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Anthropologie

Die biologische Anthropologie ist mit ihren Teilgebieten Primatologie, Evolutionstheorie, Paläoanthropologie, Bevölkerungsbiologie, Industrieanthropologie …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundrichtungen
  2. 2. Biologische und forensische Forschung
  3. 3. Kultur, Gesellschaft und Menschenbilder
  4. 4. Interdisziplinäre Ansätze und Anthropologie als Dachwissenschaft

Gegenstand und Grundrichtungen

Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen. Im deutschen Sprachraum und vielen europäischen Ländern wird sie vor allem als Naturwissenschaft verstanden: Die biologische oder physische Anthropologie betrachtet den Menschen als biologisches Wesen und knüpft dabei an die Evolutionstheorie von Charles Darwin an. Sie untersucht etwa Körperbau, Abstammung und biologische Unterschiede.

Daneben stehen geisteswissenschaftliche Ansätze. Sie behandeln den Menschen nicht nur als Untersuchungsobjekt, sondern auch als Subjekt. Dabei interessieren qualitative Eigenschaften wie Personalität, Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung. Im englischen Sprachraum gehören häufig auch Ethnologie sowie Kultur- und Sozialanthropologie zur anthropology. Die deutsche Wissenschaftspolitik stuft Anthropologie als Kleines Fach ein.

Die Fachbezeichnung geht auf Magnus Hundt (1449–1519) zurück, dessen Werk „Antropologium de hominis dignitate, natura, et proprietatibus, de elementis, partibus et membris humani corporis“ 1501 erschien. Als eigenständiges Hochschulfach entwickelte sich besonders die physische Anthropologie im 19. Jahrhundert; Johannes Ranke erhielt am 1. August 1886 den ersten eigenständigen deutschen Lehrstuhl für dieses Fach.

Biologische und forensische Forschung

Die biologische Anthropologie ist ein Bereich der Humanbiologie. Ihr Ziel ist, die Verschiedenheit biologischer Merkmale der Hominiden zu beschreiben, ihre Ursachen zu analysieren und evolutionsbiologisch zu deuten. Hominiden sind eine Familie der Primaten, zu der fossile und rezente Menschen gehören. Die Forschung arbeitet sowohl beschreibend als auch analytisch.

Zu ihren Teilgebieten zählen Primatologie, Evolutionstheorie, Paläoanthropologie, Bevölkerungsbiologie, Genetik, Sportanthropologie, Wachstum oder Auxologie, Konstitution, Industrieanthropologie und Forensik. Die molekulare Anthropologie, im Englischen auch anthropological genetics, nutzt molekularbiologische Methoden, um den Verlauf der menschlichen Evolution nachzuvollziehen.

Die forensische Anthropologie ist neben Rechtsmedizin und forensischer Zahnmedizin eine der drei gerichtlichen Wissenschaften vom Menschen. Sie unterstützt die Aufklärung von Verbrechen, vor allem durch:

  • Identifizierung von Personen nach Bildern, etwa bei Verkehrsordnungswidrigkeiten oder Bankraub;
  • Identifizierung von Skeletten, teilskelettierten und stark verwesten Leichen sowie Funden in Massengräbern;
  • Altersdiagnosen, besonders bei jungen Straftätern;
  • Abstammungsgutachten und Zwillingsdiagnosen.

Forensische Anthropologen können bei vollständig skelettierten Leichen entscheidend für die Aufklärung sein. Der Artikel weist darauf hin, dass in Deutschland die Rechtsmedizin institutionell stark dominiert und dadurch der Zugang zur eigenständigen anthropologischen Kompetenz mitunter erschwert wird.

Kultur, Gesellschaft und Menschenbilder

Sozialanthropologie untersucht kulturelle und soziale Vielfalt sowie die soziale Organisation des Menschen. Sie lässt sich allgemein als Wissenschaft vom Menschen in der Gesellschaft beschreiben. Im deutschen Sprachraum wurde sie seit den 1960er Jahren zunächst als Bezeichnung für britische social anthropology oder französische anthropologie sociale verwendet, später zugunsten von „Ethnosoziologie“ zurückgedrängt. In jüngerer Zeit gewinnt der Begriff wieder an Bedeutung, auch wegen Transnationalisierung und Globalisierung.

Kulturanthropologie ist eine empirisch gestützte Wissenschaft der menschlichen Kultur. Sie entwickelte sich im 20. Jahrhundert aus der Volkskunde und befasst sich besonders mit interkulturellen, ethnologischen und soziologischen Themen und Modellen. Sie nimmt eine Mittelposition zwischen biologischen und philosophischen Richtungen ein und hat ein besonders weites Themenspektrum. Im Deutschen ist ihr Gegenstand nicht genau einheitlich definiert; in den USA bezeichnet cultural anthropology die Ethnologie.

Die Rechtsanthropologie untersucht rechtliche Strukturen verschiedener kultureller Traditionen, etwa von Stämmen und Völkern. Als rechtswissenschaftliche Richtung beschäftigt sie sich außerdem mit naturalen Grundkonstanten von Gesetzgebung und Rechtsprechung. Im Mittelpunkt steht häufig das westlich-demokratische „Menschenbild der Verfassung“: der Mensch gilt als im Willen frei und eigenverantwortlich handelnd.

