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Schechina

Die Schechina (hebräisch שְׁכִינָה šəchīnāh) ist in der jüdischen Religion die „Einwohnung“ oder „Wohnstatt“ Gottes in Israel, die als Inbegriff der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und biblische Grundlagen
  2. 2. Rabbinische Deutungen
  3. 3. Schechina in der Kabbala
  4. 4. Liturgie und chassidische Praxis
  5. 5. Parallelen und Gesamtbedeutung

Begriff und biblische Grundlagen

Die Schechina ist in der jüdischen Religion die „Einwohnung“ oder „Wohnstatt“ Gottes in Israel. Sie bezeichnet die Gegenwart Gottes bei seinem Volk und damit seine Immanenz, also sein Gegenwärtigsein in der Welt. Nebenbedeutungen wie „Ruhe“, „Glück“, „Heiligkeit“ und „Frieden“ beschreiben Wirkungen dieser Gegenwart, die für Menschen erfahrbar werden.

Das Substantiv schechina kommt im Tanach, der hebräischen Bibel, nicht vor. Häufig erscheint jedoch die zugehörige hebräische Wurzel, besonders im Verb schachan („wohnen“, „zelten“) und im Substantiv mischkan („Wohnsitz“, „Stiftszelt“). Grundlage der Vorstellung ist die Begegnung Israels mit Gott während des Auszugs aus Ägypten: Gott „zeltet“ mitten unter dem Volk. Das erste israelitische Heiligtum war deshalb ein bewegliches Zelt, der Mischkan, mit der Bundeslade. Später wurde Gottes besondere Gegenwart mit dem Jerusalemer Tempel und dem heiligen Bezirk der Stadt verbunden.

Mit diesem Bedeutungsfeld hängt auch kavod zusammen, die Herrlichkeit oder der Glanz Gottes. In der griechischen Septuaginta wird kavod mit Doxa und in der lateinischen Vulgata mit Gloria wiedergegeben. Für die hebräische Wurzel schin-kaf-nun verwendet die Septuaginta teilweise kataskḗnosis; daraus entwickelte sich in der lateinischen Tradition der Begriff Tabernakel.

Rabbinische Deutungen

In der rabbinischen Literatur ist Schechina neben ha-qadosh baruch hu („der Heilige, gepriesen sei er“), shamayim („Himmel“) und ha-schem („der Name“) eine Bezeichnung für JHWH. Der Ausdruck hebt besonders hervor, dass die göttliche Macht in Jerusalem und inmitten des Volkes Israel wohnt.

Im Mittelalter erhielt der Begriff weitere Bedeutungen. Saadia Gaon nutzte ihn in Ha-emunot we-ha-deot („Glaubensüberzeugungen und Ideen“), um anthropomorphe, also menschenähnliche Darstellungen Gottes in der Bibel zu erklären. Nach seiner Auffassung beziehen sich solche Aussagen nicht unmittelbar auf Gott, sondern auf einen von Gott geschaffenen Engel, der kavod („Glanz, Ehre“) oder schechina genannt werde.

Im 11. und 12. Jahrhundert wurde dieses Konzept erweitert. Abraham ibn Esra verstand die Schechina beispielsweise als eine unmittelbar aus Gott hervorgegangene, also emanierte göttliche Kraft. Eine besondere Betonung ihrer Weiblichkeit findet sich in diesen rabbinischen Vorstellungen noch nicht.

Schechina in der Kabbala

Die Kabbala, die mystische Tradition des Judentums, entwickelte die Vorstellung der Schechina besonders ausführlich. Der im 12. Jahrhundert in Südfrankreich veröffentlichte Sefer ha-Bahir beschreibt sie erstmals ausdrücklich in einem weiblichen Zusammenhang: als Frau, Braut und Tochter einer männlichen Kraft. Abraham Abulafia sowie weitere Kabbalisten aus Gerona und Kastilien übernahmen dieses Bild.

Die Herkunft dieser weiblichen Vorstellung ist umstritten. Gershom Scholem deutete sie als Ausdruck einer seit der Antike verborgenen gnostisch-dualistischen Idee. Neuere Forschungen erwägen einen Einfluss der christlichen Madonnenverehrung, die im 12. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Weder diese Erklärung noch Scholems Gnosis-These lässt sich durch Textfunde beweisen. Eine dritte Hypothese versteht das Bild als eigene Schöpfung des Verfassers des Bahir.

