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Wachstumstheorie

Der klassische Indikator für wirtschaftliches Wachstum ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), dessen absolute Veränderung oder die Veränderung Pro-Kopf betrachtet …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundideen
  2. 2. Entwicklung der Wachstumstheorien
  3. 3. Endogenes und vereinheitlichtes Wachstum
  4. 4. Arbeit, Kapital und natürliche Grundlagen
  5. 5. Wachstumsbuchhaltung und technischer Fortschritt
  6. 6. Formales Modell des steady state

Gegenstand und Grundideen

Die Wachstumstheorie ist ein Teilgebiet der Volkswirtschaftslehre. Sie untersucht, wodurch Wirtschaftswachstum und die langfristige wirtschaftliche Entwicklung eines Landes entstehen. Als wichtigster Indikator dient das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Betrachtet werden entweder seine absolute Veränderung oder, in Wachstumsmodellen häufiger, das BIP pro Kopf. Das Pro-Kopf-BIP soll die wirtschaftliche Lage eines repräsentativen Durchschnittsbürgers abbilden.

Wachstumstheorien nehmen meist eine langfristige Perspektive ein. Kurzfristige Schwankungen und die Auslastung des vorhandenen Produktionspotenzials gehören dagegen zur Konjunkturtheorie.

Die klassische Nationalökonomie unterschied drei Produktionsfaktoren: Arbeit, Kapital und Boden. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird Boden häufig dem Kapital zugerechnet, sodass viele Modelle nur Arbeit und Kapital betrachten. Umwelt- und Ressourcenökonomik untersuchen Natur und Rohstoffe jedoch weiterhin als eigenständige Wachstumsgrundlagen. Da Produktionsfaktoren knapp sind, entstehen Faktorpreise: Lohn für Arbeit, Zins für Kapital und Bodenrente für Boden.

Entwicklung der Wachstumstheorien

Erste Wachstumstheorien entstanden Ende des 17. Jahrhunderts im Merkantilismus. Gustav Cassel formulierte später die Vorstellung einer „gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft“ und postulierte dabei die Gleichheit von Sparen und Investieren.

In der marxistischen Theorie sind Wachstum und Akkumulation zentral. Karl Marx argumentiert in Band I des Kapitals, dass Unternehmen durch den Wettbewerb zur Akkumulation gezwungen seien. Heutige marxistische Theoretiker bezeichnen dies auch als „grow or die“ oder Wachstumszwang. Nach marxistischen Krisen- beziehungsweise Zusammenbruchstheorien führen sinkende Profitraten, Überproduktion und Stagnation schließlich zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. In Band II entwickelte Marx außerdem eine Theorie der Kreislaufzusammenhänge einer wachsenden Wirtschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden moderne keynesianische Wachstumstheorien. Das Harrod-Domar-Modell von Roy F. Harrod und Evsey Domar betont wie andere keynesianische Modelle die Bedeutung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Postkeynesianische Ansätze verwenden unter anderem Stock-Flow Consistent Models, in denen Bestände und Zahlungsströme widerspruchsfrei miteinander verbunden werden.

Frank Plumpton Ramsey leitete 1928 die Wachstumsrate aus intertemporaler Nutzenmaximierung ab; daraus entstand später das Ramsey–Cass–Koopmans-Modell. Robert M. Solow veröffentlichte 1956 das neoklassische Solow-Modell und erhielt dafür 1987 den Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank. In diesem Modell ist langfristiges Wachstum der Pro-Kopf-Größen im Gleichgewicht durch exogenen, also außerhalb des Modells vorgegebenen, technologischen Fortschritt möglich. Die empirische Zerlegung des Wachstums nach den Beiträgen verschiedener Produktionsfaktoren heißt Wachstumsbuchhaltung.

Endogenes und vereinheitlichtes Wachstum

Mitte beziehungsweise Ende der 1980er Jahre begründeten vor allem Arbeiten von Paul Romer die endogene Wachstumstheorie. „Endogen“ bedeutet, dass Wachstum und technischer Fortschritt innerhalb des Modells erklärt werden. Kennzeichnend sind Produktionsfunktionen, die zunehmende Skalenerträge erlauben: Eine proportionale Erhöhung aller eingesetzten Faktoren kann die Produktion überproportional steigern. Begründet wird dies etwa durch learning-by-doing, also Produktivitätsgewinne durch Erfahrung, oder durch Übertragungseffekte von Wissen. Beispiele sind das AK-Modell, das Romer-Modell und das Jones-Modell.

