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Jenseits

Religiöse Jenseitsvorstellungen · Vorgeschichtliche Zeit und ethnische Religionen · Altes Ägypten · Hinduismus · Buddhismus · Daoismus · Judentum · Christentum · Islam.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundvorstellungen
  2. 2. Philosophische Deutungen
  3. 3. Frühe und indische Vorstellungen
  4. 4. Buddhistische Lehren
  5. 5. Weitere Religionen, Esoterik und Forschung

Begriff und Grundvorstellungen

Das Jenseits bezeichnet in vielen mythischen, religiösen und esoterischen Vorstellungen eine „andere Wirklichkeit“, die unabhängig von der Naturwirklichkeit existiert. Das Diesseits umfasst demgegenüber alle Erscheinungen, die den Naturgesetzen gehorchen. Das Jenseits gilt als übernatürlicher Bereich von Göttern, Geistern oder Seelen und soll nach solchen Vorstellungen nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden, sondern nur in besonderen Bewusstseinszuständen wie Ekstase oder transzendentaler Offenbarung wahrnehmbar sein.

Jenseitsvorstellungen können räumlich oder zeitlich verstanden werden. Räumlich erscheint das Jenseits etwa als Himmel, Unterwelt, Totenreich oder als schwer zugänglicher irdischer Ort wie ein heiliger Berg, eine Höhle oder ein Wald. Zeitlich kann es das Leben nach dem Tod bezeichnen: von der Beendigung der körperlichen Existenz über eine mögliche Wiedergeburt bis zum Eintritt in eine zeitlose Ewigkeit. Beispiele dafür sind das indische Nirwana und das abendländische Empyreum.

Viele Vorstellungen ordnen gute, mächtige Gottheiten einem Bereich „oben“ und gefallene Götter, Dämonen oder Teufel einem Bereich „unten“ zu. Darin zeigt sich ein Gut-Böse-Dualismus, also eine Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Prinzipien. Andere Lehren verstehen Himmel und Hölle nicht als entfernte Orte, sondern als bereits auf Erden oder im Inneren des Menschen erfahrbare Zustände.

Philosophische Deutungen

Platon deutete das gewöhnliche Diesseits im Höhlengleichnis als einen krankhaften Zustand: Menschen seien an Vorstellungen gebunden, deren Irrtumscharakter sie meist nicht erkennen. Nur wenige könnten daraus in ein „gesundes“ Jenseits gelangen. Als Weg dorthin empfahl er die sokratische Mäeutik oder „Hebammentechnik“: Durch gezieltes Fragen soll einem Menschen geholfen werden, Wahrheit selbst hervorzubringen. Das Verlassen der Höhle und der Schritt in das Sonnenlicht stehen sinnbildlich für diese Erkenntnis.

Andere philosophisch-naturwissenschaftliche Betrachtungen kehren die übliche religiöse Wertung um. Bei Nietzsche kann das religiös geprägte Urteilen nach Gut und Böse als ein Zustand erscheinen, der den Blick auf die Gesetzmäßigkeiten der Naturwirklichkeit behindert.

Monistische Weltanschauungen lehnen die Trennung von Diesseits und Jenseits ab. Monismus bedeutet hier, dass nur eine einzige Daseins- oder Naturwirklichkeit angenommen und alles auf ein Grundprinzip zurückgeführt wird. Auch Freireligiöse betrachten die Welt als Einheit und verwerfen eine Aufteilung in zwei getrennte Wirklichkeiten.

Frühe und indische Vorstellungen

Die ältesten archäologisch erschließbaren Jenseitsvorstellungen zeigen sich wahrscheinlich in Bestattungen. Grabbeigaben wie Waffen, Lebensmittel und Schmuck lassen vermuten, dass Menschen mit einem Fortleben der Verstorbenen und weiterhin bestehenden Bedürfnissen rechneten. In ethnischen Religionen berichten unter anderem Überlieferungen über schamanische Jenseitsreisen von solchen Vorstellungen.

