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Buchreligion
Buchreligion ist ein religionswissenschaftlicher Begriff zur Bezeichnung solcher Religionen, die eine Heilige Schrift besitzen und sich stark an Texten …
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Begriff und Einordnung
„Buchreligion“ ist ein religionswissenschaftlicher Begriff für Religionen, die eine Heilige Schrift besitzen und sich stark an Texten orientieren. Verwandte Begriffe sind Offenbarungsreligion, Weltreligion und Schriftreligion. Als klassischer Typ gelten Judentum, Christentum, Islam und Bahaitum. Je nach Definition werden außerdem Orphismus, Hinduismus, Buddhismus, Sikhismus, Zoroastrismus, Jainismus, Taoismus und Mormonentum zu den Buchreligionen gezählt.
Das Konzept entstand erst spät. Eine Vorform findet sich im Islam: Der Koran bezeichnet Juden und Christen als „Leute des Buches“ (arabisch ahl al-kitāb, „Buchvolk“). Ausdrücklich verwendete Friedrich Max Müller den Begriff am 26. Februar 1870 in einer Vorlesung an der Royal Institution in London. Er nannte acht Buchreligionen: Judentum, Christentum und Islam als drei semitische, Hinduismus, Buddhismus und Zoroastrismus als drei „arische“ sowie Konfuzianismus und Daoismus als zwei chinesische Religionen. Seine Einordnung enthielt eine problematische Rangordnung, da er diese Religionen als eine Art „Aristokratie“ gegenüber buchlosen, „unliterarischen“ Religionen bezeichnete.
Merkmale und Funktionen
Gustav Mensching definierte Buchreligionen als Religionen, „in denen das heilige Buch eine zentrale Bedeutung hat“. Entscheidend ist nach ihm, dass das heilige Buch die „Lebensmitte“ der Religion bestimmt. Deshalb ist nicht jede Religion mit einem heiligen Buch automatisch eine Buchreligion. Mensching bezeichnete die „Indische Religion“ als eine „ausgesprochene Buchreligion“, weil der Veda „die sakrale Grundlage aller späteren Frömmigkeitsformen“ bleibe. Das Christentum sei ursprünglich keine Buchreligion gewesen, sondern habe sich im Laufe seiner Geschichte dazu entwickelt, „insofern man nach Schriftbeweisen fragte“. Der Islam sei „im vielleicht strengsten Sinne eine Buchreligion“, weil der Koran bereits zur Zeit des Propheten das heilige Buch war. Parsismus, Konfuzianismus, Taoismus und Shintoismus erfüllten diese Bedingung nach Mensching nicht; zu den Religionen ohne heiliges Buch rechnete er unter anderem die griechische, römische und germanische Religion sowie ethnische Religionen.
Bernhard Lang nannte 1990 vier konstitutive Elemente: Heilige Schriften besitzen eine stabilisierende und reformierende Kraft, wirken auf Religion und Kultur zurück, machen die Religion durch ihre missionarische Bedeutung „transportierbar“ und hemmen die Religion zugleich beziehungsweise fordern Kritik heraus. Ihre Funktionen reichen in viele Lebensbereiche. Sie prägen Kunst und Literatur, stehen im Mittelpunkt des Gottesdienstes, bilden die Grundlage der Theologie, beeinflussen das Schulwesen, dienen der privaten Erbauung und werden Gegenstand von Brauchtum und Volksglaube.
Unterschiedliche Beziehungen zu heiligen Schriften
Das Verhältnis zu den heiligen Schriften ist zwischen den Religionen sehr verschieden. Judentum, Christentum und Islam können ihre Schriften als Offenbarung Gottes verstehen, setzen den Ursprung dieser Offenbarung aber unterschiedlich an. Für Juden besteht die primäre Offenbarung im Handeln und Sprechen Gottes in der Geschichte Israels. Für Christen geschieht sie vorbereitend in der Geschichte Israels und endgültig in Jesus von Nazareth. Die Schriften gelten jeweils als schriftlicher Niederschlag dieses göttlichen Handelns.
Vom Verständnis dieser drei Religionen unterscheidet sich der Hinduismus deutlich. Der Veda gilt als von Sehern „gehörtes“ Wissen. Er wurde lange Zeit mündlich überliefert und erst Jahrhunderte später schriftlich aufgezeichnet.
Judentum, Christentum und Islam
In der orthodoxen jüdischen Tradition gilt die Tora als Gotteswort, das Mose am Berg Sinai unmittelbar von Gott gegeben wurde. Einige orthodoxe Kreise räumen mögliche Schreibfehler in der Überlieferung ein, ohne deshalb den göttlichen Charakter der Tora infrage zu stellen. Weil Gottes Wort als Wahrheit gilt, wird etwa die Aussage „Da erschuf Gott den Menschen in seinem Ebenbilde …“ (Gen 1,28 EU) als Tatsache verstanden. Daraus folgt außerdem, dass jedes Wort und jeder Buchstabe der Tora Bedeutung haben muss.
Im Christentum ist die Bibel, bestehend aus Altem und Neuem Testament, die Heilige Schrift und die schriftliche Grundlage des Glaubens. Die einzelnen Bücher wurden von Autoren zu unterschiedlichen Zeiten verfasst und später zu einem Buch zusammengefasst. Jesus wird darin als der verheißene Messias, also Christus, und als Sohn Gottes verkündigt. Er bezog sich selbst auf die geschriebenen Schriften des Tanach, der hebräischen Bibel (Mt 4,4 EU). Für Christen ist jedoch Jesus Christus selbst das „Wort Gottes“ in der Welt; die Schrift gibt von ihm Zeugnis und erhält dadurch ihre Geltung. Deshalb betont der Katechismus der katholischen Kirche in Abschnitt 108: „Der christliche Glaube ist jedoch nicht eine ‚Buchreligion‘.“ Gemeint ist, dass nicht tote Buchstaben angebetet werden, sondern eine lebendige Auslegung der Schrift notwendig ist, die durch den Heiligen Geist unterstützt wird.
Im Islam wird Jesus als Isa ibn Maryam ebenfalls als „Wort Gottes“ bezeichnet. Die eigentliche Wortgestalt der göttlichen Offenbarung ist für den Islam jedoch der Koran. Mohammed gilt als Vermittler dieses Wortes, besitzt als Person aber keine soteriologische Bedeutung. Der Koran wurde zunächst ausschließlich mündlich überliefert und auswendig gelernt; später schrieben Schreiber den Wortlaut während der Rezitation nieder. Die koranischen Sätze gelten als Offenbarung Gottes und als unverfälscht. Nach der Darstellung des Artikels ist deshalb nur der Islam im eigentlichen Sinn eine „Schriftreligion“, während das Christentum als sekundäre Buchreligion gilt.
Kritik am Begriff
Der Begriff „Buchreligion“ ist als klare Abgrenzung zu schriftlosen, insbesondere ethnischen Religionen problematisch. Schriftliche Überlieferungen schließen sich häufig an längere Zeiten mündlicher Überlieferung an. Außerdem kann die Bezeichnung schriftlose Religionen abwerten; besonders deutlich wird dies in Müllers Einordnung der Buchreligionen als „Aristokratie“ gegenüber buchlosen Religionen.
Auch die Entscheidung, welche Religionen als Buchreligionen gelten, ist teilweise willkürlich, weil die Abgrenzung nicht zuverlässig und eindeutig ist. Daher wird der Begriff in der modernen Religionswissenschaft kritisch beurteilt und nur noch wenig verwendet.