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Arbeiterbewegung

Arbeiterbewegung im engeren Sinne ist der organisatorische Zusammenschluss von Handwerkern und Lohnarbeitern in Arbeitervereinen, Gewerkschaften und Parteien …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Wichtige Organisationsformen
  3. 3. Entstehung und Entwicklung
  4. 4. Entwicklungen in einzelnen Ländern
  5. 5. Zentrale Forderungen

Begriff und Bedeutung

Die Arbeiterbewegung bezeichnet soziale Bewegungen und Organisationen von abhängig Beschäftigten in Gesellschaften mit beginnender oder fortschreitender industriekapitalistischer Produktionsweise. Im weiteren Sinn umfasst sie Massenbewegungen, die die Emanzipation der Arbeiterklasse oder konkrete Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen anstreben. Dazu gehören auch soziale Unruhe, Proteste und Streiks, selbst wenn sie nicht dauerhaft organisiert sind.

Im engeren Sinn ist sie der organisierte Zusammenschluss von Handwerkern und Lohnarbeitern in Vereinen, Gewerkschaften und Parteien. Ziel ist, die soziale Lage zu verbessern und politische Rechte unter Bedingungen kapitalistischer Ausbeutung und politischer Unterdrückung zu erkämpfen. Ein Beispiel für solche Unterdrückung war das Koalitionsverbot, also das Verbot, sich zur gemeinsamen Vertretung von Interessen zusammenzuschließen. Die rote Fahne gilt als Zeichen der Arbeiterbewegung.

Wichtige Organisationsformen

In Mitteleuropa besteht die Arbeiterbewegung im engeren Sinn typischerweise aus vier Grundformen:

  • Gewerkschaften vertreten die Interessen der Beschäftigten im Betrieb, etwa bei Löhnen und Arbeitsbedingungen.
  • Arbeiterparteien sind politische Organisationen; viele haben marxistische Wurzeln und sind sozialistisch, sozialdemokratisch oder kommunistisch ausgerichtet.
  • Genossenschaften sind Selbsthilfeorganisationen, beispielsweise Konsumgenossenschaften und Wohnungsbaugenossenschaften.
  • Freizeit- und Bildungsvereine vermitteln Bildung oder organisieren gemeinsame Aktivitäten. Dazu zählen Arbeiterbildungsvereine, Arbeitersportvereine, Arbeitergärten sowie die 1895 gegründeten Touristenvereine Die Naturfreunde und die 1905 gegründete Naturfreunde-Internationale.

Entstehung und Entwicklung

Eine Voraussetzung für die Arbeiterbewegung waren gemeinsame soziale, wirtschaftliche und politische Erfahrungen der frühen Industriearbeiter, des Proletariats. Ehemalige Landarbeiter, Bauern und sozial abgestiegene Handwerker erlebten in Fabriken einen durch Maschinen bestimmten Arbeitsrhythmus. Hinzu kamen betriebliche Herrschaftsverhältnisse, die Karl Marx als „Despotie der Fabrik“ bezeichnete, sowie schlechte Wohn- und Lebensbedingungen in den schnell wachsenden Städten.

England, das Land der ersten Industriellen Revolution, war auch das Land der ersten Arbeiterbewegung. Die Maschinenstürmer, die Luddites, zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelten jedoch nicht als ihre Begründer. Schon Ende des 18. Jahrhunderts kämpften politische Gesellschaften von Handwerkern und Arbeitern wie die London Corresponding Society mit ihrem Sekretär Thomas Hardy für allgemeines und gleiches Wahlrecht; später folgten die Chartisten. Gewerkschaften gab es ebenfalls früh: Sidney und Beatrice Webb datierten die Free Journeymen Printers auf 1666. Viele Gewerkschaften tarnten sich als Unterstützungskassen, als friendly societies, um Verfolgung zu vermeiden; in England wurde das Koalitionsverbot 1825 aufgehoben.

Frühe Organisations- und Protestformen waren noch locker und oft örtlich begrenzt. Sie reichten von Ad-hoc-Koalitionen und Hilfskassen über Wahlrechtsvereinigungen bis zu Petitionen, Deputationen, Streiks, Boykotts, Aufruhr und Maschinensturm. Eric Hobsbawm prägte dafür den Ausdruck collective bargaining by riot, also Tarifverhandlung durch Aufruhr.

Mit den Revolutionen der 1840er Jahre gewann die Bewegung an Bedeutung. Karl Marx und Friedrich Engels führten den 1847 in London aus dem Bund der Gerechten entstandenen Bund der Kommunisten. In dessen Auftrag veröffentlichten sie im Februar 1848 das Manifest der Kommunistischen Partei. Sein Motto „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wurde Grundlage der parteipolitisch organisierten sozialistischen und später ausdrücklich kommunistischen Arbeiterbewegung. 1864 entstand in London die Internationale Arbeiterassoziation (IAA), die „Erste Internationale“. Sie sollte Arbeitergesellschaften zum „Schutz, den Fortschritt und die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse“ verbinden.

In Deutschland gründete Ferdinand Lassalle 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV). Wilhelm Liebknecht und August Bebel begründeten 1869 die marxistisch ausgerichtete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). ADAV und SDAP schlossen sich 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) zusammen, aus der 1890 die SPD hervorging. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung eng verbunden. Neben sozialdemokratischen, sozialistischen, kommunistischen, anarchistischen und christlichen Gewerkschaften gab es zweckorientierte Arbeitervereine. Zu den Begründerinnen zählten Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Luise Zietz und Marie Juchacz.

