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Aufklärung

Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. Aufklärung und Barock, die oft als Gegensätze gesehen werden, entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Was ist Aufklärung?
  2. 2. Begriffsgeschichte und Epochenbildung
  3. 3. Gesellschaft: Salons, Logen und die neue Öffentlichkeit
  4. 4. Religion und Toleranz
  5. 5. Staatstheorie: Naturrecht, Gewaltenteilung und Menschenrechte
  6. 6. Wissenschaft, Kunst und Länderbeispiele

Was ist Aufklärung?

Aufklärung bezeichnet die um 1700 einsetzende Entwicklung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Seit etwa 1780 bezeichnet der Begriff auch die geistige und soziale Reformbewegung selbst sowie das Zeitalter der Aufklärung (meist etwa 1650 bis 1800) in Europa und Nordamerika. Aufklärung und Barock entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im selben geografischen Raum, sind also keine strikt getrennten Epochen. Wichtige Kennzeichen: Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz, Kampf gegen Vorurteile, Hinwendung zu den Naturwissenschaften, religiöse Toleranz und Orientierung am Naturrecht. Als Hauptwerk galt die von Denis Diderot und d'Alembert herausgegebene 36-bändige Encyclopédie. Gesellschaftspolitisch zielte die Aufklärung auf Emanzipation, Bildung, Bürger- und Menschenrechte und das Gemeinwohl als Staatspflicht; Olympe de Gouges setzte sich für Frauenrechte ein, Condorcet wollte Frauen das allgemeine Wahlrecht geben. Viele Aufklärer waren fortschrittsoptimistisch und vertrauten auf eine kritische Öffentlichkeit. Aufklärerische Impulse beeinflussten die Amerikanische Revolution (1776) und die Französische Revolution (1789) und machten die Aufklärung zu einem Kennzeichen der Moderne. Kritik am „Vernunftglauben“ kam seit etwa 1750 von Aufklärern selbst, dann vom Sturm und Drang, der Romantik, dem Skeptizismus und dem Konservatismus. Seit 1945 wird die Aufklärung als unabgeschlossenes, ambivalentes Projekt gedeutet (Frankfurter Schule); die UN-Menschenrechtsdeklaration von 1948 wird in die Tradition der Aufklärung gestellt.

Begriffsgeschichte und Epochenbildung

Der Begriff ist eng mit der Verurteilung des Mittelalters als „dunkler“ Epoche verbunden; das „Licht der Erkenntnis“ sollte dieser Dunkelheit entgegen gesetzt werden. Die Lichtmetaphorik stammte aus der Antike (zuerst bei Parmenides). Nach Kant ist Aufklärung „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, also die Entwicklung zur mündigen Persönlichkeit; als Wahlspruch galt „sapere aude“ („wage es, weise zu sein!“). Kants berühmte Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ erschien im Dezember 1784 in der Berliner Monatsschrift. Der deutsche Ausdruck war um 1770 üblich geworden; „Enlightenment“ wurde erst im 20. Jahrhundert gängig. Die Aufklärung nahm Vorstellungen des Humanismus (Erasmus von Rotterdam) und der Reformation auf; die Antike blieb allgegenwärtige Legitimationsinstanz. In Frankreich war die Aufklärung zunächst ästhetisch-literarisch: In der Querelle des Anciens et des Modernes (1688–1696) stritt man, ob die Moderne der Antike überlegen sei. Als entscheidender Anstoß gilt die naturwissenschaftliche Revolution, deren Höhepunkt oft Isaac Newtons Principia Mathematica (1687) ist. Jean-Baptiste Dubos sprach 1732 erstmals von einem „Siècle des Lumières“. Eine klare Epochengrenze ist schwer zu ziehen: Jürgen Osterhammel datiert 1680 bis 1830, die Kernphase gilt als 1750 bis 1780. Nur die Politikwissenschaft nutzt „Zeitalter der Aufklärung“ als klar umrissenen Epochenbegriff (etwa 1650 bis 1800, Zeit der Vorbereitung des modernen Verfassungsstaats). Wichtige Staatstheoretiker: Hobbes und Locke (England), Montesquieu, Voltaire, Rousseau (Frankreich), Pufendorf, Wolff, Thomasius, Kant (Deutschland), Jefferson und Madison (USA); auch Hutcheson und Smith prägten das Denken. Beeinflusst wurden die Glorious Revolution 1689, der aufgeklärte Absolutismus (Preußen, Österreich), die USA-Gründung, die Französische Revolution und Katharina II. Forscher wie Jacob, Israel und Mulsow unterscheiden eine moderate Hauptströmung von einer revolutionären „Radikalaufklärung“. Der Begriff wurde auch auf die Antike übertragen („erste“ Aufklärung mit Sokrates und den Sophisten), auf eine „islamische Aufklärung“ (Averroes, 12. Jahrhundert) und die jüdische Haskala (seit etwa 1770, aus Preußen nach Osteuropa).

