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Archäologie
In der Vor- und Frühgeschichte hat man es hauptsächlich mit materieller Kultur zu tun, in der Frühgeschichte wird auch auf Schriftquellen zurückgegriffen. Diese …
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Was ist Archäologie?
Die Archäologie (wörtlich „Lehre von den Altertümern“) ist eine Wissenschaft, die mit naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Methoden die kulturelle Entwicklung der Menschheit erforscht. Sie untersucht materielle Hinterlassenschaften des Menschen wie Gebäude, Werkzeuge und Kunstwerke – von den ersten Steinwerkzeugen vor etwa 2,5 Millionen Jahren bis in die Gegenwart. Wegen neuer Funde in Afrika, die etwa 3,3 Millionen Jahre alt sind, wird auch ein früherer Beginn der Werkzeugherstellung in Betracht gezogen. Auch Hinterlassenschaften der jüngsten Geschichte (z. B. Konzentrationslager und Bunkerlinien aus dem Zweiten Weltkrieg) werden heute archäologisch ausgewertet, was fachintern umstritten ist. In der Vor- und Frühgeschichte stehen materielle Quellen im Vordergrund; Schriftquellen werden erst in der Frühgeschichte herangezogen, stehen für Archäologen aber nie im Mittelpunkt wie in anderen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft. Auch Erkenntnisse zur Klima- und Umweltgeschichte, zur Ernährung und zur Datierung von Funden tragen zur Rekonstruktion vergangener Kulturen bei. Weil kaum jemand alle Zeiträume überblicken kann, haben sich Fachrichtungen gebildet, die nach Epochen (z. B. Mittelalterarchäologie), Regionen (z. B. Vorderasiatische Archäologie) oder Themengebieten (z. B. Christliche Archäologie, Rechtsarchäologie, Industriearchäologie) unterschieden werden.
Geschichte der Archäologie
In Europa entstand die Archäologie um 1450 aus dem Wunsch, Zeugnisse der Antike zu finden. Cyriacus von Ancona (um 1391–1455) gilt als einer der Gründungsväter; er dokumentierte u. a. den Parthenon, Delphi, die Pyramiden und Hieroglyphen in seinem sechsbändigen Tagebuch „Commentaria“. Im 16. Jahrhundert folgte die akribische Erfassung von Denkmälern in Katalogen und Enzyklopädien; William Camden veröffentlichte 1586 seine „Britannia“. Michele Mercati erkannte Steinwerkzeuge als solche, doch galt lange nur die Bibel und historische Quellen als Erklärung der Vergangenheit (James Ussher: Menschheit entstand Oktober 4004 v. Chr.). 1655 widerrief Isaac de La Peyrère nach Inquisitionseingriff seine These, Donnerkeile stammten von Menschen vor Adam. In Skandinavien grub man 1588 einen Dolmen bei Roskilde; 1662 erhielt Uppsala einen Lehrstuhl für Altertumskunde. Die jungsteinzeitliche Grabkammer von Houlbec-Cocherel (1685) gilt wegen des ersten erhaltenen Grabungsberichts (1722) als älteste archäologische Grabung. Johann Daniel Major grub um 1690 in Jütland, Bernard de Montfaucons „L'Antiquité expliquée“ (ab 1719) war lange Standardwerk. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts setzten sich Forschungsmethoden durch: Jacques Boucher de Perthes ordnete prähistorische Artefakte erstmals richtig zu (Anerkennung erst über 20 Jahre später durch Charles Lyell), das stratigraphische Prinzip (Funde einer Schicht gehören zusammen und sind gleich alt) setzte sich durch. 