Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Konjunktur
Unter dem Begriff Konjunktur versteht man die gesamtwirtschaftliche Lage, besonders in Hinsicht auf deren aktuellen positiven oder negativen Trend, …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff, Bedeutung und Abgrenzung
Konjunktur bezeichnet die gesamtwirtschaftliche Lage und ihren positiven oder negativen Trend. In der Wirtschaftswissenschaft meint sie vor allem Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotenzials einer Volkswirtschaft. Nachfrage- und Produktionsschwankungen verändern dabei die Nutzung vorhandener Produktionskapazitäten mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Davon zu unterscheiden sind einmalige Sondereinflüsse und das wirtschaftliche Wachstum, bei dem sich die Kapazitäten selbst langfristig verändern.
Die Schwankungen betreffen Größen wie Produktion, Beschäftigung, Zinssätze und Preise. Wichtigster Indikator ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die preisbereinigte gesamtwirtschaftliche Produktion. Zusätzlich wird die Kapazitätsauslastung betrachtet. Die Konjunkturtheorie untersucht den wellenförmigen Verlauf wirtschaftlicher Aktivität und versucht insbesondere, obere und untere Umkehrpunkte zu erkennen und zu erklären. Die Wachstumstheorie betrachtet dagegen den langfristigen Wachstumstrend im Gleichgewicht; für eine reine Konjunkturanalyse muss dieser Trend herausgerechnet werden. Überschneidungen bestehen mit der Beschäftigungstheorie.
Eine Sonderkonjunktur ist eine zeitlich begrenzte Verbesserung in einzelnen Wirtschaftsbereichen aufgrund eines unerwarteten Ereignisses oder geänderter Regeln. Ein Beispiel ist die in Deutschland bis zum 31. Dezember 2023 gezahlte Prämie für neue Elektroautos. Maßnahmen, die konjunkturelle Schwankungen abschwächen sollen, heißen Konjunkturpolitik.
Arten und Länge wirtschaftlicher Schwankungen
Nach ihrer Dauer werden drei Arten von Wirtschaftsschwankungen unterschieden:
- Saisonale Schwankungen dauern ungefähr drei Monate und sind relativ gut vorhersehbar. Sie entstehen häufig durch jahreszeitliche Wetterbedingungen und betreffen beispielsweise die Bauwirtschaft.
- Konjunkturelle Schwankungen dauern etwa vier Jahre oder weniger. Sie entstehen durch Ungleichgewichte zwischen gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und Angebot sowie durch verzögerte Anpassungen. Ihre Beeinflussung ist eine typische Aufgabe der Konjunkturpolitik.
- Strukturelle Schwankungen oder Kondratjew-Zyklen dauern rund 50 bis 60 Jahre. Auslöser sind tiefgreifende Veränderungen wie Innovationen in Schlüsseltechnologien. Sie wirken stark auf den Arbeitsmarkt; politische Eingriffe sind schwierig.
Nach einer weiteren Einteilung dauert ein empirisch nachweisbarer Kitchin-Zyklus 3 bis 4 Jahre. Er beschreibt Produktions-, Absatz- und Lagerbewegungen: Zunächst wird zur Auffüllung der Lager mehr produziert als verkauft; bei langsamerem Wachstum wird anschließend die Produktion gedrosselt. Der Juglar-Zyklus beschreibt Investitionsphasen von 6 bis 10 Jahren. Technologische Innovationen lösen den Kondratjew-Zyklus aus, dessen Dauer hier mit 40 bis 50 Jahren angegeben wird. Damit nennt der Artikel für Kondratjew-Zyklen je nach Zusammenhang unterschiedliche Spannen.
Die ermittelte Zykluslänge hängt vom Maßstab ab. Werden Anfang und Ende durch absolute Rückgänge der Wirtschaftsleistung bestimmt, entstehen längere „klassische Konjunkturzyklen“. Eine Einteilung nach Wachstumsraten ergibt mehr und kürzere „Wachstumszyklen“. Auch die Kapazitätsauslastung kann als Maß dienen; denkbar sind etwa 70 % in der Rezession und 100 % im Boom. Unterschieden werden außerdem Makrozyklen von mehreren Jahren bis Jahrzehnten und darin enthaltene Mikrozyklen von wenigen Jahren. Unterjährige Saisonzyklen gehören nicht zu dieser betriebswirtschaftlichen Konjunkturdefinition.
