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Theokratie
Republiken mit besonderer Anerkennung einer bestimmten Religion. Westliche Staaten strebten seit der Aufklärung eine Trennung zwischen Staat und Religion an.
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Begriff und Kennzeichen
Eine Theokratie ist eine Herrschaftsform, in der die Staatsgewalt ausschließlich religiös begründet wird. Sie wird aus Sicht der Anhänger der Staatsreligion von einer göttlich erwählten Person, etwa einem gottberufenen Propheten oder gottbegnadeten König, von einer Priesterschaft (Klerus) oder von einer sakralen Institution ausgeübt; die Herrschaft einer solchen Institution heißt Hierokratie.
Ein darauf beruhender Staat heißt Gottesstaat: Soziale Normen sollen göttlichen, nicht menschlichen Ursprungs sein. Staat und Religion sowie weltliches Recht und religiöse Vorschriften sind nicht getrennt. Damit steht die Theokratie im Gegensatz zum Ideal eines liberal-demokratischen Rechtsstaats. Führt religiös begründete Macht zur Herrschaft des Klerus, wird dies politikwissenschaftlich Priesteraristokratie genannt.
Historische Grundformen
Theokratische Züge wurden in sehr unterschiedlichen Gesellschaften gesehen. Im Alten Ägypten stand der Pharao als Gottkönig an der Spitze; in der 21. Dynastie wurden die Hoherpriester des Amun faktisch Herrscher von Oberägypten.
Die Zwölf Stämme Israels galten nach dem Tanach zwischen etwa 1250 v. Chr. und dem Königtum Sauls um 1050 v. Chr. als von Gott gelenkte Gemeinschaft. Ob ihre Ordnung Amphiktyonie oder Kritarchie, also Herrschaft der Richter, war, ist umstritten. Kennzeichnend waren fehlende ständige Verwaltungsorgane, geringe Organisation und Eigenverantwortung der Bürger. Viele Forschende bewerten dieses Bild jedoch eher als unhistorisch, weil die biblischen Texte später entstanden und religiös stark gedeutet sind.
Im Römischen Reich ließen sich Kaiser im Herrscherkult als Götter verehren; die Huldigung war zugleich ein Bekenntnis zur Staatsordnung. Juden und Christen, die dies verweigerten, wurden deshalb teilweise verfolgt. Konstantin I. beendete Christenverfolgungen, erließ ein Toleranzedikt und förderte eine einheitliche Kirche. Theodosius I. machte das Christentum zur Staatsreligion und verbot andere Kulte außer dem Judentum. Im Oströmischen Reich verstand sich der Kaiser als christlicher Priesterkönig und Stellvertreter Christi.
Im Kalifat vereinte der Kalif als Nachfolger oder Stellvertreter des Gesandten Gottes weltliche und geistliche Herrschaft.
Europa und christliche Herrschaft
Die westlichen Kaiser nach Karl dem Großen verstanden sich vielfach als weltliche und geistliche Herrscher. Dies zeigte sich besonders bei der Investitur, also dem Einsetzen und Absetzen von Reichsbischöfen und -äbten. Die Salbung sollte die Gottgebundenheit des Herrschers ausdrücken. Als Höhepunkt gilt das ottonisch-salische Reichskirchensystem unter Heinrich III., der sogar auf die Besetzung des Heiligen Stuhls Einfluss nahm.
Im Investiturstreit bekämpfte die kirchliche Reformbewegung unter Heinrich IV. diese Praxis. Mit der rechtlichen Unterscheidung von Spiritualien, geistlichen Angelegenheiten, und Temporalien, weltlichen Angelegenheiten, wurde der Kaiser stärker auf weltliche Lehnsherrschaft beschränkt. Konflikte über Investitur und mit dem Papsttum bestanden dennoch fort.
Augustinus' De civitate Dei ist trotz der häufigen Übersetzung „Gottesstaat“ keine Lehre einer theokratischen Verschmelzung von Politik und Religion. Augustinus unterscheidet die Gemeinschaft Gottes (civitas dei) von der rein irdisch orientierten Gemeinschaft (civitas terrena). Damit lieferte er eine Grundlage für die spätere Unterscheidung geistlicher und weltlicher Macht.
