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Urchristentum

Als Urchristentum oder Frühchristentum wird die Anfangszeit des Christentums von der Kreuzigung des Jesus von Nazaret (um 30 n. Chr.) bis zur Trennung der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Gegenstand
  2. 2. Zeitraum und wichtigste Daten
  3. 3. Entstehung, Auferstehung und Passionsbericht
  4. 4. Gemeinden und Missionsauftrag
  5. 5. Apostelkonzil und Öffnung für Nichtjuden
  6. 6. Trennung vom Judentum, Ende und kirchliche Ämter

Begriff und Gegenstand

Als Urchristentum oder Frühchristentum wird die Anfangszeit des Christentums bezeichnet. Sie beginnt mit der Kreuzigung Jesu von Nazaret um 30 n. Chr. und reicht je nach Abgrenzung bis zur Trennung der Christen vom Judentum um 100 oder bis zu den jüngsten Schriften des Neuen Testaments um 130. Jesus’ Leben und Lehre werden im engeren Sinn noch nicht zum Urchristentum gezählt, weil diese Epoche erst nach seinem Tod entstand.

Der Ausdruck „Urchristentum“ erschien um 1770. Er kann die Vorstellung vermitteln, das ursprüngliche Christentum sei von späteren Verfremdungen frei und daher ein normatives Ideal gewesen. Deshalb verwenden manche Historiker „Frühchristentum“. Jesus, seine Jünger und die Autoren fast aller später im Neuen Testament gesammelten Schriften waren Juden. Sie verstanden die Jesusbewegung zunächst als Teil des Judentums und wollten ursprünglich keine neue Religion gründen.

Die Bezeichnung „Christen“ entstand in Antiochia. Römer nannten die Gruppe dort Christianoi oder Christiani („Anhänger des Christus“). Christus ist die griechische Form von Christós, dem Hoheitstitel für den erwarteten „Gesalbten“, hebräisch maschiach beziehungsweise Messias. Das griechische Christianismos, die Grundlage des deutschen Wortes „Christentum“, erscheint ab etwa 110 und wurde als Gegenbegriff zu Ioudaismos verwendet. Nach heutiger Forschung war die messianische Jesusbewegung zunächst eine vielfältige Strömung innerhalb des ebenfalls vielfältigen Reformjudentums.

Zeitraum und wichtigste Daten

Das Urchristentum fiel in die Römische Kaiserzeit. Als einziges ausdrückliches Fixdatum nennt das Neue Testament das öffentliche Auftreten Johannes’ des Täufers im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius, also etwa ab 28. Jesus wurde unter Pontius Pilatus hingerichtet, der von 26 bis 36 römischer Statthalter in Judäa war.

Die synoptischen Evangelien datieren Jesu Tod auf den 15. Nisan, den Hauptfesttag des Pessach vor einem Sabbat, also auf einen Freitag. Das Johannesevangelium nennt dagegen den 14. Nisan, den Vorabend des Pessach. Nach Kalenderberechnungen fiel der 15. Nisan in den Jahren 31 und 34, der 14. Nisan in den Jahren 30 und 33 auf einen Freitag. Viele Historiker halten die Angaben des Johannesevangeliums für glaubwürdiger. Da Jesus frühestens ab 28 und höchstens drei Jahre öffentlich auftrat und Paulus 32 oder 33 Christ wurde, gilt 30 als wahrscheinliches Todesjahr Jesu.

Die Apostelgeschichte umfasst, ungefähr um 90 verfasst, rund 60 Jahre: von der Gründung der Jerusalemer Urgemeinde bis zur Ausbreitung des Urchristentums nach Rom. Das Apostolische Zeitalter der unmittelbaren Auferstehungszeugen reicht etwa von 30 bis zum Tod des Paulus 61. Die nachapostolische Zeit, in der unter anderem Briefe von Paulusschülern, Pastoralbriefe und Katholische Briefe entstanden, wird ungefähr auf 60 bis 120 datiert. Das Ende des Urchristentums wird unterschiedlich angesetzt: um 100 bei einer Begrenzung auf die Trennung vom Judentum, um 130 bei Einbeziehung der jüngsten neutestamentlichen Schriften. Spätestens 136, nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands, der erneuten Zerstörung Jerusalems und der Vertreibung der Juden einschließlich der verbliebenen Urchristen, war diese Epoche beendet.

Entstehung, Auferstehung und Passionsbericht

Jesu erste Nachfolger aus Galiläa hatten von ihm eine Befreiung Israels von der römischen Fremdherrschaft erwartet. Nach seiner Festnahme flohen laut Markus 14,50 alle männlichen Jünger; nach der Kreuzigung kehrten sie zunächst nach Galiläa zurück. Kurz darauf versammelten sie sich wieder in Jerusalem.