Im Alten Ägypten bestanden über Jahrtausende unterschiedliche Jenseitsbilder. Bedeutend waren Totenkulte um den Falkengott Horus, die sich teilweise mit Osiris-Kulten verbanden. Priesterastronomen wirkten bei der kultischen Zeiteinteilung und bei der Ausrichtung von Grabstätten mit.

Im Hinduismus entwickelte sich ein vielschichtiges Modell. Die vedische Religion kannte das „Land der Väter“, ein Paradies für Opfernde. Wer wohlhabender war und mehr opfern konnte, sollte dort einen besseren Platz erhalten, sodass diesseitige soziale Unterschiede fortbestanden. Später wurde eine Väterwelt innerhalb des Kreislaufs der Wiedergeburten angenommen. Himmel für Menschen mit gutem Karma und verschiedene Höllen gelten nur als vorübergehend, weil keine Tat eine ewige Wirkung besitzt. Das Individuum kehrt zur Erde zurück. Endziel ist Moksha, die Erlösung aus Samsara, dem Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt.

Buddhistische Lehren

Der Buddhismus übernimmt die Vorstellung der Wiedergeburt, betrachtet aber weder eine Götterwelt noch ein Paradies als endgültiges Ziel. Jede bedingte Daseinsform ist vergänglich und kann deshalb keine dauerhafte Erfüllung bieten. Angestrebt wird die Befreiung vom Kreislauf des bedingten Entstehens, auf Sanskrit pratityasamutpada, sowie von Geburt und Tod. Diese Befreiung heißt Nirvāna und wird als Ende allen Leids beschrieben.

Ursache der Wiedergeburt in Samsara ist ein von Begierde oder „Durst“ bestimmter Geist; Grundlage der Begierde ist Unwissenheit über die wirkliche Beschaffenheit der Welt. Solange diese Bedingungen wirken, bleibt das Dasein durch dukkha geprägt, also Leid beziehungsweise die Unmöglichkeit endgültiger Erfüllung. Der Buddhismus nimmt dabei keine unveränderliche Seele an, die von Leben zu Leben wandert. Alle erfahrbaren Erscheinungen, einschließlich der fünf Aggregate der menschlichen Erfahrung, sind vergänglich (anicca), nicht das Selbst (anatta) und letztlich nicht erfüllend (dukkha).

Im Lehrgespräch zwischen dem Mönch Nagasena und König Menandros wird der Wiedergeborene als „weder derselbe noch ein anderer“ bezeichnet. Wie die Flamme einer Öllampe am Morgen von der Flamme des Vorabends abhängt, ohne mit ihr völlig identisch oder völlig verschieden zu sein, bedingt ein Bewusstseinsmoment den nächsten. Entsprechend bedingt der letzte Bewusstseinsmoment eines Lebens den ersten des folgenden Lebens, ohne dass eine unveränderliche Substanz fortbestehen muss.

Die buddhistische Welt wird häufig in drei Schichten und sechs Daseinsbereiche gegliedert. Zur von Begierde geprägten Schicht kāmadhātu gehören Höllenwesen, hungrige Geister, Tiere, Menschen, Asura-Wesen und ein Teil der Götter. Im rūpadhātu leben Götter ohne grobes Verlangen, aber mit Form; der arūpadhātu ist formlos. Auch die beiden höheren Schichten sind bedingt, vergänglich und daher keine endgültige Befreiung.

Im Mahāyāna-Buddhismus gibt es „Reine Länder“. Der Bereich der Freude des Buddha Amitabha ist auch für gewöhnliche Wesen erreichbar, wenn sie unerschütterlich glauben und ihren Geist im Augenblick des Todes auf ihn ausrichten. Er gilt nicht als Endziel, sondern als günstige Umgebung für das Erlangen der Erleuchtung. Die Madhyamaka-Philosophie hebt den Gegensatz zwischen Samsara und Nirvāna auf: Befreiung entsteht durch die Erkenntnis der Śūnyatā, der Leerheit beziehungsweise letztendlichen Natur aller Dinge; dies ist nicht nihilistisch gemeint.