Der Erste Weltkrieg brachte ab Sommer 1914 einen schweren Rückschlag: Trotz des propagierten Internationalismus unterstützten Arbeiterbewegungen nach kurzer Diskussion ihre jeweiligen Regierungen, in Deutschland im Rahmen des Burgfriedens. In der Zwischenkriegszeit erreichte die Bewegung ihren Höhepunkt und bildete etwa im „Roten Wien“ und in Schweden teilweise eine umfassende Gegenkultur. Vereine und Institutionen reichten von Kinderfreunden und Roten Falken über Sport-, Radfahr-, Wander- und Konsumvereine bis zu Bestattungsvereinen. Volkshäuser bündelten politische, wirtschaftliche und Bildungsfunktionen. Mit dem Aufstieg der Faschismen brach dieser Aufstiegsoptimismus ab.

Nach 1945 gab es Ansätze einer Wiederbelebung. In den Wohlstandsjahren verlor jedoch das Ziel, den Kapitalismus zu überwinden, gegenüber seiner sozialen Ausgestaltung an Bedeutung. Die Prosperitätsjahrzehnte nach 1945 gelten als „Golden Age“ des Kapitalismus und zugleich als Phase, in der traditionelle Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung erodierten. Mikroelektronik, der Wandel zur Dienstleistungsökonomie, Individualisierung, Enttraditionalisierung und Konsumorientierung schwächten gemeinsame Klassenerfahrungen und Klassenbewusstsein.

Entwicklungen in einzelnen Ländern

In Österreich gab es erste Ansätze in der Revolution von 1848. Mit dem Wiener Arbeiterbildungsverein wurde die Bewegung 1867 neu gegründet. Sie orientierte sich zunächst eng an Deutschland; nach der deutschen Reichsgründung 1871 löste sie sich davon. Nach Krisen und Spaltungen entstand 1889 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP).

In der Schweiz entwickelten sich im 19. Jahrhundert Selbsthilfeorganisationen zur gegenseitigen Unterstützung in Notlagen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund und verschiedene Branchengewerkschaften wurden in den 1880er Jahren gegründet. In Dänemark formierte Louis Pio die Bewegung 1871; im selben Herbst entstanden die dänischen Sozialdemokraten. Der Gewerkschaftsbund Landsorganisationen i Danmark wurde 1898 gegründet. In Schweden entstanden die ersten Gewerkschaftsvereine in den 1870er Jahren. Streiks in Norrland um 1880, die mit Militär niedergeschlagen wurden, verdeutlichten den Nutzen einer einheitlichen Organisation. 1898 schlossen sich die Gewerkschaften zum Dachverband LO (Landesorganisation) zusammen.

In Frankreich verbot das Gesetz Le Chapelier 1791 Gewerkschaften und Berufsverbände; das Gesetz vom 21. März 1884, das Gesetz Waldeck-Rousseau, hob dieses Verbot auf. 1895 entstand die Confédération générale du travail (CGT) durch den Zusammenschluss zweier Verbände. Sie steht traditionell der Kommunistischen Partei Frankreichs nahe. 1921 spaltete sich die CGT: Moderate Kräfte blieben in der CGT, radikalere gründeten die Confédération Générale du Travail Unitaire (CGTU). Im März 1936 vereinigten sich beide wieder. Am 3. Mai 1936 gewann die geeinte Linke die Parlamentswahlen; Léon Blum wurde im Zeichen der Volksfront Premierminister.

Die niederländische Arbeiterbewegung entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammen mit revolutionärem Sozialismus und Anarchismus. In den nordamerikanischen Britischen Kolonien waren um 1750 ungefähr die Hälfte der Menschen abhängig beschäftigt, ihre Lage war jedoch sehr unterschiedlich. Dazu gehörten männliche Weiße, die als Sträflinge, Zwangsarbeiter oder Schuldner verschifft wurden und später freie Bürger wurden, sowie rechtlose Sklaven. Diese Heterogenität erschwerte einen gemeinsamen Zusammenschluss. In Carolina waren 1708 von etwa 9.580 Einwohnern, darunter ungefähr 1.400 Indigene, ungefähr 4.100 Sklaven.

Zentrale Forderungen

Frühe Arbeiterbewegungen forderten allgemeines Wahlrecht, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Koalitionsfreiheit sowie Streikrecht. Der Kampf der Chartisten in England steht beispielhaft für die Forderung nach allgemeinem Wahlrecht. Für Lohn und Arbeit lautete eine frühe englische Forderung: „Eine faire Arbeit für einen fairen Lohn“.

Um ein menschenwürdiges Dasein zu erreichen, wurden Mindestlöhne durch Tarifvertrag oder staatliche Regelung, der Achtstundentag und später die Fünftagewoche gefordert. Weitere Ziele waren Arbeitsschutz, Kündigungsschutz sowie Absicherung bei Krankheit und Arbeitslosigkeit. Diese sozialpolitischen Errungenschaften wurden schrittweise durch Wahlrechtsbewegungen, langwierige Streiks, Kollektivverhandlungen und öffentlichkeitswirksame Kampagnen erkämpft. Die Forderung nach einem europäischen Mindestlohn zeigt, dass Gewerkschaften als Erben der Arbeiterbewegung solche Anliegen weiterhin vertreten.

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