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Mittelalter
Als Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit …
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Grundbegriff und zeitlicher Rahmen
Das Mittelalter bezeichnet in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit. Gemeint ist ungefähr die Zeit vom 6. bis zum 15. Jahrhundert, oft grob von 500 oder 600 n. Chr. bis etwa 1500. Der Begriff bezieht sich vor allem auf das christliche Abendland, also auf den europäischen Kontinent und die Britischen Inseln vor der Reformation.
Der Anfang und das Ende des Mittelalters sind in der Forschung umstritten, weil Übergänge je nach Region und betrachtetem Bereich unterschiedlich verliefen. Als mögliche Anfangspunkte gelten zum Beispiel das Ende des weströmischen Kaisertums 476, das Ende der Völkerwanderungszeit 568, Mohammeds Hidschra 622 oder der Beginn der arabischen Expansion ab 632. Als mögliche Endpunkte werden unter anderem die Erfindung des Buchdrucks um 1450, die Eroberung Konstantinopels 1453, die Entdeckung Amerikas 1492, der Beginn der Reformation 1517 oder der Bauernkrieg 1525 genannt. Einige Forschungsansätze sprechen sogar von einem „langen Mittelalter“ bis ins 19. Jahrhundert, andere setzen den Beginn erst bei Karl dem Großen an.
Wichtig ist: Das Mittelalter war keine einheitliche, überall gleich verlaufende Epoche. In Italien begann im 15. Jahrhundert bereits die Renaissance, während dieselbe Zeit in England noch zum Mittelalter gezählt wird. In Skandinavien folgt auf die Völkerwanderungszeit zunächst die germanische Eisenzeit, dann die Vendelzeit (650–800), die Wikingerzeit (um 800–1050) und danach das nordische Mittelalter.
Gesellschaft, Religion und Kultur
Im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter zerbrach die politische und kulturelle Einheit des griechisch-römisch geprägten Mittelmeerraums. Das Byzantinische Reich im Osten blieb bestehen, während das Weströmische Reich unterging. Auf seinem Gebiet entstanden neue Reiche, etwa das Frankenreich, das Westgotenreich auf der Iberischen Halbinsel und die Reiche der Angelsachsen in Britannien. Auch außerhalb des früheren Westreichs bildeten sich neue Herrschaften, etwa bei Slawen und in Skandinavien.
Das Christentum prägte Europa stark. Der Mittelmeerraum war bereits am Ende der Spätantike christlich geprägt; im Mittelalter wurden auch viele bisher pagane, also nichtchristliche, Gebiete Europas christianisiert. Klöster bewahrten einen Teil der antiken Literatur und wurden wichtige Träger von Bildung und Kultur. Latein diente als gemeinsame Bildungssprache. Nach dem Großen Schisma von 1054 bestanden eine katholische und eine orthodoxe Kirche, die jeweils die Einheit des Christentums unter ihrem Dach anstrebten, damit aber scheiterten.
Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform des Hoch- und Spätmittelalters war der Feudalismus. Damit ist eine Ordnung gemeint, in der Herrschaft, Landbesitz und persönliche Abhängigkeiten eng verbunden waren. Die Gesellschaft war nach Ständen gegliedert. Das Weltbild, Wissenschaft, Literatur, Architektur, Kunst und Kultur waren stark christlich geprägt. Gleichzeitig entwickelten sich Handel, Geldwirtschaft und Städte, besonders im Hoch- und Spätmittelalter.
Mit dem Islam entstand im 7. Jahrhundert eine neue Religion, die sich durch arabische Eroberungen in West- und Mittelasien, Nordafrika und Teilen Südeuropas ausbreitete. In Spanien und Süditalien/Sizilien begannen christliche Herrscher später Rückeroberungen; in Südosteuropa drangen seit dem späten 14. Jahrhundert die Osmanen vor.
Früh-, Hoch- und Spätmittelalter
Im deutschsprachigen Raum wird das Mittelalter seit dem 19. Jahrhundert häufig in drei Hauptphasen gegliedert: Frühmittelalter, Hochmittelalter und Spätmittelalter. Diese Einteilung war früher oft mit der Vorstellung von Aufstieg, Blüte und Verfall verbunden. Die neuere Forschung sieht sie differenzierter und betont stärker wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen.