1836 veröffentlichte Christian Jürgensen Thomsen das „Dreiperiodensystem“ (Stein-, Bronze-, Eisenzeit); um 1865 teilte J. Lubbock die Steinzeit in Paläolithikum (Altsteinzeit) und Neolithikum (Jungsteinzeit). Große Ausgrabungen fanden in Pompeji (Grabungen ab 1748) und Herculaneum (ab 1709, gezielt ab 1738 durch Karl III. von Neapel) statt, die beide am 24. August 79 n. Chr. vom Vesuv zerstört worden waren. Johann Joachim Winckelmann begründete 1762 mit dem „Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen“ die Archäologie als Wissenschaft und gilt als ihr Vater. 1802 wurde in Kiel der erste Lehrstuhl für klassische Archäologie eingerichtet. Die Ägyptologie begann mit Napoleons Ägypten-Feldzug 1798; der Fund des Steins von Rosette ermöglichte Jean-François Champollion 1822 die Entzifferung der Hieroglyphen. Auguste Mariette beendete ab 1858 die Ära der Schatzsucher, gründete den Vorläufer des Ägyptischen Nationalmuseums; Karl Richard Lepsius veröffentlichte 1859 zwölf Bände mit Denkmäleraufnahmen (894 Farbtafeln). Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Archäologie zur Wissenschaft: 1859 wurde das hohe Alter der Menschheit allgemein anerkannt (Erscheinen von Darwins „Über die Entstehung der Arten“), der Neandertalerfund von 1856 setzte sich in Deutschland erst ab 1902 durch. Oscar Montelius schuf ein differenziertes typologisches System für eine relative Chronologie. Wichtige Entdeckungen: Pfahlbausiedlung Obermeilen 1853/54 (heute weiß man, dass es Land- und Wasserpfahlbauten gab), Hallstatt ab 1846, La Tène 1858, Unterteilung der Eisenzeit in Hallstatt- und Latènezeit 1872, jungpaläolithische Kunst durch Édouard Lartet (Geweihspitze mit Bärenkopf), Höhlenmalereien von Altamira 1879. Heinrich Schliemann begründete die Vorgeschichtsarchäologie Griechenlands, grub 1871 am Hisarlık Tepe (Troja) und betonte Stratigraphie und Fotografie. Im 20. Jahrhundert legte Flinders Petrie 1904 vier Prinzipien der Archäologie dar (Sorgfalt mit Monumenten, peinliche Sorgfalt bei Ausgrabung und Registrierung, detaillierte Vermessung und Kartierung, komplette Veröffentlichung). 1922 fand Howard Carter das Grab Tut-anch-Amuns; der Aushub der Grabung von Assini wurde vollständig gesiebt. Osbert Crawford war Pionier der Luftbildarchäologie. Gustaf Kossinnas siedlungsarchäologische Deutungen dienten dem Nationalsozialismus als Beweis der Überlegenheit der Germanen; die Diskreditierung nach dem Krieg machte die Zuordnung von Funden zu ethnischen Gruppen für Jahrzehnte obsolet. 1927 entstand die erste ordentliche Professur in Marburg (Gero Merhart von Bernegg), dessen „Marburger Schule“ das Fach auf Erfassung, Systematisierung und Katalogisierung ausrichtete. Thor Heyerdahls Floßfahrt 1947 machte ihn zu einem Begründer der Experimentellen Archäologie. Seit dem 20. Jahrhundert nutzt die Archäologie naturwissenschaftliche Methoden: Radiokarbonmethode (1949), Strontiumisotopenanalyse, Fernerkundung, DNA-Analyse (z. B. Verwandtschaftsbeziehungen von 40 Individuen in der Lichtensteinhöhle, Ötzi). Die New Archaeology der 1960er Jahre wollte Erkenntnisse der Lebenswissenschaften einführen (Tragfähigkeit, Optimal Foraging, Simulationen, Geoinformationssysteme) und setzte sich im deutschen Sprachraum nie durch. Als Antwort entstand in den 1980er Jahren die postprozessuale Archäologie, die Kultur- und Sozialwissenschaften, den Agency-Begriff, hermeneutische und selbstreflektierende Praktiken betont und Nachfahren der untersuchten Kulturen einbezieht.
