Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Islamistischer Terrorismus

Ab den späten 1990er Jahren errichtete al-Qaida eigene Trainingslager in Afghanistan, in denen bis 2001 etwa 20.000 Menschen aus 47 Ländern eine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Geschichte und Ideologie
  3. 3. Entwicklung, Internet und Krisen
  4. 4. Terrornetzwerke
  5. 5. Feindbilder, Unterstützung und Reaktionen
  6. 6. Prävention und Anschläge im Westen

Begriff und Bedeutung

Islamistischer Terrorismus bezeichnet Terrorismus, der durch Islamismus motiviert ist. Islamistinnen und Islamisten, die solche Gewalt ausüben, bezeichnen ihre Aktivitäten selbst als Dschihad und berufen sich zur Rechtfertigung auf den Koran, die Sunna und andere religiöse Grundlagen. Der Begriff ist vom Islam als Religion zu unterscheiden: Die deutschen Verfassungsschutzbehörden beschreiben Islamismus als religiös-politischen Extremismus, der die freiheitlich-demokratische Grundordnung abschaffen will.

Die Bedeutung des Themas liegt vor allem in der hohen Zahl von Opfern und in der internationalen Wirkung. Die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA gelten als die schwersten und folgenreichsten Terroranschläge der Geschichte. In den letzten Jahren übertraf islamistischer Terrorismus laut Artikel andere terroristische Ideologien deutlich bei den Todesopfern. Zwischen 1979 und 2019 starben weltweit mehr als 160.000 Menschen bei islamistischen Terroranschlägen; der Höhepunkt wurde 2016 erreicht. Im Durchschnitt gab es in diesem Zeitraum täglich 2,3 Anschläge mit 11,4 Todesopfern pro Tag.

Geschichte und Ideologie

Der Islamismus entwickelte sich nach Darstellung vieler Historiker aus der Begegnung muslimischer Gesellschaften mit der westlich geprägten Moderne und aus Erfahrungen mit Kolonialismus. Im 19. Jahrhundert entstanden fundamentalistische Bewegungen, die einen angeblich reinen Islam nach den religiösen Texten forderten. Politisch wurde diese Richtung besonders durch die Muslimbruderschaft, die Hasan al-Bannā in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gründete. Sie wollte säkulare Rechtssysteme abschaffen und die Scharia einführen.

Wichtige ideologische Vordenker waren Abū l-Aʿlā Maudūdī, Sayyid Qutb, Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb, Ibn Taimiya und Abdallah Azzam. Sayyid Qutb deutete den Islamismus der Muslimbruderschaft als gewaltsame und revolutionäre Ideologie. Für ihn waren moderne islamische Staaten mit der Dschāhilīya, also der vorislamischen Unwissenheit, vergleichbar, wenn sie nicht Gottes Souveränität anerkannten. Der Dschihad wurde dabei vor allem als bewaffneter Kampf verstanden.

Zentral ist eine kriegerische Interpretation des Dschihad als militärischer Kampf zur Ausweitung oder Verteidigung des Islams. Dazu kommt die Einteilung der Welt in Dār al-Islām, das „Gebiet des Islams“, und Dār al-Harb, das „Gebiet des Krieges“. Diese Begriffe stehen nicht im Koran oder in den Hadithen, stammen aber aus der islamischen Rechtslehre. Islamistische Terroristen deuten sie im Sinne ihrer dschihadistischen Doktrin. Weitere ideologische Elemente sind Fundamentalismus, ein starkes Freund-Feind-Denken, Antisemitismus, Antiamerikanismus, Ablehnung westlicher Lebensweisen sowie die Vorstellung, dass weltliche Autorität für Muslime nicht bindend sei. Häufig wird asymmetrische Kriegführung eingesetzt, besonders auch Selbstmordattentate, bei denen die Täter sich als Märtyrer verstehen.

Entwicklung, Internet und Krisen

Der Artikel beschreibt eine deutliche Ausweitung der dschihadistischen Bewegung auch nach der Tötung Osama bin Ladens in der Operation Neptune Spear. Nach dem Abzug amerikanischer Truppen aus dem Irak im Dezember 2011 wuchs die Bewegung weiter. Eine Studie von Seth G. Jones nannte 2014 insgesamt 49 dschihadistische Gruppen. Für Europa wird die Gefahr auch durch Konkurrenz innerhalb des Dschihadismus erhöht, weil Gruppen und Einzelpersonen dadurch eher zu Anschlägen motiviert werden können.

Das Internet spielt eine zentrale Rolle. Besonders der Islamische Staat nutzte es, um Anhänger zu gewinnen, zu mobilisieren, Gegner einzuschüchtern und Propaganda zu verbreiten. Dazu gehörten professionell wirkende Videos, kürzere Clips, Bilder, Dokumente und das Onlinemagazin Dabiq. Auch soziale Netzwerke und Kommunikationsplattformen wie X, YouTube und WhatsApp werden im Artikel genannt. Das Online-System ist nicht vollständig zentral gesteuert: Unterstützer, Hassprediger und einfache Anhänger verbreiten Inhalte selbst weiter.

