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Gewerkschaft
Eine Gewerkschaft ist eine Vereinigung der Interessenvertretung von abhängig beschäftigten Arbeitnehmern zur Vertretung ihrer wirtschaftlichen, sozialen und …
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Begriff, Aufgaben und wirtschaftliche Grundlage
Eine Gewerkschaft ist eine Vereinigung zur Interessenvertretung abhängig beschäftigter Arbeitnehmer. Sie vertritt deren wirtschaftliche, soziale und kulturelle Interessen; ihre Mitglieder heißen Gewerkschafter oder Gewerkschaftler.
Gewerkschaften sollen die Vereinzelung und Konkurrenz der Lohnarbeiter aufheben, die durch individuelle Arbeitsverträge entsteht. Durch kollektive Interessenvertretung versuchen sie, allgemeine und verbindliche Regeln für Beschäftigte durchzusetzen, vor allem durch Tarifverträge oder Gesetze. Zu ihren zentralen Zielen gehören höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Mitbestimmung und Arbeitszeitverkürzungen. Teilweise streben sie auch weitergehende gesellschaftliche Veränderungen an.
Als Verhandlungspartner von Arbeitgeberverbänden schließen Gewerkschaften überbetriebliche Tarifverträge. Zur Durchsetzung ihrer Forderungen führen sie Lohnkämpfe und gegebenenfalls Streiks oder Boykotts. Dabei wollen sie einen möglichst großen Teil der Unternehmensgewinne als Lohn oder zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen an die Belegschaft verteilen. Die Unternehmensführung vertritt dagegen die Interessen der Eigentümer und Aktionäre, die Gewinne als Dividenden ausschütten oder in neue Investitionen stecken wollen. Die Aufteilung der Gewinne wird daher als Machtfrage zwischen Beschäftigten und Unternehmensseite beschrieben.
Gewerkschaften begründen Lohnforderungen unter anderem mit der Kaufkrafttheorie: Eine Umverteilung mindestens im Umfang des Produktivitätsfortschritts soll die Massenkaufkraft und damit den Binnenkonsum stabilisieren. Gewerkschaftliche Ökonomen stehen traditionell eher dem Keynesianismus nahe und sehen Arbeitsmarktkrisen auch darin begründet, dass Produktivitätszuwächse ungleich verteilt sind und die Binnennachfrage das gestiegene Produktionspotenzial nicht aufnimmt. Kritiker halten diese Erklärung für zu einfach, warnen vor einer Schwächung des Standorts durch hohe Löhne und betonen den möglichen Einfluss von Investitionen und internationaler Verlagerung. Die wirtschaftswissenschaftlichen Bewertungen der Kaufkrafttheorie sind somit umstritten.
In Deutschland können Gewerkschaften durch die Senkung von Konfliktkosten zu einer stabilen Wirtschaftsgrundlage beitragen. Im Vergleich zu anderen industriell entwickelten Rechtsstaaten wird dort selten gestreikt; zugleich entstehen durch Tarifverhandlungen Konsenskosten, die in Rechtsstaaten vorwiegend finanzieller Natur sind.
