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Pontius Pilatus

Bekannt wurde er vor allem durch die Passionsgeschichten im Neuen Testament der Bibel. Dort wird berichtet, dass er Jesus von Nazaret zum Tod am Kreuz …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Amt, Leben und historische Einordnung
  2. 2. Quellen, Inschrift und Münzen
  3. 3. Pilatus in den Evangelien
  4. 4. Rechtliche Frage des Todesurteils
  5. 5. Wirkung in Glauben, Überlieferung und Kunst
  6. 6. Redewendungen aus der Passionsgeschichte

Amt, Leben und historische Einordnung

Pontius Pilatus war von 26 bis 36 n. Chr. Präfekt von Judäa, das damals zur Provinz Syria gehörte. Er war damit kein Provinzgouverneur, auch wenn die Evangelien ihn allgemein als „Statthalter“ (griechisch hēgemṓn) bezeichnen. Als fünfter Präfekt Judäas folgte er Valerius Gratus nach und unterstand dem Legaten von Syrien. Seine Ernennung durch Kaiser Tiberius zeigt, dass er dem römischen Ritterstand angehörte. Geburtsjahr, Geburtsort und sein weiteres Leben nach der Abberufung sind unbekannt.

Die antiken jüdischen Autoren Philon von Alexandria und Flavius Josephus schildern seine Amtsführung als hart und gewalttätig. Die These, er sei wegen des Einflusses des judenfeindlichen Prätorianerpräfekten Lucius Aelius Seianus gezielt für eine Provokationspolitik eingesetzt worden, ist umstritten. Dass Pilatus Judäa zehn Jahre lang verwaltete, kann zugleich auf Durchsetzungsvermögen in einem besonders unruhigen Gebiet des Reiches hinweisen.

Im Sommer 36 ließ Pilatus eine bewaffnete samaritanische Prozession zum heiligen Berg Garizim gewaltsam stoppen. Die Samaritaner hofften dort auf von Mose verborgene Kultgeräte. Nach einer Beschwerde beim syrischen Legaten Vitellius wurde Pilatus suspendiert und zur Rechtfertigung nach Rom geschickt; Marcellus wurde sein Nachfolger. Als Pilatus in Rom ankam, war Tiberius am 16. März 37 bereits gestorben. Eusebius von Caesarea schrieb später, Pilatus habe 39 unter Caligula Selbstmord begangen; Orosius erklärte, der Kaiser habe ihn dazu gezwungen. Diese Berichte sind später als die Ereignisse und deuten sein Ende als göttliche Strafe.

Quellen, Inschrift und Münzen

Die wichtigste außerbiblische literarische Quelle zum Prozess Jesu ist Tacitus. In den Annales 15,44 schreibt er, Christus sei unter Tiberius durch den „Prokurator Pontius Pilatus“ hingerichtet worden. Die Amtsbezeichnung Prokurator ist jedoch für Pilatus nicht korrekt. Tacitus berichtet an anderer Stelle für die Zeit des Tiberius von „Ruhe“ in Judäa; dies widerspricht den von Philon und Josephus geschilderten Konflikten.

Philon, ein Zeitgenosse des Pilatus, berichtet von goldenen Weiheschildern im Jerusalemer Amtssitz des Präfekten. Sie trugen keine Bilder, nannten aber Tiberius und Pilatus in einer Inschrift. Wegen der Unruhe ließ Tiberius sie wieder entfernen. Philon wirft Pilatus Bestechlichkeit, Gewalttätigkeit, Räubereien, Misshandlungen, Beleidigungen, Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren und fortgesetzte Grausamkeit vor.

Josephus berichtet vom Einbringen römischer Feldzeichen mit Kaiserbildern nach Jerusalem, das Pilatus nach Protesten rückgängig machte, und vom Bau eines Aquädukts mit Geld aus dem Tempelschatz. Bei den Protesten dagegen ließ er Soldaten gewaltsam eingreifen; viele Menschen starben. Auch seine Darstellung der Verurteilung Jesu im Testimonium Flavianum ist problematisch, weil die Passage wahrscheinlich christlich überarbeitet oder sogar eingefügt wurde. Einzelne Forschende betonen, die Maßnahmen seien aus römischer Sicht nicht zwingend bewusste Provokationen gewesen.

