Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kontroversen um die Bibel

Im Mittelalter kam die Kritik vorwiegend von islamischer Seite und wurde in der christlichen Welt kaum beachtet. Erst in der Neuzeit begannen die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundkonflikt
  2. 2. Texte, Überlieferung und Auslegung
  3. 3. Schöpfung und Naturwissenschaft
  4. 4. Sünde, Gerechtigkeit und Gottesbild
  5. 5. Ethik, Gewalt und Geschlechterverhältnisse
  6. 6. Bibelkritik und Bibelverständnisse

Gegenstand und Grundkonflikt

Kontroversen um die Bibel sind kritische Auseinandersetzungen über historische Zuverlässigkeit, Autorschaft, Kanonisierung, Auslegung, Schöpfungslehre, Gottesbild, Ethik und Vorstellungen vom Menschen. Kritik richtet sich heute oft nicht nur gegen Bibeltexte, sondern gegen ihre christliche Interpretation und Verwendung; sie überschneidet sich deshalb mit Kirchen- und Religionskritik.

Kritik gab es bereits in der Antike, etwa durch Kelsos im 2. Jahrhundert n. Chr. und Porphyrios im 3. Jahrhundert. Kirchenväter erwiderten darauf. Seit der Neuzeit stehen Bibelkritiker und Apologeten, also Verteidiger der Bibel, breiter einander gegenüber.

Ein Grundkonflikt betrifft die Wahrheitsfindung: Buchreligionen begründen Wahrheit traditionell durch göttliche Offenbarung und Schriftstudium. Wissenschaft prüft dagegen Vorhersagen von Theorien experimentell. Konflikte entstehen, wenn beide Aussagen über dasselbe Thema machen. Manche vertreten mehrere parallele Wahrheiten. Besonders betroffen sind Kosmologie, Evolution, Geologie, Anatomie sowie Geschichte und Archäologie. Ob biblische Aussagen hier mit Wissenschaft kollidieren, hängt auch davon ab, ob sie wörtlich, übertragen oder mythologisch ausgelegt werden. Bemühungen um ein Nebeneinander von Wissenschaft und Religion bestehen weiter; Debatten über Kreationismus und Intelligent Design zeigen jedoch fortdauernde Konflikte.

Texte, Überlieferung und Auslegung

Zur historischen Zuverlässigkeit wird angeführt, dass Teile des Alten Testaments erst viele hundert Jahre nach den erzählten Ereignissen oder ihren ersten Überlieferungen ihre endgültige Fassung erhielten. Die Evangelien und die Apostelgeschichte des Lukas wurden etwa 30 bis 70 Jahre nach dem Tod Jesu von Nazaret in ihre heutige Form gebracht; frühe schriftliche Sammlungen wie die hypothetische Logienquelle Q oder ein Passionsbericht bleiben dabei möglich.

Kritiker nennen mögliche Mythenbildung während mündlicher Überlieferung, weltanschauliche und theologische Prägung durch Verfasser, spätere Bearbeitungen durch mehrere Autoren, Widersprüche – etwa bei Jesu Vorfahren – und möglicherweise unzutreffende historische Angaben. Auch die Autorschaft ist umstritten: Beispielsweise wird weithin bezweifelt, dass Paulus die Pastoralbriefe schrieb, obwohl sie sich als Briefe des Paulus von Tarsus ausgeben. Das wirft die Frage der Pseudepigraphie auf, also einer Schrift unter fremdem Namen. Ob eine solche Praxis als Täuschung oder als damals teils akzeptierter „frommer Betrug“ (pia fraus) zu bewerten sei, bleibt strittig.

Bei der Kanonisierung geht es um die Frage, ob die Zusammenstellung der biblischen Schriften göttlich bestimmt oder ein über Jahrhunderte erfolgtes menschliches Verfahren war. Unterschiedliche Kanontraditionen der Konfessionen gelten Kritikern als Hinweis auf menschliche Entscheidungen. Handschriften enthalten zudem Varianten, und Übersetzungen unterscheiden sich. Editionshinweise machen unsichere Stellen, mögliche Verluste und spätere Zusätze kenntlich, etwa am Ende des Markusevangeliums. Für Kritiker stellt sich damit die Frage, welche Fassung als verbindliches Wort Gottes gelten kann; Befürworter der Irrtumslosigkeit beziehen diese meist auf nicht erhaltene Originalmanuskripte.

