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Industrielle Revolution

Jahrhunderts begann und verstärkt im 19. Jahrhundert, zunächst in England, dann in ganz Westeuropa und den USA, seit dem späten 19. Jahrhundert auch in Japan …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Voraussetzungen in Großbritannien
  3. 3. Technik, Energie und Schwerindustrie
  4. 4. Verkehr und Kapitalismus
  5. 5. Fabrikarbeit und soziale Folgen
  6. 6. Widerstand, Reformen und Deutungen

Kern und Bedeutung

Die industrielle Revolution bezeichnet die tiefgreifende und dauerhafte Umgestaltung von Wirtschaft, Gesellschaft, Arbeitsbedingungen und Lebensumständen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann. Sie führte zunächst in England, dann in Westeuropa und den USA, seit dem späten 19. Jahrhundert auch in Japan und weiteren Teilen Europas und Asiens, vom Agrarstaat zur Industriegesellschaft. Zentrale neue Gesellschaftsgruppen waren kapitalistische Unternehmer und lohnabhängige Proletarier.

Ihre Bedeutung liegt in der stark beschleunigten Entwicklung von Technik, Produktivität und Wissenschaften. Gleichzeitig verschärften sich soziale Missstände: Armut verlagerte sich teilweise vom Land in die Städte, Wohnraum fehlte, und in Fabriken entstand ein Lohnarbeiterproletariat. Daraus entstand die „soziale Frage“, also das politische und gesellschaftliche Problem, wie Armut, Ausbeutung, Wohnungsnot und Arbeiterunruhen gelindert oder beseitigt werden könnten.

In weltgeschichtlicher Perspektive wird die industrielle Revolution ähnlich hoch gewertet wie der Übergang zur Sesshaftigkeit in der Neolithischen Revolution. Der Begriff meint einerseits eine Epoche der entstehenden Großindustrie, andererseits einen fortlaufenden Prozess gesellschaftlicher Veränderung. Später wurden weitere Umbrüche als zweite, dritte, vierte oder fünfte industrielle Revolution bezeichnet: um 1900 Mechanisierung, Elektrizität, Taylorismus und Fordismus; seit Mitte der 1970er Jahre Mikroelektronik; bei „Industrie 4.0“ die Informatisierung und Vernetzung von Produktion und Logistik; neuerdings auch die Transformation zur Dekarbonisierung bzw. Klimaneutralität mit Nachhaltigkeit, Menschzentrierung und Resilienz. Paul Crutzen und Eugene Stoermer schlugen 2000 vor, die Zeit seit Beginn der industriellen Revolution als „Anthropozän“ zu bezeichnen, weil der menschliche Einfluss auf den Planeten stark zunahm.

Voraussetzungen in Großbritannien

Warum die industrielle Revolution zuerst in Großbritannien begann, lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Mehrere Bedingungen wirkten zusammen: eine lange Friedensperiode, ein einheitliches Wirtschaftsgebiet ohne Binnenzölle, produktive Landwirtschaft mit Arbeitskräfteüberschuss, günstige Verkehrsgeographie, leicht erschließbare Kohlevorkommen, Kolonien als Rohstoffquellen und Absatzmärkte, entwickelte Feinmechanik und Werkzeugmacherei sowie eine verbreitete Unternehmermentalität, besonders in einigen religiösen Milieus. Wichtig waren außerdem eine breite Binnennachfrage, Überseehandel, britisches Patentrecht und eine Technikkultur, in der Erfindungen rasch in die Produktion gelangten.

Ein wichtiger Vorlauf war die landwirtschaftliche Revolution. Fruchtwechselwirtschaft, mehr Futterbau, Winterstallfütterung, bessere Viehzucht und höhere Erträge steigerten die Nahrungsmittelproduktion. Durch das Enclosure Movement wurden Allmenderechte aufgelöst und Gemeindeland eingehegt. Das machte die Landwirtschaft effizienter und weniger arbeitsintensiv, nahm vielen Kleinbauern aber Weiden, Brennholz und Rohstoffe. Viele konnten im Agrarbereich nicht mehr leben und wanderten in Städte ab. So entstand ein Teil des Arbeitskräfteangebots für Fabriken.

