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Neoklassische Theorie

Die zentrale Illustration der Annahme der neoklassischen Theorie ist das Modell des „Homo oeconomicus“. Dabei handelt es sich um ein fiktives Wirtschaftssubjekt …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und historische Einordnung
  2. 2. Grundannahmen und wirtschaftliche Akteure
  3. 3. Optimierung, Märkte und Standardannahmen
  4. 4. Gleichgewicht und Pareto-Optimum
  5. 5. Lehre und Kritik

Kern und historische Einordnung

Die neoklassische Theorie oder Neoklassik ist eine wirtschaftswissenschaftliche Richtung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand und die klassische Nationalökonomie ablöste. Sie wird weniger durch einzelne Lehrsätze als durch ihre Methode bestimmt. Zentral ist das Marginalprinzip: Wirtschaftliche Entscheidungen werden anhand zusätzlicher, am Rand liegender Einheiten untersucht, etwa anhand von Grenzkosten, Grenzerlös oder Grenznutzen.

Ausgangspunkt waren die Grenznutzenschule und das um 1870 ungefähr gleichzeitig und unabhängig voneinander entwickelte Marginalprinzip. Beteiligt waren William Stanley Jevons in England, Carl Menger in Österreich und Léon Walras in der Schweiz. Die klassische Wert- und Preistheorie erklärte Werte und Preise hauptsächlich durch Produktionskosten. Die Neoklassik ergänzte sie um eine subjektive Komponente, insbesondere den Nutzen, den ein Gut für Nachfragende hat. Auch die Produktionskostentheorie wurde verändert: An die Stelle konstanter Produktionskoeffizienten traten variable Grenzkosten.

Neben dem Marginalprinzip betont die Neoklassik Märkte als grundsätzlich sinnvollen und überlegenen Allokationsmechanismus. Damit knüpft sie an die klassische Vorstellung der „unsichtbaren Hand“ an und präzisiert sie. Alfred Marshall, William Stanley Jevons und Léon Walras leisteten wesentliche Beiträge zu ihrer Entstehung.

Historisch dominierte die neoklassische Ökonomie die Makroökonomie. Zusammen mit dem Keynesianismus bildete sie die neoklassische Synthese, den Konsens der Mainstream-Ökonomie der 1950er bis 1970er Jahre. Sie floss außerdem in die neue neoklassische Synthese ein, die auch als Neukeynesianismus bezeichnet wird. Dieser gilt im Artikel als aktueller wissenschaftlicher Konsens der internationalen Wirtschaftswissenschaft. Seit den 1950er Jahren nimmt die Neoklassik besonders bei der Methodenwahl eine vorherrschende Stellung ein, koexistiert aber stets mit konkurrierenden Strömungen.

Während und nach der Weltwirtschaftskrise wurde vor allem ihre Makroökonomie kritisiert, weil sie die schwere Krise nicht zufriedenstellend erklärte und keine erfolgversprechenden wirtschaftspolitischen Empfehlungen lieferte. Keynesianismus und die Ansätze von John Maynard Keynes sollten diese Lücken schließen. Die Mikroökonomie blieb von dieser Kritik weitgehend unberührt. Nach der Stagflation der 1970er-Jahre geriet jedoch der Keynesianismus selbst in eine Glaubwürdigkeitskrise, woraufhin neoklassisches Denken auch in der Makroökonomie eine Renaissance erlebte.

Grundannahmen und wirtschaftliche Akteure

Die Neoklassik ist keine einheitliche Strömung. Zu unterscheiden sind die Routineforschung innerhalb der Neoklassik und die grundlegenden Bausteine des heutigen neoklassischen Mainstreams. Für die „naive“ oder „Lehrbuch“-Neoklassik werden fünf konstitutive Merkmale genannt:

  • methodischer und normativ-politischer Individualismus;
  • Utilitarismus, also eine teleologisch-konsequentialistische Ethik, die menschliche Nutzenstiftung und abwägende Kalkulation in den Mittelpunkt stellt und Werturteile von Instrumenten trennt;
  • individuell rationales Verhalten mit einer vollständigen Präferenzordnung und transitiven Präferenzen;
  • das Tauschparadigma und konsequentes Denken in Opportunitätskosten;
  • der Glaube an die unsichtbare Hand und das Substitutionsparadigma.