Auch Kirchen, die die Bibel Wort Gottes nennen, halten Auslegung für nötig. Katholisch ist die verbindliche Auslegung dem Lehramt, dem Papst und den mit ihm verbundenen Bischöfen anvertraut. Martin Luthers Sola scriptura setzt die Heilige Schrift als Maßstab; sie lege sich selbst aus. Für Luther ist Jesus Christus das eigentliche menschgewordene Wort Gottes, weshalb das, „was Christum treibet“, innerbiblischer Maßstab wird. Textkritik untersucht außerdem erzählerische Perspektiven, um Verfasser, Bearbeitungen, Fehler oder Spannungen zu erkennen. So wird Mk 10,12 EU unterschiedlich beurteilt: Die dort genannte Scheidungsmöglichkeit der Frau passt zum römischen, nicht aber zum jüdischen Recht; daraus werden unterschiedliche Schlüsse über Verfasser und Jesuswort gezogen.

Schöpfung und Naturwissenschaft

Die biblischen kosmologischen Vorstellungen unterscheiden sich grundlegend von heutigen wissenschaftlichen Auffassungen. Umstritten war und ist, ob die Bibel eine flache Erde nahelege und ob geozentrisches oder heliozentrisches Weltbild mit ihr vereinbar sei. Die heute gängige theologische Lehrmeinung akzeptiert, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht. Viele Autoren im katholischen Umfeld und in den evangelischen Kirchen Deutschlands sehen auch die Urknalltheorie als im Wesentlichen richtige naturwissenschaftliche Beschreibung der Entstehung des Universums. Die Bibel beantworte dann vor allem Fragen nach dem „Warum?“ und „Wozu?“. Andere sehen Widersprüche zwischen Schöpfungsberichten und Urknall, Galaxien- oder Sternentstehung und kritisieren je nach Standpunkt die Bibel oder die Wissenschaft.

Die Evolutionslehre stieß seit Charles Darwin in religiösen Kreisen auf Widerstand. Insbesondere ein Teil der Evangelikalen betrachtet die allmähliche Entstehung der Arten als Gegensatz zur biblischen Schöpfungslehre; die Debatte spielt in den Vereinigten Staaten auch in der Schulpolitik eine Rolle. Theologen seit Pierre Teilhard de Chardin deuten Evolution dagegen als Gottes Methode der Schöpfung: Gott habe als „Creator Spiritus“ den Rahmen geschaffen, in dem Evolution ablief. Der Artikel kennzeichnet diesen Abschnitt als nicht hinreichend belegt.

Aus biblischen Genealogien und Zeitangaben wird ein Schöpfungszeitpunkt vor ungefähr 6000 Jahren abgeleitet, ohne dass eine eindeutige Datierung möglich sei. Geologische Erkenntnisse sprechen demgegenüber für ein Erdalter von über 4 Milliarden Jahren. Eine Erklärung lautet, Gott habe Erde und Universum einschließlich Fossilien und Gesteinsschichten so geschaffen, dass sie Milliarden Jahre alt erschienen. Dagegen wird eingewandt, dies lasse sich kaum anders als mit einer Täuschungsabsicht erklären.

Sünde, Gerechtigkeit und Gottesbild

In der christlich-biblischen Position ist Sünde sowohl Tat als auch Zustand und Schicksal. Durch Sündenfall und Erbsünde sei der Mensch seiner Natur nach sündig und neige dazu, sich von Gott zu entfernen. Er soll sündhaftes Denken und Handeln meiden, kann dies aber zu Lebzeiten nicht vollständig. Nach christlichem Verständnis sühnt Jesus Christus durch seinen Kreuzestod stellvertretend die Sünden der Menschheit; wer dies glaubt und auf Jesus vertraut, gilt vor Gott als gerecht und wird gerettet. Der Mensch soll umkehren, seine Sünden bekennen und aus der Kraft des Heiligen Geistes leben. Zugleich bestehen die noch anhaftende sündige Natur und die durch Jesu Tat bereits vorhandene Erlösung nebeneinander.

