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Neuzeit
Unter kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten außerdem als Wendemarken anzusehen sind Renaissance, Humanismus und die Entwicklung des Buchdrucks in Europa mit …
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Einordnung und Zeitrahmen
Die Neuzeit oder Neuere Geschichte ist nach Altertum und Mittelalter die dritte historische Großepoche und reicht grundsätzlich bis zur Gegenwart. Ihr Beginn wird in der Geschichtswissenschaft meist um 1500 angesetzt. Damit werden mehrere, teils überlappende Einschnitte zusammengefasst: die osmanische Eroberung Konstantinopels 1453, die Entdeckung Amerikas 1492, Luthers 95 Thesen 1517, Renaissance, Humanismus, Buchdruck, Entdeckungsfahrten, Frühkapitalismus und frühmodernes Staatswesen.
Die Zeit von etwa 1500 bis 1800 heißt Frühe Neuzeit und ist Teil der Neuzeit. Weitere verbreitete Einteilungen sind das „lange“ 19. Jahrhundert und das „kurze“ 20. Jahrhundert mit Weltkriegen, Holocaust und nuklearem Patt. Diskutiert wird außerdem eine globale „Sattelzeit“ von 1750 bis 1850, in der Atlantische Revolutionen und Industrielle Revolution starke Impulse auslösten. Andere Vorschläge setzen den Beginn der Neuzeit erst nach dem Ende des 18. Jahrhunderts an und bezeichnen die vorherige Epoche als „Alteuropa“.
Bevölkerung, Beschleunigung und weltweite Vernetzung
Kennzeichnend für die Neuzeit sind der demographische Übergang, beschleunigter Wandel und Globalisierung. Um 1500 lebten geschätzt etwa 425 Millionen Menschen auf der Welt, darunter rund 80 Millionen in Europa. Bis 1800 stiegen die Werte auf 900 Millionen weltweit und 220 Millionen in Europa. In Europa wuchs die Bevölkerung von 140 Millionen 1750 auf 401 Millionen 1900; in Großbritannien von 5,9 auf 37 Millionen.
Der demographische Übergang beruht vor allem auf steigender Lebenserwartung: bessere Ernährung, medizinische Versorgung, geringere Kindersterblichkeit und Seuchenbekämpfung senkten die Sterblichkeit. Zunächst blieb die Geburtenrate hoch, weshalb die Bevölkerung stark zunahm; später glichen sich Geburtenziffer und Mortalität wieder an. Er dauerte in England von 1740 bis 1940, in Deutschland von 1870 bis 1940 und in Japan von 1920 bis 1960.
Dampfschiff, Eisenbahn, Automobil, U-Bahn und Flugzeug beschleunigten Reisen und Transporte. Maschinen, Fließband und Akkordarbeit verkürzten auch Arbeitsabläufe: Beim Ford Modell T sank die Herstellungsdauer von 12,5 Stunden 1909 auf 1,5 Stunden 1926, der Selbstkostenpreis von 950 auf 260 Dollar. Globalisierung meint laut Ulrich Beck 1997 das „erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns“ etwa in Wirtschaft, Information, Ökologie und Technik. Früh entstanden globale Handelsbeziehungen durch amerikanisches Silber und den atlantischen Dreieckshandel; im langen 19. Jahrhundert vernetzten Tiefseekabel und Telegrafie die Welt, seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch der Flugverkehr.
Wirtschaft, Staat und kultureller Wandel
Mit der Industriellen Revolution wurde maschinengetriebene Produktion neben der Landwirtschaft zur zentralen Wirtschaftsform und übertraf diese allmählich an Gewicht. Die Industrialisierung begann unter besonderen Voraussetzungen in England: Kapital, hohe landwirtschaftliche Produktivität, ein Wirtschaftsgebiet ohne Zollschranken, Handelsflotte und Kolonien, Steinkohle, innovationsfreundliche Technikkultur und eine konsumorientierte Mittelschicht. Als Vorstufe gilt das Verlagssystem: Handelshäuser ließen etwa Baumwolle in Heimarbeit und später in Manufakturen verarbeiten. Die Manufaktur trennte Wohn- und Arbeitsplatz und bereitete mit Arbeitsteilung, Zeitdisziplin und Ausbeutungsmechanismen die Fabrik vor.