Diese Axiome können verändert werden, wenn sich die zugrunde liegenden empirischen Annahmen als grob unzutreffend erweisen. Als Ergänzungen werden freiwillige Verträge genannt, durch die Individuen ihre Handlungsfreiheit zugunsten kooperativen oder koordinierten Verhaltens einschränken können. Außerdem kann eine „Government-Assisted Invisible Hand“ marktartige Allokationen dort ermöglichen, wo sie wegen prohibitiver Transaktionskosten nicht spontan entstehen. Institutionenökonomische Ansätze berücksichtigen unter anderem strategisches Verhalten, unvollständige Information und Macht in Tauschbeziehungen. Auch bei Erklärungen mit „kollektivem“ Verhalten bleibt der methodische Individualismus erhalten.

Das zentrale Modell ist der Homo oeconomicus. Er ist ein fiktives Wirtschaftssubjekt mit feststehenden Präferenzen, das unter gegebenen Alternativen stets diejenige auswählt, die seinen eigenen Nutzen maximiert. „Nutzen“ wird empirisch aus beobachteten Entscheidungen zwischen Alternativen rekonstruiert. Daraus folgt nicht zwingend, dass den handelnden Personen im ethischen Sinne eigennützige Motive unterstellt werden.

Auf Haushalte und Unternehmen wird dieses Rationalitätsprinzip übertragen. Haushalte wählen unter ihren Möglichkeiten, die durch gegebene Preise, Löhne und sonstiges Einkommen bestimmt sind, die nutzenmaximierende Alternative, also ihr Haushaltsoptimum. Unternehmen wählen bei gegebener Technologie und je nach Marktform, etwa vollständiger Konkurrenz, Oligopol oder Monopol, die Produktion, die ihrem Unternehmensziel am besten entspricht. Dieses Ziel ist häufig, aber nicht zwingend, die Gewinnmaximierung.

Optimierung, Märkte und Standardannahmen

Die Neoklassik führt mit Hilfe der Marginalanalyse das wirtschaftliche Geschehen auf individuelle Optimierungsentscheidungen zurück. Unternehmen maximieren ihren Profit. Daraus ergeben sich Faktornachfragekurven und Güterangebotskurven. Haushalte maximieren ihren Nutzen; daraus folgen Faktorangebotskurven und Konsumgüternachfragekurven.

Aus dem von Léon Walras entwickelten Grundprinzip entsteht ein System von Optimierungsaufgaben unter Nebenbedingungen. Es wird mit mathematischen Verfahren der Maximierung, zum Beispiel der Lagrangemethode, untersucht. Daraus ergeben sich Optimierungsbedingungen wie das Zweite Gossensche Gesetz oder die Wertgrenzproduktregel. Das Verhalten innerhalb des Haushalts wird etwa in Gary Beckers „Ökonomischer Theorie der Familie“ als Optimierung betrachtet, das Verhalten innerhalb des Unternehmens in der Prinzipal-Agenten-Theorie. Der Ansatz wird außerdem auf Politik, insbesondere die Neue politische Ökonomie, und auf Rechtssysteme ausgeweitet.

Viele neoklassische Modelle nehmen vollkommene Märkte an. Dabei gibt der Markt die Preise vor, während der Unternehmer als Mengenanpasser reagiert. Vollkommene Märkte dienen sowohl zur Untersuchung realer Märkte als auch als Vergleichsmaßstab für Modelle unvollständiger Konkurrenz. Ebenfalls untersucht werden Monopol, Monopson, Duopol und Oligopol. Im Monopol gibt es für ein Gut nur einen Anbieter, im Monopson nur einen Nachfrager; die angebotene beziehungsweise nachgefragte Menge bestimmt den Preis. Bei einem Duopol oder Oligopol gibt es zwei oder mehrere Anbieter. Dann sind zusätzliche Annahmen über das strategische Verhalten der Unternehmen erforderlich.

Grundmodelle gehen von vollständiger Information aus. Viele Modelle ersetzen diese Annahme jedoch durch beschränkte Information und berücksichtigen Informationsgewinnung über Suchkosten und Transaktionskosten. Eine weitere Standardannahme ist das Fehlen von Externalitäten: Produktionsentscheidungen wirken nur über den Markt auf Konsum oder Produktion anderer Individuen. Die Umweltökonomik verzichtet systematisch auf diese Annahme, wenn sie Umweltexternalitäten untersucht.

