Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Historische Jesusforschung
Die historische Jesusforschung entstand etwa ab 1740 im Zeitalter der Aufklärung. Sie findet in der universitären christlichen Theologie im Fach Neues Testament …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Entstehung
Die historische oder historisch-kritische Jesusforschung, früher „Leben-Jesu-Forschung“, untersucht Jesus von Nazaret mithilfe von Schriften des Urchristentums und weiteren antiken Quellen. Sie will Grundzüge seines öffentlichen Wirkens rekonstruieren. Die weitaus meisten Forschenden halten Jesus für einen historischen Juden, dessen Auftreten den urchristlichen Glauben an Jesus Christus auslöste.
Sie arbeitet vor allem in der neutestamentlichen Theologie, aber auch in Archäologie, Geschichtswissenschaft, Judaistik, Literatur- und Religionswissenschaft. Entstanden ist sie um 1740 in der Aufklärung. Voraus gingen Textkritik, die Originaltexte von Abschriften und Übersetzungen unterscheidet, sowie die Reformation mit dem Vorrang des wörtlichen Schriftsinns (sensus literalis). Widersprüche innerhalb und zwischen den Evangelien, naturwissenschaftlich geprägtes Denken und Kritik am dogmatischen Christusbild der Kirchen förderten die Suche nach einem historischen Jesus hinter den theologischen Deutungen der Texte.
Entwicklung der Forschung und Methoden
Die Forschung wird häufig, besonders im englischen Sprachraum, in drei „quests“ eingeteilt: die erste oder „old quest“ von 1736 bis 1900, die zweite oder „new quest“ seit 1953 und die „third quest“ seit etwa 1970. Die Zeit dazwischen wird oft „no quest“ genannt. Dieses Schema ist umstritten, weil es Vorläufer, Jesusforschung in der angeblichen „no-quest“-Zeit und die Unterschiede innerhalb der neueren Forschung zu wenig berücksichtigt; es wird daher teils als willkürlich und ideologisch motiviert kritisiert.
In der ersten Phase wurden Wunder und Auferstehung häufig von möglichen historischen Angaben getrennt, die Synoptiker gegenüber dem späteren Johannesevangelium bevorzugt und Jesu Verkündigung zunehmend als jüdisch-eschatologisch verstanden. Eschatologie bezeichnet die Erwartung des Endes der gegenwärtigen Weltzeit; Apokalyptik die Erwartung eines von Gott herbeigeführten Endgerichts. Albert Schweitzer zeigte 1906, dass viele liberale Jesusbiografien die Ideale ihrer Verfasser in die Texte projizierten. Er betonte mit Johannes Weiß Jesu Erwartung eines nahen zukünftigen Reiches Gottes.
Um 1900 verschob sich die Methode von der Literarkritik, also der Suche nach älteren schriftlichen Quellen, zur Formgeschichte. Diese fragt nach Gattung, Form und „Sitz im Leben“, dem Verwendungszweck einer Texteinheit in ihrem Trägerkreis. Karl Ludwig Schmidt und Martin Dibelius zeigten, dass die Evangelien keine einfache Chronologie oder Biografie liefern, sondern überlieferte Stoffe für Verkündigung und Gemeindeunterweisung anordnen. Redaktionsgeschichte untersucht zusätzlich, wie Evangelisten ihre Quellen bearbeiteten und deuteten.
Seit 1953 suchten Bultmanns Schüler erneut nach dem historischen Jesus. Ernst Käsemann formulierte das doppelte Differenzkriterium: Ein Jesuswort galt als echt, wenn es sich weder aus dem zeitgenössischen Judentum noch aus dem Urchristentum erklären ließ. Hinzu kamen Mehrfachbezeugung und Kohärenz mit anderen als echt geltenden Worten. In der neueren Forschung wurde dieses Kriterium weitgehend durch kontextuelle Plausibilität ersetzt: Überlieferung ist besonders plausibel, wenn sie im damaligen Judentum erklärbar ist und zugleich die Entstehung des Urchristentums verständlich macht.
Wichtige Positionen bis zur zweiten Phase
Hermann Samuel Reimarus unterschied Jesu eigene Verkündigung von der Botschaft der Apostel und ordnete Jesus dem Judentum seiner Zeit zu. Seine Erklärung des Urchristentums durch einen Jüngerbetrug fand jedoch früh Widerspruch. David Friedrich Strauß deutete viele Evangelienerzählungen als unbewusst entstandene mythische Übertragung alttestamentlicher Messiasvorstellungen auf Jesus. William Wrede erklärte 1901 auch das Markusevangelium als theologisches Konstrukt: Das „Messiasgeheimnis“ sei eine Deutung des Evangelisten, nicht ein biografischer Bericht über Jesu allmählich entwickeltes Messiasbewusstsein.
Radikale Skeptiker wie Bruno Bauer, Albert Kalthoff und Arthur Drews bestritten Jesu Existenz oder erklärten ihn als literarische, soziale oder mythische Konstruktion. Sie verwiesen unter anderem auf Widersprüche der Evangelien, ihren zeitlichen Abstand von 40 bis 70 Jahren zu Jesu Tod, Wundererzählungen und die Prägung durch den Osterglauben. Die Forschung hat viele dieser Argumente später relativiert; außerchristliche, sozialgeschichtliche und judaistische Ergebnisse stärkten das Vertrauen in einen historischen Kern der Überlieferung.