Eine wichtige Erscheinung sind sogenannte einsame Wölfe. Gemeint sind Täter, die nicht direkt in einer Organisation ausgebildet wurden oder keinen ausdrücklichen Befehl erhielten. Der Begriff ist laut Artikel oft irreführend, weil Täter manchmal zu zweit oder dritt handeln, polizeibekannt sind oder Verbindungen zu extremistischen Milieus haben. Ein Beispiel für die Grauzone ist Anis Amri, der 2016 den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche verübte.

Internationale Krisen und Migration können die Bedrohungslage beeinflussen. Der Artikel nennt unter anderem Anschläge oder geplante Anschläge in Würzburg, Ansbach, Berlin, Hamburg und Dresden. Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 stieg laut Bundesamt für Verfassungsschutz die Zahl antisemitisch motivierter Straftaten in Deutschland deutlich. Peter R. Neumann warnt vor einer neuen Welle dschihadistischen Terrorismus in Europa, getragen unter anderem von Kämpfern des ISPK und im Internet radikalisierten Dschihadisten.

Terrornetzwerke

Zu den bekannten islamistischen Terrornetzwerken zählen Hamas, al-Qaida und der Islamische Staat. Die Hamas wurde 1987 gegründet und versteht sich als palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft. Ihr Ziel ist laut Artikel die Vernichtung des Staates Israel. In ihrer Charta von 1988 forderte sie einen islamischen Staat auf dem gesamten Gebiet Palästinas, verstanden als Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan. Die Izzaddin al-Qassam-Brigaden sind vor allem für terroristische Aktivitäten zuständig. Seit 2007 kontrolliert die Hamas den Gazastreifen.

Al-Qaida entstand in den 1980er-Jahren unter Osama bin Laden. Ziel war die Bekämpfung von „Ungläubigen“. Zu den frühen großen Anschlägen gehörten die Autobombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania am 7. August 1998. Bis 2001 wurden in al-Qaida-Lagern in Afghanistan etwa 20.000 Menschen aus 47 Ländern militärisch ausgebildet und dschihadistisch indoktriniert. Nach dem 11. September 2001 wandelte sich al-Qaida von einer stark hierarchischen Organisation zu einem Netzwerk regionaler Ableger, darunter al-Shabaab, al-Qaida im islamischen Maghreb, al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel und al-Qaida auf dem indischen Subkontinent.

Der Islamische Staat wurde 1999 von Abu Musab al-Zarqawi im Irak als Jama'at al-Tawhid wal-Jihad gegründet, schloss sich 2004 al-Qaida an und wurde als al-Qaida im Irak bekannt. 2014 rief Abu Bakr al-Baghdadi in Mossul ein Kalifat aus und nannte die Organisation Islamischer Staat. Zwischen 2014 und 2019 kontrollierte der IS Gebiete im östlichen Syrien und westlichen Irak. Er war für extreme Gewalt, Versklavungen, Morde und internationale Anschläge bekannt. Im März 2019 wurde sein Herrschaftsgebiet in der Schlacht von Baghuz militärisch besiegt, doch die Organisation blieb aktiv. Der IS bekannte sich auch zum Anschlag auf die Crocus City Hall bei Moskau am 22. März 2024, bei dem mehr als 140 Menschen getötet wurden.

Feindbilder, Unterstützung und Reaktionen

Zum ideologischen Kern islamistischer Gruppen gehören laut Artikel Antisemitismus und LGBTQ-Feindlichkeit. Islamistische Akteure lehnen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt häufig als angeblich westlichen, quasikolonialistischen Einfluss ab. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit als Feindbilder islamistischer Ideologie. Der Messerangriff in Dresden am 4. Oktober 2020 hatte nach Artikel einen islamistischen und homophoben Hintergrund; 2023 verhinderten österreichische Behörden drei geplante islamistische Anschläge, einer davon im Zusammenhang mit einem LGBTQ-Festival.

Bei Unterstützung und Finanzierung nennt der Artikel unter anderem Nordkorea, Iran und Russland. Nordkorea habe seit Mitte der 1960er-Jahre palästinensische Kämpfer militärisch ausgebildet und die Hamas mit Waffen und Geld unterstützt. Nordkoreanische Waffen seien beim Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 und im Krieg in Israel und Gaza eingesetzt worden. Der Iran wird als Hauptförderer von Terrorismus beschrieben und unterstützt unter anderem Hamas und Hisbollah.