Außerdem behandeln die Grundmodelle private Güter. Diese stiften nur der besitzenden Person Nutzen (Rivalitätsprinzip), und andere Individuen können rechtlich oder technisch vom Konsum ausgeschlossen werden (Ausschlussprinzip). Das Modell lässt sich auf öffentliche Güter oder Kollektivgüter erweitern. In der Neuen Institutionenökonomik werden Zusatzannahmen auch bei Verträgen, Privateigentum, Unternehmen, Wahlsystemen und Verfassungen aufgehoben.

Gleichgewicht und Pareto-Optimum

Die marginalistische Betrachtung erklärt den Wert eines Gutes, ausgedrückt als Preis, aus seinem Grenznutzen auf der Nachfrageseite und seinen Grenzkosten auf der Angebotsseite. Damit lieferte die Neoklassik eine theoretische Grundlage für die Auflösung des Wertparadoxons der klassischen Nationalökonomie.

Während die Klassik nach Ursprung, Wachstum und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums fragte und die Produktion als Paradigma hatte, stellt die Neoklassik den Tausch zwischen rationalen Individuen in den Mittelpunkt. Sie untersucht die optimale Allokation, also die Verteilung knapper Ressourcen auf verschiedene Verwendungen und Individuen mit festen Interessen sowie einer vorgegebenen Ausstattung an Gütern und Fähigkeiten. Die Verteilungstheorie folgt dabei der Grenzproduktivität und nicht der Arbeitswerttheorie.

Ein zentrales Element ist die Gleichgewichtsanalyse. Märkte werden im Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage untersucht. Bei Léon Walras bedeutet dies ein instantanes allgemeines Gleichgewicht auf allen Märkten, das durch die Lösung eines Gleichungssystems bestimmt wird. Bei Alfred Marshall werden auch partielle Gleichgewichte einzelner Märkte und verschiedene Zeithorizonte betrachtet, etwa sehr kurzfristig zur Bestimmung von Marktpreisen oder langfristig zur Bestimmung normaler Preise.

Die Neoklassik geht grundsätzlich von der Funktionsfähigkeit und Stabilität marktwirtschaftlicher Systeme aus. Auf allen Märkten herrscht ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage; dadurch werden die Preise der Konsumgüter und Produktionsfaktoren bestimmt. Störungen und Krisen werden auf Marktunvollkommenheiten zurückgeführt. Nach deren Beseitigung findet der Markt wieder in ein Gleichgewicht zurück.

Aus der Verbindung von individueller Optimierung und Gleichgewicht folgt in diesem Modell, dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit und Überproduktion unmöglich sind, solange kompetitive Märkte nicht durch staatliche Intervention oder andere Verzerrungen behindert werden, etwa durch von Gewerkschaften erzwungene überhöhte Löhne. Das saysche Theorem gilt damit immer: Gesamtwirtschaftliches Angebot schafft seine eigene Nachfrage. Für den Kapitalmarkt wird vorausgesetzt, dass Sparen und Investition über den Zins als Preis des Kapitals im Gleichgewicht stehen.

Der reale Sektor und der monetäre Sektor werden scharf getrennt. Im realen Sektor werden relative Preise, Produktionsmengen und die Allokation der Produktionsfaktoren bestimmt. Im monetären Sektor werden letztlich nur Geldpreise bestimmt; langfristige Wirkungen auf den realen Sektor gehen von ihm nicht aus. Diese „Neutralität des Geldes“ wird theoretisch durch die Quantitätstheorie des Geldes erklärt.

Ein Pareto-Optimum, benannt nach Vilfredo Pareto (1848–1923), ist ein Zustand, in dem niemand besser gestellt werden kann, ohne dass ein anderer schlechter gestellt wird. Es ist der normative Schlüsselbegriff der Neoklassik und das Gegenstück zum positiven Begriff des Gleichgewichts. Das Erste Wohlfahrtstheorem verbindet beide Begriffe: Bei vollkommenem Wettbewerb ist ein Gleichgewicht stets ein Pareto-Optimum. Der Satz ist mathematisch beweisbar und präzisiert die Vorstellung der unsichtbaren Hand.