Das Frühmittelalter reicht ungefähr vom 6. Jahrhundert bis Anfang oder Mitte des 11. Jahrhunderts. Es ist die Zeit der Merowinger, Karolinger und Ottonen. In dieser Zeit entstanden auf dem Boden des ehemaligen Weströmischen Reiches germanisch-romanische Nachfolgereiche. Besonders wichtig war das Frankenreich. Chlodwig I. trat um 500 mit seinem Adel zum katholischen Christentum über. Karl der Große wurde an Weihnachten 800 vom Papst zum „römischen Kaiser“ gekrönt. Nach seinem Tod 814 zerfiel das Frankenreich allmählich; aus der westlichen Hälfte entstand das spätere Frankreich, aus der östlichen das Ostfrankenreich, aus dem sich später das Heilige Römische Reich entwickelte. Otto I. erneuerte 962 das Kaisertum. Gegen Ende des Frühmittelalters prägten unter anderem die Raubzüge der Wikinger (ca. 800–1050) und der Magyaren (ca. 900–955) Europa.
Das Hochmittelalter reicht ungefähr von Anfang oder Mitte des 11. Jahrhunderts bis ca. 1250. Es war eine Zeit des Bevölkerungswachstums, des Aufschwungs von Handel und Gewerbe, wachsender Städte, neuer Bildung und der ersten Universitäten. Es gilt auch als Blütezeit von Rittertum, Lehnswesen und Minnesang. Zugleich kam es zu schweren Konflikten zwischen Kaiser und Papst, besonders im Investiturstreit. Dieser begann unter Heinrich IV. und wurde 1122 unter Heinrich V. beigelegt, doch die Spannungen dauerten fort. Ab 1095 begannen nach dem Aufruf Papst Urbans II. die Kreuzzüge; Jerusalem wurde 1099 erobert, die Kreuzfahrerstaaten gingen bis 1291 verloren.
Das Spätmittelalter reicht ungefähr von ca. 1250 bis ca. 1500. Es wurde früher oft als Krisenzeit gesehen, heute aber stärker als Übergangszeit zur Neuzeit. Die Pest, der „Schwarze Tod“, verbreitete sich ab 1347 von der Krim aus in Europa und tötete zwischen einem Drittel und der Hälfte der europäischen Bevölkerung. Gleichzeitig blühten Handel, Geldwirtschaft, Städte, Kunst und Wissenschaften weiter auf. Die Renaissance begann bereits im ausgehenden Spätmittelalter und förderte eine neue kulturelle Entfaltung.
Politische Entwicklungen und Umbrüche
Politisch blieb das Römische Reich im Mittelalter ein wichtiger Bezugspunkt. Die Idee der Translatio imperii meinte, dass die römische Kaiserwürde übertragen worden sei: zuerst auf Byzanz, dann durch Karl den Großen auf die Franken und schließlich mit Otto dem Großen auf die römisch-deutschen Kaiser. Daraus ergaben sich immer wieder Spannungen zwischen Kaisertum und Papsttum, weil beide universale Geltung beanspruchten.
Im Hochmittelalter verloren die römisch-deutschen Könige und Kaiser allmählich ihre starke Stellung. Unter den Saliern schwächten der Investiturstreit und Konflikte mit den Großen des Reichs die Königsmacht. Die Staufer konnten im 12. und 13. Jahrhundert den Machtverlust nicht verhindern. Friedrich I. versuchte, die Herrschaft in Reichsitalien zu stärken, geriet aber mit dem Lombardenbund und Papst Alexander III. in Konflikt. Friedrich II. machte das Königreich Sizilien zu seinem Herrschaftsmittelpunkt, geriet ebenfalls in Konflikt mit dem Papsttum und gilt als einer der bedeutendsten mittelalterlichen Kaiser. Nach seinem Tod 1250 brach die Machtstellung der Staufer faktisch zusammen.
In England und Frankreich entwickelten sich vergleichsweise wirksame königliche Verwaltungssysteme. Die Magna Carta von 1215 beschränkte die Macht des englischen Königs und sicherte den Großen Rechte. Frankreich festigte im 12. und 13. Jahrhundert seine Stellung. Im 14. Jahrhundert begann wegen Erbstreitigkeiten um die französische Krone der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England. Die Engländer behielten von 1340 bis etwa 1420 weitgehend die Oberhand. Jeanne d’Arc verhalf den Franzosen 1429 bei Orléans zu neuer Hoffnung; Frankreich beendete den Krieg 1453 siegreich. In England folgten in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster, bis sich 1485 das Haus Tudor durchsetzte.
