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Islamismus

Islamismus (arabisch إسلاموية , DMG Islāmawiyya) ist eine politische Ideologie, die die Gestaltung der Politik und Gesellschaft anhand von Werten und Normen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernbegriff und Definitionsproblem
  2. 2. Entstehung und historische Entwicklung
  3. 3. Ideologische Grundzüge und gesellschaftliche Vorstellungen
  4. 4. Demokratie, Minderheiten, Antisemitismus und Frauenbild
  5. 5. Strömungen und innerislamische Debatten
  6. 6. Islamismus in Europa

Kernbegriff und Definitionsproblem

Islamismus ist eine politische Ideologie, die Politik und Gesellschaft anhand von Werten und Normen gestalten will, die aus dem Islam abgeleitet werden. Das Spektrum reicht von der Beteiligung an säkularen und demokratischen Systemen bis zur Ablehnung solcher Systeme und zum Streben nach einem totalitären Gottesstaat, teilweise mit Gewalt und Terrorismus.

Eine einheitliche Definition gibt es in Wissenschaft, Sicherheitsbehörden, Politik und Medien nicht. Seit dem Jahr 2000 hat sich „Islamismus“ im deutschsprachigen Raum als Dachbegriff durchgesetzt; Überschneidungen bestehen mit „politischem Islam“ und „islamischem Fundamentalismus“. Als Minimalkonsens gilt: „Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden.“ Gemeinsam ist den unterschiedlichen Strömungen, dass der Islam nicht nur das private Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern auch die politische und gesellschaftliche Ordnung prägen soll.

Nach einer weiten Definition umfasst Islamismus alle politischen Bewegungen, die islamische Werte umsetzen wollen. Dazu gehören Erziehung und Mission, politische Parteien sowie revolutionäre Umsturzpläne. Manche dieser Bewegungen beteiligen sich rechtskonform an demokratischen Systemen und stellen deren Ordnung nicht grundsätzlich infrage.

Eine engere Definition versteht Islamismus als politischen Extremismus. Danach streben Islamisten eine theokratische, diktatorische oder totalitäre Ordnung an, die unter anderem Volkssouveränität, Pluralismus, Menschenrechte, Gleichstellung, Religions- und Meinungsfreiheit widerspricht. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Islamismus als Anspruch auf eine gottgewollte und absolute Ordnung, die über von Menschen geschaffenen Ordnungen steht.

Kritiker wenden ein, dass die enge Definition sehr unterschiedliche Personen und Gruppen – von Terroristen bis zu demokratisch gewählten Politikern oder praktizierenden Muslimen – unter einem Begriff zusammenfasst. Dadurch könne der Begriff politisch instrumentalisiert und zur pauschalen Kennzeichnung angeblich verfassungsfeindlicher Akteure verwendet werden. Muslimische oder religiöse Parteien sind nicht automatisch islamistisch; entscheidend ist, ob sie eine Politisierung der Religion anstreben.

Entstehung und historische Entwicklung

Fundamentalistische Bewegungen gab es in der islamischen Geschichte bereits früher. Als wichtige Vorbilder gelten Ibn Taimiya (1263–1328) und die Wahhabiten, deren Lehre seit dem 18. Jahrhundert eine ideologische Grundlage Saudi-Arabiens bildet. Der moderne Islamismus entstand jedoch vor allem aus Reformbestrebungen des späten 19. Jahrhunderts. Dschamal ad-Din al-Afghani (1837–1897), Muhammad Abduh (1849–1905) und Raschid Rida (1865–1935) wollten islamische Gesellschaften durch eine Rückbesinnung auf Koran und Tradition erneuern, ohne technischen Fortschritt grundsätzlich abzulehnen.

Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches, seiner Auflösung 1923 und der Abschaffung von Sultanat und Kalifat durch Mustafa Kemal Atatürk wurden viele arabische Gebiete in Nationalstaaten geteilt und zunächst säkular oder monarchisch regiert. Diese Entwicklung wurde von vielen islamischen Historikern als politische und kulturelle Demütigung erlebt. 1928 gründete Hasan al-Banna in Ägypten die Muslimbruderschaft. Sie kritisierte die von Großbritannien unterstützte Monarchie und wollte gesellschaftliche Probleme durch eine islamische Ordnung lösen. Abū l-Aʿlā Maudūdī gründete 1941 in Indien beziehungsweise Pakistan die Jamaat-e-Islami. Im Iran entwickelte sich eine schiitisch geprägte Sonderform.