Ziele, gesellschaftliche Aufgaben und Organisationsgrad
Unter dem Druck der internationalen Konkurrenz halten die meisten Gewerkschaften dauerhafte Lohnsenkungen, um mit Maschinen oder Niedriglohnstandorten zu konkurrieren, langfristig für verfehlt, auch wenn sie solchen Vereinbarungen im Einzelfall zustimmen. Sie setzen eher auf Lohnerhöhungen, die zumindest die Inflation ausgleichen, teilweise auch auf höhere Forderungen bei besonders starken Produktivitätszuwächsen. Ein zentrales Ziel ist die Stärkung der Massennachfrage und der Binnenkonjunktur. Dagegen steht die Kritik, hohe Löhne und Abgaben könnten den Konsum heimischer Unternehmen bremsen oder ins Ausland verlagern. Befürworter entgegnen, dass hohe Löhne den Beschäftigten ermöglichen, mehr in ihrer Region auszugeben. Diese Zusammenhänge werden im Artikel ausdrücklich kontrovers dargestellt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Gewerkschaften zunehmend als allgemeine gesellschaftliche Vertreter der arbeitenden Bevölkerung anerkannt. In den deutschen Bundestagen waren 1965–1977 sowie 1998 zwischen 50 % und 60 % der Abgeordneten Gewerkschaftsmitglieder; 2002 waren es 47 %, 2005 unter 40 %, bei den DGB-Gewerkschaften 36 %. Im Rahmen der betrieblichen Mitbestimmung besitzen Gewerkschaften eigene Antrags-, Beteiligungs- und grundsätzlich auch Zugangsrechte. Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten gewähren ihnen das Vorschlagsrecht für zwei oder drei Aufsichtsräte; insgesamt gibt es dort je nach Betriebsgröße sechs bis zehn Aufsichtsräte. 2006 saßen nach einer Ermittlung des Instituts der deutschen Wirtschaft ungefähr 1.700 Gewerkschaftsvertreter in mitbestimmungspflichtigen Aufsichtsräten. Außerdem entsenden Gewerkschaften Mitglieder in die Sozial- und Arbeitsverwaltung sowie in Einrichtungen wie Rundfunkräte.
Der Netto-Organisationsgrad ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an allen Beschäftigten eines Bereichs. In der Tabelle werden für die meisten Länder aktive Mitglieder ohne Rentner den abhängig Beschäftigten zuzüglich Arbeitslosen gegenübergestellt; bei Großbritannien, Japan und den USA werden Mitglieder zu abhängig Beschäftigten angegeben. 2023 lagen die Werte bei Schweden bei 72,3 %, Finnland bei 67,8 %, Belgien bei 39,0 %, Norwegen bei 57,5 %, Irland bei 24,1 %, Österreich bei 32,1 %, Großbritannien bei 20,6 %, Deutschland bei 16,6 %, den Niederlanden bei 15,9 % und Frankreich bei 9,1 %. Deutschland sank von 34,2 % im Jahr 1960 auf 16,6 % im Jahr 2023. Als Gründe für Rückgänge nennt der Artikel Individualisierung, kleinere Betriebe, den Rückgang der Industrie zugunsten des Dienstleistungssektors, Führungsprobleme, Korruptionsaffären und Unzufriedenheit mit Verhandlungsergebnissen.
Gewerkschaften in ausgewählten europäischen Ländern
International werden der Internationale Gewerkschaftsbund, der Weltgewerkschaftsbund und der Europäische Gewerkschaftsbund als wichtige Gewerkschaftsorganisationen genannt.
Belgien hat einen hohen Organisationsgrad von etwa 80 %. Gewerkschaften übernehmen dort zusätzlich Aufgaben als Arbeitslosenkassen. Die wichtigsten Richtungen sind die christlich-soziale CSC, die sozialdemokratisch orientierte FGTB und die sozialliberale, unabhängige CGSLB.
Frankreich besitzt mehrere politisch geprägte Gewerkschaftsbünde. Die CFDT entstand 1964 aus der mehrheitlichen Säkularisierung des christlichen Gewerkschaftsbunds CFTC und hat etwa 800.000 Mitglieder. Die traditionell der Kommunistischen Partei Frankreichs nahestehende CGT ist mit etwa 700.000 Mitgliedern der zweitgrößte Bund. Force ouvrière (CGT-FO beziehungsweise FO) wurde 1948 gegründet, gehört der gemäßigten Linken an und ist parteipolitisch wenig profiliert. Die CFTC hat etwa 130.000 Mitglieder; 1964 verließen etwa 10 % der Mitglieder die Organisation und gründeten sie neu. Die bäuerliche Confédération paysanne wurde 1987 gegründet, erhielt 2001 28 % der Stimmen bei Landwirtschaftskammerwahlen und setzt sich für kleinräumige Landwirtschaft, Umweltschutz und Produktqualität ein.
