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Forschungsfrage
Als Forschungsfrage wird das ausformulierte Ziel eines Forschungsvorhabens bezeichnet. Ihre Formulierung ist Teil wissenschaftlichen Arbeitens.
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Begriff und Funktion
Eine Forschungsfrage ist das ausformulierte Ziel eines Forschungsvorhabens. Ihre Formulierung gehört zum wissenschaftlichen Arbeiten und ist besonders in der Methodologie der Human- und Geisteswissenschaften verbreitet. Sie setzt das Forschungsziel in Beziehung zum gegenwärtigen Stand der Wissenschaft, zur gewählten Methodik und zum aktuellen Paradigma, also zu den grundlegenden Annahmen und Denkweisen eines Fachgebiets.
Forschungsfragen dienen häufig dazu, eine bestimmte Hypothese innerhalb eines Paradigmas zu überprüfen. Eine Hypothese ist eine begründete Annahme, die durch Forschung bestätigt oder widerlegt werden kann. Abhängig davon, was bereits bekannt, methodisch ermittelbar oder im gegebenen Rahmen unerforschlich ist, lässt sich eine Forschungsfrage vollständig, teilweise oder gar nicht beantworten. Sie kann sich auch als Scheinproblem erweisen oder durch das Forschungsvorhaben lediglich genauer gefasst werden.
In manchen Fächern wird zwischen einer allgemeinen Untersuchungsfrage und einer spezielleren Forschungsfrage unterschieden. Andere Fächer verwenden eher den Begriff „Fragestellung“ oder nehmen keine solche begriffliche Trennung vor.
Unterschiede zwischen Disziplinen
Welche Bedeutung eine Forschungsfrage besitzt und wie sie formuliert wird, hängt von der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin ab. Manche Fachgebiete arbeiten bereits mit Untersuchungsfragen, während andere besondere Anforderungen an eine Forschungsfrage stellen. Forschungsprobleme lassen sich meist leichter bestimmen, wenn ein Fach über gefestigte Theorien, Methoden und Begriffe verfügt. Zugleich kann eine hohe fachliche Komplexität es erschweren, eine Frage klar abzugrenzen und zielgenau auf ein Projekt auszurichten.
Bei der Entwicklung einer Forschungsfrage kann geklärt werden, welches Wissenschaftsverständnis zugrunde liegt. Forschung kann versuchen, eine vermeintlich neutrale und objektive Position einzunehmen. Sie kann aber auch wertend arbeiten und eine subjektive Position wissenschaftlich begründen.
In den Geistes- und Sozialwissenschaften reicht die mögliche Motivation von einer Ist-Analyse bis zu einer normativen Soll-Analyse. Eine Ist-Analyse beschreibt vorhandene Phänomene. Eine Soll-Analyse verbindet Kritik mit der Forderung nach Veränderung. Bei der Erarbeitung einer Forschungsfrage sollten diese beiden Ausrichtungen möglichst strikt voneinander getrennt werden.
Verhältnis von Theorie und Empirie
Eine gute Forschungsfrage bezieht sich zugleich auf „die Welt“ und auf „das Fach“. Sie legt fest, welches Material aus der Wirklichkeit untersucht und welches analytische Werkzeug eines Fachgebiets dafür verwendet wird.
Theoretische Konzeptionen sind für eine Forschungsfrage grundlegend, weil sie den Blick auf die Realität strukturieren. Erst durch solche begrifflichen und konzeptuellen Vorstrukturen kann entschieden werden, welche Daten für die Fragestellung relevant sind. Eine Forschungsfrage lässt sich deshalb nicht unabhängig von den Konzepten der beteiligten Fachgebiete entwickeln.
Trotzdem darf die Theorie das Ergebnis nicht vollständig vorbestimmen. Wenn eine Untersuchung nur auf die Wiederholung theoriebasierter Vorannahmen ausgerichtet ist, besteht keine ausgewogene Balance zwischen Theorie und Empirie. Empirie bezeichnet hier die systematische Untersuchung erfahrbarer Wirklichkeit. Sie muss die Möglichkeit offenhalten, eine Hypothese zu widerlegen.