In den 1950er- und 1960er-Jahren dominierten zunächst säkularer Nationalismus und Arabischer Sozialismus. Der Palästinakrieg 1947–1949, die Gründung Israels, die Nakba mit der Vertreibung von rund 700.000 Palästinensern und die arabische Niederlage prägten die politische Entwicklung. Nach der Machtübernahme Gamal Abd al-Nassers in Ägypten wurde die Muslimbruderschaft unterdrückt. Sayyid Qutb deutete die islamische Welt als in die vorislamische „Dschāhilīya“ zurückgefallen und verband die Rückkehr zum wahren Islam mit Dschihad. Die Niederlage Ägyptens, Syriens und Jordaniens im Sechstagekrieg 1967 schwächte Panarabismus und Arabischen Sozialismus und stärkte den Islamismus.

Das Jahr 1979 war ein Wendepunkt. Im Iran stürzte die Islamische Revolution unter Ruhollah Khomeini das Schah-Regime; anschließend wurden die Islamische Republik und das Prinzip der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ eingeführt. In Mekka besetzten militante Wahhabiten die Große Moschee. Saudi-Arabien reagierte mit einer strengeren religiösen Politik und förderte wahhabitisch-salafistische Bewegungen weltweit. Im sowjetisch-afghanischen Krieg, der nach dem sowjetischen Einmarsch im Dezember 1979 internationalisiert wurde, unterstützten unter anderem USA und Saudi-Arabien die Mudschaheddin. In Afghanistan entstanden Kontakte zwischen Osama bin Laden und Aiman al-Zawahiri; dort wurde Al-Qaida gegründet. Der Krieg gilt als Wiege transnationaler dschihadistischer Bewegungen. In den 1980er-Jahren entstanden außerdem Hizbullah im Libanon und Hamas in den palästinensischen Gebieten.

In den 1990er-Jahren radikalisierten sich Bewegungen durch den Zweiten Golfkrieg, den Algerischen Bürgerkrieg ab 1991, Konflikte in Bosnien und Tschetschenien sowie den Afghanischen Bürgerkrieg. Die Taliban übernahmen ab 1994 die stärkste Stellung und verbanden eine ultra-radikale Scharia-Auslegung mit paschtunischem Stammesrecht. Sie entrechteten Frauen und gewährten Al-Qaida Schutz. In den 2000er-Jahren führten die Anschläge vom 11. September 2001 mit rund 3.000 Toten zum Krieg in Afghanistan. 2003 stürzte eine von den USA geführte Koalition im Irak Saddam Hussein; Besatzung, Auflösung der Armee und konfessionelle Gewalt förderten den islamistischen Terrorismus. 2021 kehrten die Taliban nach dem Abzug westlicher Truppen in Afghanistan an die Macht zurück.

Der Arabische Frühling begann Ende 2010 und im Frühjahr 2011 mit Protesten gegen autoritäre Systeme. In Ägypten und Tunesien gewannen islamistische Parteien zunächst Wahlen. In Ägypten erhielten die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei 47,2 % und die salafistische Partei des Lichts 24,7 % der Parlamentssitze; Mohammed Mursi wurde 2012 Präsident, aber 2013 durch das Militär gestürzt. In Tunesien gewann Ennahda 41,47 % der Parlamentssitze und gab 2014 die Macht ab. In Syrien entwickelte sich der Aufstand zum Bürgerkrieg; der Islamische Staat eroberte 2014 große Gebiete in Syrien und Irak und rief ein Kalifat aus, das bis Ende 2019 in Syrien und bis Ende 2017 im Irak besiegt wurde. 2024 wurde in Jordanien die Muslimbruderschaft-nahe Islamische Aktionsfront mit 31 von 138 Sitzen stärkste Kraft. Am 8. Dezember 2024 stürzte in Syrien das Assad-Regime nach einer Offensive der HTS; im Januar 2025 wurde ihr Führer Ahmed al-Scharaa Übergangspräsident.

Ideologische Grundzüge und gesellschaftliche Vorstellungen

Islamistische Strömungen unterscheiden sich stark nach Land, Konfession, Geschichte, Zielen und Methoden. Gemeinsam ist ihnen meist die Vorstellung, dass ein vermeintlich ursprüngliches und richtiges Islamverständnis wiederhergestellt und die Gesellschaft an islamisch gedeuteten Normen ausgerichtet werden soll. Häufig gehört dazu die Einführung der Scharia, also des islamischen Rechts. Der Islam wird dabei nicht nur als spirituelle Religion, sondern als umfassende Ordnung des weltlichen Lebens verstanden.