Vorindustrielle Produktivitätsfortschritte schufen in Großbritannien einen Überschuss an Ressourcen, der für ein neues, anhaltendes Wachstum genutzt werden konnte. Der Lebensstandard lag in Westeuropa bereits über dem Subsistenzniveau, in Großbritannien besonders deutlich. Dadurch eröffnete sich langfristig ein Ausweg aus der malthusianischen Armutsfalle, also der Gefahr, dass Bevölkerungswachstum jeden wirtschaftlichen Fortschritt wieder aufzehrt.

Technik, Energie und Schwerindustrie

Die industrielle Revolution begann nicht im ganzen Land gleichzeitig, sondern regional. Besonders wichtig war Lancashire mit seiner Baumwollindustrie. Die britische Baumwollindustrie erreichte zwischen 1780 und 1790 eine jährliche Wachstumsrate von mehr als 12 %. Anfang des 19. Jahrhunderts entfiel fast die Hälfte der britischen Exporte auf Baumwollprodukte; Rohbaumwolle machte ein Fünftel der Importe aus.

Der technische Kern bestand nach David S. Landes aus drei Prozessen: Mechanisierung von Handarbeit durch Maschinen, mechanische Energieerzeugung und Energieumwandlung vor allem durch die Dampfmaschine sowie massenhafte Verwendung von Kohle und Eisen. Die Spinning Jenny von James Hargreaves (1764), die Waterframe von Richard Arkwright, Samuel Cromptons Weiterentwicklung von 1779 und später die Selfacting Mule von Richard Roberts (1830) erhöhten die Garnproduktion stark. Ein Spinner konnte zu Beginn des 19. Jahrhunderts so viel Garn erzeugen wie 200 Arbeiter vor der „Jenny“. Die Baumwollverarbeitung in England stieg von etwa 1.300 Tonnen im Jahr 1760 auf 190.000 Tonnen im Jahr 1860. Der mechanische Webstuhl von Edmond Cartwright (1784) setzte sich erst nach etwa 50 Jahren durch, unter Widerstand von Handwebern.

Die Dampfmaschine war Symbol, aber nicht alleiniger Auslöser der Industrialisierung. Zunächst blieben Wasser-, Wind-, Tier- und Muskelkraft wichtig. In Großbritannien stellten Wind- und Wasserkraft noch um 1830 mehr als die Hälfte der installierten Leistung; erst später dominierte Dampf. Thomas Newcomen baute 1712 eine industriell nutzbare Dampfmaschine für Bergwerke, James Watt verbesserte sie mit separatem Kondensator und erhielt 1769 ein Patent. Die massenhafte Verbreitung der Dampfmaschine erfolgte selbst in England erst ab den 1860er Jahren.

Kohle und Eisen waren Grundlagen der Schwerindustrie. Abraham Darby I begann 1709, Kohle zu Koks zu verarbeiten und im Hochofen zu nutzen. Erst später wurde dies großtechnisch anwendbar. Das Puddelverfahren machte es Anfang des 19. Jahrhunderts möglich, Steinkohle statt Holzkohle zur Herstellung von Schmiedeeisen, heute Stahl genannt, zu verwenden. Dadurch konnten Maschinen, Eisenbahnen und größere Schiffe in neuem Umfang gebaut werden. Weitere Verbesserungen waren die Bessemerbirne von 1855 und das Siemens-Martin-Verfahren.