Lehre und Kritik

In der universitären Lehre sind laut Artikel heute fast ausschließlich neoklassische, konsequent marktwirtschaftliche Ökonomen vertreten. Punktuell kommen Spieltheorie und experimentelle Ökonomie hinzu. Im Mai 2014 kritisierte ein Bündnis von 40 Studentenvereinigungen aus 19 Staaten diese Dominanz und forderte Theorienpluralität. Nach Ansicht der Initiatoren würden sich widersprechende ökonomische Theorien nicht gleichberechtigt gelehrt und andere Schulen zu wenig einbezogen. Die methodische Einseitigkeit, vor allem die Konzentration auf quantitative Untersuchungen, könne dazu führen, dass die Ökonomie auf Fragen wie Finanzmarktstabilität und Klimawandel keine passenden Antworten finde. Unterstützung kam unter anderem von Thomas Piketty. Bereits 2012 hatten mehr als 1000 Forscher und Studenten ein Memorandum zu „Fehlentwicklungen innerhalb der Disziplin“ verfasst.

Die Kritik an der Neoklassik richtet sich auf verschiedene Annahmen und Bereiche. John Maynard Keynes kritisierte ihre makroökonomischen Aspekte. Die Neue Institutionenökonomik berücksichtigt asymmetrische Information, Opportunismus und begrenzte Rationalität, die oft als realitätsnäher gilt als die vollständige Rationalität des Homo oeconomicus. Joan Robinson und Edward Hastings Chamberlin entwickelten Modelle unvollständiger Konkurrenz, um Märkte realistischer zu beschreiben.

Vertreter der Umweltökonomik kritisieren, dass die Neoklassik den klassischen Produktionsfaktor Boden und damit die ökologische Begrenztheit menschlichen Wirtschaftens vernachlässige. Die Ökologische Ökonomik richtet sich grundsätzlicher gegen die Vernachlässigung von Natur, Macht und Gerechtigkeit und entwickelt eine Theorie nachhaltiger Entwicklung. Joseph Schumpeter und andere lehnen die statische Betrachtungsweise ab, weil sie die Dynamik wirtschaftlicher Prozesse nur unzureichend erkläre.

In der Kapitalkontroverse und der neoricardianischen Theorie werden preis-, verteilungs-, wachstums- und kapitaltheoretische Aussagen der Neoklassik bestritten. Piero Sraffa kritisierte 1926 in The Law of Returns under Competitive Conditions insbesondere die Annahme eines fallenden Grenzprodukts der Arbeit. In den 1960er Jahren wandten sich Sraffa und andere außerdem gegen die Annahme eines einheitlichen Kapitals, die für die Gleichsetzung des Zinssatzes mit einem angenommenen Grenzprodukt des Kapitals benötigt werde. Steve Keen legte mit Debunking Economics eine umfassende Kritik vor.

Aus wissenschaftstheoretischer Sicht bezeichnete Hans Albert die neoklassische Modellbildung als „Modell-Platonismus“. Ceteris-paribus-Vorbehalte, also Annahmen unter sonst gleichen Bedingungen, könnten Theorien gegen empirische Widerlegung immunisieren, wenn unklar bleibe, welche Rand- und Anfangsbedingungen tatsächlich vorlagen. Alexander Rosenberg meint, die Neoklassik liefere häufig keine empirisch gehaltvollen Theorien, sondern komplexe Mathematik mit geringem Bezug zur Realität.

Stephan Schulmeister kritisiert die Gleichgewichtstheorie als abstrakt-idealistisch und nicht empirisch-realistisch. Angebots- und Nachfragekurven seien nicht unmittelbar beobachtbar; beobachtbar seien nur einzelne Tauschakte, deren Verhältnis zu Gleichgewichtspreisen unklar sei. Wegen der Bedeutung von Produktdifferenzierungen dürfe die Logik des Marktdiagramms nicht allgemein angewendet werden. Fabian Scheidler bezeichnet Teile der Neoklassik als autoritäre Quasi-Religion, weil viele Modelle in der Wirklichkeit keine Entsprechung hätten. Heiner Flassbeck kritisiert sie 2024 in Grundlagen einer relevanten Ökonomik als „Pseudowissenschaft“, „Kunstlehre“ und „Glasperlenspiel“ und hält sie grundsätzlich für irrelevant; dies bezieht er unter anderem auf die neoklassische Arbeitsmarkttheorie und die Markteffizienzhypothese.

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