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Konjunkturtheorie

Die Konjunkturtheorie untersucht und beschreibt die Ursachen und Auswirkungen der Konjunktur und des Konjunkturzyklus. Im Jahre 1937 wurde von Gottfried …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und frühe Ansätze
  2. 2. Weitere vorkeynesianische Erklärungen
  3. 3. Neoklassische und monetaristische Modelle
  4. 4. Keynes und seine Weiterentwicklungen
  5. 5. Neue Keynesianische Makroökonomik
  6. 6. Neue Politische Ökonomie

Grundidee und frühe Ansätze

Die Konjunkturtheorie untersucht die Ursachen und Auswirkungen von Konjunktur und Konjunkturzyklen, also wiederkehrenden Auf- und Abschwüngen der wirtschaftlichen Aktivität. Gottfried Haberler erstellte 1937 im Auftrag des damaligen Völkerbundes eine Systematik früher Konjunkturtheorien. Er unterschied rein-monetäre Theorien, Überinvestitionstheorien, Unterkonsumtionstheorien, psychologische Theorien und Erntetheorien. Später kamen weitere Erklärungen hinzu; ähnliche Ansätze heißen auch Überproduktionstheorien oder Überakkumulationstheorien.

In der rein-monetären Theorie steht die Kreditvergabe der Geschäftsbanken im Mittelpunkt. Sinkt der Kreditzins, nehmen Handel und Unternehmen mehr Kredite auf, Lagerbestände und Produktion steigen, Einkommen und Konsumnachfrage wachsen. Der Aufschwung kann aber zu höherem Bargeldbedarf, steigenden Zinsen, Preissteigerungen und einer Verschlechterung der Handelsbilanz führen. Bei fester Goldparität kann Goldexport die Zentralbankgeldmenge senken; steigende Zinsen bremsen dann den Aufschwung, Lager werden abgebaut, Einkommen und Nachfrage sinken. Später kann sich durch sinkende Preise, bessere Handelsbilanz und erneuten Geldzufluss ein neuer Aufschwung ergeben.

Überinvestitionstheorien erklären Konjunkturzyklen durch zu starke oder fehlgeleitete Investitionen. Die monetäre Überinvestitionstheorie, vertreten unter anderem von Friedrich August von Hayek und Wilhelm Röpke, sieht die Ursache in billigem Kredit und einer Differenz zwischen Geldzins und natürlichem Zins. Dadurch wird die Produktion von Investitionsgütern im Verhältnis zu Konsumgütern ausgeweitet. Die nicht-monetäre Überinvestitionstheorie, etwa bei Gustav Cassel und Arthur Spiethoff, betont Investitionen und technischen Fortschritt, die neue Märkte erschließen. Das Akzeleratorprinzip beschreibt, dass ein Aufschwung sich durch zusätzliche Investitionsnachfrage verstärken, bei nachlassender Dynamik aber auch den Abschwung beschleunigen kann.

Weitere vorkeynesianische Erklärungen

Die Unterkonsumtionstheorie versucht vor allem Abschwünge zu erklären. Sie nimmt an, dass zu geringe Konsumnachfrage Unterbeschäftigung verursachen kann. John Hobson sah nicht einen Mangel an Ersparnis, sondern zu hohe Ersparnis als Problem: Am Ende eines Investitionsaufschwungs kämen viele Konsumgüter gleichzeitig auf den Markt, Preise fielen, Verluste entstünden und Investitionen gingen zurück. Emil Lederer betonte dagegen, dass im Aufschwung Preise stärker steigen als Löhne. Dadurch verschiebt sich die Einkommensverteilung zugunsten der Kapitaleinkommensbezieher, die Sparquote steigt und die gesamtwirtschaftliche Konsumnachfrage sinkt.

Joseph Schumpeter erklärte Konjunkturzyklen durch das Wechselspiel von Innovatoren und Imitatoren. In seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von 1911 beginnt der Prozess in einem Walrasianischen Gleichgewicht, in dem Unternehmensgewinne null sind. Pionierunternehmer führen Innovationen ein und erzielen vorübergehend Monopolgewinne. Wenn Nachahmer auftreten, entsteht ein Aufschwung, zugleich schwächt die Konkurrenz die Stellung der Innovatoren. Mit der Verbreitung der Imitationen bildet sich wieder ein neues Gleichgewicht mit Gewinnen von null, das Ausgangspunkt eines neuen Zyklus sein kann.

Psychologische Theorien gelten im Artikel nicht als selbstständige Konjunkturtheorie. Sie verweisen auf Preis- und Absatzerwartungen als Verstärker von Auf- und Abschwüngen. Gewinne im Aufschwung können zu Optimismus und überschätzter Rentabilität von Investitionen führen. Enttäuschte Erwartungen können dagegen übertriebenen Pessimismus auslösen, Investitionen bremsen und die Depression beschleunigen. Später kann nach sinkender Nachfrage wieder vorsichtiger Optimismus entstehen.

