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Kirchenkritik
Kirchenkritik setzt sich kritisch mit kirchlichen Institutionen auseinander. Inhaltsverzeichnis. 1 Grundsätzliche Arten von Kirchenkritik.
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Formen der Kirchenkritik
Kirchenkritik setzt sich kritisch mit kirchlichen Institutionen auseinander. Sie ist eine besondere Form der Religionskritik und richtet sich vor allem gegen den institutionalisierten Glauben. Kritik kann innerhalb der Kirche (immanente oder interne Kritik) oder von außerhalb der Kirche (externe Kritik) geübt werden.
Immanente Kritik kann zunächst unangenehm sein, aber auch Verbesserungen ermöglichen. Ein Teil der Kritik wird als geduldeter Widerspruch angenommen. Andere Abweichungen werden institutionell sanktioniert oder als Häresie, also als Abweichung von einer als verbindlich geltenden Glaubensnorm, bewertet. Sanktionierte immanente Kritik richtet sich sowohl gegen Repräsentanten der Kirche als auch gegen ihre Anhänger. Sie ist bereits in frühchristlichen Aufzeichnungen belegt. In verschiedenen Kirchen gab es wiederholt Forderungen nach mehr Liberalität, aber auch nach radikaleren oder fundamentalistischen Auslegungen.
Nach ihrem Gegenstand kann Kirchenkritik mehrere Bereiche betreffen: die von Kirchen vertretenen Ideologien und die Auslegung zentraler Schriften und Grundsätze; die politische und soziale Umsetzung dieser Lehren; institutionelle Ansprüche an Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder; Handlungen von Klerikern; sowie den Widerspruch zwischen kirchlichem Dogma und praktischer Lebensführung. Kritik kommt auch von Personen, die andere Normen vertreten oder allgemein Religion, Normen und Gesellschaft kritisieren, etwa aus aufklärerischer Philosophie, liberalem Laizismus oder Antiklerikalismus.
Kirchenkritik erscheint in wissenschaftlich und geisteswissenschaftlich geprägten Schriften ebenso wie in Musik, Literatur, bildender und darstellender Kunst sowie in Medienkunst. Kirchen in gesellschaftlich-politischen Machtstellungen haben Kritiker teilweise als Hexen, Ketzer oder Ungläubige zensiert, verfolgt oder bestraft. In der katholischen Kirche bestand über 1500 Jahre eine verbindliche Liste kirchenkritischer oder lehrwidriger Schriften, der Index Librorum Prohibitorum. Die Kritik an solchen Praktiken gilt zugleich als institutionelle Kritik und als Ideologiekritik.
Historische Entwicklung
Die Darstellung der Geschichte ist im Artikel als in ihrer Neutralität umstritten gekennzeichnet. Interne Kritik gehörte bereits zu den ökumenischen Konzilien der frühen Kirche. Dort wurden verbindlichere Glaubensaussagen, also Dogmen, formuliert; abweichende Meinungen wurden als Häresien verurteilt. Die jeweils als Häretiker bezeichneten Gruppen beanspruchten ihrerseits, die „wahre Kirche“ zu sein. Genannt werden unter anderem Marcioniten, Ebioniten und Novatianer.
Zu den frühen externen Kritikern gehörten Lukian von Samosata, der um 170 in Über den Tod des Peregrinus christliche Bruderliebe und Martyriumsbereitschaft kritisierte, sowie der Philosoph Celsus. Dieser wandte sich 178 in Der wahre Logos gegen die christliche Glaubenslehre und warf Christen unter anderem die Ablehnung des Kaiserkultes und die Kriegsdienstverweigerung vor. Der Neuplatoniker Porphyrios verfasste mit der 15-bändigen Schrift Gegen die Christen eine besonders umfassende Kirchenkritik. Im 2. Jahrhundert kritisierte die Gnosis den „übermäßig anthropomorphen Gottesglauben“ und die Vorstellung, Gott habe sich in Christus offenbart; diese Offenbarung erschien ihr als „zeitgebunden“ und „überholt“.