N. Gregory Mankiw, Romer und Weil ergänzten 1992 das Solow-Swan-Modell um Humankapital, das sie anhand von Einschulungsraten bestimmten. Dadurch ergibt sich eine langsamere Konvergenzgeschwindigkeit als im Solow-Modell. Andere endogene Modelle nehmen an, dass keine abnehmenden Grenzerträge vorliegen. Romer begründete dies 1986 damit, dass technisches Wissen nicht nur dem Erfinder zur Verfügung steht, sondern durch Übertragungseffekte auch andere Gesellschaftsmitglieder erreicht. Modelle von Grossman, Philippe Aghion und weiteren Forschern erklären beständige Erfindungstätigkeit außerdem durch Vorteile, die Unternehmen unter monopolistischer Konkurrenz daraus ziehen.

Als Reaktion auf Kritik an endogenen Modellen entwickelten Galor und Weil 2000 einen Ansatz der Unified Growth Theory. Er verbindet Bevölkerungswachstum, Bevölkerungsgröße, technischen Fortschritt und Humankapital. Diese Größen beeinflussen sich gegenseitig und können teilweise erklären, wie langfristiges Wachstum die Malthusianische Falle überwindet. Manche Modelle der Populationsdynamik werden ebenfalls auf Wirtschaftswachstum oder Konjunktur angewandt.

Arbeit, Kapital und natürliche Grundlagen

Arbeit bezeichnet als Produktionsfaktor gewöhnlich eine Erwerbstätigkeit, die auf Einkommenserzielung ausgerichtet ist. Der Arbeitseinsatz hängt unter anderem vom Arbeitsmarkt ab. Die Arbeitsmarktökonomik untersucht Beschäftigungsangebot und -nachfrage, Löhne sowie Ursachen und Folgen von Arbeitslosigkeit. „Jobless growth“ oder „beschäftigungsfreies Wachstum“ bezeichnet Wachstum beziehungsweise eine Erholung nach einer Rezession, die nicht zur Schaffung von Arbeitsplätzen ausreicht. Der Ausdruck wurde in den 1990er Jahren in den USA für die wirtschaftliche Lage am Ende der Amtszeit von George H. W. Bush geprägt. Der Zusammenhang zwischen Wachstum und Beschäftigung ist teilweise umstritten: Ralf Fücks hält ihn weiterhin für intakt und verweist auf das deutsche Beschäftigungshoch im Herbst 2012; Jeremy Rifkin vertritt dagegen die Auffassung, Rationalisierung, Automatisierung und Wachstum könnten die Arbeitslosigkeit erhöhen.

Kapital beziehungsweise der Kapitalstock umfasst in der Produktion eingesetzte Vermögensgüter wie Maschinen und Bürogebäude. Mit steigender Kapitalintensität kann die Produktion je Beschäftigtem zunehmen. Wegen des abnehmenden Grenzertrags des Kapitals fällt der zusätzliche Ertrag jedoch umso geringer aus, je höher die Produktion bereits ist. Kapital kann akkumuliert werden, nutzt sich aber ab und muss ersetzt werden. Ohne technische Neuerungen lässt es sich deshalb nicht unbegrenzt wachstumswirksam vermehren.

Im Solow-Modell liegt der steady state bei konstanter Arbeitskraft und Technologie dort, wo Investitionen und Abschreibungen gleich groß sind. Die Sparquote bestimmt wesentlich, wie viel Kapital ersetzt werden kann. Mehr Sparen ermöglicht mehr Kapital, verringert aber den Konsum. Die goldene Regel bezeichnet den Punkt, an dem der Konsum dauerhaft maximal ist und das notwendige Kapital dauerhaft ersetzt werden kann. Im Optimum entspricht die Sparquote der Produktionselastizität des Kapitals.