Gesellschaft: Salons, Logen und die neue Öffentlichkeit

Die Verbreitung der Lesefähigkeit war eine wichtige Voraussetzung; in großen Teilen Deutschlands bestand Schul-/Unterrichtspflicht bis 1717. Nach der Histoire critique du Vieux Testament von Richard Simon (1678) blieb die Theologie zunächst das zentrale Diskussionsfeld, ab den 1760er Jahren drängten historische und belletristische Schriften sie an den Rand. Wichtige Organisationsformen: Wissenschaftliche Akademien wie die Royal Society (London, 1660) und die Académie des sciences (Paris, 1666); in Deutschland begründete Leibniz 1700 die Berliner Akademie. Freimaurerlogen (erste Großloge 1717 in London) boten einen von der Öffentlichkeit abgeschirmten Raum, in dem Mitglieder sich als „Brüder“ begegneten und Standes- und Konfessionsunterschiede aufhoben. Der 1776 von Adam Weishaupt gegründete Illuminatenorden wurde 1784/85 in Bayern verboten. Gelehrte und Gebildete trafen sich in meist von Frauen geführten literarischen Salons (Paris, Berlin); Frauen konnten dort teilhaben und eigene Impulse setzen, wurden aber später stärker vom Diskurs ausgeschlossen. In Deutschland gab es um 1800 etwa 430 Lesegesellschaften und Lesezirkel, da Bücher teuer und Bibliotheken rar waren. Es entstand eine neue Öffentlichkeit: Publizität galt als unerlässlich für vernunftgeleitete Denken, Rede- und Pressefreiheit als Menschenrecht (Kant: Handlungen, deren Maxime keine Publizität verträgt, sind unrecht). Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gab es Volksaufklärung für Bauern, Dienstboten, Hebammen u. a., getragen von patriotisch-gemeinnützigen Gesellschaften. Radikalpolitisch wirkten Volksgesellschaften wie die Mainzer „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit“ (Oktober 1792 bis März 1793). Im Verhalten wandelte sich viel: Öffentliche Hinrichtungen gerieten in Verruf, eine neue Pädagogik wollte zum moralischen Empfinden erziehen, um 1800 galten zwei „natürliche“ Geschlechter mit weiblichem passivem Part, während die Empfindsamkeit (ab den 1720er Jahren) zarte, auf Hilfe angewiesene Helden in Mode brachte. Um 1800 wurde auch das Bildungswesen reformiert: Die alte Fakultäteneinteilung (Theologie, Jurisprudenz, Medizin, Philosophie) wich einer Aufteilung in Naturwissenschaften/Technik, Sozial- und Geisteswissenschaften.