Weitere Beispiele oder Einordnungen sind Savonarolas Republik in Florenz von 1494 bis 1498, das Täuferreich von Münster 1534/35, das Fürstbistum Montenegro bis 1852, Jesuitenreduktionen in Südamerika von 1609 bis 1767 sowie einzelne britische Kolonien wie Massachusetts im 17. Jahrhundert und Pennsylvania von 1681 bis 1756. Bei Genf unter Johannes Calvin ist die Einordnung strittig: Einerseits hatte der Klerus große politische Macht, andererseits argumentierte Calvins Theologie für die Trennung von Staat und Kirche.
Weitere vormoderne Beispiele
Bei den Maya hatte die Priesterschaft eine überragende Stellung in Staat und Gesellschaft; deshalb ist auch von einer totalitären Theokratie die Rede. Das Inkareich war eine Art staatsozialistische Theokratie: Der absolut herrschende Inka-Kaiser galt als Sohn des Sonnengottes Inti und der Mondgöttin Mama Killa. Im Aztekenreich wurde der Herrscher ab etwa 1350 als Feuergott sowie als Nachfolger Quetzalcoatls und Huitzilopochtlis verehrt.
In Tibet wurde der fünfte Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatsho 1644 auch weltliches Oberhaupt. Die als lamaistische Theokratie bezeichnete Ordnung gab dem Klerus und Mönchtum eine Ausnahmestellung; Religion prägte Kultur und staatlich-soziales Gefüge. In der Mongolei erklärte Altan Khan 1578 den Lamaismus zur Staatsreligion und verlieh Sönam Gyatsho den Titel Dalai Lama. In den folgenden Jahrhunderten entstand ein semi-theokratischer Staat, in dem Adel und Klerus eine Einheit bildeten. Bhutan wurde im 17. Jahrhundert durch Shabdrung Ngawang Namgyel geeint; seine Theokratie bestand bis zur Einführung der Monarchie 1907.
Bei der Pueblo-Kultur hatten geheime Priesterbünde, Kaziken, starken Einfluss, da sie auch die Gouverneure bestimmten. Bei den Natchez war die Große Sonne zugleich oberster Häuptling und verehrter Gott; eine adelige Priesterkaste verwaltete den Sonnenkult und bildete zugleich die politische Führungsschicht.
Gegenwärtige Staaten und politische Ideen
Seit der Aufklärung strebten westliche Staaten meist die Trennung von Staat und Religion an; teilweise vertreten sie ausdrücklich Laizismus. Dies löste laut Artikel nicht selten fundamentalistische Gegenreaktionen aus.
Die 1979 gegründete Islamische Republik Iran erhebt den Anspruch einer Theokratie. Ein Ajatollah als höchster schiitischer Islamgelehrter ist Oberster Führer. Der direkt gewählte Expertenrat könnte ihn verfassungsrechtlich abwählen, doch dürfen nur Mullahs mindestens mit dem Titel Hodschatoleslam kandidieren, die die Voraussetzungen des Art. 109 erfüllen und Idschtihād, die Fähigkeit zu Rechtsgutachten, besitzen. Zudem bestimmt der Führer die Hälfte des Wächterrats, der Kandidaten für den Expertenrat vorauswählt; eine Abwahl gilt daher faktisch als rein akademische Frage.
Das 1996 erstmals und 2021 wiedererrichtete Islamische Emirat Afghanistan wird als Theokratie bezeichnet, weil die Taliban einen islamischen Gottesstaat mit extrem strenger Auslegung der Scharia anstreben. Vatikanstadt wird wegen der Regierung durch den Papst, den Stellvertreter Christi auf Erden, ebenfalls so bezeichnet. Sein Grundgesetz besteht seit 1929 und wurde 2000 sowie 2023 erneuert; die päpstliche Herrschaft wird aber pragmatisch mit der Freiheit der Kirche durch eine souveräne territoriale Basis begründet.
Athos ist eine autonome Republik unter griechischer Souveränität: Mönche der zwanzig Großklöster wählen Parlament, Regierung und Protos. Da nur Männer den Berg Athos betreten dürfen, ist sie zugleich eine Androkratie. Theokratismus bezeichnet die politische Bestrebung, ein Reich Gottes „auf Erden“ zu verwirklichen und Theokratie als Staatsideologie durchzusetzen. Christliche Heilserwartungen beziehen die Königsherrschaft Gottes auf die Zeit nach Wiederkunft Christi und Jüngstem Gericht. Zeugen Jehovas und die Bibelforscherbewegung erwarten dagegen eine diesseitige Theokratie auf der „gereinigten Erde“, während traditionelle Christen das Reich Gottes als jenseitiges Himmelreich verstehen.