Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Bildwirkerei
Der von der Wissenschaft wiederaufgenommene mittelalterliche Ausdruck Bildwirkerei bezeichnet sowohl die Technik des Einwirkens von Bildern und Motiven in …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Abgrenzung
Bildwirkerei bezeichnet sowohl eine textile Technik als auch ihr Ergebnis, die Tapisserie. Dabei werden Bilder und Motive unmittelbar in eine textile Fläche eingewirkt. Bildwirkerei darf weder mit Teppichwirkerei noch mit maschinell hergestelltem Gewirk verwechselt werden.
Die Technik ist mit der Weberei verwandt, aber nicht identisch. Beim Weben verlaufen die Schussfäden über die gesamte Breite des Gewebes von einer Kante zur anderen. Bei der Bildwirkerei werden die farbigen Schussfäden dagegen nur innerhalb der jeweils vorgesehenen Farbfläche hin- und zurückgeführt. Da die einzelnen Farbflächen von Hand ausgearbeitet werden, kann eine echte Bildwirkerei nicht maschinell hergestellt werden.
Für das fertige Werk sind auch die Bezeichnungen Bildteppich und Wandteppich üblich. Vor allem klassische Werke werden seit dem 19. Jahrhundert als Tapisserien bezeichnet. Der Ausdruck Gobelin ist enger gefasst: So dürfen ausschließlich Tapisserien genannt werden, die in der heute in Paris ansässigen Gobelinmanufaktur entstanden sind. Gobelinmalerei ist hingegen eine Imitation, bei der Motive auf ein Gewebe gemalt werden. Auch die sogenannte Gobelinstickerei ist keine Bildwirkerei, sondern eigentlich eine Petit-Point-Stickerei.
Formen und Funktionen
Bildwirkereien entstehen als Einzelwerke, Bildfolgen oder Behänge. Eine Bildfolge, französisch série, umfasst mehrere thematisch zusammengehörende Motive. Ein Behang, französisch ensemble, ist eine aufeinander abgestimmte Garnitur für eine Galerie, ein Gemach oder eine ganze Zimmerflucht. Seine Einzelwerke greifen dieselbe Farbgebung und dasselbe Thema in abgewandelter Form auf. Neben großen Wandbehängen können dazu passende Türbehänge, Möbelbezüge, Sitzkissen und Kaminschirme gehören.
Tapisserien dienen zunächst der Gestaltung von Räumen. Zugleich erfüllen sie praktische Aufgaben: Sie dämmen Wärme, verbessern dadurch das Raumklima und mindern akustische Probleme in großen, hohen Räumen.
Viele Werke besitzen außerdem eine didaktische, also belehrende Funktion. Mittelalterliche Bildwirkereien vom Oberrhein zeigen beispielsweise Wildleute oder Fabeltiere. Diese wilden Gestalten spiegeln das höfisch-ritterliche Ideal und fordern die Betrachtenden dazu auf, nach höfischen Regeln zu leben. Auch zahlreiche Liebesallegorien derselben Herkunft vermitteln solche Vorstellungen.
Herstellung einer Tapisserie
Eine echte handgewirkte Tapisserie entsteht entweder auf einem senkrechten Hochwebstuhl, dem Hautelisse-Stuhl, oder auf einem waagerechten Flachwebstuhl, dem Basselisse-Stuhl. Für die stark beanspruchten Kettfäden werden Leinen oder Baumwolle verwendet. Die farbigen Schussfäden bestehen aus Wolle, Seide oder gelegentlich Leinen; bei besonders kostbaren Arbeiten kommen auch Silber- und Goldfäden zum Einsatz. Gewirkt wird von der Rückseite des entstehenden Werkes aus.
Ausgangspunkt des Motivs ist ein farbiger Entwurf oder ein Gemälde. Als genaue Arbeitsvorlage dient der Karton. Darauf sind die Konturen, die Grenzen der Farbflächen und die Farbgebung festgelegt. Beim Hochwebstuhl steht der Karton hinter dem Wirker. Dieser betrachtet ihn während der Arbeit in einem großen Spiegel; deshalb muss der Karton nicht spiegelverkehrt gezeichnet sein.
Beim Flachwebstuhl wird die Vorlage unter den Kettfäden befestigt. Dafür muss der Karton spiegelverkehrt gezeichnet werden. Um Übertragungsfehler zu vermeiden, kann man die Umrisse mithilfe durchsichtiger Pausen, der sogenannten calques, gespiegelt übertragen. Auch eine direkte Übertragung der Konturen auf die Kettfäden ist möglich. Mit einem kleinen Handspiegel kontrolliert der Wirker die Vorderseite und damit die Qualität des Werkes.