Kapitalismus bezeichnet seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel wie Fabriken und Rohstoffe Einzelpersonen oder Kapitalgesellschaften gehören. Diese streben Rendite an; Kapitalakkumulation sowie Angebot und Nachfrage steuern wirtschaftliche Prozesse. Konflikte bestehen besonders zwischen Kapitaleignern und Lohnarbeitskräften über Lohn und Leistung. Kartelle, Syndikate und Trusts verstärkten um 1900 die Konzentration wirtschaftlicher Macht. Die Arbeiterbewegung reagierte mit Streiks, Arbeitervereinen und Gewerkschaften auf Leistungsdruck und lange Arbeitszeiten.
Der neuzeitliche Staat beansprucht Souveränität, also Unabhängigkeit von fremder Macht, Gesetzgebung und Befehlen. Zunächst dominierten Erbmonarchien und Absolutismus; in England behauptete das Parlament in der Glorious Revolution Mitspracherechte. Ende des 18. Jahrhunderts verbreiteten sich schriftliche Verfassungen, Gewaltenteilung und die Idee der Volkssouveränität. Menschenrechte sollen Individuen vor willkürlicher Staatsgewalt schützen; das Völkerrecht sollte zwischenstaatliche Beziehungen regeln, wirkte aber nur begrenzt friedenssichernd.
Kulturell prägten heliozentrisches Weltbild, Reformation, Säkularisierung und Buchdruck die Epoche. Das Teleskop half Galilei, die kopernikanische Theorie zu stützen; Newton entwickelte die Ansätze Keplers zu einem physikalischen System. Buchdruck mit beweglichen Lettern machte Wissen und neue Weltanschauungen breiter zugänglich, förderte Alphabetisierung, Schulwesen und allgemeine Schulpflicht. Zeitung, später Hörfunk, Fernsehen, Computerisierung und Internet veränderten Kommunikation.
Geistige und politische Antriebskräfte
Renaissance und Aufklärung setzten wichtige geistige Akzente. Die Renaissance knüpfte an die Antike an, entwickelte ihre Vorbilder aber weiter. In europäischen Städten entstanden Laienkultur sowie ein gebildetes, wirtschaftlich starkes Bürgertum, das politische Mitsprache verlangte. Niccolò Machiavelli zog in den Discorsi Lehren aus der römischen Antike für die Politik seiner Gegenwart; sein Il Principe behandelt unter bestimmten Voraussetzungen auch Wortbruch, Täuschung, Verrat und Mord als politische Mittel.
Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts stellte Vernunft und Kritik in Ethik, Religion, Geschichte und Politik in den Mittelpunkt. Politische Theorien gingen häufig von einem Naturzustand und einem Gesellschaftsvertrag aus. Hobbes begründete daraus Absolutismus, Locke eine an Parlament und Eigentumsschutz gebundene Monarchie. Montesquieu ergänzte Exekutive und Legislative um eine unabhängige Judikative: „Le pouvoir arrête le pouvoir“ – „Die Macht stoppt die Macht“. Rousseau betonte die Volkssouveränität und den allgemeinen Willen. Die Encyclopédie von Diderot und D’Alembert erschien mit den ersten sieben Bänden 1751 bis 1757, bis 1780 folgten 24 weitere Bände.
Wissenschaft wurde ab 1600 durch empirische Beweise, mathematische Berechenbarkeit und Fortschrittsorientierung zum „Motor der Neuzeit“. Akademien wie die Royal Society von 1660 oder die Académie des Sciences von 1666 förderten Forschung. Im 19. Jahrhundert wurde die von Wilhelm von Humboldt gegründete Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin zum Vorbild der Forschungsuniversität. Wissenschaft und Industrie verbanden sich zunehmend; daraus folgten technische, medizinische und alltägliche Neuerungen, aber auch militärische Großprojekte wie das Manhattan-Projekt.