Einige Bewegungen handeln innerhalb nationaler Grenzen, andere verfolgen transnationale Ziele. Hizb ut-Tahrir strebt beispielsweise ein globales, zentralistisches Kalifat an. Als typische Ideologeme gelten:

  • die politische und religiöse Einheit aller Muslime, die Umma, also Panislamismus;
  • die Vorstellung, dass der Staat die göttliche Ordnung und die Scharia verwirklichen soll;
  • die Auffassung, dass Gott und nicht das Volk der eigentliche Souverän ist;
  • Widerstand gegen fremde, nicht-muslimische Herrschaft oder Einmischung;
  • die Vorstellung einer einheitlichen, identitären Gesellschaftsordnung.

Die genaue Staatsform ist umstritten. Einige Gruppen befürworten ein Kalifat, andere eine Republik, Monarchie oder eine Ordnung nach dem Prinzip der Schūrā, einer Beratung des Herrschers mit Bevölkerung oder Rechtsgelehrten. Typische Merkmale nach Armin Pfahl-Traughber sind die Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung, Gottes- statt Volkssouveränität, die umfassende Steuerung der Gesellschaft, die Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat sowie ein Potenzial zu Fanatismus und Gewaltbereitschaft.

Zwischen moderaten, rechtskonformen Bewegungen und radikalen, gewaltbereiten Gruppen bestehen erhebliche Unterschiede. Manche Parteien lehnen Gewalt und die Einschränkung persönlicher Freiheiten ab; andere streben die Beseitigung demokratischer Ordnungen an. Die Motive, Ziele und Mittel können sich innerhalb des Islamismus daher stark unterscheiden.

Demokratie, Minderheiten, Antisemitismus und Frauenbild

Die Vereinbarkeit von Islamismus und Demokratie ist umstritten. Eine gegen Demokratie gerichtete Denkrichtung beruft sich auf die göttliche Souveränität, die Volkssouveränität ausschließe. Abū l-Aʿlā Maudūdī und Sayyid Qutb prägten diese Auffassung; Ayman al-Zawahiri bezeichnete Demokratie als shirkun billah, Hizb ut-Tahrir als nizam-u-kufr. Demokratie wird in dieser Sicht auch abgelehnt, weil persönliche Freiheiten Handlungen ermöglichen, die als religiös verboten gelten.

Eine andere Denkrichtung, zu der unter anderem die tunesische Ennahda-Partei unter Rached al-Ghannouchi und Teile der Muslimbruderschaft gehören, sieht Demokratie als geeignet an, Despotismus zu verhindern und Regierungen zu kontrollieren. Sie verbindet Demokratie mit Schūrā und versteht Gottes Souveränität als Begrenzung eigenmächtiger Herrschaft. Der Islamwissenschaftler Martin Riexinger hält den universalen Geltungsanspruch göttlichen Rechts dagegen für unvereinbar mit dem demokratischen Verfassungsstaat.

Bei religiösen Minderheiten reichen die Vorstellungen vom Schutz der Buchreligionen, etwa des Christentums und Judentums, bis zu Einschränkungen ihrer öffentlichen Religionsausübung. In vielen islamistischen Konzepten hätten Nichtmuslime weitgehend gleiche Rechte, wären aber von bestimmten politischen Ämtern und vom Tragen von Waffen ausgeschlossen und müssten statt der Zakat eine Kopfsteuer, die Dschizya, zahlen.

Antisemitismus ist in vielen islamistischen Argumentationen ein zentrales Element. Juden und Israel werden teilweise gleichgesetzt; Israel wird als illegitime Besatzungsmacht dargestellt, und Juden werden für Krisen islamischer Gesellschaften verantwortlich gemacht. Verschwörungstheorien berufen sich unter anderem auf die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine Fälschung aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Solche Vorstellungen finden sich etwa bei Sayyid Qutb, in der Hamas-Charta von 1988 und in der Propaganda der Hizbullah.

Das Frauenbild ist nicht einheitlich. Viele Gruppen sehen Frauen vor allem in der Familie, erlauben aber politische und religiöse Aktivität, Arbeit und Unterhaltung, sofern diese mit der Familie vereinbar sind. Zahlreiche Organisationen haben Frauenkomitees. Andere Gruppen lehnen Frauen in der Öffentlichkeit ab und vertreten ein patriarchalisches Modell.