Weitere französische Organisationen sind die linke, basisdemokratische Union syndicale Solidaires, die 1993 entstandene UNSA und die 1944 gegründete Confédération Française de l’Encadrement (CGC) für leitende Angestellte mit 110.000 Mitgliedern. Die rechtsextreme Coordination française nationale des travailleurs wurde 1997 wegen zu großer Abhängigkeit vom Front national nicht als echte Gewerkschaft anerkannt. Unter dem Namen CNT bestehen mehrere kleine revolutionär-syndikalistische oder anarchosyndikalistische Verbände.
In Spanien gehören Comisiones Obreras, Unión General de Trabajadores und Union Sindical Obrera zu den größten Gewerkschaftsbünden. Regional bedeutend sind unter anderem die galicische Confederación Intersindical Galega, die baskische ELA-STV und die anarchosyndikalistische CNT.
Großbritannien, Irland und Italien
In Großbritannien entwickelte sich die Gewerkschaftsbewegung mit der Industrialisierung aus Handwerker-Gilden und späteren trade unions. 1829 entstand die Grand Union of Cotton Spinners; 1830 folgte die National Association for the Protection of Labour. Die staatliche Anerkennung der Gewerkschaften 1872 war ein wichtiger Demokratisierungsschritt. Traditionell arbeiteten die Gewerkschaften eng mit der Labour Party zusammen; zuvor bestanden Verbindungen zur Liberalen Partei. Revolutionäre Umsturzpläne spielten in der britischen Gewerkschaftsbewegung nur eine geringe Rolle.
Bis 1980 herrschte das Closed-Shop-Modell, bei dem Beschäftigte bestimmter Betriebe Gewerkschaftsmitglieder sein mussten. Der Winter of Discontent 1978/1979 und der Bergarbeiterstreik 1984/1985 schwächten die Gewerkschaften. Danach wurden der Closed Shop abgeschafft und sogenannte Flying Pickets verboten. Die National Union of Mineworkers sank von 253.000 Mitgliedern 1979 auf unter 5.000 im Jahr 2000; die TGWU von 2.086.000 auf 858.000. Der Rückgang wird teils Thatcherismus und Individualismus zugeschrieben, eine empirische Untersuchung erklärt ihn jedoch vor allem mit Entlassungen, Betriebsschließungen und der unzureichenden Anpassung an eine von kleinen und mittleren Dienstleistungsbetrieben geprägte Wirtschaft. Wichtige Dachverbände sind GFTU, STUC und TUC. Zu den großen heutigen Gewerkschaften zählen GMB, UNISON, PCS, USDAW und RMT.
In Irland wurde 1908 die ITGWU gegründet. Sie spielte eine zentrale Rolle beim Dublin Lockout von 1913. 1924 gründete Peter Larkin die Workers’ Union of Ireland. 1945 verließ die ITGWU den Irish Congress of Trade Unions; 1990 vereinigte sie sich mit der WUI zur SIPTU.
Italienische Gewerkschaften sind politisch ausgerichtet. Die 1944 gegründete CGIL hat mehr als 5 Mio. Mitglieder, davon ungefähr 2,3 Mio. aktive. Die syndikalistische USI erreichte im Biennio rosso 1919/1920 etwa 1 Mio. Mitglieder, wurde 1926 von Mussolini verboten und nach dem Zweiten Weltkrieg nur in kleiner Form wiederbegründet. Weitere Verbände sind CONF.S.A.L. (gegründet 1979), CISAL (gegründet 1957; 1.700.000 Mitglieder laut Artikel), der 1964 gegründete ASGB in Südtirol mit 27.000 Mitgliedern (2006), CONF.ILL mit etwa 200.000 Mitgliedern, die UGL und das sehr kleine, der Lega Nord nahestehende Sindacato Padano.
Niederlande, Österreich, Schweden und Schweiz
In den Niederlanden wurde 1866 mit dem Algemene Nederlandse Grafische Bond die erste Gewerkschaft gegründet. Zu den im Artikel genannten Verbänden gehören der christliche CNV, die FNV, die Gewerkschaftszentrale MHP, die Studentenorganisation LSVb sowie Berufs- und Branchenverbände für unter anderem Telekommunikation, Pflege, Wissenschaft, Verkehr, Luftfahrt und Verteidigung.
