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Ghetto Theresienstadt

Das Ghetto Theresienstadt war während des Zweiten Weltkrieges das größte NS-Ghetto im Protektorat Böhmen und Mähren. Es wurde durch die deutschen Besatzer …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Funktion
  2. 2. Einrichtung, Verwaltung und Deportationen
  3. 3. Internierte, Opfer und Kinder
  4. 4. Täuschung als „Alters-“ und Vorzeigeghetto
  5. 5. Alltag, Kultur und Umgang mit den Toten
  6. 6. Kriegsende, Befreiung und Erinnerung

Bedeutung und Funktion

Das Ghetto Theresienstadt bestand von November 1941 bis Mai 1945 in der ehemaligen Garnisonsstadt Theresienstadt, tschechisch Terezín. Es war das größte nationalsozialistische Ghetto im Protektorat Böhmen und Mähren und diente als Sammel- und Durchgangslager: Jüdinnen und Juden wurden dort zusammengeführt, festgehalten und größtenteils in Vernichtungslager im Osten weiterdeportiert. Theresienstadt war damit ein Bestandteil der nationalsozialistischen Verfolgung und geplanten Vernichtung der europäischen Juden, die das NS-Regime verharmlosend als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnete.

Die Bezeichnungen „Ghetto“, „jüdischer Wohnbezirk“ und „Judensiedlung“ verschleierten den tatsächlichen Charakter des Lagers. Sie sollten einen längerfristigen Aufenthalt und eine gewisse Selbstständigkeit vortäuschen. Hans Günther Adler bezeichnete Theresienstadt bereits 1955 als eine besondere Form des Konzentrationslagers. Die Häftlinge waren einer SS-Kommandantur unterworfen, wurden unter katastrophalen Bedingungen festgehalten und waren ständig von Deportation und Tod bedroht.

Von der Garnisonsstadt getrennt war die Kleine Festung. Dort richtete die Gestapo bereits im Juni 1940 ein Gefängnis ein. Menschen, die aus dem Ghetto mit dem Vermerk „RU“ für „Rückkehr unerwünscht“ dorthin überstellt wurden, waren besonders gefährdet. Die Kleine Festung diente als Durchgangsstation zwischen Untersuchungshaft, Gefängnissen und Konzentrationslagern; Folterungen und Ermordungen gehörten zu ihrem Alltag.

Einrichtung, Verwaltung und Deportationen

Am 10. Oktober 1941 beschlossen unter anderem Adolf Eichmann und Hans Günther, Theresienstadt in ein Sammel- und Durchgangslager für die jüdische Bevölkerung des Protektorats Böhmen und Mähren umzuwandeln. Die Lage nahe dem Reichsgau Sudetenland, die Bahnanbindung über Bauschowitz und die Festungsmauern erleichterten Transporte und Bewachung. Nach einem Räumungsbefehl vom 16. Februar 1942 musste die ursprüngliche Stadtbevölkerung ihre Wohnungen verlassen.

Am 24. November 1941 traf das erste sogenannte Aufbaukommando aus Prag ein. Seine Mitglieder mussten die Stadt für den Lagerbetrieb vorbereiten und die interne Verwaltung aufbauen. Bereits am 9. Januar 1942 ging der erste „Transport in den Osten“ mit 1.000 Häftlingen ab. Die SS bestimmte Zahl und Kategorien der zu deportierenden Menschen; innerhalb dieser Vorgaben musste die jüdische Verwaltung die Betroffenen auswählen.

Nach außen bestand eine „jüdische Selbstverwaltung“ mit einem Ältestenrat und einem „Judenältesten“. Sie musste Unterbringung, Ernährung, medizinische Versorgung und Kinderbetreuung organisieren, besaß aber keine wirkliche Entscheidungsfreiheit. Alle wesentlichen Entscheidungen lagen beim SS-Lagerkommandanten und der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag“. Judenälteste waren Jakob Edelstein von 1941 bis Januar 1943, anschließend Paul Eppstein bis zu seiner Ermordung im September 1944 und zuletzt Benjamin Murmelstein. Lagerkommandanten waren Siegfried Seidl, Anton Burger und Karl Rahm. Die spätere Bezeichnung „Dienststellenleiter“ sollte den Konzentrationslagercharakter zusätzlich verschleiern.

Im Mai 1942 waren bereits mehr als 28.000 Menschen deportiert worden; im September lebten über 58.000 Menschen an einem Ort, der zuvor für etwa 7.000 Einwohner bestimmt gewesen war. Rund 30.000 waren alt oder krank, darunter 4.000 Menschen mit Behinderungen und 1.000 Blinde. Viele hatten keinen eigenen Schlafplatz.