Seit dem 8. Jahrhundert entstand Kritik auch im Verhältnis zum Islam. Dieser wandte sich gegen die Bilderverehrung der östlichen Kirche, weil sie dem geistigen Charakter des Kultus und dem Bilderverbot der Schrift widerspreche. Ab dem 12. Jahrhundert traten Katharer und Waldenser als Kirchenkritiker auf. Viele Katharer vertraten ein dualistisches Weltbild und betrachteten die katholische Kirche sowie das Alte Testament als Werk des Teufels. Die Waldenser betonten dagegen die biblische Tradition, die Laienpredigt, die gemeinsame Bibellesung und ein radikaleres Armutsideal.
Soziale Kirchenkritik richtete sich etwa bei Arnold von Brescia gegen die feudalistische Papstkirche und verlangte Armut sowie Wanderpredigt. Das schwärmerische und millenaristische Prophetentum, unter anderem bei Thomas Müntzer, beeinflusste später kritische Strömungen des Puritanismus und Pietismus.
Im 15. Jahrhundert wurden in der Lateinischen Kirche landessprachliche Bibelübersetzungen gefordert. Zwischen 1380 und 1393 übersetzten Anhänger John Wyclifs die Vulgata ins Englische und schufen die erste vollständige englische Bibelübersetzung. Wyclif kritisierte, die katholische Kirche entferne sich von der Heiligen Schrift. Seine Anhänger, die Lollarden, traten als Wanderprediger auf.
Martin Luther, Ulrich Zwingli und andere Reformatoren kritisierten besonders den Ablasshandel und die Tatsache, dass die Bibel nur in unverständlichem Latein zugänglich war. Daraus entstand im 16. Jahrhundert, unterstützt von einzelnen Herrschern, die Reformation. Neben der römisch-katholischen Kirche entstanden reformierte, lutherische und anglikanische Kirchen.
Im 19. Jahrhundert verstärkten soziale Gegensätze die externe Kirchenkritik. Das atheistische oder agnostische Humanitätsideal, das sich auf Menschenrechte, Aufklärung und Idealismus stützte, sah die Kirche als unfähig an, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Karl Marx fasste diese Kritik in der Formel „Religion ist das Opium des Volks“ zusammen. Søren Kierkegaard warf dem kirchlichen Christentum Versagen vor und meinte, echtes Christentum sei außerhalb der Kirche zu finden. Ludwig Feuerbach schrieb 1830 in Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, Religion sei eine Selbstbespiegelung des Menschen und Gott eine Projektion des menschlichen Geistes. Friedrich Nietzsche betonte ebenfalls den Unterschied zwischen den Lehren Christi und der Kirche, sah aber auch das „echte“ Christentum als Form der Dekadenz.
Die heutige Kirchenkritik wird als fortlaufende und wandelbare Tradition beschrieben. Vereinfacht unterscheidet der Artikel fundamentalistische Kritik, die dem immanenten Häresiemuster folgt, und aufklärerische Kritik, die als externe Kritik in Nietzsche einen besonders konsequenten Ausdruck findet. Karlheinz Deschner kritisierte in der zehn Bände umfassenden Kriminalgeschichte des Christentums anhand überprüfbarer Quellen das Verhalten christlicher Gemeinschaften und Kirchen von den Anfängen des Alten Testaments bis Anfang des 18. Jahrhunderts. In Mit Gott und den Faschisten behandelte er die Unterstützung faschistischer Systeme und Personen durch Kirchen.
Als Apologetik bezeichnet man die Verteidigung großkirchlicher Positionen und eine Disziplin, die Argumente für die Plausibilität religiöser, besonders christlicher Überzeugungen entwickelte. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff im deutschen Sprachraum weitgehend durch Fundamentaltheologie ersetzt. Diese versucht vielfach, die polemisch-aggressive Ausrichtung der klassischen Apologetik zu überwinden; unter anderem wird von vielen Fundamentaltheologen anerkannt, dass atheistische Positionen nicht grundsätzlich irrational sind.
Kritik an der römisch-katholischen Kirche
Der Artikel kennzeichnet auch diesen Abschnitt als in seiner Neutralität umstritten. Zu den häufig genannten Vorwürfen gehört, die römisch-katholische Kirche sei undemokratisch, weil Gemeinden ihre Pfarrer nicht selbst wählen und Pfarrer nicht die Bischöfe wählen. Das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit in Glaubensfragen wird als anmaßend und selbstherrlich kritisiert. Weitere Kritik richtet sich gegen die Nichtzulassung von Frauen zum Priesteramt.