Religion und Toleranz

Die Reformation löste theologische und politische Debatten aus; Konfessionen grenzten sich ab und distanzierten sich von der Scholastik. Konfessionelle Minderheiten stellten Fragen nach Loyalität gegenüber dem Staat. In Frankreich eskalierte der Konflikt mit den Hugenotten; das Edikt von Fontainebleau (1685) führte zur Massenauswanderung. Die Niederlande wurden ab den 1640er Jahren erster Zufluchtsort für Verfolgte und entwickelten Pluralismus. In England kam es zum Bürgerkrieg 1641/42 und 1649 zur Hinrichtung Karls I. Die staatspolitischen Vorschläge von Hobbes (1651) und Locke (1688/89) wurden Meilensteine; Lösungen wurden nun in Philosophie und Rechtsdiskussion gesucht, nicht mehr in der Theologie. Philosophische Kontroversen betrafen Determination und freien Willen, den Zweifel der Antitrinitarier an der Dreifaltigkeit und die Möglichkeit eines Deismus. Spinoza vertrat 1670 im Tractatus theologico-politicus, Judentum und Christentum seien vergängliche Phänomene; John Toland prägte den Pantheismus-Begriff; der anonyme Traité des trois imposteurs wurde erstmals 1719 gedruckt. Es entwickelte sich die Vorstellung, viele antike Kulte beruhten auf Priesterbetrug. Der Deismus als Vernunftreligion ging davon aus, dass alle Religionen einen rationalen Kern haben und Gott als Schöpfer in den Naturgesetzen erkennbar sei („Uhrwerk“-Metapher). Die Theodizee-Debatte (Ist die Welt, die Gott schuf, vollkommen?) wurde konkret mit dem Erdbeben von Lissabon 1755: Voltaire schrieb ein pessimistisches Gedicht, Rousseau widersprach. Der Deismus geriet in der Romantik als „kalte Konstruktion“ in den Ruf. Zum Verhältnis zu anderen Kulturen: Die Jesuiten missionierten ab den 1660er Jahren in China und lasen den Konfuzianismus als aufgeklärte Staatsphilosophie; Christian Wolff behauptete 1723, auch Heiden könnten tugendhaft sein. Nach der Türkenbelagerung 1683 setzte eine Mode islamischer Kultur ein (Tausendundeine Nacht 1704 ff., Montesquieus Lettres Persanes 1721); Lessings Nathan der Weise (1779) brachte den Gedanken interreligiöser Achtung auf die Bühne. Die Haskala, der Kreis um Moses Mendelssohn, Marcus Herz und David Friedländer, bemühte sich um Trennung von Religion und Staat und Integration der Juden; erfolgreich in West- und Mitteleuropa, scheiterte sie in Osteuropa am Widerstand orthodoxer Kreise.

Staatstheorie: Naturrecht, Gewaltenteilung und Menschenrechte

Zentrale Frage: Woher nimmt der Staat das Recht zu Entscheidungen, die das Individuum betreffen? Thomas Hobbes beschrieb 1651 im Leviathan den „Naturzustand“ als Krieg aller gegen alle; die Lösung sei die Unterwerfung unter die absolute Monarchie. Der Staat dürfe den Menschen ihr Leben nicht abverlangen, da er zu ihrem Schutz da sei. John Locke widersprach: Im Naturzustand habe jeder Rechte auf Freiheit und Eigentum, eingeschränkt durch die Rechte der anderen. Der Gesellschaftsvertrag wird zum Vertrag zwischen freien Bürgern, die einen Teil ihrer Gewalt auf den Staat übertragen; der Staat kann Widerstand leisten, wenn er die Rechte der Bürger nicht sichert. Locke leitete das Widerstandsrecht aus der Glorious Revolution ab. Rousseau entwickelte daraus die Volkssouveränität (Du Contrat Social, 1762): Der „allgemeine Wille“ (volonté générale) wird in Abstimmungen ermittelt und ist unteilbar; Rousseau lehnte Parlamente, Parteien, Grundrechte und Widerstandsrecht gegen den allgemeinen Willen ab. Montesquieu (Vom Geist der Gesetze, De l'esprit des lois) entwickelte die Gewaltenteilung („le pouvoir arrête le pouvoir“) mit der Judikative als dritter Säule; politische Freiheit gründet in der Sicherheit durch generelle Gesetze und unabhängige Rechtsprechung. Diese Ideen flossen in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 und Verfassung 1787 sowie in die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 ein. Hugo Grotius entwarf das Völkerrecht (De iure belli et pacis): Kriege aus beliebigem Anlass wurden geächtet, religiöse Freiheit und ein rechtlich gesicherter Platz des Individuums gefordert. Dem steht die „Staatsraison“ (ragion di stato, bei Guicciardini, zurückgehend auf Machiavelli) entgegen – die Autonomie politischer Entscheidungen gegenüber Moral, Religion und Recht. In der Strafjustiz wandte sich Christian Thomasius gegen die Hexenverfolgungen; Cesare Beccaria forderte 1764 in Dei delitti e delle pene die Abschaffung der Todesstrafe; im 19. Jahrhundert setzten sich Gefängnisstrafen und Resozialisierung durch. Im aufgeklärten Absolutismus reformierten Fürsten: Friedrich II. von Preußen schaffte die Folter 1740 effektiv ab (1754 ganz verboten), erließ Toleranzgesetze, erklärte sich zum „Ersten Diener des Staates“; Joseph II. hob 1781 die Leibeigenschaft auf und schaffte 1787 Verstümmelungsstrafen ab. Doch Reformen blieben oft hinter Erwartungen zurück und stärkten meist die Staatsmacht.

