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Historisch-kritische Methode (Theologie)
Die historisch-kritische Methode gilt heute in der evangelischen und katholischen Theologie als Standardmethode der Bibelauslegung. In der exegetischen …
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Ziel und Grundannahmen
Die historisch-kritische Methode ist ein im 18. und 19. Jahrhundert entwickelter Methodenapparat zur Untersuchung historischer Texte. In der christlichen Theologie dient sie besonders der biblischen Exegese, also der wissenschaftlichen Auslegung der Bibel. Ihr Ziel ist, einen Text aus seinem historischen Umfeld und seiner Entstehungsgeschichte heraus zu verstehen und seinen damaligen Sinn zu bestimmen. Heute gilt sie in der evangelischen und katholischen Theologie als grundlegende, wenn auch umstrittene Methode.
„Historisch“ bedeutet, dass ein biblischer Text als geschichtlich entstandener Text mit einer teilweise mündlichen, teilweise schriftlichen Vorgeschichte betrachtet wird. Untersucht werden auch das kulturelle und theologische Umfeld sowie die Absicht des Autors oder Redaktors. „Kritisch“ bedeutet hier „unterscheidend“: Die Methode rechnet mit Unterschieden zwischen ursprünglichen Ereignissen, ihrer Überlieferung und den späteren biblischen Berichten und fragt, was verändert wurde und warum.
Die Methode behandelt die Exegese als „ein Stück Geschichtswissenschaft“ (Rudolf Bultmann). Taten und Worte wurden demnach zunächst mündlich überliefert, später aufgeschrieben, gesammelt und über Jahrhunderte abgeschrieben. Dabei konnten versehentliche Schreib- und Übersetzungsfehler sowie bewusste redaktionelle Änderungen entstehen. Diese Entwicklung soll rekonstruiert werden. Zu den wichtigsten Teildisziplinen gehören Textkritik, Textanalyse, Literarkritik, Formgeschichte, Traditionsgeschichte, Redaktionsgeschichte, Begriffs- und Motivgeschichte sowie Religionsgeschichte.
Textgrundlage, Herkunft und Übersetzung
Am Anfang steht die Textkritik. Da kein Original eines biblischen Buches erhalten ist, muss aus zahlreichen Handschriften der früheste rekonstruierbare Wortlaut ermittelt werden. Weder die älteste noch die häufigste überlieferte Lesart muss automatisch die beste sein. Mitunter wird eine ursprüngliche Form erschlossen, die in keiner erhaltenen Handschrift mehr vorkommt; dies heißt Emendation. Entscheidungen zwischen verschiedenen Lesarten werden im kritischen Apparat dokumentiert. Wichtige kritische Ausgaben sind die Biblia Hebraica Stuttgartensia für das Alte Testament und das von Eberhard Nestle und Kurt Aland herausgegebene Novum Testamentum Graece für das Neue Testament.
Anschließend werden Autorschaft, Entstehungsort und Entstehungszeit geprüft. Dabei können sich Aussagen über die Zahl und Identität der Autoren sowie über verschiedene Textfassungen ergeben. Untersucht werden beispielsweise die traditionelle Zuschreibung des Pentateuchs an Mose, die Rolle des Apostels Paulus bei den Paulinischen Briefen und die Identität des Verfassers des Johannesevangeliums. Ein bekanntes Modell mehrstufiger Textentstehung ist die Urkundenhypothese zum Pentateuch.
Für die Übersetzung sind Kenntnisse des Althebräischen und Altgriechischen nötig; einige Kapitel des Alten Testaments sind außerdem aramäisch verfasst. Mehrdeutigkeit, Stilmittel, Redewendungen und Poesie müssen berücksichtigt werden. Übersetzende suchen eine Balance zwischen einer engen Wort-für-Wort-Wiedergabe und einer freien, inhaltlich verständlichen Umschreibung. Die Elberfelder Bibel gilt als Beispiel einer formtreuen, die Gute Nachricht Bibel als Beispiel einer inhaltstreuen Übersetzung; Lutherübersetzung und Einheitsübersetzung stehen dazwischen.
Analyse der Textentstehung
Die Textanalyse betrachtet zunächst den Text in seiner Endgestalt und untersucht Aufbau, Wortfelder, Handlung und Figuren. Diese synchrone Sicht fragt nach dem fertigen Text, während die klassische historisch-kritische Methode vor allem diachron, also entlang seiner Entstehungsgeschichte, arbeitet. Verwendet werden unter anderem Erzähltheorie, das Aktantenmodell von Greimas und die Semantische Strukturanalyse.
Die Literarkritik sucht nach schriftlichen Vorformen, Vorlagen und Quellen. Sie versucht Spannungen, Doppelungen, Widersprüche und sprachliche Unterschiede zu erklären und mögliche spätere Änderungen zu bestimmen. Die Redaktionsgeschichte fragt anschließend, wie ein späterer Autor seine Quellen bearbeitet und welche theologische Absicht darin sichtbar wird. Untersucht werden etwa stilistische Anpassungen, Umstellungen, Kürzungen, Erweiterungen, die Verbindung verschiedener Traditionen und theologische Deutungen. Nach der Zweiquellentheorie griffen Matthäus und Lukas in vielen Abschnitten auf das Markusevangelium zurück; ihre Abweichungen sollen ihr eigenes theologisches Profil erkennen lassen.
Die Formgeschichte bestimmt die Textgattung, etwa Wundergeschichte, Gleichnis oder prophetisches Mahnwort. Ein Gleichnis soll beispielsweise nicht als historischer Bericht verstanden werden, sondern als vergleichende Erzählung, die eine allgemeine Wahrheit veranschaulicht. Ein bekanntes Beispiel ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn in Lk 15,11–32.
