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Industrialisierung

Dieser Artikel behandelt die Industrialisierung. Zum historischen Epochenbegriff der Industriellen Revolution, die in England ihren Ausgang nahm, siehe …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Drei-Sektoren-Modell
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. Statistisches Bild nach Regionen
  5. 5. Wirtschaftliche Bedeutung
  6. 6. Gesellschaftliche und ökologische Folgen

Begriff und Grundidee

Industrialisierung ist der Prozess, in dem sich ein Staat von einem Agrarstaat zu einem Industriestaat entwickelt. Dabei setzen sich technisch-wirtschaftlich industrielle Produktionsweisen durch: Güter und Dienstleistungen werden zunehmend maschinell erzeugt statt vor allem landwirtschaftlich oder handwerklich. Der Gegenbegriff ist Deindustrialisierung.

Ein Agrarstaat ist stark von Landwirtschaft geprägt. Landwirtschaftliche Produktion hängt unmittelbar von natürlichen und witterungsbedingten Einflüssen ab, etwa Dürre, Schädlingen oder Überschwemmungen. Dadurch können Ernteerträge schwanken und Missernten entstehen. Ein zentrales Ziel eines Agrarstaates ist die Subsistenzwirtschaft, also die Selbstversorgung mit selbst erzeugten Agrarprodukten; ideal wäre dabei ein Selbstversorgungsgrad von 100 %.

Ob ein Staat eher Agrarstaat oder Industriestaat ist, wird danach unterschieden, welcher Wirtschaftssektor vorherrscht. Entscheidend sind der Anteil der Landwirtschaft oder Industrie am Bruttoinlandsprodukt (BIP) und der Anteil der Erwerbstätigen in diesen Sektoren. Typische Agrarstaaten sind Entwicklungs- und viele Schwellenländer; sie gelten zugleich als Staaten mit großem Marktpotenzial für Industrialisierung.

Drei-Sektoren-Modell

Jean Fourastié erklärte 1949 mit seiner Drei-Sektoren-Hypothese den langfristigen Strukturwandel einer Volkswirtschaft. Er unterschied drei Sektoren: den primären Sektor mit Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft, im weiteren Sinn auch Bergbau; den sekundären Sektor mit Baugewerbe, Energie- und Wasserversorgung, Handwerk und verarbeitendem Gewerbe; und den tertiären Sektor mit Dienstleistungen, zum Beispiel Finanzwesen, Forschung und Entwicklung, Gastronomie, Handel, Immobilienwirtschaft, Verkehr, Nachrichtenübermittlung und öffentlicher Verwaltung.

Nach Fourastiés Drei-Sektoren- beziehungsweise Drei-Phasen-Modell entwickelt sich eine Volkswirtschaft idealtypisch vom Agrarstaat über die Industriegesellschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Ausgehend vom Agrarmarkt wächst zunächst die Industrieproduktion. Sie stellt zunehmend Landtechnik her und wird durch technischen Fortschritt produktiver. Dadurch verschwinden Arbeitsplätze im Primärsektor, während im Sekundärsektor Arbeitskräfte gebraucht werden.

Eine Marktsättigung tritt laut Modell am schnellsten bei Produkten des primären Sektors ein, danach bei Produkten des sekundären Sektors. Die Nachfrage nach Dienstleistungen des tertiären Sektors gilt dagegen als unbegrenzt und dauerhaft. Automatisierung und Mechanisierung schaffen mehr Freizeit für Arbeitskräfte, was wiederum Dienstleistungen stärkt.

Historische Entwicklung

Industrialisierung bedeutet auch die Mechanisierung traditionell manueller Wirtschaftsbereiche wie der Agrikultur. Im Mittelalter arbeiteten weltweit etwa 70 % der Beschäftigten im primären Sektor, 20 % im sekundären und 10 % im tertiären Sektor. Das entsprach der typischen Struktur eines Agrarstaates.

Als erster Industriestaat weltweit gilt England. Sein Aufstieg beruhte besonders auf Kohle und Eisen. Ab 1765 setzte dort ein Umschwung ein, erkennbar unter anderem an sinkenden Getreideexporten, die mit dem Wachstum von Industrie und Gewerbe zusammenhingen. Wichtige Schrittmachertechnologien waren die Dampfmaschine, 1712 von Thomas Newcomen erfunden und 1769 von James Watt entscheidend weiterentwickelt, die Spinnmaschine Spinning Jenny, der mechanische Webstuhl von Edmond Cartwright aus dem Jahr 1785, die Werkzeugmaschine und das Puddelverfahren bei der Eisengewinnung. Die Dampflokomotive von Richard Trevithick aus dem Jahr 1804 und die ersten öffentlichen Eisenbahnen gelten als Ende der ersten Industriellen Revolution in England. Arnold Toynbee bezeichnete diesen Wandel 1882 als „industrial revolution“. Nach Fourastié begann hier die Übergangsperiode: etwa 50 % der Beschäftigten arbeiteten im sekundären Sektor, nur noch 20 % im primären und 30 % im tertiären Sektor.

