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Geographie
Weitere sozialwissenschaftlich orientierte Bereiche der Geographie stellen die Bevölkerungsgeographie, die Bildungsgeographie und die Religionsgeographie dar.
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Schreibweise
Geographie beziehungsweise Geografie, auch Erdkunde genannt, ist die Wissenschaft von der Erde. Sie untersucht die Erde sowohl in ihrer physischen Beschaffenheit als auch als Raum und Ort des menschlichen Lebens und Handelns. Damit steht sie an der Schnittstelle zwischen Naturwissenschaften sowie Geistes- und Sozialwissenschaften.
Gegenstand der Geographie ist die Erfassung, Beschreibung und Erklärung von Strukturen, Prozessen und Wechselwirkungen in der Geosphäre. Die physikalische, chemische und biologische Erforschung einzelner Erscheinungen ist dagegen Aufgabe spezialisierter Geowissenschaften.
Bis zur amtlichen Neuregelung der deutschen Rechtschreibung war nur „Geographie“ korrekt. Seit 1996 ist auch „Geografie“ zulässig. Seit 2004 wird keine der beiden Schreibweisen amtlich bevorzugt. Im amtlichen Regelteil des Rats für deutsche Rechtschreibung wird ausschließlich „Geografie“ verwendet; in wissenschaftlichen Texten und unter Fachleuten ist „Geographie“ jedoch weiterhin häufig.
Entwicklung der Geographie
Geographisches Wissen wurde nach der historischen Überlieferung zuerst in der griechischen Antike systematisch bedeutsam. Anaximander aus Milet soll um 550 v. Chr. als Erster eine Karte der Erde und der Meere skizziert haben. Herodot von Halikarnassos (484–424 v. Chr.) verfasste zahlreiche geographische Berichte. Die Eroberungen Alexanders des Großen erweiterten den Kenntnisstand bis weit nach Asien. Es entstanden Itinerarien, also Straßenbeschreibungen und Verzeichnisse von Reisestationen, sowie Periploi, praktische Reisehandbücher für Seefahrer und Kaufleute, die häufig auf persischen oder parthischen Quellen beruhten.
Neben physischer und kulturgeographischer Forschung entwickelten sich Ansätze einer mathematischen Geographie. Eratosthenes (ca. 273–194 v. Chr.) berechnete erstmals den Erdumfang. Strabon verfasste um die Zeitenwende eines der am besten erhaltenen geographischen Werke der Antike. Claudius Ptolemäus (ca. 100–170) sammelte topographisches Wissen von Seefahrern und gab Anleitungen zum Zeichnen von Landkarten. Die Römer übernahmen und erweiterten griechische Erkenntnisse. Im europäischen Mittelalter geriet die Geographie weitgehend in Vergessenheit, während wichtige Impulse aus China und der mittelalterlichen islamischen Welt kamen. Albertus Magnus beschrieb die Abhängigkeit der Eigenschaften eines Ortes von seiner geographischen Lage. 1514 führte der Wiener Astronom Georg Tannstetter die physische Geographie in die universitäre Lehre ein.
Die neuzeitliche Geographie wurde von Bartholomäus Keckermann (1572–1608) und Bernhard Varenius (1622–1650) begründet. Sie unterschieden die „Allgemeine Geographie“ (geographia generalis) von der Regionalen Geographie beziehungsweise Länderkunde (geographia specialis). Johann Hübner (1668–1731) und Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes (1685–1770) verbreiteten das Fach im frühen 18. Jahrhundert durch Lehrbücher, Lexika und Atlanten. In der Aufklärung wurden Naturerscheinungen zunehmend wissenschaftlich erklärt, unter anderem von Johann Gottfried Herder (1744–1803) und Georg Forster (1754–1794). Anton Friedrich Büsching (1724–1793) beschrieb in seiner elfbändigen Neuen Erdbeschreibung Länder und ihre Wirtschaft.