Verkehr und Kapitalismus

Die wachsende Produktion verlangte bessere Verkehrswege. Alte Straßen, teils aus römischer Zeit, waren für Massengüter ungeeignet. Der Kanalbau wurde nach der Mitte des 18. Jahrhunderts sehr erfolgreich: Auf unbefestigten Straßen konnten vier bis sechs Pferde einen Wagen mit 1,5 Tonnen Nutzlast ziehen, auf befestigten Straßen bis zu 4 Tonnen; auf Narrowboat-Kanälen konnte ein Pferd einen Kahn mit 30 Tonnen ziehen. Der Bridgewater-Kanal zum Kohletransport nach Manchester wurde ein Vorbild. Um 1790 war die Themse über Kanäle mit Trent, Mersey und Severn verbunden; Mitte des 19. Jahrhunderts verkehrten in Großbritannien mehr als 25.000 meist pferdegezogene Lastkähne.

Die Eisenbahn entstand aus dem Kohlenbergbau. Um 1800 gab es in England etwa 480 Kilometer Schienenwege, die als Erprobungsstrecken für Dampflokomotiven dienten. Die Eisenbahn beschleunigte Güter- und Personenverkehr stark und verbilligte besonders den Transport von Massengütern wie Kohle. Sie veränderte auch Alltag und Raumgefühl: Fahrpläne erforderten eine einheitliche Zeit, weshalb in den 1840er-Jahren eine Zeitvereinheitlichung für den Eisenbahnverkehr begann; 1880 wurde die Greenwich-Zeit in ganz England gültig. Dampfschiffe wurden seit 1815 auf der Themse und ab 1822 zwischen Dover und Calais eingesetzt; um die Jahrhundertmitte übernahmen Dampfschiffe etwa 70 Prozent des Transportaufkommens in britischen Häfen.

Diese Entwicklungen waren eng mit dem entstehenden Kapitalismus verbunden. Kapital wurde benötigt, um Maschinen, Fabriken, Verkehrswege und Löhne vorzufinanzieren. In der frühen Baumwollindustrie reichten oft Familienersparnisse oder lokale Kreditnetze; später wurden Kapitalgesellschaften wichtiger. Adam Smiths „Der Wohlstand der Nationen“ von 1776 lieferte eine wirtschaftsliberale Grundlage: Gewinnstreben und Kapitalanlage sollten, wie von einer „unsichtbaren Hand“, den allgemeinen Wohlstand fördern. Der Staat sollte vor allem Sicherheit, Eigentum, Recht, Ordnung, Verkehrsinfrastruktur und Bildung sichern. Max Weber verband den Geist des Kapitalismus mit protestantischer Arbeitsethik, Sparsamkeit und beruflichem Fleiß.

Fabrikarbeit und soziale Folgen

Die neue industrielle Produktionsweise verdrängte Handwerk, Manufaktur und Heimarbeit. Fabriken nutzten Maschinen, unbelebte Kraftquellen wie Dampf und große Mengen neuer Rohstoffe. Arbeitsteilung und Spezialisierung nahmen zu. Das Fabriksystem erforderte ein neues Arbeitsmanagement: Arbeitskräfte mussten rekrutiert, ausgebildet und an einen monotonen, strengen Zeitrhythmus gewöhnt werden. Aufseher arbeiteten mit Leistungslohn und Prämien, aber auch mit Strafen, Geldbußen und körperlicher Züchtigung.

Eine wichtige Begleiterscheinung war starkes Bevölkerungswachstum. In England begann der Rückgang der Sterberate etwa ab 1740; während des 19. Jahrhunderts hatte England mit durchschnittlich 1,23 Prozent jährlich die höchste Wachstumsrate. Die Ernährung wurde durch höhere landwirtschaftliche Produktivität möglich, außerdem wirkten medizinische Fortschritte und bessere Hygiene. Zugleich kam es zu massenhafter Fernmigration, besonders nach Nordamerika.