Die philosophische Anthropologie fragt nach dem Wesen des Menschen. Die moderne Richtung entstand erst im frühen 20. Jahrhundert als Reaktion auf einen Verlust von Weltorientierung. René Descartes hatte bereits 1641 in den „Meditationen über die erste Philosophie“ das Verhältnis von Körper und Seele behandelt und das Denken beziehungsweise Bewusstsein als untrennbar vom eigenen Dasein hervorgehoben.

Historische Anthropologie erforscht die historische Veränderlichkeit grundlegender Phänomene menschlichen Daseins. Sie verbindet dabei die Geschichtlichkeit ihrer Methoden mit der Geschichtlichkeit ihres Gegenstands, also dem jeweiligen Erscheinungsbild des Menschen in verschiedenen Epochen. Theologische Anthropologie deutet den Menschen aus christlich-theologischer Sicht, besonders im Blick auf sein Wesen und seine Bestimmung vor Gott.

Weitere Anwendungsfelder sind Industrieanthropologie, die Gebrauchstauglichkeit und Benutzerfreundlichkeit von Produkten, Software, Arbeitsplätzen und Arbeitsprozessen untersucht, sowie Medienanthropologie. Diese erforscht Produktion, Nutzung und Effekte von Medien meist mit kulturwissenschaftlichen und ethnografischen Methoden. Menschen werden dabei als Wesen verstanden, die sich in Medienpraktiken und -techniken artikulieren, wahrnehmen und wahrnehmbar machen.

Interdisziplinäre Ansätze und Anthropologie als Dachwissenschaft

In den Sozialwissenschaften gilt der Mensch häufig als in Antrieben und Bedürfnissen zunächst unbestimmt. Erst Vergesellschaftungsprozesse schaffen Orientierung und Stabilität für Verhalten und Antriebsleben. Dieses Menschenbild prägt unter anderem die Analyse sozialer Prozesse bei Karl Marx, Max Weber, George Herbert Mead und Talcott Parsons.

Zwei klassische idealtypische Modelle sind der homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften und der homo sociologicus der Soziologie. Das RREEMM-Modell ist eine „realistische“ Variante des individualistischen homo oeconomicus, wird wegen Problemen der Operationalisierung jedoch seltener als die einfacheren Modelle genutzt. Reflexive Anthropologie fordert, dass Sozialforschung die soziale und kulturelle Einbettung der Forschenden und der Forschung selbst berücksichtigt. Wichtige Ansätze dazu stammen von Michel Foucault und Pierre Bourdieu.

Psychologische Anthropologie verbindet geisteswissenschaftliche, biologische, verhaltens- und sozialwissenschaftliche Konzepte. Wichtige Themen sind Menschenbild, Persönlichkeitstheorien, Motive, Emotionen, Neurobiologie, Psychophysiologie, Kognitions-, Sozial- und Kulturpsychologie sowie Angewandte Psychologie. Auch Psychoanalyse und Psychosomatik galten als anthropologische Disziplinen.

Evolutionäre Anthropologie untersucht die Geschichte der Menschheit vergleichend anhand von Genen, Kulturen, kognitiven Fähigkeiten, Sprachen und sozialen Systemen menschlicher Populationen sowie nah verwandter Primaten. Pädagogische Anthropologie nutzt anthropologische Fragen für Erziehung und Bildung. Ihre Realanthropologie untersucht die Wirklichkeit des Menschen empirisch; Sinnanthropologie fragt nach Sinn und Zielen menschlichen Handelns und leitet aus Menschenbildern Bildungsansprüche ab.

Anthropologie kann als Dachwissenschaft verstanden werden. Die in den USA verbreitete „Vier-Felder-Anthropologie“ vereint biologische Anthropologie, Kulturanthropologie, Ethnolinguistik und Archäologie. Die Systematische Anthropologie von Wolfgang Rudolph und Peter Tschohl aus dem Jahr 1977 wollte Erkenntnisse aus Ethnologie, Biologie, Humangenetik, Psychologie, Soziologie, Philosophie und Geschichte in einer Theorie der „Menschlichen Existenz“ (ME) zusammenführen. Sie wurde jedoch nur begrenzt aufgenommen; kritisiert wurden ihre technokratische Sprache, ihre Distanz zu aktuellen sozialwissenschaftlichen Debatten und die ungeklärte Übertragbarkeit auf andere Sprach- und Kultursysteme.

Als Orientierungsrahmen nennt die Basis-Theorie vier Grundfragen biologischer Forschung nach Nikolaas Tinbergen: Verursachungen, Ontogenese, Anpassungswert und Phylogenese. Diese sollen auf verschiedenen Ebenen untersucht werden, von Molekül, Zelle und Organ über Individuum und Familie bis zu Gruppe und Gesellschaft. Dadurch sollen anthropologische Fragen und Ergebnisse geordnet sowie fundiertes und spekulatives Wissen besser unterschieden werden.

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