21. Jahrhundert und Schutz von Kulturgütern
Archäologische Funde und Ausgrabungsstätten sind ein sensibles kulturelles Gedächtnis und oft wirtschaftliche Grundlage (z. B. Tourismus). In bewaffneten Konflikten des 21. Jahrhunderts sind sie als Teil des kulturellen Erbes Primärziele von Zerstörung, Plünderung und Diebstahl. Das Internationale Komitee vom Blauen Schild mit Sitz in Den Haag koordiniert militärische und zivile Schutzstrukturen; Missionen gab es z. B. 2011 in Ägypten und Libyen, 2013 in Syrien, 2014 in Mali bzw. im Irak und seit 2015 im Jemen. Karl von Habsburg, Präsident von Blue Shield International, erläuterte bei einem Kulturgutschutz-Einsatz im April 2019 im Libanon: „Kulturgüter sind ein Teil der Identität der Menschen, die an einem bestimmten Ort leben. Zerstört man ihre Kultur, so zerstört man damit auch ihre Identität.“
Fachgebiete und Hilfswissenschaften
Archäologie ist ein Sammelbegriff vieler Disziplinen, die meist bestimmte Zeitabschnitte oder Regionen bezeichnen und sich auch in den Methoden unterscheiden (z. B. Unterwasserarchäologie). Wichtige Fachrichtungen nach Epochen und Regionen: Prähistorische Archäologie (Vor- und Frühgeschichte; von den ersten Steingeräten vor ca. 2,5 Mio. Jahren bis zu den ersten Schriftquellen), Provinzialrömische Archäologie (römische Provinzen, besonders Nordwestprovinzen), Klassische Archäologie (Griechen, Etrusker, Römer, etwa 2. Jahrtausend v. Chr. bis 5. Jh. n. Chr., einschließlich Etruskologie und Ägäischer Vorgeschichte), Mittelalterarchäologie (etwa 9. bis 16. Jahrhundert, mit Methoden der historischen Bauforschung), Neuzeitarchäologie mit Industriearchäologie sowie Historische Archäologie (Kulturen mit paralleler schriftlicher Überlieferung). Regionale Disziplinen: Ägyptologie (mit Koptologie als Teilbereich), Vorderasiatische Archäologie (Kulturen des Nahen Ostens vom 11. Jahrtausend v. Chr. bis 7. Jh. n. Chr., z. B. Babylon, Assyrien, Sumer, Hethiter), Ägäische Archäologie (minoische, mykenische, kykladische Kultur) und die Archäologie der Neuen Welt (Altamerikanistik). Spezialgebiete gliedern sich nach Phasen (z. B. Primatenarchäologie, Siedlungsarchäologie, Montanarchäologie, Christliche Archäologie, Rechtsarchäologie), nach Fundplätzen (Gletscher-, Küsten-, Höhlen-, Schlachtfeld-, Stadt-, Trassen- und Unterwasserarchäologie), nach Untersuchungsgegenständen (Bau-, Musik-, Textilarchäologie), nach Fragestellungen (Umwelt-, Kognitive Archäologie, Archäologische Geschlechterforschung) und nach Methoden (Archäoinformatik, Archäometrie, Geoarchäologie, Luftbild- und Experimentelle Archäologie). Hilfswissenschaften: Archäozoologie und Archäobotanik analysieren Tierknochen, Pollen und Pflanzenfunde (auch Bodenproben, Mageninhalte, Abfallgruben, Latrinen), um Umweltbedingungen zu rekonstruieren. Die Paläopathologie untersucht menschliche Knochen und Gewebe medizinisch, um Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Ernährung und medizinische Versorgung zu erschließen. Die Archäoastronomie berechnet z. B. Sonnwendpunkte, um die astronomische Bedeutung von Kultstätten zu erschließen. Nachbardisziplinen sind u. a. Geschichtswissenschaft, Anthropologie, Paläontologie, Geophysik, Numismatik, Epigraphik, Paläographie und Philologie.