Kritiker beanstanden, die Lehre mache Menschen von einer Erlösung abhängig, deren Notwendigkeit sie selbst erst erzeuge. Daraus könne emotionale Abhängigkeit und Kontrolle entstehen; als Beispiel wird der Ablasshandel genannt. Abgelehnt werden außerdem die Vorstellung eines Sühneopfers, insbesondere eines Menschenopfers, und die Frage, warum ein allmächtiger Gott Menschen nicht ohne diese Erlösung geschaffen habe. Weitere Kritik betrifft mögliche Schuldgefühle sowie einen Widerspruch zwischen vererbter oder unvermeidlicher Sündhaftigkeit und persönlicher Schuld. Dieser Abschnitt ist im Artikel als nicht hinreichend belegt markiert.

Biblische „Gerechtigkeit“ wird von Kritikern an modernen Maßstäben wie Menschenrechten und persönlicher Verantwortlichkeit gemessen. Sie kritisieren Strafen, die ganze Völker oder nahezu die ganze Menschheit treffen, etwa in Ex 7 EU oder Gen 7 EU, und die Bestrafung eines Unschuldigen in der Kreuzestheologie. Christliche Gegenargumente verweisen auf Götzendienst, persönliche Sünde und Gottes Recht zu richten; 2 Chr 12 EU und Jona 3 EU erzählen zudem, dass Umkehr Strafe mildern könne.

Das Gottesbild erscheint als polar: Zorn und Liebe, Fluch und Segen, Verdammnis und Errettung stehen einander gegenüber. Aus Sicht des Neuen Testaments wird das Alte Testament häufig stärker mit Strafe und Zorn, das Neue mit Gottes Liebe verbunden. Marcion verwarf deshalb das Alte Testament. Kritiker beurteilen Gericht, Trennung von Geretteten und Verfluchten sowie ewiges Feuer als selektiv und gewalttätig; Franz Buggle spricht in diesem Zusammenhang von Jesu „Doppelcharakter“.

Ethik, Gewalt und Geschlechterverhältnisse

Bibelkritik sieht Spannungen zwischen biblischer Ethik und modernen Menschenrechten. Franz Buggle kritisiert gehäufte göttlich angeordnete Grausamkeiten, Genozide und eine exzessive Todesstrafe. Heinz Zahrnt bezeichnet die Vernichtung der Amalekiter als Völkermord. Kritik kann entweder innere Widersprüche der Bibel untersuchen, etwa „Liebet eure Feinde“ (Lk 6,27–28 EU) gegenüber dem Banngebot in Dtn 20,16–17 EU, oder biblische Maßstäbe mit Humanismus und Aufklärung vergleichen. Zugleich warnt der Artikel davor, damalige Verhältnisse unmittelbar an heutigen Maßstäben zu messen: Gegenüber Blutrache und siebenfacher Vergeltung konnte „Auge um Auge“ als Begrenzung der Rache gelten. Im Alten Testament werden außerdem vielfach Bestrafung oder Ausrottung Andersgläubiger und ihrer Kulte berichtet; eine christliche Auslegung hält solche Gewalt mit dem Neuen Bund für hinfällig.

Zum Verhältnis der Geschlechter nennen Kritiker eine patriarchalische Ordnung im Alten Testament: Priester sind Männer, Stammbäume folgen meist der männlichen Linie, Männer können mehrere Frauen haben, Töchter und Ehefrauen erscheinen als Eigentum männlicher Familienmitglieder, und einzelne Gesetze behandeln Frauen ungleich. Die Schöpfung der Frau aus der Rippe des Mannes wird als Unterordnung gedeutet. Zugleich stehen Deborah, Rut und Ester als positive Heldinnen im Mittelpunkt. Gegen die patriarchalische Deutung von Gen 2 EU wird auf die Bezeichnung adam für den Menschen und erst später auf die Unterscheidung isch und ischah verwiesen.

Jesus wird Frauen gegenüber als offener und milder dargestellt und hatte Frauen unter seinen Anhängern. Paulus und Petrus vertreten nach der Darstellung eher traditionelle, patriarchalische Positionen; zugleich lautet Gal 3,28 EU, dass in Christus kein Unterschied zwischen Mann und Frau sei. Kritiker sehen in biblischen patriarchalischen Vorstellungen eine bis heute wirksame Rechtfertigung patriarchalischer Verhältnisse in Familie, Klerus und Gesellschaft.