Urbanisierung, also das Wachstum der Städte, wurde durch Landflucht und Fabrikarbeit beschleunigt. Manchester galt seit den 1830er-Jahren als „shock city“: Schmutz, Gestank, Lärm, Rauch, überfüllte Wohnungen und schlechte hygienische Bedingungen prägten viele Industrieviertel. Fabrikarbeiter mussten frühere Arbeitsgewohnheiten aufgeben; Maschinen gaben Tempo, Pausen und Arbeitsintensität vor. Frauen- und Kinderarbeit gab es schon früher, neu war aber ihre massenhafte Beschäftigung außerhalb der Familie. In Textilfabriken arbeiteten Kinder teils extrem lange. Das Kinderschutzgesetz von 1802 war ein früher Eingriff; wirksamer wurde die Kontrolle erst mit Fabrikinspektoren ab 1833. Das Fabrikgesetz von 1833 begrenzte die Arbeit von Jugendlichen zwischen vierzehn und achtzehn Jahren auf zwölf Stunden und die von Kindern zwischen neun und dreizehn Jahren auf neun Stunden. Frauen und Kinder arbeiteten bis zum Verbot 1842 auch unter Tage im Kohlenbergbau.

Die Lebensstandardfrage ist umstritten. Einige Schätzungen sehen langfristig steigende Einkommen, etwa Nicholas Crafts mit einem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens in England von 400 US-Dollar 1760 auf 800 US-Dollar 1860. Andere Studien betonen, dass Löhne und Konsum zunächst nur langsam stiegen und die Mehrheit der Fabrikarbeiter bis in die 1840er-Jahre schlechtere Lebensbedingungen erlebte. Weitgehend einig sind Wirtschaftshistoriker, dass die Einkommensverteilung zwischen 1790 und 1840 ungleicher wurde.

Widerstand, Reformen und Deutungen

Die Härten der Industrialisierung führten zu Protesten. Heimarbeiter richteten ihren Zorn gegen Maschinen, die ihre Produkte verdrängten. Die Ludditen zerstörten 1811 und 1812 zahlreiche Woll- und Baumwollspinnereien; die Bewegung wurde durch Militär, Hinrichtungen und Deportationen nach Australien niedergeschlagen. 1819 demonstrierten in Manchester auf dem St. Peters Field 100.000 Menschen friedlich; der Angriff einer Bürgergarde führte zu 11 Toten und 150 bis 200 Schwerverletzten. Das Ereignis wurde als „Peterloo“ bekannt. 1842 kam es im Raum Manchester zu Sabotageaktionen und einem großen Streik in der mittelenglischen Textilindustrie.

Reformen setzten langsam ein. Factory Acts ab 1802 beschränkten Arbeitszeiten von Kindern, Jugendlichen und Frauen, wurden aber erst ab 1833 durch Fabrikinspektoren besser kontrolliert. Robert Owen schuf in New Lanark um 1800 einen Musterbetrieb: keine Kinderarbeit unter zehn Jahren, Schule für Arbeiterkinder ab zwei Jahren, 10,5 Stunden Arbeitszeit statt üblicher 13 bis 14 Stunden sowie günstiger Wohnraum und Versorgung. In den 1820er-Jahren entstanden Kooperativen, in den 1830er-Jahren Trade Unions. Die Chartisten forderten 1838 in der People’s Charter das allgemeine Wahlrecht für Männer, den Achtstundentag und eine Reform des Armenrechts. Beim Wahlrecht blieben sie erfolglos; 1847 wurde aber der 10-Stunden-Tag gesetzlich eingeführt.

Karl Marx und Friedrich Engels deuteten die industrielle Revolution als Zuspitzung des Klassenkampfs zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Im Kommunistischen Manifest von 1848 schrieben sie: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Sie erwarteten, dass Konkurrenz, Lohndruck und Verelendung das Proletariat zur Revolution treiben würden. Andere Deutungen setzen andere Schwerpunkte: Produktionsstruktur, gesamtwirtschaftliche Größen, soziale Marktbeziehungen oder technischen Fortschritt. Eine allgemeine Theorie der Industrialisierung hat sich nicht durchgesetzt. Neuere Forschung betont, dass das englische Wirtschaftswachstum bis in die 1820er-Jahre langsamer verlief als früher angenommen, während zeitgenössische Berichte dennoch einen radikalen qualitativen Umbruch wahrnahmen.

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