Neoklassische und monetaristische Modelle

Neoklassische Konjunkturtheorien werden im Artikel vor allem in Monetarismus und Neue Klassische Makroökonomik unterteilt. Exogene Theorien erklären Schwankungen durch äußere Störungen, zum Beispiel monetäre Störungen oder reale Störungen wie Veränderungen der verfügbaren Technologie. Endogene Theorien führen Konjunkturzyklen auf innere Dynamiken der Wirtschaft oder auf sogenannte Sunspot-Mechanismen zurück.

Im Monetarismus, besonders bei Milton Friedman, steht die Geldmenge im Zentrum. Das Nominaleinkommen wird durch die Geldmenge bestimmt; fiskalpolitische Einflüsse gelten als „temporary and minor“, wenn sie nicht von Änderungen der Geldmenge begleitet werden. Geldmengenschwankungen können kurzfristig das Realeinkommen beeinflussen und dauerhaft das Preisniveau. Friedman betonte lange und variable Verzögerungen: Die Gesamtwirkung von einer Geldmengenänderung bis zur Änderung des Nominaleinkommens dauere sechs Monate bis zwei Jahre. Deshalb lehnte er eine genaue Feinsteuerung der Geldpolitik ab und schlug 1959 eine Geldmengenregel vor: Die Geldmenge solle an die Wirtschaftswachstumsrate gekoppelt und mit konstanter Rate ausgeweitet werden.

Die Neue Klassische Makroökonomik, verbunden mit Robert Emerson Lucas, nimmt rationale Erwartungen und jederzeit vollständige Markträumung an. Wirtschaftssubjekte, im Modell agents genannt, nutzen verfügbare Informationen und machen keine systematischen Erwartungsfehler. Die Lucas-Kritik besagt, dass eine Änderung der Wirtschaftspolitik auch die Struktur ökonometrischer Modelle verändert, weil sich optimale Entscheidungsregeln der Wirtschaftssubjekte ändern. Konjunkturschwankungen entstehen in diesen Modellen vor allem durch falsche oder unvollständige Informationen, etwa wenn agents permanente und vorübergehende oder absolute und relative Preisänderungen verwechseln. Der Artikel weist aber darauf hin, dass heute weitgehend Konsens besteht, dass Löhne und Preise sich nicht schnell genug anpassen, um jederzeit Gleichgewicht herzustellen; die Hypothese der Ineffektivität von Geldpolitik wird kaum noch vertreten.

Die Angebotsökonomie will die Wirtschaft über die Angebotsseite stärken, besonders durch Steuersenkungen. Eine Richtung beruft sich auf die klassische Tradition und das Saysche Gesetz, nach dem jedes Angebot seine eigene Nachfrage schaffe. Eine andere Richtung betont die Laffer-Kurve von Arthur B. Laffer: Steuersätze können zunächst höhere Einnahmen bringen, ab einem Maximalpunkt aber sinkende Einnahmen. Die Angebotsökonomie hatte starken Einfluss in den ersten Jahren der Reagan-Administration und prägte auch Teile des Thatcherismus.

Keynes und seine Weiterentwicklungen

Keynes widersprach der klassischen und neoklassischen Vorstellung von der Neutralität des Geldes. In Die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes wollte er zeigen, dass Geld die reale Wirtschaft beeinflusst. Eine starke Deflation könne Unternehmen und Investitionen schädigen. Wenn Haushalte mehr sparen und Unternehmen weniger investieren, steigen nach Keynes nicht automatisch Ersparnisse und Investitionen; vielmehr sinken Einkommen und Ersparnisse. Das beschreibt das Sparparadoxon und widerspricht dem Sayschen Theorem einer stets voll ausgelasteten Wirtschaft.

Nach Keynes können hohes Zinsniveau oder starke Deflation Unternehmensinvestitionen einbrechen lassen. Dann sinken Produktion und Beschäftigung, es entsteht unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Die mögliche Ersparnis hängt von Nettoinvestitionen, Staatsdefizit und Außenhandelsüberschuss ab. Ohne Investitionen und Haushaltsdefizit müsste die Wirtschaft in einer schweren Krise so weit verarmen, dass im Saldo keine Ersparnis mehr möglich ist. Anders als die orthodoxe Ökonomie, die Einkommen aus Kapital und Arbeit ableitet, sieht Keynes das Einkommen monetär beschränkt; Kapitalbestand und Beschäftigungsniveau passen sich daran an.

Die Neoklassische Synthese entstand aus vereinfachenden Deutungen von Keynes, besonders dem IS-LM-Modell von John R. Hicks von 1937. Sie verbindet neoklassische Langfristannahmen mit kurzfristigen keynesianischen Störungen: Flexible Preise und Löhne führen langfristig zu Vollbeschäftigung und einem Pareto-optimalen Zustand, kurzfristig können Preis- und Lohnrigiditäten Anpassungen verhindern oder verzögern. Diese Synthese dominierte jahrzehntelang, deckte sich aber nur teilweise mit Keynes.

