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Marktwirtschaft
Die Marktwirtschaft ist ein zentraler Begriff der ökonomischen Theorie und der Wirtschaftsgeschichte. In der Theorie der Wirtschaftsordnungen bezeichnet …
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Begriff und Funktionsweise
Marktwirtschaft bezeichnet ein Wirtschaftssystem, in dem die Entscheidungs- und Handlungsrechte durch Privateigentum an Produktionsmitteln geregelt sind. Planung und Koordination erfolgen dezentral: Haushalte und Unternehmen entscheiden selbst über Einkommen, Konsum, Investitionen, Produktion und Gewinnverwendung. Marktpreise stimmen diese Einzelpläne aufeinander ab und verbinden die verschiedenen Märkte zu einem gesamtwirtschaftlichen Rechnungszusammenhang.
Die Preise übernehmen dabei eine Informations- und Koordinationsfunktion. Sie zeigen den Wirtschaftssubjekten Veränderungen an; diese passen ihre Pläne und Handlungen laufend an. Dadurch kann eine Marktwirtschaft flexibel auf Veränderungen reagieren, ohne dass jede Entscheidung durch bürokratische Befehle zentral festgelegt werden muss. Die Allokation und Verteilung privater Güter erfolgt über Märkte und Preise. Öffentliche und meritorische Güter werden dagegen durch politische Entscheidungen bereitgestellt. Auch bei ihnen werden jedoch Güter und Produktionsfaktoren benötigt, die in marktlich koordinierten Prozessen hergestellt werden.
In der Theorie gilt die Marktwirtschaft unter der Voraussetzung der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit als selbstregulierend und selbstoptimierend. Die idealisierte Marktwirtschaft wird deshalb als freie Marktwirtschaft verstanden. Eine vollständig freie Marktwirtschaft ist jedoch eine Abstraktion; reale Märkte weichen teilweise erheblich von diesem Ideal ab.
Theoretische und historische Einordnung
Der Begriff „Marktwirtschaft“ trat in der deutschen Nationalökonomie erst in den frühen 1930er Jahren auf, unter anderem bei Hans Ritschl (1931), Franz Böhm (1933) und Arthur Spiethoff (1934). Der ältere, bedeutungsgleiche Begriff „Verkehrswirtschaft“ findet sich bereits bei Max Weber und wurde auch von Walter Eucken verwendet.
Adam Smith beschrieb den Markt als Anreiz- und Sanktionsmechanismus. Das eigennützige Verhalten arbeitsteilig wirtschaftender Menschen wird demnach so koordiniert, dass die Bedürfnisse des Einzelnen möglichst gut befriedigt werden. Walter Eucken verstand die Marktwirtschaft als Idealtypus, der „in allen Epochen der Menschheitsgeschichte“ vorkomme, betonte aber, dass eine reine Marktwirtschaft in der Realität nicht existiere. Nach Eucken stehen sich die Betrachtung von Wirtschaftsordnungen und die Betrachtung geschichtlicher Entwicklungen als zwei Denkweisen gegenüber. Egon Tuchtfeldt zufolge schließen sie sich nicht aus, sondern können sich ergänzen.
Die Wirtschaftssoziologie weist darauf hin, dass Marktwirtschaft bestimmte institutionelle und gesellschaftliche Voraussetzungen benötigt. Nach Franz-Xaver Kaufmann beeinflussen nicht nur Bildungsstand, Industrialisierungsgrad und natürliche Ressourcen den Wohlstand, sondern auch ausdrückliche und ungeschriebene Regeln, also Institutionen als „Spielregeln“ der Wirtschaft. Douglass North hob diese Bedeutung besonders hervor; er erhielt 1993 zusammen mit Robert Fogel den Nobelpreis für wirtschaftshistorische Studien. Max Weber verband Marktwirtschaft mit Appropriation und Marktfreiheit, etwa mit dem Fehlen ständischer Monopole, und verstand Marktbeziehungen als unpersönliche Beziehungen, die an die Stelle von Stammes- oder Verwandtschaftsbindungen treten können.
Karl Polanyi stellte die Annahme infrage, frühe Ökonomien hätten hauptsächlich auf Tauschhandel beruht. Er stellte Reziprozität, Umverteilung und direkten Austausch als weitere Wirtschaftsformen heraus. In „The Great Transformation“ (1944) bezeichnete er als „eigentliche Marktwirtschaft“ einen sich selbst regulierenden Markt und begrenzte dessen historische Existenz im Wesentlichen auf die Zeit von 1834 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Er sah die Reform des englischen Armengesetzes von 1834 als Beginn, weil arbeitsfähige Arbeitslose keine geldwerte Unterstützung mehr erhalten sollten und menschliche Arbeitskraft dadurch zur Ware wurde. Sozialgesetze und die Anerkennung der Gewerkschaften Ende des 19. Jahrhunderts wirkten dem Marktmechanismus wieder entgegen. Staatliche Regulierungen zwischen den Weltkriegen deutete Polanyi als Ende der eigentlichen Marktwirtschaft.
