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Historische Hilfswissenschaften

Sie ermöglichen die Interpretation der Quellen, indem sie diese in ihrer Materialität erschließen und die darin enthaltenen Informationen in aktuell …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Funktion
  2. 2. Traditioneller Kanon und zentrale Aufgaben
  3. 3. Erweiterungen und Bedeutung einzelner Fächer
  4. 4. Entwicklung und heutige Stellung

Gegenstand und Funktion

Die Historischen Hilfswissenschaften (auch Historische Grundwissenschaften oder Geschichtliche Hilfswissenschaften; Abkürzungen HHW, HGW und GHW) sind eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Sie bereiten historische Quellen für die inhaltliche Auswertung auf. Dazu erschließen sie Quellen in ihrer Materialität, also hinsichtlich des konkreten Überlieferungsträgers, und ordnen die enthaltenen Informationen in heute verständliche Zusammenhänge ein.

Im weiteren Sinn kann jede wissenschaftliche (Teil-)Disziplin als historische Hilfswissenschaft gelten, wenn ihre Ergebnisse für historische Forschungen verwendet werden. Ein Beispiel ist die Physik, wenn die Radiokarbonmethode zur Datierung historischer Funde eingesetzt wird. Im engeren Sinn bezeichnet der Begriff jedoch eine Gruppe historischer Einzeldisziplinen, die sich unmittelbar mit der Überlieferung und ihrer kritischen Untersuchung beschäftigen.

Traditioneller Kanon und zentrale Aufgaben

Zum traditionellen Kanon gehören vor allem:

  • Paläographie: die Untersuchung historischer Schriften und ihrer Schreibformen.
  • Diplomatik: die kritische Untersuchung von Urkunden.
  • Heraldik: die Lehre von den Wappen.
  • Sphragistik: die Siegelkunde.
  • Numismatik: die Untersuchung von Münzen.
  • Chronologie: die Bestimmung und Ordnung von Zeitangaben und Datierungen.

Häufig werden außerdem Aktenkunde, Genealogie und Historische Geographie hinzugezählt. In der universitären Geschichtswissenschaft spielen diese drei Bereiche jedoch keine bedeutende Rolle. Der Kanon ist nicht überall gleich und hat sich im 19. und 20. Jahrhundert besonders in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft etabliert. Er wurde durch die Themen, Methoden und bevorzugten Quellengattungen der Forschung des 18., 19. und 20. Jahrhunderts geprägt. Besonders stark beeinflussten ihn die Universalgeschichte der Aufklärungszeit sowie die Untersuchung mittelalterlicher Herrscher- und Papsturkunden im Rahmen der politischen und Kirchengeschichte.

Fast alle Historischen Hilfswissenschaften verbindet die unmittelbare Auseinandersetzung mit schriftlichen und nichtschriftlichen Quellen. Dabei wird häufig die Materialität der Überlieferungsträger berücksichtigt. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehören die Quellenkritik, insbesondere die Echtheitskritik, die Datierung und die Lokalisierung einer Quelle, sowie allgemein die Erschließung von Quellen für die weitere Forschung.

Typische Ergebnisse sind Kataloge, etwa von Handschriften oder Münzen, sowie Vorarbeiten für kritische Editionen. Eine Edition ist eine wissenschaftlich bearbeitete und überprüfte Veröffentlichung einer historischen Quelle. Der Wert der Historischen Hilfswissenschaften liegt daher sowohl in ihrer Bedeutung für die Forschung als auch in ihrer propädeutischen Funktion: Sie vermitteln grundlegende Verfahren, die Studierende für die Arbeit mit Quellen benötigen.

Erweiterungen und Bedeutung einzelner Fächer

Die traditionelle Ausrichtung an den Anforderungen der Mittelalterforschung steht in einem Spannungsverhältnis zur Funktion der Hilfswissenschaften für die Geschichtswissenschaft insgesamt. Dieses Spannungsverhältnis wird dadurch ausgeglichen, dass die einzelnen Fächer auch Quellen anderer Epochen untersuchen oder der Kanon um zusätzliche Disziplinen erweitert wird.