Alexander von Humboldt (1769–1859) und Carl Ritter (1779–1859) begründeten die moderne wissenschaftliche Geographie. Im 19. Jahrhundert entstanden geographische Gesellschaften, und die universitäre Institutionalisierung wurde besonders mit der Gründung des Deutschen Reichs vorangetrieben. Ferdinand von Richthofen (1833–1905) definierte Geographie als „Wissenschaft von der Erdoberfläche und den mit ihr in ursächlichem Zusammenhang stehenden Dingen und Erscheinungen“.
Dem Geodeterminismus, der den Einfluss der Erdoberfläche und natürlicher Bedingungen stark betonte, standen der Possibilismus von Paul Vidal de la Blache (1845–1918) und die Chorologie von Alfred Hettner (1859–1941) gegenüber. Élisée Reclus (1830–1905) verband die Geographie früh mit der Soziologie. Gleichzeitig wurde der Einfluss des Menschen auf seine Umwelt zunehmend politisch bedeutsam, etwa durch die Entstehung der ersten Nationalparks. Die deutsche Geographie wurde jedoch auch von sozialdarwinistischen und völkischen Positionen geprägt, unter anderem durch Alfred Kirchhoff (1838–1907), Friedrich Ratzel (1844–1904) und Albrecht Penck (1859–1945). Solche Ansichten fanden besonders in der Geopolitik Anwendung, die unter anderem von Halford Mackinder (1861–1947) und Karl Haushofer (1869–1946) formuliert wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Carl Troll (1899–1975), Karlheinz Paffen (1914–1983), Ernst Neef (1908–1984) und Josef Schmithüsen (1909–1984) die Landschaftsökologie weiter. Hans Bobek (1903–1990) und Wolfgang Hartke (1908–1997) prägten die Sozialgeographie. Eine stärker auf Raumplanung ausgerichtete Geographie entstand zunächst in Schweden durch Torsten Hägerstrand (1916–2004) und im angloamerikanischen Raum, unter anderem auf Grundlage der Arbeiten Walter Christallers (1893–1969). Seit dem Ende der 1960er Jahre, der sogenannten Quantitativen Revolution, verstand sich die deutschsprachige Geographie zunehmend als angewandte Wissenschaft. Sie befasste sich stärker mit Städtebau, ländlicher Entwicklung, Raumplanung und Umweltschutz. Zugleich entstand eine kritische Geographie, die die gesellschaftspolitische Verantwortung des Fachs betonte. Die zunehmende Spezialisierung führte zur heutigen Vielfalt der Teildisziplinen und zur Aufteilung in Physische Geographie und Humangeographie.
Teilgebiete und Ordnungsschemata
Das heute besonders bedeutsame Drei-Säulen-Modell unterscheidet die Physische Geographie, die Humangeographie und einen interdisziplinären Bereich als dritte Säule. Die Teilgebiete der Physischen Geographie sind insgesamt eng mit den Naturwissenschaften verbunden; die Unterdisziplinen der Humangeographie sind untereinander stark vernetzt.
Die Physische Geographie, auch Physiogeographie, untersucht vor allem die natürlichen Bestandteile und Strukturen der Erdoberfläche. Menschliche Tätigkeiten werden ebenfalls berücksichtigt, wenn sie zur Erklärung der Landschaftsgenese beitragen. Zu ihren Teilgebieten gehören Biogeographie, Geobotanik beziehungsweise Pflanzengeographie, Phylogeographie, Vegetationsgeographie, Geozoologie beziehungsweise Zoogeographie, Bodengeographie, Geomorphologie, Geoökologie, Landschaftsökologie, Stadtökologie, Hydrogeographie sowie Klimageographie beziehungsweise Klimatologie.