Der entscheidende Anstoß war die Erfahrung, dass Jesus einigen Anhängern nach seinem Tod lebend „erschien“. Frühe Bekenntnissätze nennen Kephas, dann die Zwölf (1 Kor 15,5); weitere Überlieferungen nennen Simon, die Emmausjünger, die Elf, Frauen am leeren Grab und Maria Magdalena. Die Anhänger deuteten diese Erfahrung mit der biblischen Hoffnung auf die Auferstehung der Gerechten: JHWH, der Gott Israels, habe den gekreuzigten Jesus auferweckt und ihn damit zum Messias erhöht. Weil die ersten Anhänger Juden waren, verstanden und verkündeten sie Jesu Tod und Auferstehung in Kategorien der hebräischen Bibel.

Die Jerusalemer Urgemeinde entstand aus dem Zwölferkreis, den Jesus zu Beginn seines Auftretens berufen hatte. Die Zwölf symbolisierten das von JHWH erwählte Bundesvolk der zwölf Stämme Israels und dessen erwartete Wiederherstellung. Jesus verkündete das Reich Gottes zunächst nur Israeliten; die Zwölf wurden ebenfalls zu ihnen gesandt. Als erste Zeugen der Auferweckung leiteten sie anfangs die Urgemeinde. Trotz legendarischer Anteile gilt die Verbindung zwischen früher Jesusbewegung und Urgemeinde als historisch.

Kreuz und Auferstehung bilden den gemeinsamen Hauptinhalt der nachösterlichen Verkündigung. Der gewaltsame Tod Jesu wurde als stellvertretender Sühnetod, als Übernahme des Endgerichts Gottes und als gnädige Einladung zur Umkehr gedeutet. Von diesem Kern aus erzählte man bald auch Jesu früheres Leben auf Tod und Auferstehung hin. Wahrscheinlich entstand schon im ersten Jahrzehnt in Jerusalem ein vormarkinischer Passionsbericht, den der erste Evangelist in das Markusevangelium aufnahm.

Gemeinden und Missionsauftrag

Die Jünger und Apostel sollten sowohl Jesu Lehren als auch die „frohe Botschaft“ seiner Auferstehung verkünden. Zentrum der Jerusalemer Bewegung waren Petrus, Jakobus und Johannes, die sogenannten „Säulen“. Petrus war zunächst ihr Sprecher; später wurde diese Rolle vermutlich von Jakobus übernommen. Der Missionsauftrag richtete sich zuerst an Juden und wurde später auf Nichtjuden ausgeweitet.

Frühe Gemeinden erwarteten die Wiederkunft Jesu als Messias, die Parusie. Die Gemeinden bestanden zunächst aus Judenchristen sowie aus beschnittenen und nach jüdischen Regeln konvertierten Nichtjuden. Sie beachteten die Mitzwot, also die jüdischen Gebote; die Jerusalemer Urchristen nahmen außerdem am Tempeldienst teil. Griechisch sprechende Hellenisten äußerten sich kritischer zum Tempel. Weil sie keinen Zugang zur Armenversorgung des Tempels hatten, entstanden wirtschaftliche Probleme; dies wird als Hintergrund für die Wahl der sieben Diakone in Apostelgeschichte 6 genannt.

Auch in Galiläa entstanden vermutlich sehr früh Gemeinden. In Kafarnaum wurde eine frühchristliche Pilgerstätte gefunden, die mit dem früheren Wohnhaus des Petrus identifiziert wird. Galiläische Anhänger sammelten Reden, Streitgespräche und Gleichnisse Jesu zunächst mündlich, später schriftlich. Diese Überlieferungen gingen wahrscheinlich in die gemeinsame Logienquelle ein, die Matthäus- und Lukasevangelium verwendeten.

In Damaskus gab es nach Galater 1,17 und Apostelgeschichte 9 bereits vor der Berufung des Paulus, ungefähr zwischen 32 und 35, eine Gemeinde. Sie wurde möglicherweise von Jerusalemer Anhängern des verfolgten Stephanus gegründet. In Antiochia entstand eine weitere große Gemeinde; eine Urchristengemeinde in Rom bestand vermutlich schon in den 40er Jahren.