Strömungen und innerislamische Debatten

Der Salafismus fordert die Rückkehr zum Islam der frommen Vorväter, des Propheten Mohammed und der vier rechtgeleiteten Kalifen. Er entstand als moderne Strömung vor allem im 19. Jahrhundert unter dem Eindruck des europäischen Einflusses und der Schwäche des Osmanischen Reiches. Salafisten lehnen die Autorität traditioneller Rechtsgelehrter, kulturelle Einflüsse und den Sufismus ab und befürworten den Idschtihad, also die individuelle Auslegung islamischer Texte. Dschihadistische Strömungen entwickelten sich später als militante Form.

Olivier Roy unterscheidet Islamismus und islamischen Fundamentalismus beziehungsweise Neofundamentalismus. Fundamentalismus wolle vor allem die Bevölkerung und die Gesellschaft verändern, nicht zuerst den Staat. Die Islamisierung des Alltags habe Vorrang vor politischem Aktivismus. Nach Roy ist diese Richtung konservativ, setzt die Scharia zentral und misst der konkreten Regierungsform weniger Bedeutung bei. Bernard Lewis kritisierte die Übertragung des Begriffs „Fundamentalismus“ auf den Islam, weil er ursprünglich protestantisch-christliche Bewegungen bezeichnete. Andere Wissenschaftler widersprechen einer Gleichsetzung von Islam und Fundamentalismus.

Die Diskussion über Islam und Staat bezieht sich auf Koran, Sunna und Hadithe. Traditionalistische Auffassungen sehen dort Regeln für das Zusammenleben, sodass in diesen Bereichen kein selbst geschaffenes Recht nötig sei. Umstritten sind unter anderem die Rolle der Frau, das Leben von Muslimen in nicht-muslimischen Ländern, die Rechte von Minderheiten und die konkrete Staatsform. Zwischen sunnitischen und schiitischen Auffassungen bestehen Unterschiede; Khomeini begründete nach der Revolution von 1979 die Herrschaft des obersten religiösen Juristen, solange der Mahdi nicht wieder erschienen ist.

Der Begriff „Post-Islamismus“ beschreibt mögliche Veränderungen islamistischer Bewegungen. Olivier Roy, Gilles Kepel und Asef Bayat verbinden ihn mit nationaler Orientierung, der Aufgabe des Panislamismus, der Beteiligung an pluralistischen Systemen und einer stärkeren Betonung von Demokratie, Menschenrechten, Rechten, Pluralität und Mehrdeutigkeit. Post-Islamisten können klassische Begriffe neu interpretieren, ohne anti-islamisch oder vollständig säkular zu sein. Parteien wie PJD in Marokko, Ennahda in Tunesien und Al-Wasat in Ägypten werden als Beispiele für flexible Scharia-Auslegung und politische Partizipation genannt.

Islamismus in Europa

In Deutschland leben 5,6 Millionen Muslime. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte 2023 27.200 Personen als Islamisten ein. Davon gehörten 10.500 zum Salafismus; etwa 1.000 bis 2.000 Personen werden dem Dschihadismus zugerechnet, der die gewaltsame Errichtung eines islamischen Gottesstaates anstrebt.

In der Schweiz leben etwa 310.000 überwiegend sunnitische Muslime, entsprechend 4,26 % der Bevölkerung; 40.000 sind Schweizer Staatsbürger. 10 bis 15 % gelten als praktizierende Muslime. 2014 schätzten Experten die Zahl gewaltbereiter Islamisten auf „einige Dutzend bis einige Hundert“. Wegen Terrorpropaganda im Internet wurde 2007 unter anderem die Islamistin Malika El Aroud verurteilt. Der Islamische Zentralrat Schweiz und seine bekannten Konvertiten Nicolas Blancho und Qaasim Illi stehen nach verschiedenen Vorkommnissen unter Beobachtung.

Der österreichische Verfassungsschutz bezeichnete 2018 islamistischen Extremismus und Terrorismus als größte Bedrohung für Österreich. Beim als islamistisch eingestuften Anschlag in Wien am 2. November 2020 wurden fünf Menschen einschließlich des Täters getötet und mehr als 20 verletzt. Danach wurden zwei Moscheen geschlossen, in denen der Täter verkehrt hatte.

In Großbritannien lebten bei etwa 60 Millionen Einwohnern ungefähr 1,6 Millionen Muslime. Bedeutende Ballungsgebiete sind unter anderem Bradford, Oldham, Burnley, Leicester, Birmingham und London. Nach den Anschlägen vom 7. Juli veränderte sich das gesellschaftliche und politische Klima. Einzelne Moscheen und Prediger wurden als Treffpunkte oder Unterstützer radikaler Islamisten beschrieben; zugleich führte die staatliche Beobachtung muslimischer Studierender und Gemeinden zu Debatten über Meinungsfreiheit und Diskriminierung.

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