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Geschichtswissenschaft
Die Geschichtswissenschaft ist die methodisch gesicherte Erforschung und Rekonstruktion von Aspekten der Menschheitsgeschichte oder Geschichte auf der Basis …
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Grundidee und Aufgabe
Die Geschichtswissenschaft ist die methodisch gesicherte Erforschung und Rekonstruktion von Aspekten der Menschheitsgeschichte. Sie arbeitet auf der Grundlage von Quellen, also überlieferten Zeugnissen, die kritisch analysiert und interpretiert werden. Dabei geht sie immer von einer bestimmten Fragestellung aus. Ziel ist nicht nur, Wissen über die Vergangenheit zu bewahren und weiterzugeben, sondern vor allem, neues Wissen zu gewinnen.
Sie ist eine Kultur- bzw. Geisteswissenschaft und beschäftigt sich mit Menschen und menschlichen Gemeinschaften. Die Naturgeschichte gehört dagegen zu den Naturwissenschaften. Mit Fragestellungen der Historischen Anthropologie kann Geschichtswissenschaft auch als Sonderbereich der Anthropologie verstanden werden.
Kennzeichnend ist die kritische Methode: Voraussetzungen, Methoden, Gedankengänge und Ergebnisse müssen rational diskutierbar, intersubjektiv nachprüfbar und zumindest grundsätzlich falsifizierbar sein. Historikerinnen und Historiker streben nach möglichst großer Objektivität. Da die Vergangenheit selbst nicht mehr existiert, sind endgültige Beweise für historische Rekonstruktionen nicht möglich. Im Zentrum steht deshalb die sorgfältige Abwägung von Argumenten.
Quellen sprechen nicht für sich selbst, sondern müssen interpretiert werden. Schriftliche Zeugnisse stehen häufig im Mittelpunkt, doch auch materielle Quellen können wichtig sein. Die moderne Geschichtswissenschaft hat über etwa zwei Jahrhunderte methodische Regeln entwickelt, um plausible und logisch zulässige Deutungen von unzulässigen zu unterscheiden. Theodor Mommsen beschrieb das Ziel der Geschichtswissenschaft als das „Erkennen des Gewesenen aus dem Gewordenen mittelst der Einsicht in die Gesetze des Werdens“.
Arbeitsweise und Grenzen
Historische Forschung verläuft typischerweise in mehreren Schritten: Forschende beginnen mit einem Erkenntnisinteresse und einer Fragestellung. Dann sammeln und sichten sie die verfügbaren Quellen. Anschließend interpretieren sie diese nach den Regeln des Fachs und stellen ihre Ergebnisse öffentlich zur Diskussion.
Ein wichtiger Teil wissenschaftlichen Fortschritts besteht darin, Irrtümer und Einseitigkeiten früherer Forschung aufzudecken und zu korrigieren. Die Fragen an die Vergangenheit verändern sich im Laufe der Zeit, oft beeinflusst durch neue kultur- und sozialwissenschaftliche Theorien. Deshalb können auch zu weit zurückliegenden Epochen neue Erkenntnisse entstehen und ältere Positionen revidiert werden.
Der historische Stoff ist prinzipiell unendlich: Es können neue Quellen auftauchen, und bekannte Quellen können unter neuen Fragestellungen anders gedeutet werden. Besonders wichtig ist der Versuch, plausible Kausalitäten zu rekonstruieren, also nachvollziehbare Zusammenhänge von Ursachen und Wirkungen.
Geschichtswissenschaft steht in Beziehung zu anderen Fächern. Eng verwandt ist sie mit der Archäologie, die vor allem nicht-schriftliche Quellen auswertet, außerdem mit der Politikwissenschaft und wegen der Bedeutung von Texten und Hermeneutik auch mit der Literaturwissenschaft. Historikerinnen und Historiker arbeiten vor allem an Universitäten, spezialisierten Instituten, größeren und lokalen Museen. Auch außerhalb des Berufs können Menschen wissenschaftlich historische Arbeit leisten, etwa in Regional- und Lokalgeschichte.
Populärwissenschaftliche Darstellungen richten sich an ein breiteres Publikum. Gute populärwissenschaftliche Werke können historisches Wissen außerhalb der Fachwelt verbreiten und zeigen, dass das Bild der Vergangenheit immer eine mehr oder weniger plausible Rekonstruktion und Interpretation ist. Problematisch werden solche Darstellungen, wenn sie ohne genaue Belege zu stark vereinfachen oder Geschichte verfälschen; die Grenze zur Pseudowissenschaft kann fließend sein.