Seit den 1990er Jahren wurde neben der katholischen Sexualmoral besonders der sexuelle Missbrauch von Kindern durch einige katholische Würdenträger kritisiert. Eine vom US-amerikanischen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie des John Jay Centre of Criminal Justice in New York nennt für den Zeitraum 1950 bis 2002 10.667 Anschuldigungen gegen 4.392 Priester; nicht alle Anschuldigungen waren begründet. Vergleichbare Vorgänge wurden auch aus Irland, Österreich und Deutschland bekannt. Kritisiert wurde außerdem, dass beschuldigte Priester teilweise nicht aus dem Amt entfernt, sondern in andere Gemeinden versetzt wurden.
Umstritten ist ferner die kirchliche Sexuallehre gegenüber gleichgeschlechtlich liebenden Menschen. Nach amtlicher Kirchenlehre ist sexuelle Befriedigung außerhalb der Ehe weder für homosexuelle Menschen noch für heterosexuelle Unverheiratete vorgesehen. Die staatliche Anerkennung homosexueller Paare in vielen westlichen Industriestaaten während der letzten 15 Jahre führte zu massiver Kritik der Kirchenleitung in Rom. Auch der Umgang mit Homosexuellen innerhalb der Kirche wird kritisiert. Die Ablehnung von Kondomen wegen ihrer empfängnisverhütenden Wirkung wird mit dem Vorwurf verbunden, sie begünstige die Ausbreitung von Krankheiten, insbesondere Aids.
Historische Kritik bezieht sich auf Intoleranz und Gewalt, etwa die Verfolgung von Juden, Heiden und Ketzern. Teilweise wird die katholische Kirche deshalb als „größte Verbrecherorganisation der Geschichte“ bezeichnet. Weitere Vorwürfe betreffen einen Widerspruch zwischen kirchlichem Armutsgebot und der Besoldung von Priestern und Bischöfen, dem Handel mit Aktien sowie dem Besitz von Immobilien. In Deutschland werden Gemeindepfarrer nach A13 und A14 und Bischöfe nach B2 bis B11 entlohnt; beide Gruppen stehen in einem unkündbaren öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis.
Als Arbeitgeber wird die Kirche wegen der möglichen Diskriminierung Anders- und Nichtgläubiger kritisiert. Der Deutsche Caritasverband hat ungefähr eine halbe Million Mitarbeiter. Nach dem kirchlichen Tendenzschutz dürfen dort formal grundsätzlich nur Kirchenzugehörige arbeiten; das Antidiskriminierungsgesetz gilt für die Kirche nur eingeschränkt. Das kirchliche Arbeitsrecht schränkt Arbeitnehmerrechte stärker ein als in der freien Wirtschaft. Privatangelegenheiten wie Abtreibung, Scheidung und Wiederheirat können Kündigungsgründe sein. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bewertete dies laut Artikel als Verstoß gegen die Achtung der Privatsphäre. Auch der Ausschluss wiederverheirateter Katholiken von der Kommunion wird kritisiert.
Kritik an evangelischen Kirchen und politische Kritik
Die Darstellung der evangelischen Kirchen bezieht sich laut Artikel vor allem auf Deutschland. Kritik kommt dort häufig von Pietisten, Evangelikalen und protestantischen Fundamentalisten. Sie richtet sich gegen eine zunehmende Anpassung an die Moderne. Genannt werden die aus ihrer Sicht zu geringe Ablehnung von Sexualität vor und außerhalb der Ehe, die Anerkennung praktizierter Homosexualität, die Frauenordination, eine zunehmende Tolerierung von Abtreibung, Scheidungen und „wilden Ehen“ bei Pfarrpersonen sowie die Wiederheirat nach einer Scheidung. Außerdem werden die Ökumene als „Rückkehr nach Rom“ und eine vom „Zeitgeist“ beeinflusste Bibelauslegung kritisiert.