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) wurde 1945 als überparteiliche Arbeitnehmervertretung gegründet, wird traditionell jedoch von Sozialdemokraten dominiert. Er ist als Verein organisiert und gliederte sich 2011 in sieben Teilgewerkschaften: Gewerkschaft GPA, GÖD, GdG-KMSfB, vida, GBH, GPF und PRO-GE. GBH, KMSfB, GPF und vida arbeiten außerdem als infra – Die Allianz der Infrastrukturgewerkschaften zusammen.
In Schweden entstanden erste Gewerkschaftsvereine in den 1870er Jahren. Nach der Streikwelle in Norrland um 1880 wurde 1898 der Dachverband LO gegründet. Der Generalstreik von 1909 schwächte LO und stärkte vorübergehend die syndikalistische SAC. 1938 regelten LO und die Arbeitgeberorganisation SAF im Abkommen von Saltsjöbaden Verhandlungsordnung und Kampfmaßnahmen der Sozialpartnerschaft. Angestellte gründeten 1944 den Dachverband TCO, Akademiker 1947 SACO. Der Organisationsgrad betrug Mitte der 1980er Jahre 85 % und 2019 68 %. LO vertrat 2005 etwa 1,86 Mio. Arbeiter, TCO 1,27 Mio. Angestellte und SACO 569.000 Akademiker; die SAC hatte etwa 8.000 Mitglieder.
In der Schweiz ist gut jeder vierte Beschäftigte gewerkschaftlich oder gewerkschaftsähnlich organisiert. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund vereint 16 Einzelgewerkschaften mit rund 380.000 Mitgliedern; Travail.Suisse vertritt rund 170.000. Die 2004 gebildete Unia ist mit rund 200.000 Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft. Schweizer Gewerkschaften bieten traditionell Rechtsschutz sowie Arbeitslosen-, Kranken-, Alters-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen.
Gewerkschaften in den USA und in der Filmkunst
US-amerikanische Gewerkschaften entstanden im 19. Jahrhundert überwiegend als Schutzgemeinschaften und als „Lohnkartelle“, nicht primär aus europäischen klassenkämpferischen Motiven. Die National Labor Union wurde am 20. August 1866 in Baltimore gegründet und setzte sich zunächst für den Achtstundentag ein; sie löste sich 1873 auf. Die Knights of Labor erreichten bis zu 700.000 Mitglieder. 1886 gründete Samuel Gompers die American Federation of Labor (AFL), die bald 1,4 Mio. Mitglieder hatte. 1938 gründeten zehn Gewerkschaften den auch für ungelernte Arbeiter offenen CIO. 1955 vereinigten sich AFL und CIO zum AFL-CIO. Der Organisationsgrad sank von 34 % im Jahr 1955 auf 12 % im Jahr 2005 und 7,5 % in der privaten Wirtschaft 2008. 2005 bildeten ausgetretene Gewerkschaften, darunter SEIU, den Dachverband Change to Win.
Die American Railway Union wurde am 20. Juni 1893 gegründet und war die erste Industriegewerkschaft der USA. Sie vereinte alle Bahnbeschäftigten und hatte binnen eines Jahres über 140.000 Mitglieder. Nach Lohnkürzungen bei Pullman 1893/1894 organisierte sie einen Boykott. Ein gerichtliches Verbot und der Einsatz von 20.000 Bundestruppen unter Präsident Grover Cleveland zerschlugen den Streik; Eugene V. Debs und sieben weitere Funktionäre wurden verurteilt, die ARU löste sich auf. Die United Steelworkers vertreten über 1,2 Mio. aktive und ehemalige Mitglieder in den USA und Kanada. Die Teamsters haben etwa 1,4 Mio. beitragszahlende Mitglieder und 400.000 Rentner (Stand 2004). Die Writers Guild of America vertritt über 11.000 Autoren (2003) und übernimmt auch Gesundheits- und Pensionsleistungen. Die NHLPA ist die Spielergewerkschaft der NHL; ihr Collective Bargaining Agreement ist der Gesamtarbeitsvertrag mit den Vereinen.
Gewerkschaften werden außerdem in Filmen wie Norma Rae, F.I.S.T., Silkwood, Bread and Roses und Pride thematisiert.
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