Entwicklung des Faches
Die Geschichtswissenschaft hat selbst eine Geschichte. Die Geschichte der Geschichtsschreibung untersucht frühere Historiker, ihre Werke, die Bedingungen ihrer Arbeit und den Wandel von Interessen und Fragestellungen. Herodot gilt als Vater der Geschichtsschreibung, arbeitete aber noch nicht nach den Regeln moderner Forschung. Seine Darstellung verstand sich vor allem als literarisch-philosophisches Kunstwerk.
Schon in der Antike setzten Autoren wie Thukydides und Polybios Maßstäbe, auf die Giambattista Vico in der Frühen Neuzeit zurückgriff. Erst im 19. Jahrhundert, im Historismus, begannen Geschichtsforscher in Europa verstärkt nach wissenschaftlichen Kriterien zu arbeiten. Dazu gehörten Heuristik, also das Auffinden von Quellen, Quellenkritik, Textkritik und das Ziel der Objektivität.
Mit der Professionalisierung kam es zu Spezialisierungen. Zuerst wurde nach chronologischen Bereichen unterschieden, etwa Alte, Mittlere und Neue Geschichte. Danach traten geografische und inhaltliche Spezialisierungen hinzu.
Im 20. Jahrhundert öffnete sich die Geschichtswissenschaft stärker kulturwissenschaftlichen und soziologischen Fragestellungen und Methoden. In den 1920er Jahren entstand in Frankreich unter Marc Bloch und Lucien Febvre die einflussreiche Annales-Schule, die mit der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris verbunden ist. Sie stellte langfristige Entwicklungen stärker in den Vordergrund als reine Ereignisgeschichte. Auf die sozialwissenschaftliche „Wende“ der 1960er und 1970er Jahre folgten weitere Impulse aus der Kulturanthropologie, die zu einer kulturgeschichtlichen bzw. kulturwissenschaftlichen „Wende“ führten.
Theorie, Didaktik und Methoden
Die Historik, auch Theorie der Geschichte genannt, untersucht die Grundlagen des Fachs. Sie fragt, wie historisches Wissen möglich ist, wie es entsteht und wozu es dient. Wenn Historikerinnen und Historiker ihre eigenen, oft unbewussten Vorannahmen erkennen, können sie Fehler eher vermeiden.
Die Geschichtsdidaktik gehört zur Geschichtswissenschaft. Sie befasst sich damit, wie Geschichtsbewusstsein in schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen sowie in der Geschichtskultur mit Vergangenheit und Überlieferung umgeht. Mit Geschichtsbewusstsein ist gemeint, wie Menschen Vergangenheit deuten, Gegenwart verstehen und daraus Vorstellungen für die Zukunft entwickeln.
Die historisch-kritische Methode wurde im 18. und 19. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit schriftlichen Quellen entwickelt und verfeinert. Texte stehen weiterhin im Zentrum der Geschichtswissenschaft. Für viele historische Sachverhalte fehlen jedoch schriftliche Quellen, daher werden weitere Methoden wichtig.
Sozialwissenschaftliche Methoden, insbesondere Statistik, helfen dabei, Massenphänomene quantitativ zu erfassen. Naturwissenschaftliche Methoden ergänzen die historische Forschung ebenfalls, zum Beispiel die C14-Methode zur Altersbestimmung organischer Materialien, die Dendrochronologie zur Datierung mit Baumringen und die DNA-Analyse, besonders bei Grabfunden. Durch die Erfindung und Weiterentwicklung des modernen Computers wurden neue und verbesserte Datenanalysen möglich. Komplexe statistische Verfahren der Zeitreihenanalyse gewinnen in den Geschichtswissenschaften zunehmend an Bedeutung.
Die Methoden der Geschichtswissenschaft sind nicht mit der Geschichtsmethodik zu verwechseln. Geschichtsmethodik ist eine Teildisziplin der Geschichtsdidaktik.
Gliederung nach Raum und Zeit
Geschichte kann räumlich-geografisch gegliedert werden. Dazu gehören Weltgeschichte und die Geschichte einzelner Erdteile wie Europa, Amerika, Asien, Afrika und Australien. Darunter liegen Nationalgeschichten, Regionalgeschichten, Lokalgeschichten sowie Migrationsgeschichten wie die Völkerwanderung oder die Ostsiedlung.