Der Faktor Boden umfasst die wirtschaftlich genutzte Erdoberfläche. Ursprünglich war vor allem Ackerboden gemeint, später auch Bodenschätze. In der Nachhaltigkeitsdebatte werden zudem knappe Mittel wie Wasser und allgemein die Umwelt berücksichtigt. Georgismus, Ökologische Ökonomie und Energieökonomik betonen die eigenständige Rolle von Boden, natürlichen Rohstoffen und Energie.

Wachstumsbuchhaltung und technischer Fortschritt

Die Wachstumsbuchhaltung bestimmt, welchen Beitrag einzelne Produktionsfaktoren zum Wachstum leisten. Mehr Arbeit, etwa durch Bevölkerungswachstum, erhöht die Produktion; die genaue Wirkung hängt von der Produktionselastizität ab. Diese gibt an, wie stark die Produktion auf eine Veränderung des jeweiligen Faktoreinsatzes reagiert.

Im Solow-Modell konnten Steigerungen von Arbeit und Kapital nur 20 Prozent des Wachstums erklären. Der unerklärte Rest wurde Solow-Residuum genannt und zunächst als „Maß unserer Unwissenheit“ verstanden. Heute heißt dieser Rest totale Faktorproduktivität. Sie umfasst alle Wachstumsbeiträge, die nicht auf eine Zunahme von Arbeit und Kapital zurückgeführt werden können.

Üblicherweise wird die totale Faktorproduktivität dem technischen Fortschritt zugeschrieben. Dazu zählen neue Produkte, verbesserte Produktionsverfahren, die Erschließung neuer Rohstoffressourcen und neue Organisationsstrukturen. Joseph Schumpeter unterschied Entwicklung von bloßem Wachstum und beschrieb „schöpferische Zerstörung“ als einen Prozess industrieller Veränderung, der alte Strukturen zerstört und neue schafft; diese Unterscheidung setzte sich in der Wachstumstheorie jedoch nicht durch. Ökologische Ökonomen kritisieren die Vorstellung des technischen Fortschritts als formlose Kraft, welche die Produktivität beliebig steigern könne. Nach ihrer Auffassung könnte die Größe des Solow-Residuums auch daraus folgen, dass Solow Energie und Materialien nicht als Produktionsfaktoren berücksichtigte.

Formales Modell des steady state

Das einfache Modell verwendet für jedes Jahr t das BIP Y_t, die Bruttoanlageinvestitionen I_t und den Kapitalstock K_t zu Jahresbeginn. Ein steady state ist hier ein Wachstumszustand, in dem alle Variablen mit derselben Rate g wachsen.

Ohne Abschreibungen gelten: Y_t = (1 + g) · Y_{t-1} I_t = (1 + g) · I_{t-1} K_t = K_{t-1} + I_t = (1 + g) · K_{t-1}

Daraus folgt I_t = g · K_{t-1} und außerdem I_t = I_{t+1}/(1 + g) = g · K_t/(1 + g). Nach Division durch Y_t ergibt sich: I_t/Y_t = ((K_t/Y_t) · g)/(1 + g) beziehungsweise i* = (k* · g)/(1 + g). Dabei ist i* die Steady-state-Investitionsquote und k* der Steady-state-Kapitalkoeffizient.

Mit der Abschreibungsrate δ verändert sich der Kapitalstock durch Bruttoinvestitionen abzüglich Abschreibungen: K_t = K_{t-1} − δ · K_{t-1} + I_t = (1 + g) · K_{t-1}.

Daraus folgen: I_t = (g · K_t + δ · K_t)/(1 + g) und nach Division durch Y_t: i* = (k* · (g + δ))/(1 + g).

Der Internationale Währungsfonds verwendete diese Formel in einer Studie von 2005 zum Investitionsverhalten und bezeichnete sie als „Standard-neoklassisches Wachstumsmodell“. Viele der Gleichungen sind allerdings tautologisch, gelten also auch für andere Wachstumsmodelle wie das Harrod-Domar-Modell. In einem späteren Arbeitspapier des IWF wurde die Anwendbarkeit des Modells selbst in Zweifel gezogen.

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