Kultur-, Kommunikations- und Literaturwissenschaft
In den Kulturwissenschaften beginnt die Entwicklung einer Forschungsfrage häufig mit Beobachtungen in einem lokalen Kontext. Einzelne Phänomene werden ausgewählt, um situiertes Wissen zu erzeugen, also Wissen, das an eine bestimmte Perspektive und Situation gebunden ist. Diese Perspektiviertheit wird fortlaufend reflektiert und kann mithilfe der Standpunkt-Theorie untersucht werden. Der persönliche Bezug zum Untersuchungsobjekt gilt als wichtiger Faktor. Deshalb wird die Selbstreflexion der forschenden Person als wesentliche Ressource des gesamten Forschungsprozesses und der Fragenfindung angesehen.
In der Kommunikationswissenschaft muss begründet werden, warum eine Forschungsfrage relevant ist. Unterschieden werden größere und kleinere Forschungsfragen. Kleinere Fragen können entstehen, wenn eigene Beobachtungen nicht zu den Ergebnissen der bisherigen Forschung passen oder wenn sich Positionen in der Forschungsliteratur widersprechen. Größere Fragen betreffen zentrale Probleme des Fachs: die Wirkung von Medienangeboten auf individuelle Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhaltensmuster sowie den Zusammenhang von sozialem Wandel und Medienentwicklung. Kleinere Fragen sind häufig Bestandteile von Projekten, die größere Fragen bearbeiten.
Ein Modell zur Entwicklung einer größeren kommunikationswissenschaftlichen Forschungsfrage umfasst drei Schritte. Erstens werden aus Alltagsbeobachtungen und vagen Vermutungen Materialobjekte bestimmt. Das sind konkrete Beispiele, an denen ein Forschungsobjekt untersucht werden kann. Zweitens wird daraus ein Formalobjekt entwickelt: Im Material wird ein größerer Zusammenhang gesucht, der über den Einzelfall hinaus auf ein zugrunde liegendes Problem verweist. Dieser Schritt gilt als besonders schwierig, weil nicht jedes neue Phänomen eine Studie rechtfertigt. Daher muss die Besonderheit des Gegenstands herausgearbeitet werden. Drittens wird die Forschungsfrage formuliert. Sie soll sowohl die genauere Untersuchung des konkreten Materialobjekts ermöglichen als auch zeigen, weshalb dieses aufgrund des Erkenntnisinteresses für einen allgemeineren Forschungszusammenhang relevant und damit als Formalobjekt geeignet ist. Forschungsproblem und Forschungsfrage gehören dabei zusammen.
In der Literaturwissenschaft wird meist von einer „Fragestellung“ gesprochen. Sie gilt als fruchtbar, wenn sie neue Perspektiven auf einen Gegenstand verspricht. Auf Grundlage des aktuellen Forschungsstands soll eine eigene Position entwickelt werden. Im Idealfall ermöglicht die Fragestellung einen wissenschaftlichen Beitrag, der über den bisherigen Forschungsstand hinausgeht.
Soziologie und Wirtschaftsinformatik
In der Soziologie gilt eine Forschungsfrage als besondere Art der Untersuchungsfrage. Eine Untersuchungsfrage dient meist dazu, Informationen über soziale Sachverhalte zu beschaffen, beispielsweise durch Befragungen; diese Informationen sind bereits das Ziel der Untersuchung. Eine Forschungsfrage soll dagegen zur Theoriebildung beitragen. Als Forschungsfragen gelten demnach nur Fragen, „die eine Wissenslücke im Theoriegebäude benennen und die Schließung dieser Wissenslücke anleiten“.
Zur Prüfung schlagen Gläser und Laudel sinngemäß die Frage vor, welche Aspekte und Schlussfolgerungen einer Antwort auch für andere Projekte wichtig wären, die sich nicht für die konkret ausgewählten Fälle interessieren. Nur wenn die Ergebnisse über diese Einzelfälle hinaus relevant sind, handelt es sich in diesem Verständnis um eine genuine Forschungsfrage.
In der europäischen Wirtschaftsinformatik, die auf Englisch häufig Business Informatics heißt, beschreibt die Forschungsfrage oftmals ein reales Problem. Dieses soll durch konstruktivistische beziehungsweise gestaltungsorientierte Forschungsprojekte gelöst werden. Die amerikanische Wirtschaftsinformatik, die als Studienfach unter dem Namen Information Systems verbreitet ist, konzentriert sich dagegen häufig auf behavioristische Forschung, die ein Problem beschreibt.