Bibelkritik und Bibelverständnisse

Die historisch-kritische Methode ist an Universitäten Standard theologischer Forschung. Sie untersucht geschichtliche Fragen methodisch etsi Deus non daretur, „als sei Gott nicht existent“; der fachlich geschulte kritische Verstand ist dabei letzte Instanz für geschichtliche Wahrheit. Konfessionen regeln Auslegungsfragen jedoch unterschiedlich: Die katholische Kirche weist sie letztlich der Kirche zu, evangelische Kirchen eher dem Einzelnen im Sinn von Sola scriptura. Manche Gläubige halten Bibelkritik für unzulässig oder blasphemisch. In Deutschland ist sie grundsätzlich durch Meinungsfreiheit geschützt und nur unter den Voraussetzungen von § 166 strafbar: als besonders verletzende „Beschimpfung“ und bei Eignung, den öffentlichen Frieden zu stören.

Anhänger von Verbalinspiration verstehen die gesamte Bibel als von Gott inspiriert. Ein großer Teil der evangelikalen Bewegung betrachtet sie als Geschichtsbuch und als absolut irrtumslos und unfehlbar. Die Chicago Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift von 1978 bezieht Fehlerfreiheit ausdrücklich auch auf naturwissenschaftliche Aussagen. Augenscheinliche Widersprüche gelten in dieser Sicht als Interpretationsfehler; widersprechende wissenschaftliche Erkenntnisse werden teils abgelehnt, ebenso teilweise die historisch-kritische Methode.

Nichtfundamentalistische Alternativen sind die symbolische Interpretation und die Annahme göttlicher Inspiration bei menschlicher Fehlbarkeit. Symbolische Auslegung hält bestimmte Texte von Anfang an für nicht wörtlich gemeint, doch darüber, welche Texte dies sind, besteht keine Einigkeit. Der zweite Ansatz erlaubt Fehler und Widersprüche durch menschliche Verfasser, ohne die geistliche Bedeutung der Bibel aufzugeben. Schöpfung, Sintflut und Turmbau zu Babel werden dabei häufig als Glaubensaussagen in zeitgebundenen naturkundlichen und mythologischen Vorstellungen verstanden; dies kann auch historische oder ethische Aussagen betreffen. Die katholische Lehre in Katechismus Nr. 107 wird so ausgelegt, dass Irrtumslosigkeit besonders die für das Heil bestimmte Wahrheit betreffen könne. Rudolf Bultmann befürwortete eine weitgehende Entmythologisierung. Hans Albert kritisierte solche Auswahl als willkürlich, während Dietrich Bonhoeffer Bultmann am 5. Mai 1944 vorwarf, nicht weit genug gegangen zu sein.

Lernvideos zu Kontroversen um die Bibel

Weiterlesen

Bibel Die christliche Bibel ist das am häufigsten gedruckte und publizierte und in die meisten Sprachen übersetzte schriftliche Werk der Welt. Antike Die Antike (von lateinisch antiquus ‚alt, altertümlich, altehrwürdig') war eine Epoche im Mittelmeerraum, die etwa von 800 v. Chr. bis 600 n. Mittelalter Als Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit … Islam Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien durch den Mekkaner Mohammed gestiftet wurde. Neuzeit Unter kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten außerdem als Wendemarken anzusehen sind Renaissance, Humanismus und die Entwicklung des Buchdrucks in Europa mit … Geschichte der modernen Bibelkritik ... Historisch-kritische Methode (Theologie). Die moderne Bibelkritik geht vor allem auf die Renaissance und die Aufklärung zurück. Das Aufkommen kritischer … Kirchenkritik Kirchenkritik setzt sich kritisch mit kirchlichen Institutionen auseinander. Inhaltsverzeichnis. 1 Grundsätzliche Arten von Kirchenkritik. Religionskritik Karl Popper, der Begründer des Kritischen Rationalismus, betrachtete die Wirkung der christlichen Religion prinzipiell positiv: Der Mensch verdanke „zahlreiche … Pontius Pilatus Bekannt wurde er vor allem durch die Passionsgeschichten im Neuen Testament der Bibel. Dort wird berichtet, dass er Jesus von Nazaret zum Tod am Kreuz … Wissenschaft Wissenschaft ist die Methodik des überprüfbaren Erkenntnisgewinns. Sie nutzt dazu die Arbeitsmittel Beobachtung, Experiment, Analyse, Theorie, Veröffentlichung, … Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Buchreligion Buchreligion ist ein religionswissenschaftlicher Begriff zur Bezeichnung solcher Religionen, die eine Heilige Schrift besitzen und sich stark an Texten …