Der Postkeynesianismus betont echte Unsicherheit, die anders als Risiko nicht berechenbar ist. Vertreter sind unter anderem G. L. S. Shackle, Paul Davidson, Hyman P. Minsky, Brian Loasby und Jan Kregel. Bei Unsicherheit hängen Konsum, Investitionen, Preise, Verträge und Unternehmensorganisation anders zusammen als in Modellen mit vollständiger Berechenbarkeit. Ungleichgewicht gilt hier als Normalfall. Wirtschaftspolitisch werden Eingriffe gegen Fehlentwicklungen sowie stabilisierende Faktoren wie gesellschaftliche Kontrolle der Investition, Beschränkung internationaler Kapitalbewegungen und Umverteilung zugunsten niedriger Einkommensschichten diskutiert.

Neue Keynesianische Makroökonomik

Die Neue Keynesianische Makroökonomik entwickelte sich in zwei Schüben. NKM I entstand in der zweiten Hälfte der 1960er und in den 1970er Jahren und konzentriert sich auf Ungleichgewichtsmodelle. Transaktionen können zu nicht-markträumenden Preisen stattfinden, weil Preise und Löhne sich nicht schnell genug anpassen. Dadurch entstehen Mengenrationierungen: Auf Güter-, Arbeits- oder Geldmärkten würde zu gegebenen Preisen mehr angeboten oder nachgefragt, als tatsächlich umgesetzt wird. Spill-over-Prozesse übertragen Probleme von einem Markt auf andere, etwa wenn Arbeitslosigkeit die Konsumnachfrage senkt und Unternehmen deshalb ihre Produktion nicht absetzen können. Damit kann Arbeitslosigkeit auch ohne überhöhte Reallöhne entstehen; in solchen Fällen wäre Nachfragesteuerung wichtiger als Lohnpolitik.

NKM II entstand seit den 1980er Jahren und fragt, warum nominelle Schocks reale Folgen haben können. Sie sucht mikroökonomische Begründungen für Preis- und Lohnrigiditäten. Reallohnrigidität bedeutet Starrheit relativer Löhne und kann durch implizite Kontrakte, Gewerkschaften, Arbeitsmarktstrukturen oder Effizienzlohnüberlegungen entstehen. Die Effizienzlohn-Hypothese besagt, dass höhere Reallöhne Produktivität, Anstrengung und Loyalität erhöhen können; bei Nachfragerückgang reagieren Unternehmen dann eher mit Entlassungen als mit Lohnsenkungen. Nominallohnrigidität entsteht zum Beispiel durch überlappende, nicht sofort änderbare Verträge.

Preisrigiditäten können aus oligopolistischen Märkten, Suchkosten oder Input-Output-Verflechtungen entstehen. Auf Kundenmärkten können häufige Preisänderungen Kundenbeziehungen stören. Bei Input-Output-Verflechtungen wissen Unternehmen oft nicht, ob Kostenänderungen vorübergehend oder dauerhaft sind; Preisänderungen brauchen wegen Anpassungskosten und Durchlaufzeiten Zeit. Der Artikel nennt als offene Probleme, dass nominelle Rigiditäten schwerer überzeugend zu begründen sind als reale und dass neben Preisanpassungskosten auch Mengenanpassungskosten bestehen. Zugleich können schon kleine Preisanpassungskosten dazu führen, dass nominelle Schocks reale Wirkungen haben.

Neue Politische Ökonomie

Die Neue Politische Ökonomie erweitert die ökonomische Analyse auf die Politik. Ein wichtiger Ausgangspunkt war Duncan Blacks Buch The Theory of Committees and Elections von 1958; in den 1960er und 1970er Jahren arbeiteten unter anderem James M. Buchanan, Gordon Tullock, Anthony Downs und William A. Niskanen an solchen Ansätzen.

Im Mittelpunkt stehen politische Institutionen und politische Akteure: Wähler, Politiker, Bürokraten, Interessengruppen und Medien. Die NPÖ nimmt an, dass diese Akteure ausreichend rational handeln und häufig eigene Interessen verfolgen. Deshalb können Methoden wie neoklassische Theorie, Spieltheorie, Neue Institutionenökonomik und Experimentelle Ökonomik auf Politik angewendet werden. Politiker werden dabei mit Unternehmern, Wähler mit Konsumenten, Bürokratie mit Anbietern öffentlicher Güter und Medien mit Informationsanbietern verglichen. Das Zusammenwirken von Interessengruppen, Bürokraten und Politikern wird als „Eisernes Dreieck“ beschrieben.

Die NPÖ unterscheidet positive Ansätze, die tatsächliches politisches Verhalten empirisch erklären, und normative Ansätze, die Institutionen zur Erreichung bestimmter Ziele gestalten wollen. Sie ist eng mit der Konstitutionenökonomik verbunden. Heute gilt die ökonomische Analyse der Politik als eigenständige Fachrichtung innerhalb der Ökonomik und untersucht unter anderem Wandel politischer Institutionen, globale Politikphänomene, supranationale Organisationen, Einstellungen der Bürger, Vertrauen, Medien und Politikberatung.

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