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Industriegeschichte
Die Industriegeschichte ist ein Teilgebiet der Wirtschaftsgeschichte und befasst sich mit historischer Untersuchung, Vergleich und Darstellung der …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Phasen
Die Industriegeschichte ist ein Teilgebiet der Wirtschaftsgeschichte. Sie untersucht, vergleicht und beschreibt industrielle Entwicklungen und die Faktoren, die sie beeinflussen: von der Industrialisierung bis zum Strukturwandel. Dabei ist sie eng mit Technik-, Verkehrs-, Unternehmens-, Sozial-, Kultur-, Architektur- und Kunstgeschichte verbunden. Industriekultur stellt Industriegeschichte praktisch dar, meist regional anhand von Industriedenkmälern.
Als frühes Datum nennt der Artikel den 14. April 1365: Kaiser Karl IV. verlieh Graf Ulrich von Helfenstein das Recht, in Heidenheim an der Brenz nach Erz zu graben sowie Schmelzöfen und Hammerwerke zu errichten. Dies gilt als Geburtsstunde der ersten industriell ausgerichteten Fabrik Europas, der Schwäbischen Hüttenwerke.
Unterschieden werden vorindustrielle Epoche vor 1770, erste moderne Industrie von 1770 bis 1820, Frühindustrialisierung von 1820 bis 1860, Spätindustrialisierung von 1860 bis 1890 sowie Hochindustrialisierung seit 1890. Die Jahresgrenzen sind nicht fest. Seit 1969 wird die digitale Revolution als weiterer Zeitabschnitt bezeichnet. Wichtige Ursachen der Industrialisierung sind technische Erfindungen und die Rationalisierung der Arbeitsorganisation.
Vom Verlag zur maschinellen Fabrik
Bereits im 16. Jahrhundert gab es im Verlagssystem dezentrale Textilproduktion: Verlegte stellten in Heimarbeit her, während Kaufleute als Verleger die Produktion koordinierten und die Waren zentral vermarkteten. Sie finanzierten die Produktion vor („vorlegen“), trugen also das Marktrisiko.
Danach entwickelte sich die Manufaktur: Lohnarbeiter arbeiteten zentral in Werkstätten, überwiegend weiterhin mit der Hand. Sie produzierten meist Luxusgüter wie Seide, Porzellan, Tapisserien, Lederwaren oder Uhren. Die ersten Manufakturen entstanden wohl in Frankreich; König Heinrich IV. wies 1602 jede Gemeinde an, eine Maulbeerbaumplantage und Seidenraupenzucht einzurichten.
Technische Neuerungen verstärkten Bergbau und Hüttenindustrie. Abraham Darby II erfand 1735 in England den Verkokungsprozess, durch den Holzkohle bei der Roheisenherstellung ersetzt werden konnte. Benjamin Huntsman entwickelte 1740 Tiegel-Gussstahl, bei dem Zementstahl im Tiegelofen umgeschmolzen und von Schlackeresten gereinigt wurde. Ab 1769 setzte sich die Fabrik durch, in der Arbeiter vor allem maschinelle Arbeitsmittel nutzten. Richard Arkwright gründete 1771 in Cromford mit der Waterframe die erste industrielle Baumwollspinnerei der Welt. Der mechanische Webstuhl von Edmond Cartwright erreichte nach 1785 die 20-fache Produktivität eines manuellen Webstuhls.
England führte die industrielle Entwicklung an und gehörte ab 1775 neben Frankreich, Belgien und Holland zu den wohlhabendsten europäischen Nationen. Auf dem europäischen Festland entstanden 1783 bei Ratingen und 1799 in Chemnitz erste mechanische Spinnereien. Johann Gottfried Brügelmanns Textilfabrik Cromford bei Ratingen galt als erste moderne Fabrik des Kontinents.
Dampfmaschine und Frühindustrialisierung
James Watt erhielt im Januar 1769 ein Patent auf die Dampfmaschine. Zunächst trieb sie Textilmaschinen an, dann wurde sie vielseitig eingesetzt: im Dampfschiff im Juni 1783 durch Claude François Jouffroy d’Abbans, im Bergbau erstmals im August 1785 in Hettstedt durch Carl Friedrich Bückling und in der schienengebundenen Dampflokomotive im Februar 1804 durch Richard Trevithick. Davon profitierten Schiffbau, Eisenbahnbau, Montanindustrie und Stahlindustrie. Diese Entwicklung kennzeichnet den Beginn der ersten industriellen Revolution, durch die sich einige Agrarstaaten zu Industriestaaten wandelten.
Deutschland war um 1800 noch Agrarstaat: Etwa 62 % der Beschäftigten arbeiteten in der Landwirtschaft und 21 % im Gewerbe. Im Gewerbe entfielen 50 % auf Handwerk, 45 % auf das Verlagssystem und 5 % auf Manufakturen.
Verkehr, Textil- und Metallindustrie
Um 1820 war maschinelles Spinnen 200-mal produktiver als ein manuelles Spinnrad. England besaß 1821 bereits 1.500 Dampfmaschinen für die industrielle Fertigung und festigte damit seine Stellung als erster Industriestaat Europas.