Die Reaktionen von Muslimen auf islamistischen Terror sind nicht einheitlich. Viele muslimische Organisationen und Rechtsgelehrte verurteilen Anschläge gegen unschuldige Menschen und besonders Selbstmordattentate. Am 21. November 2004 demonstrierten in Köln 20.000 bis 25.000 Muslime gegen islamistischen Terrorismus. 2006 erklärten sunnitische und schiitische Gelehrte in Mekka Selbstmordattentate und Anschläge auf heilige Stätten zur Sünde. Eine Studie von 2007 ergab für Deutschland, dass etwa 40 % der befragten Muslime physische Gewalt bei einem Angriff des Westens gegen den Islam für legitim hielten, aber über 90 % Selbstmordattentate und Terror ablehnten.

Prävention und Anschläge im Westen

Bei der Bekämpfung islamistischen Terrorismus setzt der Staat nicht nur auf Polizei, Justiz und Nachrichtendienste, sondern auch auf Prävention. Prävention bedeutet, Radikalisierung früh zu erkennen und Alternativen zur extremistischen Indoktrination anzubieten. Zivilgesellschaftliche Akteure und muslimische Organisationen spielen dabei eine wichtige Rolle. Das durchschnittliche Einstiegsalter in die islamistische Szene liegt nach Angaben von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz zwischen 16 und 19 Jahren und sinkt zuletzt. Maßnahmen sollen Jugendliche stärken, damit sie ihre Identität kritisch reflektieren, Islamismus, Muslimfeindlichkeit und Antisemitismus verstehen und sich für ein friedliches Miteinander einsetzen.

Wenn Radikalisierung bereits begonnen hat, spricht man von sekundärer Prävention. Sie richtet sich an Betroffene oder an Multiplikatoren wie Lehrkräfte, Psychologen, Verwandte und Freunde. Die Beratungsstelle Radikalisierung dient als Anlaufstelle für Personen aus dem sozialen Umfeld. Zusätzlich versuchen Sicherheitsbehörden, Ausreisen in Kampfgebiete zu verhindern und Rückkehrer zu beobachten.

Folgenreiche Anschläge in westlichen Ländern zeigen die Bandbreite der Gefahr. Der Artikel nennt unter anderem die Anschläge vom 11. September 2001 mit 2989 Toten, die Madrider Zuganschläge vom 11. März 2004 mit 191 Toten, die Anschläge in London vom 7. Juli 2005 mit 52 Toten, die Anschläge in Paris am 13. November 2015 mit 130 Toten, den Anschlag in Nizza am 14. Juli 2016 mit 86 Toten, den Anschlag in Berlin am 19. Dezember 2016 mit 12 Toten und den Anschlag in Wien am 2. November 2020 mit 4 Toten. Allein die vier wichtigsten islamistischen Terrorgruppen Islamischer Staat, Hamas, Dschamāʿat Nusrat al-Islām wa-l-Muslimīn und al-Shabaab waren 2023 für 4443 Todesopfer verantwortlich.

Weiterlesen

Terroranschläge am 11. September 2001 Mit insgesamt 2996 Toten und mehr als 6000 Verletzten war das Ereignis der bisher schwerste Terroranschlag der Geschichte. Hauptfolge war der langjährige … Terrorismus Terrorismus ist das Ausüben und Verbreiten von Terror. Er dient als Druckmittel und soll Unsicherheit und Schrecken verbreiten oder Sympathie und … Islamismus Islamismus (arabisch إسلاموية , DMG Islāmawiyya) ist eine politische Ideologie, die die Gestaltung der Politik und Gesellschaft anhand von Werten und Normen … Dschihad Der Dschihad stellt als eines der Grundgebote des islamischen Glaubens und eine allen Muslimen auferlegte Pflicht ein wichtiges Glaubensprinzip des Islam dar. Islam Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien durch den Mekkaner Mohammed gestiftet wurde. Koran Nach dem Glauben der sunnitischen Muslime ist der Koran die unerschaffene Rede Gottes oder zumindest ein Ausdruck davon. Eine Minderheit von Muslimen ist … Sunna In diesem Sinne ist Sunna die Grundlage der islamischen Jurisprudenz und Traditionswissenschaft. Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Verschiebungen in der … Geschichte der Vereinigten Staaten Die amerikanische Revolution und Unabhängigkeitserklärung (1763–1783) → Hauptartikel: Amerikanische Revolution und Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg Die … Dschihadismus Der Dschihadismus bezieht sich dabei auf das islamische Konzept des kleinen Dschihad, das er als religiöse Verpflichtung jedes Muslims zum gewaltsamen Kampf zur … Kolonialismus Die Dependenztheorie sieht in der fortgesetzten Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien eine Hauptursache der in ihnen verbreiteten Armut. Andere … Fundamentalismus Im weiteren Sinne bezeichnet Fundamentalismus eine übersteigerte Form ethnisch-kultureller oder religiöser Identität, die sich oft durch extremen … Kairo Kairo ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Ägyptens und der Arabischen Welt. Die Stadt ist Sitz der ägyptischen Regierung, des Parlaments, …