Das Einfügen der Bildmotive heißt Einwirken oder Durchwirken. Bei der Handarbeit wird das Schussgarn auf eine hölzerne Fliete gewickelt. Dieses Werkzeug ähnelt einem vorn spitz zulaufenden Klöppel. Mit seiner Spitze wird der Faden im Gewebe angedrückt.
Die Herstellung ist äußerst zeitaufwendig. Für einen Quadratmeter Tapisserie können vier bis acht Arbeitswochen erforderlich sein.
Historische Entwicklung
Die Wirkerei zählt neben Weberei und Töpferei zu den ältesten Handwerkskünsten der Menschheit und wurde bereits vor Jahrtausenden ausgeübt. Eine besondere Blütezeit erlebte die Bildwirkerei im Mittelalter und in der Renaissance. Zu den bekannten Formen dieser Zeit gehören die Millefleurs-Wandteppiche mit zahlreichen Blumenmotiven.
Die ältesten erhaltenen Fragmente stammen aus ägyptischen Gräbern. Das trockene Wüstenklima bewahrte sie über Jahrtausende. Aus dem griechischen Altertum sind Vasen bekannt, auf denen Webstühle dargestellt sind. Wollwirkereien aus Kleinasien und Ägypten belegen die Technik auch für die spätantike und frühchristliche Zeit. Im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet sich eine frühe koptische Wollwirkerei aus dem 4. Jahrhundert.
Zu den ältesten westeuropäischen Zeugnissen gehören Werke des 12. und 13. Jahrhunderts im Domschatz Halberstadt. Der Abraham-Engel-Teppich entstand um 1150 und gilt als ältester gewirkter Bildteppich Europas; der Christus-Apostel-Teppich wird auf etwa 1170 datiert. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts entstanden in Frankreich außerdem große Bildzyklen, darunter die in Angers erhaltene Apokalypse.
Bedeutende Werke und Herstellungsorte
Zu den bekannten Tapisserien und Bildfolgen gehören neben der Apokalypse in Angers unter anderem der Croÿ-Teppich, Die Dame mit dem Einhorn, Die Jagd des Einhorns, der Hestia-Teppich, Los Honores, der Tunisfeldzug, Les Chasses de Maximilien und die Histoire du Roy. Im Domschatz Halberstadt befinden sich außer den frühen Werken auch der Karlsteppich von etwa 1245–1250 und Marienteppiche von etwa 1500–1510.
Nicht jedes als Tapisserie bezeichnete Werk ist tatsächlich eine Bildwirkerei. Der Teppich von Bayeux aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wird auch im Französischen irrtümlich „Tapisserie“ genannt, ist technisch jedoch eine Stickerei.
Historisch wichtige Produktionsorte liegen besonders in Frankreich und Flandern, darunter Aubusson, Beauvais, Felletin, Paris, Arras, Brügge, Brüssel, Gent, Oudenaarde und Tournai. Weitere Herstellungsstätten waren oder sind unter anderem Basel, Halle (Saale), Madrid, Nürnberg, Straßburg und Vorpommern mit den Orten der Pommerschen Fischerteppichwirkerei. Die Bedeutung Aubussons wurde 2009 durch die Aufnahme der „Wandteppiche aus Aubusson“ in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gewürdigt. „Traditionelle Wandteppiche“ aus Moldawien und Rumänien wurden 2025 dort eingetragen.
Zahlreiche Künstler lieferten Entwürfe, die spezialisierte Werkstätten ausführten. Jean Lurçat gilt als Meister und Hauptvertreter der zeitgenössischen Kartonmalerei und trug wesentlich zur Wiederbelebung der Bildwirkerei bei. Sein erster Tapisserieentwurf „L’Orange“ wurde 1933 an die Aubusson-Manufaktur geliefert; insgesamt schuf er etwa 800 Kartons. Auch Pablo Picasso lieferte 1933 mit „L’Inspiration“ einen in Aubusson ausgeführten Entwurf. Francisco de Goya entwarf zwischen 1775 und 1792 insgesamt 63 Wandteppiche zur Ausstattung der Königlichen Paläste Prado und Escorial; gefertigt wurden sie in der Tapisserienmanufaktur Santa Barbara in Madrid.