Zeitlich wird Geschichte in Epochen gegliedert. Die Ur- und Frühgeschichte reicht von den ersten bewusst hergestellten Steingeräten vor etwa 2,5 Millionen Jahren bis zu den ersten schriftlichen Aufzeichnungen. Als Fach zählt sie nicht zur Geschichtswissenschaft, sondern zu den Archäologien, denn von Geschichte im engeren Sinne spricht man erst, wenn lesbare Schriftdokumente vorliegen. Das Ende der Urgeschichte liegt je nach Kultur zu unterschiedlichen Zeitpunkten, abhängig davon, wann Schrift eingeführt oder entwickelt wurde.
Erste Schriftdokumente finden sich in der Phase der Hochkulturen ab ca. 4000 v. Chr. Seit Christoph Cellarius (1638–1707) wird die Geschichte Europas und des Mittelmeerraums in Alte Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Neuere Geschichte unterteilt. Diese europäische Periodisierung in Antike, Mittelalter und Neuzeit ist heute umstritten und lässt sich nicht ohne weiteres auf außereuropäische Hochkulturen anwenden, etwa auf die Geschichte Chinas, Japans, Indiens oder Mittel- und Südamerikas.
In der europazentrierten Geschichtswissenschaft werden drei große Epochen unterschieden: Alte Geschichte, also Griechen, Römer und ihre Nachbarvölker, ca. 800 v. Chr. bis ca. 600 n. Chr.; Mittelalterliche Geschichte, ca. 600 bis ca. 1500 n. Chr.; und Neuzeit seit ca. 1500. Die Neuzeit wird weiter unterteilt in Frühe Neuzeit bis ca. 1789, Neuere und Neueste Geschichte von ca. 1789 bis ca. 1945 sowie Zeitgeschichte seit ca. 1945, also mit lebenden Zeitzeugen.
Teilgebiete, Quellen und Hilfsmittel
Die Geschichtswissenschaft umfasst viele Teildisziplinen. Weltgeschichte versucht, die Menschheitsgeschichte als Ganze jenseits nationaler oder einzelner fachlicher Beschränkungen darzustellen, ist aber praktisch immer nach Zeit und Raum gegliedert. Von allgemeiner Geschichte spricht man, wenn Geschichte ohne thematische Aufteilung gemeint ist.
Wichtige Teilgebiete sind unter anderem Politikgeschichte, Sozialgeschichte, Rechtsgeschichte, Militärgeschichte, Kulturgeschichte, Mediengeschichte, Geschlechtergeschichte, Bildungsgeschichte, Ideengeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Technikgeschichte, Sportgeschichte und Mathematikgeschichte. Viele Themen überschneiden sich mit anderen Fachwissenschaften: Wirtschaftsgeschichte gehört auch zur Wirtschaftswissenschaft, und besonders Zeitgeschichte ist kaum von der Politikwissenschaft zu trennen.
Weitere Bereiche ergeben sich nach Sachgebieten, Herangehensweisen, Regionen und Kulturen. Beispiele für Herangehensweisen sind Ereignisgeschichte, Strukturgeschichte, Personengeschichte und Mentalitätsgeschichte. Beispiele für regionale oder kulturelle Spezialisierungen sind Landesgeschichte, Ägyptologie, Altamerikanistik, Altorientalistik, Byzantinistik, Indologie, Japanologie, Orientalistik, Polonistik, Sinologie und Turkologie.
Historische Hilfswissenschaften unterstützen die Arbeit an Quellen. Dazu gehören Archivkunde, Chronologie für Zeitrechnung, Diplomatik für Urkunden, Epigrafik für Aufschriften, Genealogie für Verwandtschaft, Heraldik für Wappen, Numismatik für Geld und vor allem Münzen, Paläografie für Schriften, Papyrologie für Papyri, Phaleristik für Orden und Ehrenzeichen sowie Sphragistik für Siegel.
Quellen bilden die Grundlage der historischen Arbeit und sind die Schnittstelle zwischen vergangenen Ereignissen und der Geschichtswissenschaft. Aus der Beschäftigung mit ihnen entsteht neues Wissen. Forschungsergebnisse erscheinen als Sekundärliteratur, etwa in Monografien und Fachzeitschriftenartikeln. Hilfsmittel sind Nachschlagewerke wie Bibliografien, Gesamtdarstellungen und Handbücher, Handwörterbücher, Fachlexika, Geschichtsatlanten sowie chronikalische und thematische Übersichten, Tabellen und Statistiken.
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