Die Humangeographie, auch Anthropogeographie und selten Kulturgeographie genannt, untersucht den Einfluss des Menschen auf den geographischen Raum und den Einfluss des Raums auf den Menschen. Beispiele sind die räumliche Verteilung der Bevölkerung und von Wirtschaftsgütern. Hartmut Leser definierte sie 2001 als den „Teilbereich der Allgemeinen Geographie, der sich mit der Raumwirksamkeit des Menschen und mit der von ihm gestalteten Kulturlandschaft und ihren Elementen in ihrer räumlichen Differenzierung und Entwicklung befasst.“ Sozialgeographie und Kulturgeographie gelten als Kerngebiete. Weitere Bereiche sind politische Geographie, Bevölkerungs-, Bildungs- und Religionsgeographie sowie Kriminal-, Sprach- und Wahlgeographie. Klassische Teilgebiete der gebauten Umwelt sind Siedlungsgeographie, Geographie ländlicher Räume, Stadt- und Verkehrsgeographie. Zur Wirtschaftsgeographie gehören unter anderem Agrar-, Industrie-, Handels- und Tourismusgeographie; die Energiegeographie ist eine zunehmend wichtige Querschnittsdisziplin.
Die Historische Geographie nimmt eine Sonderstellung ein. Sie war zunächst vor allem mit genetischer Siedlungsforschung befasst, ist heute aber stark interdisziplinär und besonders mit der Umweltgeschichte verbunden. Anwendungsbereiche sind Kulturlandschaftsforschung, Waldgeschichte, Wüstenbildungsforschung und Flusslaufdokumentation. Die geographische Diffusionsforschung untersucht die raum-zeitliche Ausbreitung von Phänomenen.
Natur- und sozialwissenschaftliche Ansätze überschneiden sich besonders bei Mensch-Umwelt-Beziehungen. Untersucht werden die Folgen menschlichen Handelns für die Natur und deren Rückwirkungen auf die Gesellschaft. Die Geographie ist dabei an der interdisziplinären Erforschung von Mensch-Umwelt-Systemen beteiligt, etwa in der Gebirgs-, Küsten-, Polar-, Tropen- und Wüstenforschung.
Allgemeine, regionale und angewandte Geographie
Eine traditionelle Ordnung unterscheidet Allgemeine Geographie und Regionale Geographie. Die Allgemeine Geographie untersucht nomothetisch, also mit Blick auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten, die Geofaktoren der Geosphäre. Geofaktoren sind beispielsweise Wasser, Boden und Klima. Im Mittelpunkt steht meist ein Geofaktor und seine Wechselwirkungen mit anderen. Physische Geographie und Humangeographie gelten in diesem Schema als Teile der Allgemeinen Geographie.
Die Regionale Geographie oder Spezielle Geographie untersucht idiographisch oder typologisch bestimmte Teilgebiete der Geosphäre. Eine Region, etwa ein Land oder eine Landschaft, wird in Bezug auf Raum und Zeit, abiotische und biotische Faktoren, den Menschen sowie deren Wechselwirkungen analysiert. Räumliche Elemente, Strukturen, Prozesse und Funktionsweisen werden erfasst, klassifiziert und erklärt. Die Regionale Geographie umfasst einzelne Fachrichtungen wie Bevölkerungs-, Siedlungs- und Stadtgeographie oder Biogeographie sowie die Länderkunde und die Landschaftskunde. Die Länderkunde untersucht einzelne Raumindividuen, die Landschaftskunde Raumtypen.
Länder- und Landschaftskunde galten bis weit ins 20. Jahrhundert als eigentlicher Kern des Fachs. Sie werden weiterhin betrieben, ihre wissenschaftliche Bedeutung wird jedoch teilweise kritisch bewertet. Die Regionale Geographie beschäftigt sich heute zunehmend mit dem Vorgang der Regionalisierung selbst und ist damit auch Teil der Sozial- und Wirtschaftsgeographie sowie der Regionalwissenschaft.
Die Angewandte Geographie entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Abgrenzung zur Theoretischen Geographie. Sie analysiert und plant räumliche Strukturen und Prozesse und sucht Lösungen für raumbezogene Probleme. Zu ihren Anwendungsgebieten gehören Raumplanung und Umweltschutz. Normative Ausrichtungen beziehen sich insbesondere auf Nachhaltigkeit und Gesundheit. Beispiele sind Geographische Entwicklungsforschung, Geographische Risikoforschung und Medizinische Geographie.