Im Sohar, einem Hauptwerk der Kabbala, werden die Aufgaben der Schechina umfassend beschrieben. Sie gilt als niedrigste Sephira. Sephiroth sind göttliche Wirkkräfte oder Erscheinungsweisen im kabbalistischen Lebensbaum. Die Schechina steht den Leiden Israels besonders nahe, befindet sich wie das Volk im Exil und ist den Kräften des Bösen ausgesetzt. Diese wollen sie von der Sephira Tif'eret trennen. Kabbalistische Rituale sollen ihre Wiedervereinigung mit ihrem als männlich gedachten Gegenüber bewirken.

In der lurianischen Kabbala des Kreises um Isaak Luria entsteht die Schöpfung durch göttliche Kontraktionen, den Tzimtzum, und durch Strömungen. Aus der letzten Sephira des aus Sephiroth bestehenden Urbildes Adam Qadmon geht die untere Welt hervor. Diese Sephira heißt Schechina oder Malchut („Königreich“, „Herrlichkeit“). Bei der Schöpfung fallen Funken der Schechina, also göttliche Funken, in die Welt. Die Schechina wird hier als ergänzende weibliche Dimension Gottes und als Braut verstanden. Das Brautmotiv bezeichnet bildlich die Gemeinschaft der Schechina mit Gott: die Einheit des für Menschen unfassbaren Gottes im Himmel mit seiner Gegenwart in der Welt.

Liturgie und chassidische Praxis

Das akrostische Gebet Lecha Dodi gehört bis heute zur Liturgie am Vorabend des Schabbats. Seine Anfangsbuchstaben weisen auf den Verfasser Schlomo Alkabez hin, einen Schüler aus dem kabbalistischen Kreis um Isaak Luria. Die Anfangszeile lautet: „Geh, mein Geliebter, der Braut entgegen …“. Das Gebet feiert die Heimkehr der Braut in messianischer Zeit; die Braut wird dabei mit dem Schabbat beziehungsweise mit der Schechina identifiziert.

Im Chassidismus wird angenommen, dass Gott in der Welt gegenwärtig ist und Menschen aktiv an der Erlösung mitwirken können. Ihre Aufgabe besteht darin, die in die Welt gefallenen Funken der Schechina einzusammeln. Israel ben Elieser verband das Gebet mit einer erotisch geprägten Spiritualität. Er betonte die „Erregung“, die durch das Wiegen des Körpers beim Beten entstehe, und bezeichnete das Gebet als eine Form des Verkehrs mit der Schechina.

Parallelen und Gesamtbedeutung

In christlichen Deutungen des kabbalistischen Lebensbaums wird die Schechina sowohl mit Malchut, dem Gottesreich, als auch mit Chokhma beziehungsweise der griechischen Sophia („Weisheit“) verbunden. Jakob Böhme beschreibt die personifizierte Weisheit Jesu Christi und die Gemeinschaft zwischen Weisheit und Mensch als Erfahrung der Erleuchtung. Die Erlösung durch Jesus Christus wird dadurch im gegenwärtigen Leben erfahrbar. Schechina und Sophia sind nicht grundsätzlich gleichzusetzen; beide personifizieren jedoch eine weibliche Dimension Gottes, die mit Schöpfung und Erlösung verbunden ist. Beide Vorstellungen tragen außerdem messianische Erwartungen. Christen sehen diese in Jesus Christus erfüllt.

Auch der Islam kennt mit Sakina einen sprachlich und inhaltlich eng verwandten Begriff. Er bezeichnet die Gegenwart Allahs sowie einen damit verbundenen glückseligen und friedlichen Zustand der Seele.

Insgesamt steht die Schechina für Gottes Gegenwart in der Welt. Sie kann unter verschiedenen Namen erscheinen, darunter Malchut und Schabbath. Die Vorstellung bietet Ansatzpunkte für das interreligiöse Gespräch und wegen der weiblichen göttlichen Dimension auch für die feministische Theologie. Zugleich werden überlieferte negative Frauenbilder kritisiert, etwa die Vorstellung von der Passivität des Weiblichen oder davon, dass alles Böse aus dem Weiblichen hervorgehe. Das Gesamtkonzept der Schechina zielt auf ein kosmisches Gleichgewicht und auf die Einheit von Ursprung und Ziel.

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