Auch evangelische Kirchen werden wegen eines angenommenen Widerspruchs zum christlichen Armutsgebot kritisiert. In Deutschland verdiene eine Pfarrperson so viel wie ein Studienrat beziehungsweise Oberstudienrat am Gymnasium; ein Bischof erhalte 10.500 Euro pro Monat. Beide stünden in einem unkündbaren, öffentlich-rechtlich vergleichbaren Dienstverhältnis. Ferner werden Aktiengeschäfte, Immobilienbesitz und die Beschäftigungspraxis kritisiert. Die Diakonie habe ungefähr 400.000 Mitarbeiter; nach dem Tendenzschutz sollten dort hauptsächlich formal Kirchenzugehörige arbeiten, und das Antidiskriminierungsgesetz gelte nur eingeschränkt.
Politische Kritik richtet sich gegen die enge Verbindung christlicher Kirchen mit Regierungen und Reichen, unter anderem in Rom, Byzanz, Russland, England und Teilen Deutschlands. Durch weltliche Macht und finanzielle Vorteile seien kirchliche Führer aus machtpolitischen Gründen teilweise von christlichen ethischen Grundsätzen abgewichen. Kirchenleitungen hätten soziale Reformen häufig verurteilt oder nicht unterstützt; viele soziale Aktivitäten seien von unten und gegen den Willen der Leitung entstanden.
Besonders kritisiert wird die Rolle katholischer und evangelischer Kirchen bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland, bei der Stabilisierung des faschistischen Regimes in Italien durch die Lateranverträge und im spanischen Bürgerkrieg. Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine im Jahr 2022 richtet sich politische Kritik weltweit vor allem gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche und Patriarch Kyrill I. Vorwürfe betreffen die Verbindung staatlicher und kirchlicher Interessen, die religiöse Überhöhung des Krieges, Großmachtsfantasien, mögliche Agententätigkeit von Kirchenvorstehern, Kyrills luxuriösen Lebensstil und die Mitwirkung am Personenkult um Wladimir Putin.
Kirchen als soziale Institutionen und Reaktionen
Katholische und evangelische Kirchen werden auch hinsichtlich ihrer Selbstdarstellung als soziale Institutionen kritisiert. Sie rechtfertigten ihre Existenz und die Erhebung der Kirchensteuer gegenüber konfessionell nicht überzeugten Menschen mit ihrer Bedeutung für soziale Einrichtungen. Kritiker wenden ein, dass diese Einrichtungen ebenfalls nach ökonomischen Prinzipien arbeiteten und ihren Mitarbeitern wegen der arbeitsrechtlichen Sonderstellung der Kirchen wichtige Schutzrechte vorenthielten. Genannt werden fehlende Tarifverträge, ein Streikverbot, unzureichende Personalvertretung und fehlende Mitbestimmung. In der deutschen Rechtsprechung gibt es laut Artikel jedoch eine Tendenz, den Kirchen außerhalb des verkündigungsnahen Bereichs weniger Spielraum für religiös begründete Anforderungen zu geben.
Der Theologe und Soziologe Horst Herrmann prägte für diese Kritik den Begriff „Caritas-Legende“ und sprach von „Etikettenschwindel“. Beim Diakonischen Werk stammten demnach nur 3,8 Prozent der Gesamtfinanzierung aus Kirchenmitteln, gegenüber 82 Prozent staatlichen Zuschüssen, 10,8 Prozent Spenden und Mitgliedsbeiträgen sowie 3,4 Prozent anderen Eigenmitteln. Insgesamt würden bei der evangelischen Kirche 13,1 Prozent der Kirchensteuereinnahmen für soziale Arbeit verwendet, bei der katholischen Kirche 16,7 Prozent.
Wegen der vielfältigen Kritik und der unterschiedlichen Erwartungen werden innerkirchlich fortlaufend Anpassungen diskutiert. Benedikt XVI., damals noch Joseph Kardinal Ratzinger, schrieb in Salz der Erde, die Lutheraner hätten bei Frauenordination, Empfängnisverhütung, Zölibat und Wiederverheiratung Geschiedener alle Forderungen der Kirchenvolksbewegung erfüllt, seien dadurch aber der Lösung der Frage, wie Kirche in der Gegenwart den christlichen Glauben leben könne, nicht näher gekommen. Letztlich müsse nicht die Kirche, sondern das Individuum den christlichen Glauben leben. Mit dieser auf das Individuum bezogenen und einen menschenfreundlichen Jesus voraussetzenden Konzeption verband der Artikel eine Annäherung an Deus caritas est.