Die um 1920 entstandene „ältere Formgeschichte“ verband jede Gattung mit einem typischen „Sitz im Leben“, also einer Verwendungssituation wie Gottesdienst, Unterweisung oder missionarischer Verkündigung. Sie wollte daraus die mündlichen Überlieferungsstufen rekonstruieren. Dieses Vorgehen gilt als unsicher, weil mündliche Überlieferung im Wortlaut schwanken kann und ein Traditionskontinuum zwischen Jesus und der Gemeinde möglich ist. Die „neuere Formgeschichte“ verzichtet deshalb darauf, aus der Form eine Textgeschichte abzuleiten. Sie beschreibt den Einzeltext, vergleicht ihn mit biblischen und außerbiblischen Texten, bestimmt ein Gattungsschema und untersucht die individuellen Abweichungen.
Traditionen, Motive und kulturelles Umfeld
Die Traditionsgeschichte versucht, hinter den rekonstruierten schriftlichen Quellen frühere mündliche Überlieferungen zu erkennen. Hinweise geben auffällige Leitbegriffe, Bilder, Redewendungen und Wortgruppen, die mit anderen Texten verbunden werden können. Die Begriffs- und Motivgeschichte untersucht gezielt den damaligen Vorstellungshintergrund einzelner Ausdrücke wie „Sohn Davids“, „Gerechtigkeit“, „Heiliger Geist“, „Gesetz“, „Evangelium“ oder „Lamm Gottes“. Dazu werden frühere und zeitgenössische biblische und außerbiblische Texte herangezogen. Ob ein Ausdruck eher frühjüdisch beziehungsweise alttestamentlich oder römisch-hellenistisch zu erklären ist, bleibt häufig umstritten.
Die Religionsgeschichte ordnet biblische Aussagen in die Religionen und Kulturen des Alten Orients beziehungsweise in das hellenistisch-römische und frühjüdische Umfeld ein. So besitzt Spr 22,17–23 teilweise wörtliche Anklänge an die ägyptische Lehre des Amenemope aus der Zeit um 1100 v. Chr.; die Sintfluterzählung in Gen 6–8 weist Parallelen zum sumerischen Gilgamesch-Epos auf. Apg 26,14 verwendet eine Formulierung aus Aischylos’ Agamemnon, und Tit 1,12 zitiert Epimenides. Aus bloßen Ähnlichkeiten darf jedoch nicht vorschnell eine direkte Abhängigkeit abgeleitet werden; diese Gefahr wird als „Parallelomanie“ bezeichnet.
Zum Abschluss werden die vermuteten mündlichen und schriftlichen Entwicklungsstufen sowie die theologischen Gründe für Veränderungen zusammengefasst. Die weiterführende Frage nach der Bedeutung eines Themas für die ganze Bibel oder die christliche Theologie geht bereits über die historisch-kritische Methode hinaus.
Kirchliche Einordnung und Kritik
Im 19. Jahrhundert bildeten sich drei Hauptaufgaben heraus: die Erforschung der in biblischen Texten gedeuteten Geschichten, die philologische Analyse und die Erklärung des historischen Sinns gemäß der Absicht des Autors oder Redaktors. In der evangelischen Theologie war die Entwicklung eng mit Rationalismus und Aufklärung verbunden. Johann Salomo Semler forderte 1771 eine „freie Untersuchung des Kanons“. Seit den 1970er Jahren werden verstärkt weitere Ansätze wie narrative oder feministische Exegese einbezogen.
Die römisch-katholische Kirche lehnte die Methode lange ab. Papst Pius XII. würdigte jedoch in Divino afflante Spiritu vom 30. September 1943 Literarkritik sowie Form- und Gattungsforschung als „neue wertvolle Hilfsmittel“. Das Zweite Vatikanische Konzil betonte in Dei Verbum die menschliche Verfasserschaft, die historischen Kulturen und die literarischen Gattungen. Zugleich seien die Einheit der Heiligen Schrift, die kirchliche Überlieferung und das Lehramt zu beachten; die Geschichtlichkeit der vier Evangelien wird bejaht. Ende des 20. Jahrhunderts erklärte die päpstliche Bibelkommission die Methode wenigstens in Grundzügen für notwendig, sprach ihr aber eine Monopolstellung ab. Orthodoxe Theologen würdigen ihre Ergebnisse, vertrauen jedoch stärker den altkirchlichen Angaben und verlangen Offenheit für Inspiration, Wunder und Prophetie.
Kritisiert wird, dass viele Ergebnisse zur Vorgeschichte eines Textes hypothetisch bleiben. Gegner sprechen daher von einer „Theologie des Vermutens“. Umstritten ist auch der „methodische Atheismus“: Übernatürliches Handeln wird methodisch ausgeschlossen und allein durch menschliche Vorgänge erklärt. Damit verbunden ist der Vorwurf, Inspiration, Wunder und göttliche Prophetie würden ausgeblendet und die Historizität biblischer Berichte zu skeptisch beurteilt.
Weitere Einwände betreffen die Distanz zwischen Bibel und Gegenwart. Die Methode kann den historischen Sinn herausarbeiten, aber allein nicht erklären, welche Bedeutung ein Text heute hat; umfangreiche Detailarbeit könne zudem den Blick auf das Ganze verstellen. Außerdem besteht ein Theorie-Praxis-Problem: Wissenschaftler bemängeln die geringe Anwendung in Predigt und Bibelstunde, während Praktiker die Methode für diese Aufgaben häufig als wenig hilfreich empfinden. Innerwissenschaftlich wird schließlich angesichts des wachsenden Methodenpluralismus die frühere Dominanz der historisch-kritischen Methode infrage gestellt.
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