Fernand Braudel datierte die Entstehung dagegen weiter zurück: Marktwirtschaft habe sich in Europa „Schritt für Schritt“ entwickelt, sobald Märkte einer Region gemeinsame Preisschwankungen und Preisübereinstimmungen aufwiesen, also bereits lange vor dem 19. und 20. Jahrhundert. Während Polanyi Marktwirtschaft und Kapitalismus gleichsetzte, unterschied Braudel beide. Niklas Luhmann stellte Marktwirtschaft nicht der Planwirtschaft, sondern der Subsistenzwirtschaft gegenüber, in der Geld meist kein Steuerungsmedium ist und die Wirtschaft noch kein eigenständiges gesellschaftliches Teilsystem bildet.
Modelle und reale Wirtschaftsordnungen
Im Modell der freien Marktwirtschaft bestimmen allein die Märkte, was, in welcher Menge und zu welchem Preis produziert und konsumiert wird. Nach George Nikolaus Halm gehören dazu Privateigentum an den Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital, Produktion auf Initiative privater Unternehmen, freier Wettbewerb, Einkommen aus Dienstleistungen und Gewinnen privater Unternehmen, das Fehlen einer Planwirtschaft und staatlicher Marktregulierung sowie Wahlfreiheit bei Konsum, Beruf, Sparen und Investieren. Damit verbunden sind freie Preisbildung, Gewerbefreiheit und Konsumfreiheit. Eine vollständig freie Marktwirtschaft existiert praktisch nicht, weil alle Staaten in unterschiedlichem Umfang regulieren.
Auch Adam Smith sprach dem Staat nicht jede Aufgabe ab. Er sollte die äußere Sicherheit gewährleisten, Bürger vor Ungerechtigkeit und Unterdrückung schützen, öffentliche Einrichtungen bereitstellen, für die sich kein privater Investor findet, und Monopole bekämpfen. Bei sehr geringer staatlicher Regulierung wird in Anlehnung an Ferdinand Lassalle vom „Nachtwächterstaat“ gesprochen.
Die soziale Marktwirtschaft verbindet die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und hohe Güterversorgung der freien Marktwirtschaft mit sozialer Absicherung. Ihr Leitbild wurde von Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard entwickelt. Sie soll zerstörerischen Wettbewerb, wirtschaftliche Machtballungen und unsoziale Folgen von Marktprozessen begrenzen und größtmöglichen Wohlstand bei bestmöglicher sozialer Absicherung erreichen. Der Staat greift deshalb unter anderem konjunktur-, wettbewerbs- und sozialpolitisch ein. Für Erhard war „Soziale Marktwirtschaft“ ein Pleonasmus, weil der Markt selbst sozial sei; Müller-Armack verstand sie als „irenische Formel“, die Gerechtigkeit, Freiheit und wirtschaftliches Wachstum in ein vernünftiges Gleichgewicht bringen soll.
Die sozialistische Marktwirtschaft verbindet dezentrale Planung mit Gemeineigentum an den Produktionsmitteln. Die kapitalistische Marktwirtschaft beruht dagegen auf Privateigentum an den Produktionsmitteln; die sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft auf zentraler Planung. Weitere Modelle sind die ökosoziale, nachhaltige, humane, ethische und zivilisierte Marktwirtschaft.
Reale Marktwirtschaften unterscheiden sich nach wirtschafts- und sozialpolitischen Zielen, nach der Ausgestaltung von Eigentums- und Persönlichkeitsrechten sowie nach Umfang und Form staatlicher Eingriffe. Genannt werden unter anderem die französische Planification, das schwedische Modell, der Austrokeynesianismus und die deutsche soziale Marktwirtschaft. Michel Albert unterschied den „rheinischen Kapitalismus“ vor allem Deutschlands, der Alpenländer und der Niederlande vom „neo-amerikanischen“ Modell. Peter A. Hall und David Soskice unterschieden „liberal market economies“ und „coordinated market economies“.
