche Kritik als „un- bzw. antiamerikanisch“ aus dem politischen Diskurs auszuschließen. Charakteristisch ist außerdem die enge Verbindung politischer Symbole mit religiösen Symbolen, Ritualen und Werten des meist protestantischen Christentums.
Besondere Ausprägungen
Zu den speziellen Ausprägungen des Patriotismus zählen Lokalpatriotismus, Hurra-Patriotismus und Verfassungspatriotismus. Patriotische Gefühle können sich außerdem im internationalen Sport zeigen, besonders bei Fußballwettkämpfen. Manche Menschen verstehen auch den bevorzugten Kauf im eigenen Land hergestellter Waren als patriotisches Verhalten. Beispiele dafür sind die britische Kampagne „Buy British!“ von 1931 während der Weltwirtschaftskrise, der amerikanische Buy American Act von 1933 und die isländische Aufforderung „Kaupid islenzkar Vörur!“.
Patriotische Selbstbezeichnungen können politisch unterschiedlich verwendet werden. Rechtsextreme und Rechtspopulisten bezeichnen sich teilweise selbst als „Patrioten“, etwa im Namen der Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA). Deshalb wird Patriotismus bisweilen als Gleichsetzung mit Nationalismus oder als beschönigende Bezeichnung für nationalistische Ansichten verstanden.