Apostelkonzil und Öffnung für Nichtjuden

Auf dem Apostelkonzil, das je nach Einordnung zwischen 44 und 49 beziehungsweise 48 oder 49 stattfand, wurde gegen den anfänglichen Widerstand konservativer judenchristlicher Kreise vereinbart, dass die von Antiochia ausgehende Heidenmission als Konsens des Urchristentums gelten sollte. Damit konnten auch römische und griechische Nichtjuden in die Bewegung aufgenommen werden, während die jüdische Mission fortbestand.

Außerhalb Palästinas, besonders in Antiochia, gewannen überwiegend heidenchristliche Gemeinden zunehmend an Zahl und Bedeutung. Paulus und seine Mitarbeiter prägten ihre Theologie und verbreiteten sie im Mittelmeerraum. Die Entwicklung leitete rückblickend die Entstehung einer neuen Weltreligion ein. Paulus, ein hellenisierter Jude und römischer Bürger, schloss eine vollständige Loslösung der Jesusbewegung vom Judentum und eine Abkehr von den jüdischen Traditionen zunächst jedoch aus, wie Römer 9–11 zeigt.

Die Apostelgeschichte nennt für Paulus Missionsreisen von 34 bis 60. Zu den überlieferten Stationen gehören Zypern und Kleinasien 48, Philippi, Thessaloniki und Beroia um 50, Korinth 51/52, Ephesus 52–54 sowie eine Kollektenreise 56. Paulus wurde 56–58 in Jerusalem und Caesarea inhaftiert, 58/59 nach Rom überstellt und starb vermutlich um 61 in Rom. Zu den frühen Schriften gehören unter anderem der 1. Thessalonicherbrief 51, mehrere Paulusbriefe von 52 bis 54, der Römerbrief 55 sowie die Evangelien Markus um 72–75, Matthäus und Lukas zwischen 80 und 90 und Johannes zwischen 90 und 100.

Trennung vom Judentum, Ende und kirchliche Ämter

Nach der Zerstörung des Tempels 70 formte die rabbinische Bewegung das Judentum neu. Tora, Halacha, Gebet und Lernen traten an die Stelle von Tempel- und Opferkult. Die Jesusbewegung blieb zunächst eine innerjüdische Strömung. Erst schrittweise führten die Aufnahme von Nichtjuden, die Lockerung oder Aufgabe halachischer Bindungen und der exklusive Messiasanspruch dazu, dass sie als konkurrierende Religion wahrgenommen wurde.

Rabbinische und frühjüdische Quellen verwenden keine einheitliche, positiv definierte Bezeichnung für jüdische Jesusanhänger. Häufig erscheinen sie unter dem unscharfen Sammelbegriff Minim, „Sektierer“ oder „Abweichler“. Auch Notzrim sowie Gilyonim beziehungsweise Avon Gilyon werden genannt. Diese Begriffe dienten aus rabbinischer Sicht vor allem der Abgrenzung und sozialen Markierung in einer Zeit religiöser Neuordnung; die Spannungen beruhten auf unterschiedlichen Auffassungen von Gesetz, Messias und Gottesdienst.

Mit der Hinrichtung des Leiters Jakobus im Jahr 62 verlor die Jerusalemer Urgemeinde ihre Führungsrolle. Die Christen beteiligten sich nicht am jüdischen Aufstand ab 66. Nach historisch zweifelhaften Angaben des Eusebius floh die Gemeinde nach Pella, kehrte nach dem Krieg und der Zerstörung Jerusalems 70 möglicherweise zurück und bestand unter anderem unter Judas, einem jüngeren Bruder von Jakobus und Jesus, bis 135. Mit dem Scheitern des Aufstands endete ihre Existenz. Die von ihr beeinflussten Gemeinden in Syrien und im Ostjordanland galten einigen Kirchenvätern des 2. Jahrhunderts bereits als Häresie.

Mit dem Anwachsen kleiner heidenchristlicher Gemeinden bildeten sich feste Leitungsstrukturen heraus. Apostel, Propheten und Evangelisten verloren zunehmend ihre Autorität. Episkopen, also Vorsteher oder Bischöfe, Presbyter und Diakone übernahmen dauerhaft Aufgaben. Die Gemeinden blieben autonom; häufig stand jeweils ein Bischof an ihrer Spitze, unterstützt von Presbytern für die Liturgie und Diakonen für praktische Arbeiten. Diese Entwicklung wurde auch mit der ausbleibenden Parusie erklärt: Die verlängerte Zeit sollte für Dienst an der Gemeinde, Gastfreundschaft, Gebet, Fasten und Liebesdienst an Armen, Kranken, Witwen, Waisen und Sklaven genutzt werden. Die Angaben zur Herausbildung dieser Ämter sind im Artikel allerdings als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.

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