Geographie in Schule und Unterricht
Schulgeographie bezeichnet das Schulfach Geographie, auch Erdkunde genannt, sowie die Ausbildung für das Lehramt. In Österreich heißt das Fach Geographie und wirtschaftliche Bildung. Zentrales Anliegen ist die Geographiedidaktik, also die fachbezogene Wissenschaftsdidaktik.
Die Schulgeographie befasst sich mit der systematischen Reduzierung wissenschaftlicher Inhalte, der Bildung von Paradigmen und dem didaktischen Aufbau des Fachs für verschiedene Schultypen. Dazu gehören die Erstellung von Lehrplänen und die Auswahl von Lerninhalten. Lehre und Lernen greifen auf sechs Basiskonzepte zurück, die als Strukturhilfen und Leitideen dienen. Das übergeordnete Basiskonzept ist das „(Mensch-Umwelt-)System“. Es wird mit den Konzepten „Struktur-Funktion-Prozess“, „Maßstabsebenen“, „Raumkonzepte“, „Nachhaltigkeitsviereck“ und „Zeithorizonte“ untersucht.
Im weiteren Sinn umfasst Geographiedidaktik auch hochschulische Lehre, Schulkartografie, Weiterbildung, Beratung und Information. Angewandte Tätigkeiten sind beispielsweise die Erstellung von Lehrbüchern, Lehrsendungen, geographischen Dokumentationen und Kartenwerken sowie Fachberatung und Öffentlichkeitsarbeit.
Methoden, Geoinformatik und Wahrnehmung
Als Brückenfach zwischen Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nutzt die Geographie eine große methodische Vielfalt. Karten und Geographische Informationssysteme (GIS) sind in allen Teilbereichen wichtige Darstellungs- und Forschungsmethoden. Zusätzlich werden Verfahren aus den jeweiligen Nachbardisziplinen eingesetzt.
Die Vergleichende Geographie wurde im 19. Jahrhundert von Carl Ritter und Oskar Peschel begründet. Sie setzt zwei typologische Kategorien zueinander in Beziehung.
Die Geoinformatik verwendet Methoden der Informatik zur Bearbeitung geographischer Fragestellungen. Zu ihren Aufgabenfeldern gehören:
- Geographische Informationssysteme (GIS): Sie sammeln, verarbeiten, analysieren und kartographisch darstellen räumliche Daten.
- Digitale Kartografie: Sie beschränkt sich auf die Visualisierung räumlicher Daten.
- Fernerkundung: Satelliten- oder luftfahrtgestützte Beobachtung der Erde, bei der Sensoren elektromagnetische Strahlung erfassen.
- Modellierung: Idealisierte Nachbildung realer Phänomene zur Erstellung von Prognosen, etwa durch Klima- oder Abflussmodelle.
- Statistik: Softwaregestützte Auswertung von Datensätzen mit statistischen Methoden, einschließlich der Geostatistik.
Die ästhetische Dimension betrifft besonders die Landschaftsgeographie. Gerhard Hard argumentierte nach 1968, dass ihr Wahrnehmungsmuster aus der Landschaftsmalerei zugrunde liegen. Landschaftsbezogene Forschungsrichtungen wie die Landschaftsökologie würden ihren Gegenstand demnach zunächst ästhetisch bestimmen und erst anschließend mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen. Dadurch könnten ästhetische Voraussetzungen innerhalb der Fachwelt unbewusst bleiben.
Gábor Paál sieht trotz wechselnder fachlicher Ausrichtungen ein kontinuierliches ästhetisches Grundmerkmal: Geographinnen und Geographen untersuchen räumliche Muster, insbesondere in Größenordnungen vom Bereich dessen, was das menschliche Auge noch ohne große Anstrengung erkennt, bis zur gesamten Erdoberfläche. Die ausdrückliche Untersuchung von Umweltwahrnehmungen wird als Wahrnehmungsgeographie bezeichnet.
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