Internierte, Opfer und Kinder

Insgesamt waren 141.184 Menschen erfasst. Die größten Gruppen kamen aus Böhmen und Mähren mit 73.500 Personen, aus dem Deutschen Reich mit 42.821 und aus Österreich mit 15.266. Hinzu kamen unter anderem 4.894 Menschen aus den Niederlanden, 1.447 aus der Slowakei, 1.260 Kinder aus Bialystok, 1.150 Menschen aus Ungarn und 476 aus Dänemark. Während der letzten Kriegstage trafen zusätzlich etwa 13.000 Gefangene aus aufgelösten Konzentrationslagern ein.

Die Zahlen verdeutlichen die Vernichtungsfunktion des Lagers: 88.202 Menschen wurden in Vernichtungslager deportiert, 33.456 starben in Theresienstadt, 1.654 wurden befreit, 764 flohen und 276 wurden festgenommen und vermutlich ermordet. Am 9. Mai 1945 waren 16.832 Menschen übrig. Von den etwa 88.000 Deportierten überlebten nur ungefähr 4.000. Im einleitenden Überblick werden mehr als 35.000 Tote infolge der Haftbedingungen genannt; die detaillierte Abgangsstatistik nennt 33.456 in Theresienstadt Verstorbene.

Unter den Häftlingen waren etwa 9.000 Kinder. Die lange verbreitete Zahl von 15.000 beruhte nach den Historikern Margita Kárná und Miroslav Kárný auf einer fehlerhaften Berechnung. Insgesamt überlebten mehr als 2.000 Kinder unter 15 Jahren. Nach Angaben des Terezín Memorial starben etwa 7.500 Kinder in Vernichtungslagern, 400 direkt in Theresienstadt; 1.600 Kinder unter 15 Jahren wurden dort befreit.

Die Kinder lebten nach Geschlecht und Alter getrennt in „Kinderheimen“. Ihre Betreuer, auch Madrichim genannt, erteilten heimlich Unterricht. Die Selbstverwaltung gab ihnen etwas mehr Nahrung, was jedoch die Überlebenschancen älterer Menschen verringerte. Im Knabenheim L417 entstand 1942 bis 1944 die selbst gestaltete Zeitschrift Vedem!; etwa 700 Seiten konnten gerettet werden. Erhalten blieben außerdem zahlreiche Gedichte und Bilder von Kindern.

Täuschung als „Alters-“ und Vorzeigeghetto

Nach der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 wurde Theresienstadt zusätzlich als „Altersghetto“ für deutsche und andere europäische Juden über 65 Jahre, Schwerkriegsbeschädigte, Kriegsausgezeichnete und sogenannte Prominente vorgesehen. Ihnen wurden betrügerische Heimeinkaufsverträge angeboten, die angemessene Unterkunft, Nahrung und medizinische Versorgung versprachen. So brachte das Reichssicherheitshauptamt das Vermögen der Deportierten in seinen Besitz. Tatsächlich waren auch diese Menschen in das Vernichtungsprogramm einbezogen.

Als die dänische Regierung nach der Deportation von 476 dänischen Juden eine Kontrolle verlangte, gestaltete die SS das Lager ab Dezember 1943 monatelang um. Um die Überbelegung zu verbergen, wurden mehr Menschen nach Auschwitz deportiert. Cafés, ein „Kinderpavillon“ und andere Einrichtungen wurden für die Inspektion hergerichtet. Am 23. Juni 1944 besichtigte eine Kommission des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz das Lager und sah unter anderem eine Aufführung der Kinderoper Brundibár. Vertrauliche Einzelgespräche mit Häftlingen gab es nicht.

Anschließend entstand der Propagandafilm Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet. Der inhaftierte Regisseur Kurt Gerron musste ein angeblich normales Leben mit Arbeit, Freizeit, Fußball, Duschen und guten Unterkünften darstellen. Gedreht wurde vom 1. bis 11. September 1944; im März 1945 wurde der Film erstmals im besetzten Prag gezeigt. Nach den Dreharbeiten wurden Gerron und die meisten Mitwirkenden nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Auch inhaftierte Künstler mussten Propagandamaterial herstellen. Gleichzeitig dokumentierten sie heimlich die wirklichen Zustände. Nachdem Zeichnungen in die Schweiz gelangt waren, wurden am 17. Juli 1944 vier Künstler festgenommen. Ferdinand Bloch wurde nach Folterungen ermordet; Otto Ungar wurde die rechte Hand verstümmelt und mit Leo Haas und Bedřich Fritta nach Auschwitz deportiert. Haas überlebte und rettete 1945 versteckte Werke.