Phasen des Konjunkturzyklus
Häufig wird der Zyklus in Aufschwung beziehungsweise Expansion, Hochkonjunktur beziehungsweise Boom, Abschwung beziehungsweise Rezession und Tiefphase beziehungsweise Depression gegliedert. Ein verbreitetes Zwei-Phasen-Schema unterscheidet nur Aufschwung und Abschwung. Aufschwünge dauern gewöhnlich erheblich länger: In den USA betrugen sie von 1945 bis 2001 durchschnittlich 57 Monate, Abschwünge dagegen 10 Monate. Eine schwache US-Expansion wird den Jahren 2001 bis 2007 zugeordnet. Die genaue Abgrenzung hängt von Theorie, Indikatoren und zuständigen Institutionen ab; das ifo Institut bezeichnet beispielsweise abweichend das Konjunkturtief als Rezession.
Im Aufschwung steigen Auftragsbestände, Produktion, Kapazitätsauslastung, private Investitionen, Lohnsumme, Volkseinkommen und privater Konsum. Die Arbeitslosenquote sinkt. Preise steigen zunächst nur wenig, die Zinsen sind niedrig, zeigen aber nach oben, und die Erwartungen sind optimistisch.
Im Boom sind die Kapazitäten wegen der starken Nachfrage voll ausgelastet und es herrscht Vollbeschäftigung. Löhne, Preise und Zinsen steigen weiter; das reale Volkseinkommen kann nicht mehr erhöht werden. Eine Überhitzung entsteht, wenn höhere Zinsen infolge starker Kreditnachfrage und Fehlinvestitionen aufgrund übermäßig optimistischer Erwartungen Unternehmen belasten. Bei Marktsättigung wächst das Marktvolumen kaum noch, Teilmärkte stagnieren oder schrumpfen, Preise fallen, weniger produktive und viele kleine Unternehmen scheiden aus, Übernahmen verstärken Konzentration und Konsolidierung, und oligopolistische Strukturen ersetzen polypolistische. Das BIP kann noch wachsen, aber mit sinkenden Wachstumsraten; damit beginnt der Abschwung.
Rezession und Depression
Eine Rezession ist die kontraktive Phase des Abschwungs. Eine einheitliche Definition existiert weder in der Wissenschaft noch bei internationalen Organisationen. Im weiten Sinn bezeichnet sie abnehmende Wachstumsraten nach einem Boom; dabei kann noch geringes Wachstum bestehen. Nach der 1974 von Julius Shiskin veröffentlichten Definition liegt eine technische Rezession erst vor, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen gegenüber dem jeweiligen Vorquartal nicht wächst oder schrumpft. Deshalb muss ein Abschwung nicht zwingend zu einem BIP-Rückgang führen.
Der Sachverständigenrat spricht von Rezession, wenn die relative Output-Lücke – der Abstand zwischen tatsächlicher Produktion und Produktionspotenzial – um mindestens zwei Drittel der jeweiligen Potenzialwachstumsrate zurückgeht und zugleich negativ ist. Das US-amerikanische National Bureau of Economic Research verwendet abhängig von der Datenqualität unterschiedliche Indikatoren und bestimmt die Rezession vom oberen bis zum unteren Wendepunkt. Das österreichische WIFO verlangt zwei Quartale mit Negativwachstum gegenüber der Vorjahresperiode. Nach der technischen Definition blieb Japan von 1960 bis 1993 während 132 Quartalen ohne Rezession; 2025 hatte Polen mit 49 Quartalen seit 2013 die längste solche Phase unter den OECD-Ländern.