Im tibetischen Bardo Thödröl werden Zwischenzustände zwischen Tod und Wiedergeburt beschrieben. Der Bardo des Werdens dauert nach tibetischer Lehre symbolische 49 Tage. Rituale sollen Verstorbenen den Übergang erleichtern; fortgeschrittene Meditierende sollen den Tod zur unmittelbaren Erkenntnis und Befreiung nutzen können. Der Zen-Buddhismus lehnt dagegen ein Jenseits ab.

Weitere Religionen, Esoterik und Forschung

Der Daoismus kennt zahlreiche jenseitige Bereiche, die besonders im Shangqing-Daoismus auch für die religiöse Praxis wichtig sind.

Im Judentum gibt es keine einheitliche Lehre über das Geschehen nach dem Tod. Eine Auffassung lehrt, dass der Mensch mit Leib und Seele stirbt, in den Scheol gelangt und in der messianischen Zeit körperlich aufersteht. Eine zweite nimmt die Unsterblichkeit einer Seele an, die nach dem Tod unabhängig vom Körper zu Gott zurückkehrt. Eine Verbindung beider Positionen besagt, dass die Seele bis zur messianischen Zeit weiterlebt und sich dann wieder mit dem auferstandenen Körper vereinigt. In der Kabbala kann Wiederverkörperung als göttliche Strafe und als Möglichkeit zur Vervollkommnung der Seele gelten.

Das Christentum versteht das Jenseits als unzeitige Wirklichkeit vollkommener Gemeinschaft mit Gott, Jesus Christus und den Auferstandenen. Es lehrt die Auferstehung der Toten und einen himmlischen statt des verweslichen Körpers. Mit dem Jüngsten Gericht ist die Trennung von Himmel und Hölle verbunden; die Bedeutung der Hölle ist innerhalb des Christentums umstritten. Engel, Heilige oder der Heilige Geist können als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits erscheinen. Besonders im Mittelalter war auch das später umstrittene Fegefeuer bedeutsam. Manche Volksvorstellungen unterscheiden Diesseits, Jenseits und Himmelreich, doch diese Dreiteilung lässt sich laut Artikel nicht aus der Bibel ableiten.

Im Islam folgt nach dem Tod im Barzach ein Verhör im Grab durch die Engel Munkar und Nakīr. Beim Jüngsten Gericht werden die Menschen dem Paradies Dschanna oder der Hölle Dschahannam zugewiesen. Der Koran schildert das Paradies mit Gärten, Wasserbächen, Speisen und erfüllten Wünschen, die Hölle dagegen als Ort schwerer körperlicher Qualen.

Nach dem Bahaitum besitzt jeder Mensch eine unsterbliche Seele; der Körper ist ihr Werkzeug. Im irdischen Leben sollen geistige Fähigkeiten und Tugenden wie Nächstenliebe, Dankbarkeit, Gottvertrauen, Demut, Geduld und Vertrauenswürdigkeit entwickelt werden. Das Jenseits gilt als jenseits von Raum, Zeit und menschlicher Vorstellung. Der Tod bedeutet Verantwortung für die eigenen Taten, aber auch Befreiung der Seele und Wiedervereinigung mit Gott. Das Totengebet Bahāʾullāhs ist der wichtigste Bestandteil der Trauerfeier.

Esoterische Lehren sprechen von unterschiedlich „dichten“ körperlichen Trägern. Feinstoffliche Körper wie der „Astralleib“ sollen den Tod überdauern und sogenannte Astralreisen ermöglichen. Zu den verbreiteten Bildern gehören ein Lebensrückblick, ein Tunnel mit hellem Licht und die Begegnung mit Verstorbenen. Diese Behauptungen sind religiöse oder esoterische Vorstellungen, keine gesicherten Tatsachen. Judentum und Christentum sowie nach dem Artikel praktisch alle Weltreligionen lehnen Wahrsagerei, Totenbeschwörung und andere okkulte Praktiken ab.

Die Parapsychologie versucht entsprechende Behauptungen wissenschaftlich zu untersuchen, soweit sie grundsätzlich überprüfbar sind. Auch Nahtoderfahrungen, bei denen häufig von einem Tunnel und hellem Licht berichtet wird, sind Gegenstand von Nahtod-Studien.

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