In Deutschland begann die Frühindustrialisierung nach dem Wiener Kongress von Juni 1815. Bedeutend waren Verkehrsunternehmen und der dadurch geförderte Schiff- und Eisenbahnbau: die „Preußisch-Rheinische Dampfschifffahrtsgesellschaft“ im Oktober 1825, die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft im Juni 1837 und die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft im Oktober 1843. Borsig baute 1841 seine erste und 1858 bereits seine tausendste Lokomotive; mit 1.100 Beschäftigten war das Unternehmen die drittgrößte Lokomotivfabrik der Welt.
Die Deutsche Revolution 1848/1849 markiert den Übergang zur zweiten industriellen Revolution. Johann von Zimmermann gründete 1848 in Chemnitz die erste deutsche Werkzeugmaschinenfabrik. 1850 war die Textilindustrie mit 45,5 % der Beschäftigten weiterhin der wichtigste deutsche Industriezweig; 1959 lag ihr Anteil bei 15,2 %. Die Metallindustrie stieg im selben Zeitraum von 10,8 % auf 33,4 %. Ab etwa 1860 erhielt die Textilindustrie durch die Mechanisierung der Baumwollweberei einen zweiten Schub.
Elektrizität, Massenproduktion und Wiederaufbau
In den USA beschleunigte sich die Industrialisierung seit 1850 und besonders nach dem Sezessionskrieg ab 1865. Eisenbahn und Grundstoffindustrie waren Schrittmacher. Die 3.069 Kilometer lange transkontinentale Eisenbahnverbindung zwischen New York City und San Francisco wurde am 10. Mai 1869 vollendet; seit 1887 transportierten Tiefkühlwaggons Frischfleisch von Chicago nach New York. John D. Rockefeller gründete 1870 die Standard Oil Company. Thomas Alva Edisons Glühlampe von 1879 erlaubte die Beleuchtung von Fabrikhallen.
Weitere Grundlagen waren Werner von Siemens’ leistungsstarker Dynamo von 1866, Nicolaus Ottos Verbrennungsmotor von 1862 und Elektromotoren als Antriebsaggregate seit 1876. Dampfturbinen entwickelten Carl Gustav Patrik de Laval 1883 nach dem Aktionsprinzip und Charles Parsons 1884 nach dem Reaktionsprinzip. Oskar von Miller übertrug 1891 Drehstrom über Entfernung; dadurch konnten Industriebetriebe fernliegende Stromquellen nutzen und Standorte unabhängiger von örtlichen Energiequellen wählen.
Nach Carl Benz’ Automobil von 1885 begann 1897 in den USA die Automobilindustrie. Henry Ford setzte 1913 das erste permanente Fließband ein. Seine Produktion stieg auf das Achtfache; der Preis der Tin Lizzy sank stark und die Löhne konnten steigen. Bei Edelstahl nennt der Artikel ein Patent für Benno Strauß bei Friedrich Krupp AG vom Oktober 1912, während Harry Brearley im August 1913 in Sheffield als Erfinder rostfreien Stahls gefeiert wurde.
Umstritten ist, ob und wie weit die Großindustrie die NSDAP zwischen der Reichstagswahl 1930 und dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 entscheidend förderte. Im Zweiten Weltkrieg wurden Industrieunternehmen, soweit technisch möglich, zur Rüstungsindustrie und ab Mai 1940 zu strategischen Zielen alliierter Luftangriffe. Zerstörte Anlagen wurden ab 1946 rasch nach neuesten Standards aufgebaut. Das exportgetragene Wirtschaftswunder beruhte laut Artikel vor allem auf Wettbewerbsfähigkeit und Produktqualität von „Made in Germany“, allerdings von niedrigem Ausgangsniveau: Bei realer Industrieproduktion von 1936 = 100 % lagen die Werte 1946 bei 34 %, 1947 bei 40 % und 1948 bei 60 %. 1950 erzielte die Industrie 80 Mrd. DM Umsatz, Handwerk 27 Mrd. DM und Landwirtschaft 9,4 Mrd. DM.
Digitalisierung der Industrie
Die digitale Revolution besteht seit 1969 und ist durch digitale Technologien sowie neue Wirtschaftszweige gekennzeichnet. Das Internet entwickelte sich seit Oktober 1969. Intel brachte im November 1971 den ersten kommerziellen Mikroprozessor heraus. Dieser war auch im Mikrocomputer Micral N von Februar 1973 eingebaut, einem Vorläufer des heutigen Personal Computer.
Microsoft wurde im April 1975 gegründet und konzentrierte sich auf Softwareherstellung. Der Apple II kam im April 1977 auf den Markt und besaß die heutigen Grundeigenschaften eines PCs. IBM brachte seinen ersten PC erst im August 1981 heraus, nachdem das Unternehmen die Entwicklung der mittleren Datentechnik unterschätzt hatte.
Digitale Spitzentechnologien verbreiteten sich auch über den CD-Player und die Compact Disc im September 1981. Die Digitalisierung erfasste neben Tonträgern Bildträger wie Fotografie und Film; die DVD erschien im November 1996. Mit dem Motorola International 3200 kam im September 1991 das erste digitale GSM-fähige Mobiltelefon auf den Markt. Es ergänzte digitale Medien und löste in Deutschland ab 2000 einen Handyboom aus.
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