Forschungsmethoden: von der Prospektion zur Interpretation
Archäologische Methoden gliedern sich in Quellenerschließung und Interpretation. Zerstörungsfreie Prospektion umfasst Geländebegehung (Survey), Luftbildarchäologie und geophysikalische Methoden (Geoelektrik, elektromagnetische Induktion, geomagnetische Kartierung, Bodenradar, LIDAR) sowie die Phosphatanalyse. Voruntersuchungen mit Suchgräben, magnetischer Sondierung und Bodenwiderstandsmessung bereiten die Ausgrabung vor. Die meisten Fundplätze werden heute durch Baumaßnahmen entdeckt; Notgrabungen (Rettungsgrabungen) sichern Befunde vor ihrer Zerstörung, seltener sind Forschungsgrabungen unter wissenschaftlichen Interessen ohne Zeitdruck. Moderne Grabungen sind befundorientiert, d. h. Funde werden in ihrer räumlichen und zeitlichen Einbettung auf Befunde bezogen. Da jede Ausgrabung den Befund zerstört, ist eine exakte Dokumentation entscheidend – die wichtigsten Arbeitsmittel sind neben der Kelle „Papier und Buntstift“. Die Bauforschung ist vor allem in der klassischen und der Mittelalterarchäologie wichtig; ein Dokumentationsverfahren ist die Photogrammetrie. Bei der Auswertung dient die Typologie der Klassifikation von Objekten nach Form und Material als Grundlage für Kombinations- und Verbreitungsanalysen. Für Materialbestimmungen werden Mikroskopie, Infrarot- und Ultraschallaufnahmen, Röntgen, chemische und Spektralanalysen sowie Laserscans eingesetzt. Bei der Altersbestimmung unterscheidet man relative Chronologie (Fundvergleiche: Fundkombination geschlossener Funde, Chorologie, Stratigraphie) und absolute Chronologie mit konkreten Jahresdaten: Radiokarbonmethode (organische Stoffe), Thermolumineszenzdatierung (Keramik), Dendrochronologie (Holz) und Kalium-Argon-Datierung (Gestein). Die Interpretation ist meist geisteswissenschaftlich: In der prähistorischen Archäologie ist der Analogieschluss die wesentliche Methode, in der historischen Archäologie der Vergleich mit schriftlicher oder bildlicher Überlieferung. Die Ausgrabung ist nur ein kleiner Teil der Arbeit – Dokumentation, Auswertung, Konservierung und Archivierung machen den größten Teil aus, wie das Beispiel des 1991 entdeckten Ötzi zeigt, der bis heute untersucht wird.
Archäologie in Deutschland und außerhalb Europas
In Deutschland gehört die archäologische Denkmalpflege (Bodendenkmalpflege) zu den Aufgaben der Bundesländer, meist als Fachbereich im Denkmalamt; größere Städte haben oft eine eigene Stadtarchäologie. Die Mehrzahl der Grabungen sind denkmalpflegerische Notgrabungen, teils durch Spezialfirmen (Firmenarchäologie); Forschungsgrabungen sind die Ausnahme und werden meist über Drittmittel (z. B. Deutsche Forschungsgemeinschaft) finanziert. Grabungen im Ausland führen Universitäten, das Deutsche Archäologische Institut oder das Römisch-Germanische Zentralmuseum durch. In Amerika gehört die Archäologie zur Anthropologie und zielt deshalb auf kulturelle Prozesse; Pionier war Thomas Jefferson, der ab 1784 Grabhügel untersuchte und als Vorläufer der Dendrochronologie Jahresringe zählte. Große Ausgrabungen gab es Ende des 19. Jahrhunderts in Copán, 1911 entdeckte Hiram Bingham III. Machu Picchu, und 1990 fand man bei Mexiko-Stadt über 10.000 Artefakte aus der Zeit der spanischen Eroberung (Fundstelle Tecoaque/Zultepec, als UNESCO-Welterbe vorgeschlagen). In Indien wurde 1863 die Archaeological Survey of India gegründet; 1921/1922 entdeckte man die Indus-Kultur mit den Städten Harappa und Mohenjo-Daro. In China bewies Johan Gunnar Andersson 1921 mit der Entdeckung der Yangshao-Kultur, dass China vorgeschichtlich bewohnt war; 1928 wurde Anyang, Hauptstadt der Shang-Dynastie, ausgegraben, 1974 die Terrakottaarmee bei Xi'an entdeckt. Afrika ist die Wiege der Menschheit und unserer Kultur: Nur dort kommen 2,5 Millionen Jahre alte Steingeräte (Oldowan, später Faustkeile) vor; etwa 3,3 Millionen Jahre alte Funde in Lomekwi 3 (Kenia) werden als eigenständige Kultur, vorschlagsweise „Lomekwian“ genannt, interpretiert. Der Nordosten Afrikas ist seit dem 17. Jahrhundert durch Ägyptologie und Koptologie gut dokumentiert; im subsaharischen Afrika reichen Schriftquellen nur 600 Jahre zurück, sodass die Archäologie dort besonders wichtig ist. Vermittelt werden Forschungsergebnisse durch Fach- und populärwissenschaftliche Publikationen, Museen, Archäologische Fenster (Präsentation in situ), Ausschilderung von Bodendenkmälern, Archäologische Parks, Führungen und museumspädagogische Vorführungen. Rekonstruktionen sind wissenschaftlich umstritten, da sie spekulativ sind und nur den aktuellen Wissensstand widerspiegeln; sie ermöglichen aber auch, Theorien auf Machbarkeit zu prüfen (Experimentelle Archäologie).