Rudolf Bultmann ordnete Jesus dem Judentum zu und sah ihn als Voraussetzung, nicht als Thema des christlichen Kerygmas, also der Verkündigungsbotschaft. Seine „Entmythologisierung“ verstand die mythologische Sprache des Neuen Testaments existential: Entscheidend sei der Ruf, sich radikal neu „aus Gott“ zu verstehen. Käsemann wollte dagegen den Christusglauben an die Geschichte des irdischen Jesus zurückbinden. Willi Marxsen betonte die Kontinuität zwischen den ersten Jesusanhängern und der nachösterlichen Verkündigung, verstand die Auferstehungsaussagen aber als Deutung von Zeugen, durch die Jesu Sache weitergeführt wurde.
Joachim Jeremias verband die Rekonstruktion von Jesu Verkündigung mit genauer Kenntnis Palästinas und des damaligen Judentums. Sein sprachliches Echtheitskriterium lautete: Ein Jesuswort könne allenfalls authentisch sein, wenn es sich aus dem Griechischen über das Hebräische ins Aramäische, Jesu Muttersprache, zurückübersetzen lasse.
Dritte Phase: Jesus im jüdischen und sozialen Kontext
Seit etwa 1970 arbeitet die Forschung fächer- und länderübergreifend. Neben historisch-kritischer Textanalyse bezieht sie Archäologie, Sozialgeschichte, Kulturanthropologie, Orientalistik und Judaistik ein; auch frühchristliche Apokryphen werden teilweise als mögliche Primärquellen geprüft. Der zentrale Konsens lautet, dass Jesus vollständig zum damaligen Judentum gehörte. Die Jesusbewegung und das rabbinische Judentum gelten als eng verwandte Weiterentwicklungen des antiken palästinischen Judentums. Jesu Konflikte mit der Tora werden daher eher als Auslegungsfragen innerhalb dieser Tradition verstanden.
Ed Parish Sanders beschreibt das antike Judentum mit dem Begriff „Bundesnomismus“: Verschiedene Richtungen teilten den Glauben an Gottes besonderen Bund mit Israel und fanden darin das entscheidende Heil. Als kaum bestritten historisch nennt Sanders unter anderem: Jesus wurde von Johannes dem Täufer getauft; er war ein galiläischer Prediger und Heiler; er berief Jünger und sprach über zwölf von ihnen; seine Tätigkeit war auf Israel beschränkt; er geriet wegen des Tempels in eine Kontroverse; bei einem letzten Mahl verband er Brot und Wein mit einer Zeichenhandlung und seinem bevorstehenden Tod; die römische Besatzungsmacht kreuzigte ihn außerhalb Jerusalems. Nach seinem Tod blieb seine Anhängerschaft eine erkennbare Bewegung, die bis in die 60er Jahre teilweise verfolgt wurde.
Sozialgeschichtliche Forschung untersucht die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebensbedingungen. Gerd Theißen erklärte mit „Wanderradikalismus“ die nicht sesshafte, von Armut bedrohte Lebensweise früher Jesusanhänger. Luise Schottroff und Wolfgang Stegemann unterschieden stärker: Jesus und seine Nachfolger seien Bettelarme gewesen, Gemeinden des 1. Jahrhunderts dagegen aus Armen und „mittelständischen“ Reichen zusammengesetzt. Stegemann betont zudem, dass religiöse Überzeugungen und Praktiken in antiken Mittelmeerkulturen in Gemeinwesen und Familie eingebettet waren; jüdische Identität umfasste auch Wohngebiet, Sprache, Geschichtserzählungen und Sitten.
Neuere kontroverse Ansätze
Das 1985 in den USA von Robert W. Funk und John Dominic Crossan gegründete Jesus-Seminar umfasst 50 bis 80 liberale Neutestamentler. Es bewertet Jesusworte, später auch Taten und Ereignisse, durch Abstimmungen als sicher, wahrscheinlich, unwahrscheinlich oder sicher nicht historisch. Das Thomasevangelium und die Logienquelle Q gelten ihm als frühe, zuverlässige Quellen, das Markus- und Johannesevangelium dagegen als kaum auswertbar. Bevorzugt werden kurze, prägnante Sätze und Gleichnisse, die mehrfach unabhängig bezeugt und weder jüdisch noch frühchristlich erklärbar seien.
In The Five Gospels (1993) wurden Worte farblich bewertet. Etwa 18 Prozent der in fünf Evangelien überlieferten Jesusworte gelten dem Seminar als echt. Im Markusevangelium akzeptiert es nur Mk 12,17 EU; in der Bergpredigt sechs Sätze, darunter die Anrede des Vaterunsers und „Liebet eure Feinde“. Geburtsgeschichten, Leidensankündigungen, Auferstehungs- und Wundertexte gelten als legendär, wobei Jesus wohl einige Kranke geheilt habe. Als historische Passionsereignisse gelten seine von Kajaphas veranlasste Übergabe an Pilatus und die Kreuzigung.
Das Seminar wird wegen Zielsetzung, Auswahl der Mitglieder, Quellenpräferenzen, Kriterien und Abstimmungsmethode kritisiert; die meisten deutschsprachigen Neutestamentler und Jesusforscher distanzieren sich davon. William Lane Craig vertritt den Gegenstandpunkt, hält die Evangelien für zuverlässige historische Quellen und argumentiert besonders für leeres Grab und Auferstehung. Nicholas Thomas Wright verbindet in seinem Ansatz zahlreiche Quellen, darunter Neues Testament, griechische Philosophie, Qumran, Nag Hammadi und Talmud, mit „kritischem Realismus“: Historie und Theologie seien nicht gegensätzlich, sondern bedingten einander.