Eine 1961 im Theater von Caesarea Maritima gefundene Inschrift nennt „Pontius Pilatus“ und „Präfekt von Judäa“. Sie bestätigt damit sowohl seine historische Existenz als auch seine Amtsbezeichnung. Ein 2018 veröffentlichter Siegelring mit der möglicherweise gelesenen Aufschrift Piláto(u) könnte Pilatus oder einem Untergebenen gehört haben; Lesung und Zuordnung wurden 2023 bestritten.

Pilatus ließ in den Jahren 29/30, 30/31 und 31/32 Bronzemünzen prägen. Sie tragen die Aufschrift „des Tiberius Caesar“. Auf ihnen erscheinen römische Kultgegenstände wie Simpulum und Lituus, auf den Rückseiten dagegen für jüdische Münzprägung typische Ähren oder ein Kranz. Ob diese römischen Symbole die jüdische und samaritanische Bevölkerung besonders verletzten, wird unterschiedlich beurteilt.

Pilatus in den Evangelien

In allen vier Evangelien verurteilt Pilatus Jesus von Nazaret zur Kreuzigung und lässt die Hinrichtung ausführen. Das Markusevangelium gilt mehrheitlich als das älteste; Matthäus und Lukas nutzen es und verändern dabei besonders die Darstellung des Pilatus.

Bei Markus fragt Pilatus Jesus, ob er „König der Juden“ sei. Jesus antwortet: „Du sagst es.“ Pilatus erkennt, dass die Hohepriester Jesus aus Neid ausgeliefert haben könnten, bietet der Menge aber die Freilassung Jesu anlässlich des Pessachfestes an. Die von den Hohepriestern beeinflusste Menge verlangt stattdessen die Freilassung des Barabbas und die Kreuzigung Jesu. Pilatus lässt Jesus geißeln und zur Kreuzigung ausliefern. Diese Szene kann als geschicktes Vorgehen verstanden werden: Pilatus prüft die Unterstützung für Jesus und verhindert einen Tumult. Später übergibt er Josef von Arimathäa den Leichnam Jesu.

Matthäus betont Jesu Unschuld und die Verantwortung der Volksmenge. Pilatus’ Frau warnt ihn nach einem Traum vor dem „Gerechten“. Pilatus wäscht seine Hände und erklärt: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen.“ Der sogenannte Blutruf der Menge erklärt deren Bereitschaft, die Folgen der Tötung zu tragen. Nach Ulrich Luz meinte Matthäus damit nicht einen dauerhaften Fluch über das Judentum, sondern bezog ihn auf die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70.

Bei Lukas nennt der Hohe Rat Aufwiegelung, Steuerverweigerung und den Anspruch auf Königtum als Anklagen. Pilatus erklärt Jesus dennoch für unschuldig und schickt ihn als Galiläer zu Herodes Antipas. Dieser verhöhnt Jesus und sendet ihn zurück. Pilatus will ihn züchtigen und freilassen, gibt aber dem wachsenden Druck der Menge nach. Lukas schildert ihn als Beamten, der Recht erkennt, es aber aus Schwäche und Eigeninteresse nicht durchsetzt. Nur Lukas erzählt außerdem von der auf Pilatus’ Befehl erfolgten Tötung galiläischer Pilger im Tempel.

Das Johannesevangelium macht den Prozess besonders ausführlich und eindeutig zu einem römischen Verfahren. Pilatus diskutiert mit Jesus über Königtum und Wahrheit. Jesus erklärt, sein Reich sei „nicht von dieser Welt“; Pilatus fragt: „Was ist Wahrheit?“ Pilatus erklärt Jesus mehrfach für schuldlos, lässt ihn jedoch geißeln und der Menge als „Seht, der Mensch“ präsentieren. Als ihm vorgeworfen wird, bei der Freilassung eines Königsprätendenten kein Freund des Kaisers zu sein, entscheidet er sich aus Sorge um seine Stellung für die Auslieferung Jesu.