Alltag, Kultur und Umgang mit den Toten

Trotz Hunger, Enge, Krankheit, Zwang und Todesgefahr organisierten Häftlinge kulturelle, religiöse, sportliche und philosophische Aktivitäten. Mehr als 2.000 Gefangene wirkten daran mit. In der selbst organisierten „Universität Theresienstadt“ hielten Häftlinge Vorträge; außerdem bestand eine Bibliothek aus mitgebrachten Büchern. Die SS duldete vieles, weil sie die Kultur propagandistisch nutzen und als Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung einsetzen konnte. Werke mit erkennbarer Kritik wurden jedoch nicht aufgeführt, darunter die Oper Der Kaiser von Atlantis von Viktor Ullmann und Peter Kien.

Die Kinderoper Brundibár von Hans Krása und Adolf Hoffmeister wurde im Lager 55-mal gespielt. Während die zehn Solorollen möglichst gleich besetzt blieben, mussten die 40 Chormitglieder wegen der fortlaufenden Deportationen häufig ersetzt werden. Viele Beteiligte und der Komponist Hans Krása wurden später ermordet.

Die hohe Sterblichkeit erreichte im Herbst 1942 mit mehr als 100 Toten täglich ihren Höhepunkt. Bis August 1942 wurden Verstorbene in Holzsärgen und Einzelgräbern beigesetzt; danach entstanden Massengräber für jeweils 35 bis 60 Menschen. Zwischen Dezember 1941 und Oktober 1942 wurden auf dem jüdischen Friedhof 8.903 Opfer in 1.250 Einzelgräbern und 270 Massengräbern bestattet.

Ende 1942 ließ die Lagerleitung ein Krematorium mit vier dieselbeölbeheizten Verbrennungsöfen errichten. Dort wurden Tote aus der Garnisonsstadt, der Kleinen Festung und später aus dem Außenlager Leitmeritz eingeäschert. Das Register verzeichnete für 1942 bis 1945 ungefähr 30.000 Opfer. Die Asche wurde zunächst in beschrifteten Behältern im Kolumbarium aufbewahrt. Im November 1944 ließ die Lagerleitung zur Beseitigung von Spuren die Asche von 22.000 Häftlingen in die Eger schütten.

Zum Ghetto gehörten außerdem neun aufgeführte Außenlager beziehungsweise Außenkommandos, darunter Budweis, Kladno, Wulkow und Schnarchenreuth. Fluchtversuche waren selten erfolgreich. Am 6. Dezember 1944 entkamen Miloš Ešner, Josef Mattas und Frantisek Maršik durch eine Mauerbresche; auch Zdeněk Vlasta und Václav Steka überlebten nach ihrer Flucht aus Arbeitskommandos.

Kriegsende, Befreiung und Erinnerung

Kurz vor Kriegsende erreichte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz nach Verhandlungen mit der SS die Ausreise einiger Gefangener. Ein Transport mit 1.200 Jüdinnen und Juden verließ Theresienstadt am 5. Februar 1945 und kam am 7. Februar in der Schweiz an; weitere Transporte scheiterten an Adolf Hitlers Veto. Am 15. April 1945 wurden die überlebenden dänischen Juden im Rahmen der Rettungsaktion der Weißen Busse nach Schweden gebracht.

Am 5. Mai 1945 übergab die SS dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz die Verantwortung für Theresienstadt. Die Rote Armee erreichte den Ort am 8. Mai und zog am Morgen des 9. Mai in das Lager ein. Daher gilt der 9. Mai 1945 als Tag der Befreiung. Die Kleine Festung wurde anschließend mehrere Jahre als Internierungslager genutzt.

Heute ist die ehemalige Garnisonsstadt wieder eine städtische Siedlung. In der Kleinen Festung besteht eine staatliche Gedenkstätte; in der früheren Schule befindet sich seit 1991 das Ghetto-Museum. Erhaltene Tagebücher, Kinderzeichnungen, Gedichte, Musikstücke, Zeitschriften und heimlich geschaffene Kunstwerke dokumentieren den Lageralltag und widersprechen der nationalsozialistischen Propaganda. Sie erinnern zugleich an die Gefangenen, die in Theresienstadt starben, von dort in Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden oder die Verfolgung überlebten.

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