Weitere wichtige Zäsuren waren der Fall Akkons 1291, das Abendländische Schisma, die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 und das Ende der Reconquista 1492 mit der Eroberung Granadas. Im Heiligen Römischen Reich wurde die Königswahl seit dem Interregnum von den Kurfürsten geprägt; die Goldene Bulle von 1356 wurde zu einer Art Reichsgrundgesetz.
Juden und verbreitete Missverständnisse
Juden waren im mittelalterlichen Europa eine Minderheit mit eigener Religion, Sprache, Kultur und eigenen Traditionen. Die auf der Iberischen Halbinsel lebenden Juden werden Sefardim genannt, die im übrigen Europa Aschkenasim. Im Ostfrankenreich und später im Heiligen Römischen Reich standen sie in besonderer Weise unter dem Schutz des Königs oder Kaisers, konnten aber auch Schutzbefohlene anderer Herren sein.
Christen war es nach kanonischem Recht bis zum 15. Jahrhundert verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Juden durften dies, waren aber von vielen anderen Tätigkeiten ausgeschlossen, etwa von zunftgemäßen Gewerben und vom Ackerbau. Deshalb arbeiteten viele im Handel, als Pfandleiher oder im Zins- und Wechselgeschäft. Im Frühmittelalter gab es relativ wenig Gewalt gegen Juden, doch mit dem Ersten Kreuzzug 1096 änderte sich die Lage. Viele Juden wurden vor die Wahl „Taufe oder Tod“ gestellt; Tausende wurden erschlagen. Während der Pest ab 1349 wurden Juden beschuldigt, Brunnen vergiftet zu haben, was zu neuen Pogromen führte. Im Spätmittelalter nahmen Judenfeindlichkeit, Ghettos, Vertreibungen und Gewalt zu.
Viele heutige Vorstellungen vom Mittelalter stammen nicht direkt aus mittelalterlichen Quellen, sondern aus späteren Deutungen. In der Renaissance galt die Epoche zwischen Antike und Gegenwart oft als Zeit, in der Wissen und Werte der Antike vergessen worden seien. Im 19. Jahrhundert prägten Romantik, Aufklärung, viktorianische Moral, Fortschrittsglaube und Vernunftorientierung das Bild weiter. So entstanden populäre Vorstellungen vom Mittelalter, die historisch nicht immer eine Grundlage haben. Die moderne Forschung beurteilt das Mittelalter daher differenzierter und betont neben Brüchen auch Kontinuitäten und eigenständige Leistungen.
Der Begriff außerhalb Europas
Der Begriff „Mittelalter“ wird hauptsächlich für die europäische Geschichte verwendet. Auf andere Kulturräume wird er nur vereinzelt übertragen, und darüber besteht nicht immer Konsens.
Für Indien wird der Beginn einer frühmittelalterlichen Periode oft mit dem Untergang des Gupta-Reichs im 6. Jahrhundert verbunden. Ein wichtiges Merkmal war die Ausbildung hierarchisch-feudaler Vasallensysteme von etwa 600 bis zur Errichtung des Sultanats von Delhi 1206. Im Norden breitete sich seit dem 8. Jahrhundert der Islam aus. Das indische Mittelalter endet nach verbreiteter Auffassung zwischen dem Einfall der Mongolen 1398 und den Veränderungen nach der Entdeckung eines europäischen Seewegs nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung 1498.
In China wird die Zeit vom Ende der Han-Dynastie beziehungsweise ihrer faktischen Entmachtung bis zur Wiedervereinigung unter der Sui- und Tang-Dynastie im späten 6. und frühen 7. Jahrhundert teilweise als „Mittelalter“ verstanden, doch die Anwendbarkeit des Begriffs ist umstritten. In Japan bezeichnet man die Zeit von ca. 1200 bis ca. 1600, also Kamakura-, Muromachi- und Azuchi-Momoyama-Zeit, als japanisches Mittelalter; sie war stark durch Buddhismus und Feudalismus geprägt. Für Afrika bezeichnet François-Xavier Fauvelle-Aymar die Gründung früher afrikanischer Königreiche seit dem 6. Jahrhundert als afrikanisches Mittelalter. Vereinzelt wird auch von einem mesoamerikanischen Mittelalter gesprochen.
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