Typische Rezessionsmerkmale sind sinkende Nachfrage, pessimistische Erwartungen, überfüllte Lager, weniger Überstunden, beginnende Kurzarbeit, Entlassungen in der Probezeit, nicht verlängerte Zeitverträge, fehlende Investitionen, teilweise stillgelegte Anlagen sowie stagnierende oder sinkende Preise, Löhne, Zinsen und Börsenkurse. Joseph Schumpeter sah die Rezession als „Erntezeit“ früherer Innovationen und Investitionen, in der nicht mehr lebensfähige Unternehmen verschwinden.
Eine Depression liegt vor, wenn eine Volkswirtschaft ungewöhnlich lange im Konjunkturtief verharrt und weitere Abwärtsbewegungen möglich sind; eine allgemein anerkannte akademische Definition ist umstritten. Schumpeter unterschied die normale, das Gleichgewicht wiederherstellende Rezession von der Depression, in der eine „abnorme Liquidation“ wirtschaftlich lebensfähige Werte vernichtet und staatliches Eingreifen nahezu unvermeidlich werde. Kennzeichen sind ein lang anhaltender Rückgang der gesamten Wirtschaftsaktivität, fallende Börsenkurse, stark steigende Arbeitslosigkeit, Angstsparen und Deflation, also ein sinkendes Preisniveau. Strukturkrisen und Überkapazitäten können das Tief verstärken.
Als Beginn der Great Depression gilt der Börsenkrach am 25. Oktober 1929; sie führte zu zuvor unbekannter Massenarbeitslosigkeit. Als Erklärungen werden Vertrauensverlust, sinkender Konsum und daraus folgender Arbeitsplatzabbau, wirtschaftspolitische Fehler, Protektionismus, Herdentrieb und äußere Einflüsse diskutiert. Schumpeter warnte allerdings davor, psychologische Erwartungen wie unabhängige äußere Ursachen zu behandeln.
Erklärungen, Diagnose und Prognose
Konjunkturtheorien verwenden verschiedene Blickwinkel. Der phänomenologische Ansatz untersucht Dauer, Phasen und das Verhalten von Beschäftigung, Investitionen oder Exporten, um den weiteren Verlauf abzuschätzen. Der analytische Ansatz erklärt Schwankungen mithilfe wirtschaftlicher Modelle. Dazu gehören Multiplikator-Akzelerator-Modelle, Lagerzyklen, finanz- und geldpolitische Maßnahmen, politische Zyklen, psychologische Ursachen und Räuber-Beute-Modelle auf Grundlage der Lotka-Volterra-Gleichungen. Der exogene Ansatz betrachtet außerwirtschaftliche Auslöser wie Kriege, Naturkatastrophen, Pandemien, Entdeckungen, Erfindungen und neue Rohstoffquellen. Wirtschaftsschulen gewichten diese Erklärungen unterschiedlich und gelangen daher zu verschiedenen politischen Empfehlungen.
Empirische Konjunkturforschung diagnostiziert und prognostiziert die Entwicklung einer konkreten Wirtschaft. Prognosen nutzen Erfahrungen aus früheren Zyklen, beobachtete Zusammenhänge – etwa zwischen Zinsen und Investitionen oder Steuern und Konsumnachfrage – sowie Konjunkturindikatoren. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung bildet den Rahmen für konsistente Aussagen. Neben intuitiven Verfahren dienen ökonometrische Modelle, also mathematisch-statistische Modelle. Neue politische Maßnahmen müssen als zusätzliche additive oder multiplikative Veränderungen, sogenannte Adds, in die Modellstruktur eingefügt werden.
Für die Diagnose werden Zeitreihen von BIP, Volkseinkommen, Konsum, Investitionen, Auftragseingängen und weiteren Größen untersucht. Außerdem finden Unternehmensbefragungen sowie Vergleiche von Produktionspotenzial und tatsächlicher Produktion statt. Daraus lässt sich der Auslastungsgrad bestimmen. Konjunkturdienste machen solche Ergebnisse durch regelmäßige Berichte wie den ifo-Schnelldienst oder Veröffentlichungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft für wirtschaftliche Akteure nutzbar.