Kapitalismus, Effizienz und Marktversagen
Marktwirtschaft und Kapitalismus werden häufig verbunden, sind aber begrifflich nicht identisch. Kapitalismus wird oft durch Privateigentum an Produktionsmitteln definiert, Marktwirtschaft durch die Befriedigung von Bedürfnissen über Märkte. Daher ist eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus als sozialistische Marktwirtschaft ebenso denkbar wie Kapitalismus ohne Marktwirtschaft als kapitalistische Zentralverwaltungswirtschaft. Für Fernand Braudel entstand die Marktwirtschaft vor dem Kapitalismus und dessen „Norm der unbegrenzten Akkumulation“. John Kenneth Galbraith hielt die Begriffe dagegen kaum für trennbar und sah „Marktwirtschaft“ als nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführte neue Bezeichnung für den durch die Weltwirtschaftskrise belasteten Kapitalismus.
Der Marktmechanismus koordiniert wirtschaftliche Entscheidungen über veränderte Preissignale. Dadurch besitzt die Marktwirtschaft gegenüber der Zentralverwaltungswirtschaft eine höhere Flexibilität und Problemverarbeitungskapazität. Diese Vorteile schließen jedoch Fehlentwicklungen nicht aus. Die Erfahrungen mit dem klassischen Laissez-faire-Liberalismus zeigen, dass staatliche Gestaltung und Korrektur erforderlich sein können.
Marktversagen liegt vor, wenn wegen einer Abweichung vom Ideal vollkommener Konkurrenz keine volkswirtschaftlich optimale Verteilung von Gütern und Ressourcen erreicht wird. Typische Ursachen sind Kartell- und Monopolbildungen, externe Effekte, ein Mangel an öffentlichen Gütern und Informationsasymmetrien. In der sozialen Marktwirtschaft soll der Staat Marktversagen beispielsweise durch Wettbewerbspolitik, Umweltpolitik und die Bereitstellung öffentlicher Güter begrenzen. Führen staatliche Eingriffe selbst zu weiteren Fehlentwicklungen, wird dies als Staatsversagen bezeichnet.
Soziale Gerechtigkeit, Akzeptanz und Vergleich
In der Theorie führt die Marktwirtschaft zu einer leistungsabhängigen Einkommensverteilung. Einkommen hängen unter anderem von Bildung, Berufsqualifikation, Motivation und persönlicher Leistung ab; weniger qualifizierte Kräfte liegen beim Einkommensniveau daher tendenziell unter höherqualifizierten. In der Praxis beeinflussen zusätzlich unterschiedliche Startbedingungen die Verteilung. Diese werden im Artikel unter dem Begriff Marktmacht zusammengefasst.
Staatliche Umverteilung und andere Regulierungen können Einkommensunterschiede verringern. Einzelne Eingriffe können jedoch Nebeneffekte haben und ihre ursprüngliche Absicht teilweise ins Gegenteil verkehren. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit wird politisch und philosophisch unterschiedlich beantwortet. Der Utilitarismus Jeremy Benthams orientiert sich am „größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl“ und nutzte dafür den felicific calculus. Die marxistische Kritik sieht einen Klassenwiderspruch zwischen Kapitalisten und Arbeiterklasse und hält deshalb eine gerechte soziale Marktwirtschaft für nicht möglich. John Rawls entwickelte eine Theorie der Gerechtigkeit, nach der vollständige Gleichverteilung nicht sinnvoll sein muss, weil sie die Leistungsbereitschaft verringern kann.
Die Zustimmung zur sozialen Marktwirtschaft wird in Deutschland regelmäßig vom Allensbach-Institut untersucht. Auf die Frage, ob die wirtschaftlichen Verhältnisse hinsichtlich Besitz und Einkommen im Großen und Ganzen gerecht seien, hielten sich die Antworten „gerecht“ und „nicht gerecht“ von 1964 bis Anfang der 1990er Jahre ungefähr die Waage. Danach stieg der Anteil derjenigen, die die Verhältnisse für nicht gerecht hielten, kontinuierlich; 2013 lag er bei 65 Prozent.
Im Vergleich der Wirtschaftsordnungen gelten in der Zentralverwaltungswirtschaft staatlich fixierte Preise, verstaatlichte Produktionsmittel und das Prinzip der Planerfüllung. In der sozialistischen Marktwirtschaft gibt es staatlich fixierte Preise und teilweise Marktpreise, vergesellschaftetes Eigentum an Produktionsmitteln sowie Einkommens- und teilweise Gewinnprinzip. In der Marktwirtschaft bestimmen grundsätzlich Marktpreise, ausnahmsweise auch Mindest- und Höchstpreise; die Produktionsmittel befinden sich in Privateigentum und das Gewinnprinzip ist das formale Ziel, ausnahmsweise auch das Kostendeckungsprinzip.
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