In Deutschland setzte die industrielle Revolution nach dem Ende des Wiener Kongresses im Juni 1815 mit der Frühindustrialisierung ein. Eine wichtige Grundlage war der Aufbau der Textilindustrie, etwa im Tal der Wupper mit Barmen und Elberfeld sowie im Königreich Sachsen, wo Chemnitz als „sächsisches Manchester“ bezeichnet wurde. Sichtbar wurde die Entwicklung auch durch Verkehrs- und Industrieunternehmen: Im Oktober 1825 wurde die „Preußisch-Rheinische Dampfschifffahrtsgesellschaft“ gegründet, im Juni 1837 die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft und im Oktober 1843 die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft. Davon profitierten Schiffbau und Eisenbahnbau. Die Firma Borsig stellte 1841 ihre erste Lokomotive her, 1858 bereits die tausendste, und wurde mit 1100 Beschäftigten zur drittgrößten Lokomotivfabrik der Welt.

In Frankreich nahm die Industrialisierung zwischen 1830 und 1860 an Fahrt auf; die industrielle Produktion stieg rasch. In den USA begann die industrielle Revolution vergleichsweise spät, seit 1850 zügig und nach dem Sezessionskrieg von 1861 bis 1865 deutlich erkennbar. Fourastié erwartete 1949 für die spätere „tertiäre Zivilisation“, dass 80 % der Beschäftigten im tertiären Sektor arbeiten würden, während Industrie und Agrarsektor jeweils auf 10 % sinken. Schon während der Industrialisierung entstand Industriekritik, die später in ökologische Kritik überging.

Statistisches Bild nach Regionen

Die im Artikel genannten Statistiken vergleichen die drei klassischen Sektoren nach ihrem Anteil am BIP. In Afrika zeigen typische Agrarstaaten, dass der tertiäre Sektor häufig größer ist als der sekundäre Sektor. Unter den genannten Ländern hat Sierra Leone mit 60,7 % den höchsten Anteil der Agrarproduktion am BIP, gefolgt von Somalia mit 60,2 %, Tschad mit 52,3 % und Guinea-Bissau mit 50,0 %. Auf den ersten zehn Plätzen weltweiter Agrarstaaten befinden sich ausschließlich afrikanische Staaten; als erster nicht-afrikanischer Staat folgt Tadschikistan auf Rang 20 mit 28,6 %. In Ländern wie Sudan und Burundi ist der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft bereits vollzogen, obwohl sie noch stark agrarisch geprägt sind.

In Lateinamerika ist die Industrialisierung laut Artikel weitgehend abgeschlossen. In allen aufgeführten Staaten dominiert der Dienstleistungssektor und ist wichtiger als die Industrie. Die Landwirtschaft ist dort nahezu bedeutungslos. Beispiele sind Brasilien mit 6,6 % Landwirtschaft, 20,7 % Industrie und 72,7 % Dienstleistungen sowie Mexiko mit 3,6 % Landwirtschaft, 31,9 % Industrie und 64,5 % Dienstleistungen.

Asien zeigt ein sehr unterschiedliches Bild. In fast allen genannten Ländern ist der Dienstleistungsbereich der größte Sektor, außer in Nordkorea. Beispiele sind die Volksrepublik China mit 7,9 % Landwirtschaft, 40,5 % Industrie und 51,6 % Dienstleistungen, Indien mit 15,4 %, 23,0 % und 61,5 % sowie Hongkong mit 0,1 %, 7,6 % und 92,3 %. Nordkorea weicht ab: Dort entfallen 22,5 % auf Landwirtschaft, 47,6 % auf Industrie und 29,9 % auf Dienstleistungen.

Wirtschaftliche Bedeutung

Industrialisierung ist wirtschaftlich attraktiv, weil das Pro-Kopf-Einkommen in Industriestaaten höher ist als in reinen Agrarstaaten. Der Artikel erklärt dies damit, dass das Preisniveau von Industrieprodukten höher ist und die Wertschöpfungskette umfangreicher ist als bei Agrarprodukten. Als Beispiel wird Burundi genannt: Das Pro-Kopf-Einkommen des Agrarstaates lag 2017 bei knapp 700 US-Dollar, während Großbritannien 44.300 US-Dollar erreichte.

Die Industrialisierungsphase ist durch industriellen Strukturwandel geprägt. Dabei fallen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft weg, während in der Industrie neue Stellen entstehen. Dieser Übergang kann zu sektoraler Arbeitslosigkeit führen: In der Landwirtschaft entsteht Unterbeschäftigung, in der Industrie Überbeschäftigung, bis die Anpassungsprozesse abgeschlossen sind.

Gesellschaftliche und ökologische Folgen

Zu den Folgen der Industrialisierung gehören Urbanisierung, also das Wachstum von Städten, und der Wechsel von einer Selbstversorgungsgesellschaft zu einer Fremdversorgungsgesellschaft. Menschen versorgen sich dann weniger direkt durch eigene Produktion, sondern stärker über Märkte, Betriebe und Dienstleistungen.

Weitere genannte Auswirkungen sind Geburtenrückgang, Prosperität in den Industrienationen und zunehmende Demokratisierung, die auf wachsenden Wohlstand angewiesen war. Gleichzeitig brachte Industrialisierung negative ökologische Folgen mit sich: zunehmende Umweltverschmutzung und insbesondere die globale Erwärmung.

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