Wissenschaft, Kunst und Länderbeispiele

Naturwissenschaften: Sie gediehen lange als Teilbereich philosophischer Naturerkenntnis, in privater Forschung und an Akademien; systematische Forschung war unterentwickelt, Wunderkammern sammelten „Curiositäten“. Ab dem späten 17. Jahrhundert wurden wiederholbare Experimente und Naturgesetze wichtiger als Wunder. Wissenschaftliche Journale (Journal des sçavans und Philosophical Transactions, beide 1665) schufen das bis heute zentrale Publikationsmedium; 1692/93 berechnete Edmond Halley aus Breslauer Sterberegistern erstmals korrekt die Lebenserwartung (Neugeborene: 17 Jahre). In der Erkenntnistheorie standen sich Rationalisten (Descartes, Leibniz, Vertrauen auf Logik) und Empiristen (Locke bis Hume: nichts kann Gegenstand des Denkens sein, was nicht wahrgenommen wurde) gegenüber; Newton galt als Vorbild, Kants Formel „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ harmonisierte beide Ansätze. In der Ökonomie begründeten die Physiokraten (Quesnay, Tableau économique) erste Theorien; Adam Smith begründete in den 1770er Jahren mit Wealth of Nations die Klassische Nationalökonomie, Jean-Baptiste Say entwickelte das Saysche Theorem (Zusammenhang von Angebot und Nachfrage). Industriell angewandte Forschung setzte ab den 1760er Jahren ein: James Watt verbesserte bis 1769 die Dampfmaschine (Energiebedarf um 60 Prozent reduziert), 1783 erster Dampfschiff-Versuch und Heißluftballon der Brüder Montgolfier, 1785 mechanischer Webstuhl (Cartwright). Erfinder waren meist Autodidakten, Handwerker oder Unternehmer, nicht Wissenschaftler. Kunst: Aus den „belles lettres“ wurde die Literatur, aus den „beaux arts“ die bildende Kunst und Musik; Roman und Theater reformierten sich stark. Wichtig wurden das bürgerliche Trauerspiel (Lessing), der Erziehungs- und Bildungsroman (Rousseau, Goethe), philosophische Romane (Montesquieu, Swift, Voltaire) und Merciers Utopie L'An 2440 (1771). In der Kunst siegte eine Orientierung an der Natur statt an Regeln (englischer Landschaftsgarten); Winckelmann prägte mit „edler Einfalt und stiller Größe“ eine Ästhetik des Schlichten; Diderot wurde mit seinen Salons (1759–1781) Begründer der modernen Kunstkritik. In der Musik prägte der Buffonistenstreit (Paris 1752–1754) zwischen Rameau-Anhängern und Rousseau die Debatte; Gluck reformierte die Oper. Länderbesonderheiten: In England stärkte die Glorious Revolution 1689 Parlament und Bürgerfreiheiten; die britische Aufklärung war empiristisch-pragmatisch (Locke, Hume, Smith). Frankreich wurde Mitte des 18. Jahrhunderts Zentrum der Debatten, doch der Absolutismus nahm die neuen Gedanken kaum auf – es kam zur Revolution 1789, die in der Phase der Terreur (Robespierre, Hinrichtung des Königs 1793) in eine Revolutionsdiktatur umschlug und 1799 mit Napoleons Staatsstreich endete. In Deutschland bedeuteten das Edikt von Potsdam (1685, Zuzug von bis zu 20.000 Hugenotten) und Friedrich II. den Höhepunkt aufgeklärter Herrschaft; die Preußischen Reformen brachten Stein, Hardenberg und Humboldt an die Spitze. In Italien wirkten Beccaria und antiklerikale Denker unter Zensur und Verfolgung. In Spanien („siglo de las luces“, 1700–1808) war Feijoo der prominenteste Frühaufklärer; die Inquisition wurde erst 1834 abgeschafft. In Russland förderte Katharina II. (ab 1762) westliche Ideen, korrespondierte mit Voltaire und schuf mit der Großen Instruktion ein Dokument des aufgeklärten Absolutismus; die Französische Revolution bewirkte ein Umdenken, unter Paul I. wurde die russische Aufklärung abrupt beendet.

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