Revolutionen beschleunigten den Wandel besonders stark. Zu den Atlantischen Revolutionen zählen die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und die Französische Revolution; 1848/49 erreichten Revolutionen in Europa ihre größte räumliche Ausdehnung. Die Oktoberrevolution 1917 errichtete in Russland unter Lenin eine kommunistische Parteidiktatur und führte später zum Ost-West-Konflikt. 1989 gehörte die friedliche Revolution in der DDR zum Zerfall des Ostblocks. Demokratie legitimiert politische Macht durch Mitwirkung des Volkes in Wahlen und/oder Abstimmungen. Formen sind direkte, repräsentative und Volksdemokratie. Liberale Demokratie verbindet Volkssouveränität mit Rechtsstaat, Gewaltenteilung, unabhängigen Gerichten und Freiheitsrechten. Historisch blieben jedoch viele Menschen ausgeschlossen, etwa durch Zensuswahlrecht und fehlendes Frauenwahlrecht; in der Schweiz erhielten Frauen es erst 1971.
Klimakrise, Weltwirtschaft und kritischer Fortschritt
Die jüngste Neuzeit ist von globaler wirtschaftlicher Verflechtung, Digitaler Revolution und drängenden Zukunftsproblemen geprägt. Fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas verursachen Treibhausgas-Emissionen. Folgen sind oder können Gletscherschmelze, Meeresspiegelanstieg, Verschiebung von Klimazonen, Wüstenausbreitung, der Verlust nutzbarer Flächen und Umweltmigration sein. Die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen von 1992 sollte gefährliche menschliche Eingriffe in das Klimasystem verhindern, führte aber im folgenden Vierteljahrhundert nicht zu sinkenden globalen Emissionen. Das Pariser Übereinkommen von 2015 setzte das Ziel, die Erwärmung auf „deutlich unter“ 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Dafür müssten Emissionen binnen weniger Jahrzehnte praktisch auf Null sinken.
Industriestaaten tragen als Hauptverursacher des bisherigen Anstiegs der Treibhausgaskonzentration besondere Verantwortung. Nichtregierungsorganisationen wie Fridays for Future, Greenpeace, Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen können zivilgesellschaftlich wirken, aber keine politischen Entscheidungen treffen; dafür sind gemeinsame Beschlüsse der in den Vereinten Nationen vertretenen Staaten nötig. Die Wirtschaft soll dekarbonisiert, also von fossilen Energieträgern gelöst, und stärker auf regenerative Energiequellen ausgerichtet werden. Konsumentscheidungen beeinflussen dabei Angebot, Herstellung und Menge von Waren. Kritisiert werden außerdem industrielle Tierhaltung und grenzenloser materieller Mehrkonsum. Globale Lösungen müssen die unterschiedlichen Ausgangslagen von Industriegesellschaften und später industrialisierten Regionen berücksichtigen; Qualifikation, Alphabetisierung sowie wissenschaftliche und technische Kompetenzen sind dabei wichtig.
Fortschritt galt seit Renaissance und Aufklärung lange als Leitidee. Kriege, Hiroshima und Nagasaki 1945, atomare Aufrüstung, Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 erschütterten jedoch einen unkritischen Fortschrittsoptimismus. Wissenschaftlich-technische Innovationen können Nebenfolgen haben, etwa Plastikpartikel, Feinstaub oder Atommüll. Zugleich zeigte die Impfstoffentwicklung gegen das Corona-Virus 2020 die Bedeutung schneller Forschung. Reflektierter Fortschritt oder reflexive Modernisierung verlangt daher Entscheidungen, deren unerwünschte Folgen später möglichst revidiert werden können und die künftige Handlungsmöglichkeiten nicht verbauen.