Rechtliche Frage des Todesurteils

Rechtshistorisch ist wichtig, ob Pilatus das ius gladii besaß, also das Recht, Todesurteile zu verhängen. Christoph G. Paulus hält dies für wahrscheinlich: Ein Vorgänger, Coponius, hatte dieses Recht von Augustus erhalten; außerdem kritisierte Philon willkürliche Hinrichtungen durch Pilatus. Der Bericht, dass der Hohe Rat Jesus an Pilatus auslieferte, um seine Verurteilung und Hinrichtung zu erreichen, gilt als historisch wahrscheinlich. Bei einem Kapitalprozess hatte Pilatus vergleichsweise großen Handlungsspielraum.

Der Titel „König der Juden“ war politisch gefährlich, weil nur der Princeps einen König einsetzen konnte. Wer sich selbst zum König erklärte, verletzte aus römischer Sicht die Vorrangstellung Roms; dies war crimen laesae maiestatis, ein Majestätsverbrechen mit Todesstrafe. Jesu unklare Antwort „Du sagst es“ konnte Pilatus als Geständnis verstehen. Sein Schweigen zu weiteren Anklagen konnte nach dem Grundsatz „Wer schweigt, stimmt zu“ (qui tacet, consentire videtur) ebenfalls als Schuldeingeständnis gelten. Unter diesen Voraussetzungen erscheint die Verurteilung zur Kreuzigung rechtlich folgerichtig, auch wenn die Evangelien Pilatus unterschiedlich bewerten.

Wirkung in Glauben, Überlieferung und Kunst

Pilatus wird im Apostolischen Glaubensbekenntnis und im Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel genannt: Jesus habe „gelitten unter Pontius Pilatus“ beziehungsweise sei „gekreuzigt unter Pontius Pilatus“ worden. Die Formulierung kann die Passion zeitlich in seine Amtszeit einordnen, aber auch Jesu Bekenntnis vor dem Statthalter hervorheben. In Bekenntnissen orientalischer Kirchen wird Pilatus dagegen nicht genannt.

Spätantike und mittelalterliche apokryphe Schriften gestalteten seine Geschichte weit aus. Manche stellten ihn als zum Christentum bekehrt dar, andere als schwer Schuldigen, der Selbstmord begeht. Solche Texte gelten nicht als verlässliche historische Quellen. Die Dämonisierung des Pilatus entwickelte sich besonders im lateinischen Westen; in orthodoxen und orientalischen Kirchen ist sie unbekannt. In der koptisch-orthodoxen Kirche gilt er als Märtyrer, in der äthiopisch-orthodoxen Kirche werden Pilatus und seine Frau als Heilige verehrt; ihr Gedenktag ist jeweils der 25. Juni. Die in Legenden Claudia Procula oder Procla genannte Frau des Pilatus wird in der orthodoxen Kirche am 27. Oktober verehrt.

In der frühchristlichen Kunst wird Pilatus häufig bei der Handwaschung dargestellt; Kanne und Schale verweisen auf diese Szene. Seit dem 6. Jahrhundert erscheint auch der Bote seiner Frau, später gelegentlich die Frau selbst. In der Überlieferung entstanden zudem zahlreiche Ortslegenden über sein Grab oder seinen Aufenthaltsort; sie sind nicht historische Belege.

Redewendungen aus der Passionsgeschichte

„Von Pontius zu Pilatus“ bezeichnet einen umständlichen, nutzlosen Weg zwischen Zuständigkeiten. Die Redewendung bezieht sich auf Lukas: Pilatus schickt Jesus zu Herodes Antipas, der ihn wieder zu Pilatus zurücksendet. Auch „von Pilatus zu Herodes“ wird gleichbedeutend verwendet.

„Seine Hände in Unschuld waschen“ meint, dass jemand seine Verantwortung nur behauptet abweist. Ausgangspunkt ist die Handwaschung des Pilatus in Matthäus 27,24. „Was ist Wahrheit?“ ist seine Frage an Jesus in Johannes 18,38. „Ecce homo“ („Seht, der Mensch“) sind die Worte, mit denen Pilatus den gegeißelten Jesus der Menge zeigt. „Quod scripsi, scripsi“ („Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“) ist seine Antwort in Johannes 19,22 zur Kreuzesinschrift. Die Redewendungen „Man gedenkt seiner wie des Pilatus im Credo“ und „zu etwas kommen wie Pilatus ins Credo“ drücken ein schlechtes Andenken beziehungsweise eine unpassend wirkende Verbindung aus.

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