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Zweite industrielle Revolution
Als zweite industrielle Revolution wird in der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung eine zweite Phase der Industrialisierung nach der ersten industriellen …
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Bedeutung und unterschiedliche Einordnungen
Die zweite industrielle Revolution bezeichnet in der Wirtschaftsgeschichte eine weitere Phase der Industrialisierung nach der ersten industriellen Revolution. Der Begriff und seine zeitliche Einordnung sind jedoch nicht einheitlich. Im Kern stehen neue führende Industriezweige, die wissenschaftliche Erkenntnisse technisch und wirtschaftlich nutzten, sowie Veränderungen in Produktion und Arbeitsorganisation.
In der französischen und deutschsprachigen Forschung beginnt diese Phase ungefähr in den 1870er und 1880er Jahren. Sie fällt damit in Deutschland in die Hochindustrialisierung. Als wichtigste neuen Führungssektoren gelten besonders die chemische Industrie und die Elektrotechnik. In der angloamerikanischen Forschung wird dagegen vor allem der Übergang zur Massenproduktion und zu neuen Organisationsformen der Industrie hervorgehoben, insbesondere seit den 1920er Jahren. Digitale Revolution und Industrie 4.0 werden als spätere industrielle Revolutionen angesehen.
Forschung, neue Industrien und Technik in Deutschland
Die neuen Industrien beruhten auf einer engen Verbindung von Forschung und industrieller Produktion. Chemische und physikalische Erkenntnisse wurden in großem Umfang wirtschaftlich eingesetzt. Firmen unterhielten neben den Universitäten eigene Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen. Dadurch verlor das Erfahrungswissen der Beschäftigten in der Produktion an Bedeutung.
Chemische Industrie, Elektrotechnik, Maschinenbau und optische Industrie wuchsen rasch und lösten Textilindustrie und Montanindustrie als Leitbranchen ab. Die Montanindustrie umfasst die Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen wie Kohle und Eisen. Anders als in der ersten industriellen Revolution war die deutsche Wirtschaft nun führend: Während sie zuvor besonders Techniken und Kenntnisse aus England importiert hatte, wurde sie zum Technologieexporteur.
Vor allem in der pharmazeutischen Industrie entstanden große Forschungslabors innerhalb der Unternehmen. Werner von Siemens, Techniker und Physiker, baute seit den 1860er Jahren für sein Unternehmen ein Labor auf, das sich zu einer großen firmeninternen Forschungseinrichtung entwickelte. Wichtig waren außerdem die Kontakte zwischen Wirtschaft, Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen wie der 1887 gegründeten Physikalisch-Technischen Reichsanstalt.
In der chemischen Industrie wurden Soda und Schwefelsäure als Grundlagen für neue Produkte bedeutsam, etwa für den synthetischen Farbstoff Anilin. Kohle blieb ein wichtiger Energieträger, doch Erdöl gewann an Bedeutung, weil es Verbrennungsmotoren wie Otto-Motor und Diesel-Motor antreiben konnte. Elektrizität wurde in größerem Maßstab genutzt, beispielsweise durch Generatoren ab 1866, Glühlampen und Elektromotoren. Sie verbesserte auch die Kommunikation: Zur Telegraphie, die etwa ab 1840 bestand, kam ab etwa 1880 das Telefon.
Massenproduktion und Automatisierung
In Teilen der deutschen Forschung gelten die Innovationsschübe der 1920er und 1930er Jahre als Beginn einer dritten industriellen Revolution. Kennzeichnend war die Rationalisierung der Fertigung, also ihre planmäßig effizientere Gestaltung, durch das Fließband. Dieses wurde 1913 in den Ford-Werken eingeführt.
Die angloamerikanische Forschung bezeichnet den Durchbruch zur Massenproduktion dagegen häufig als zweite industrielle Revolution. Dazu gehört die wissenschaftliche Betriebsführung des Taylorismus und Fordismus. Taylorismus und Fordismus stehen hier für Formen der Arbeits- und Produktionsorganisation, die Arbeitsschritte rationalisieren und eine Produktion großer Stückzahlen ermöglichen. Ein Grund für die abweichende Sicht ist, dass der Erste Weltkrieg für die Wirtschaft der USA kein so starker Einschnitt war wie für Europa. In den USA begannen Massenproduktion von Stahl und Eisenbahnbau im großen Stil später als in Europa; der Massenkonsum setzte dort jedoch deutlich früher ein.
Ältere Quellen verlegten die zweite industrielle Revolution teilweise in die Zeit seit etwa 1950. In diesem Verständnis beruht sie auf der Automatisierung der industriellen Fertigung. Als fortgeschrittene Form der Automatisierung gelten Industrieroboter, die ab 1970 eingeführt wurden.
Umstrittener Begriff
Der Begriff der zweiten industriellen Revolution ist umstritten. Kritiker wenden ein, dass er die Bedeutung von Erfindungen und der wirtschaftlichen Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse überbetone, obwohl beides auch früher bereits bekannt gewesen sei. Auch die Begründung über neue Materialien wie Leichtmetall, Plastik oder Erdöl wurde kritisiert. Schon während der ersten industriellen Revolution gab es im Grunde synthetische Produkte: Kohle wurde zu Koks verarbeitet und aus Roheisen Stahl erzeugt.
Auch Kritiker erkennen jedoch an, dass die Schwerindustrie seit den 1870er Jahren ihre Leitfunktion verlor. An ihre Stelle traten als „Neue Industrien“ Elektroindustrie, chemische Industrie, optische Industrie und Fahrzeugbau.