Das DIW-Konjunkturbarometer schätzt monatlich das reale BIP des abgelaufenen Quartals anhand von Produktion, Umsätzen, Auftragseingängen, Umsatzsteuereinnahmen und Kraftfahrzeugzulassungen. Das ifo Institut befragt monatlich 7.000 Unternehmen nach ihren Erwartungen für das nächste halbe Jahr. Für den ZEW-Index werden 350 Börsenexperten befragt. Die ZEW-Erwartungen laufen der Jahresveränderungsrate der deutschen Industrieproduktion bis zu 6 Monate, die ifo-Erwartungen höchstens 4 Monate voraus; zugleich wird die stärkere Anfälligkeit der befragten Analysten für Herdentrieb kritisiert. In den USA berechnet das Conference Board monatlich aus zehn Frühindikatoren den US Leading Economic Indicator beziehungsweise Index, der Phasenwechsel früh anzeigen soll.
Zu den Prognoseeinrichtungen gehören in Deutschland unter anderem DIW, Sachverständigenrat, Institut der Deutschen Wirtschaft, IMK und Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung; international veröffentlichen OECD, EU-Kommission und IWF Prognosen. Deutsche Institute erstellen seit 1950 zweimal jährlich die Gemeinschaftsdiagnose, der 1963 gegründete Sachverständigenrat jährlich im November eine Prognose. Die Vorhersagen der letzten zehn untersuchten Jahre waren allerdings nur wenig besser als naive Fortschreibungen, unterschieden sich teilweise stark und überschätzten tendenziell das künftige Wachstum.
Konjunkturzyklen in Deutschland und der Schweiz
Für Deutschland gibt es anders als für die USA keine offizielle Datierung der Konjunkturzyklen. Werden nur Zyklen betrachtet, die durch absolute Produktionsrückgänge begrenzt sind, lassen sich seit 1945 sechs vollständige Zyklen erkennen. Der erste Nachkriegsaufschwung endete 1966; 1967 lag das BIP um 0,2 % unter dem Vorjahreswert. Weitere Zyklen endeten mit der ersten Ölpreiskrise 1974 und der zweiten Ölpreiskrise 1981/82. Die Rezession von 1993 war bis dahin die einzige der Bundesrepublik mit binnenwirtschaftlichen Ursachen: Nach Übersteigerungen im Wiedervereinigungsboom betrieb die Deutsche Bundesbank unter anderem wegen der zuvor hohen Inflation eine restriktive Geldpolitik.
Der fünfte Zyklus endete 2001 nach dem Platzen der Dotcom-Blase im März 2000; die Schwäche dauerte ungefähr bis 2004. Das stärkere Wachstum seit 2005 eröffnete den sechsten Zyklus, der in der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise im zweiten Halbjahr 2008 abrupt endete. 2009 sank das preisbereinigte BIP um 5 %, der größte Rückgang seit Gründung der Bundesrepublik.
Die vom Zweiten Weltkrieg unversehrte Schweiz erlebte zunächst einen stark exportgestützten Aufschwung bis zur Ölkrise Anfang der 1970er Jahre. Seine Schlussphase war von Inflation geprägt; Öl- und Baukrise beendeten ihn abrupt. Ein weiterer Aufschwung während der 1980er Jahre endete Anfang der 1990er Jahre mit dem Platzen einer Immobilienblase. Der Aufschwung ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde wie in Deutschland durch das Platzen der amerikanischen Dotcom-Blase beendet. Die Banken- und Finanzkrise von 2008 unterbrach den vierten Aufschwung. Nach Überwindung dieses Konjunkturtiefs bewegte sich das Schweizer Wachstum wieder auf hohem Niveau.
Lernvideos zu Konjunktur
9:38
Konjunktur: Konjunkturzyklus - Konjunkturschwankungen - Konjunkturindikatoren | WirtschaftBasics 34
Die Merkhilfe · 82.741 Aufrufe
6:20
Konjunktur einfach erklärt | Konjunkturphasen | Konjunkturindikatoren
EconomicsTeacher · 26.418 Aufrufe
4:03
Konjunktur – Grundbegriffe der Wirtschaft
Wirtschaft - simpleclub · 1,3 Mio. Aufrufe
4:40
Konjunktur - einfach erklärt!
Wirtschaftsbuddy · 177.257 Aufrufe