Viele Fächer sind nicht auf das Mittelalter beschränkt: Numismatische Quellen gibt es auch aus der Antike, heraldische Quellen aus der Neuzeit und paläographische Quellen aus der Antike und der Neuzeit. Für die althistorische Forschung, also die Erforschung der Antike, sind besonders Epigraphik und Papyrologie wichtige Ergänzungen. Die Epigraphik untersucht Inschriften, die Papyrologie Papyri. Die Aktenkunde ist vor allem für die Erforschung der neuzeitlichen Geschichte wichtig und wird deshalb teilweise zum engeren Kanon gerechnet.

Darüber hinaus werden gelegentlich weitere Teilbereiche zu den Historischen Hilfswissenschaften gezählt, darunter Historische Metrologie, Kodikologie und Realienkunde. Die Paläographie ist in der Lehre mit Abstand die wichtigste Hilfswissenschaft. Sie ist die einzige, die an vielen Universitäten und an allen Archivschulen regelmäßig angeboten wird.

Seit dem 20. Jahrhundert wird außerdem diskutiert, ob die Bezeichnung „Hilfswissenschaften“ oder „Grundwissenschaften“ geeigneter ist. „Hilfswissenschaften“ kann als abwertend verstanden werden, hebt aber zugleich den funktionalen Zusammenhang und den besonderen Nutzen für die historische Forschung hervor.

Entwicklung und heutige Stellung

Als Beginn der Historischen Hilfswissenschaften gilt häufig die Entwicklung der Diplomatik im 17. Jahrhundert durch Gelehrte wie Daniel Papebroch und vor allem Jean Mabillon. Sie entwickelten wissenschaftliche Verfahren der Quellenkritik, darunter die Prüfung der Echtheit und die Untersuchung von Datierungsfragen, und verfassten die ersten Lehrbücher.

Im 18. Jahrhundert wurde an den Universitäten ein Bündel von Fächern etabliert, das dem späteren Kanon ähnelte. Die einzelnen Disziplinen waren teilweise bereits in anderen Zusammenhängen entstanden und wurden weiterhin auch außerhalb der Universitäten betrieben. Die Entwicklung war eng mit Johann Christoph Gatterer und der aufklärerischen Universalgeschichte verbunden. Gatterer förderte die Hilfswissenschaften durch Forschung und Lehre und gründete an der Universität Göttingen ein eigenes Institut. Frühere Zusammenstellungen finden sich unter anderem bei Benjamin Hederich (1709) und Anselm Desing (1733); sie enthielten neben historischen Fächern auch Bereiche wie Geographie, Chronologie und Genealogie.

Die prägende Phase lag im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Verwissenschaftlichung der Geschichtsforschung, der Aufstieg der Mittelalterforschung, der Ausbau von Universitäten und Bildungseinrichtungen sowie die Erfolge der Editionsphilologie stärkten die Hilfswissenschaften. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es vor allem im deutschsprachigen Raum an vielen Universitäten Professuren und Studiengänge. Auch Archivschulen und außeruniversitäre Einrichtungen wie die Archivschule Marburg, die École des chartes, das ISIME, das IÖG und die MGH wurden wichtige Orte für Forschung und Lehre. Eigene Lehrstühle werteten das Fach akademisch auf; teilweise übernahmen jedoch auch Privatdozenten, außerordentliche Professoren oder Lehrstühle für mittelalterliche beziehungsweise alte Geschichte diese Aufgaben.

Im 20. Jahrhundert nahm die Bedeutung der Historischen Hilfswissenschaften an den Universitäten insgesamt ab. Ihre Methoden und Ergebnisse, besonders aus Diplomatik und Paläographie, wurden stärker in die allgemeine Mittelalterforschung integriert. Dennoch blieb ihre propädeutische Funktion im Geschichtsstudium anerkannt. Dafür wurde Ahasver von Brandts Standardwerk „Werkzeug des Historikers“ bis ins frühe 21. Jahrhundert häufig verwendet.

Anfang des 21. Jahrhunderts war die institutionelle Verankerung an deutschen Universitäten deutlich geschwächt: Die Zahl der Professuren und Studiengänge, der Anteil hilfswissenschaftlicher Inhalte im Geschichtsstudium und der entsprechende Anteil an den Lehrgängen der Archivschulen waren stark gesunken. Gleichzeitig verbanden sich die Historischen Hilfswissenschaften stärker als andere historische Teildisziplinen mit den Digital Humanities. Die deutsche Hochschulpolitik ordnet sie als Kleines Fach ein. Im Hauptfach können sie nur noch an sehr wenigen Universitäten studiert werden.

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