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Politikwissenschaft

Die Politikwissenschaft zählt von ihrer Entwicklung als Wissenschaftsdisziplin im weiteren Sinne auch zu den Staatswissenschaften. Mit Nachbardisziplinen wie …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Begriff und Entwicklung des Faches
  3. 3. Teildisziplinen und Forschungsfelder
  4. 4. Studium in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  5. 5. Berufsfelder, Verbände und Einrichtungen
  6. 6. Globale Verbreitung und Publikationssprache

Gegenstand und Bedeutung

Politikwissenschaft, auch Politische Wissenschaft oder Politologie genannt, ist eine Integrationswissenschaft innerhalb der modernen Sozialwissenschaften. Sie erforscht politische Prozesse, Strukturen und Inhalte sowie politische Erscheinungen und Handlungen des menschlichen Zusammenlebens. Wegen ihrer Entwicklungsgeschichte wird sie außerdem den Staatswissenschaften zugerechnet. Ihr Gegenstand reicht heute jedoch über den Staat und seine Institutionen hinaus und überschneidet sich mit Soziologie, Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaften und Psychologie.

Die Politikwissenschaft untersucht, wie das gesellschaftliche Zusammenleben geregelt ist und geregelt werden kann. Sie beschäftigt sich daher nicht nur mit Tagespolitik, sondern auch mit grundlegenden Prinzipien, Zusammenhängen sowie Ursache- und Wirkungsmechanismen. Berücksichtigt werden institutionelle, prozedurale, sachlich-materielle und politisch-kulturelle Gesichtspunkte. Ein Schwerpunkt der modernen Forschung liegt auf dem Handeln staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure, politischen Entscheidungsprozessen, der Entstehung von Machtverhältnissen und deren Wirkung auf gesellschaftliche Strukturen.

Politikwissenschaftler unterscheiden zwischen theoretischen beziehungsweise normativen und empirischen Zugängen. Die empirische Politikwissenschaft will Zusammenhänge beschreiben und erklären. Sie arbeitet quantitativ und qualitativ, nutzt statistische Verfahren und mathematische Modelle, etwa die Theorie der rationalen Entscheidung, und verzichtet auf eine abschließende Wertung ihrer Ergebnisse. Die normative Politische Theorie untersucht dagegen Wertvorstellungen und deren normativen Gehalt. Sie diskutiert diese vor ideen- und philosophiegeschichtlichen Hintergründen und verwendet unter anderem analytisch-hermeneutische Textinterpretation.

Begriff und Entwicklung des Faches

Wissenschaftliches Nachdenken über Politik fand lange im Rahmen der Philosophie statt, besonders in der Tradition des politischen Aristotelismus. Weitere Wurzeln liegen in der frühneuzeitlichen Reichspublizistik sowie in der Kameral- und Policeywissenschaft des 19. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert lehrte Joseph von Sonnenfels an der Universität Wien „Politische Wissenschaften“.

In Deutschland entstand eine eigenständige Politikwissenschaft im engeren Sinn erst nach dem Zweiten Weltkrieg und unter US-amerikanischem Einfluss. Ein wichtiger Vorläufer war die 1920 in Berlin gegründete Deutsche Hochschule für Politik, die bis zu ihrer Eingliederung in die Berliner Universität 1940 bestand. In der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik wurde das Fach vor allem als Demokratie- und Integrationswissenschaft verstanden. Es sollte unter anderem Lehrer und Journalisten befähigen, demokratische Vorstellungen zu vermitteln. Zunächst standen formale Institutionen wie Parteien, Gewerkschaften, Parlamente und die Bundesregierung im Mittelpunkt. Dieser Bereich wird heute als Polity bezeichnet.

Später verlagerte sich das Interesse auf die tatsächlichen politischen Prozesse innerhalb der Institutionen und auf die Funktionen, die Institutionen im politischen Gesamtsystem erfüllen. Auch Verbände rückten in den Blick, obwohl sie nicht gesetzlich verankert sind. Die Analyse realer Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse wird als Politics bezeichnet. In der Bundesrepublik bildeten sich unter anderem die Kölner, Freiburger und Marburger Schule heraus.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Politikwissenschaft im deutschsprachigen Raum die bevorzugte Bezeichnung. Frühere Bezeichnungen waren Politische Wissenschaft, Wissenschaft von der Politik, Wissenschaftliche Politik und Staatswissenschaft(en); diese Begriffe sind weitgehend synonym. Die Bezeichnung Politologie ist ebenfalls gebräuchlich. Das Fach unterscheidet wissenschaftliche Beschäftigung mit Politik strikt von praktischer Politik und beruht auf dem Prinzip der Wertfreiheit: Politiker machen Politik, Politikwissenschaftler untersuchen politische Fragen wissenschaftlich.

Teildisziplinen und Forschungsfelder

Grundlegend wird das Fach in drei Bereiche gegliedert: Politische Theorie einschließlich Politischer Philosophie und Ideengeschichte, Vergleichende Politikwissenschaft sowie Internationale Beziehungen beziehungsweise Internationale Politik. Je nach Universität kommen weitere Bereiche hinzu, etwa System- und Regierungslehre, Politische Soziologie, Politische Ökonomie, Politische Methodenlehre, Verwaltungswissenschaft, öffentliches Recht, Politikfeldanalyse und Geschlechterforschung.

Die Unterscheidung Polity, Politics und Policy beschreibt drei Perspektiven: Polity bezeichnet politische Institutionen und formale Strukturen, Politics die politischen Prozesse und Policy die Inhalte und Maßnahmen einzelner Politikfelder. Die Policy-Forschung oder Politikfeldforschung untersucht Sachprobleme bestimmter Bereiche, beispielsweise der Gesundheitspolitik. Sie ist für die Politikberatung wichtig, weil politische Entscheidungsträger wissenschaftlich begründete Entscheidungen vorbereiten oder absichern wollen. Die Wissenschaftlichkeit solcher Beratung ist jedoch nicht immer eindeutig; teilweise handelt es sich um interessengeleitete „Gefälligkeitsgutachten“.

Weitere gebräuchliche Unterteilungen sind Politisches System, Politische Theorie, Politikgeschichte, Internationale Politik oder Internationale Beziehungen, Europäische Politik beziehungsweise European Studies sowie Vergleichende Politikwissenschaft oder Komparatistik. Zu den wichtigen Forschungsgegenständen gehören die Strukturprobleme der Demokratie, Parteien und soziale Bewegungen, internationale Beziehungen, Friedens- und Konfliktforschung, das Verhältnis von Staatsinterventionismus und Wirtschaft, politische Bewusstseinsformen und Haltungen, öffentliche Meinung, Massenmedien und Wahlverhalten.

Studium in Deutschland, Österreich und der Schweiz

In Deutschland kann Politikwissenschaft an fast jeder größeren Universität als Haupt- oder Nebenfach studiert werden. Nach dem Bologna-Prozess überwiegen Bachelor- und Masterstudiengänge; frühere Diplom- und Magisterstudiengänge wurden weitgehend abgelöst. Viele Studiengänge sind interdisziplinär und verbinden politische Themen mit anderen Sozialwissenschaften. Für das Lehramt gibt es das Staatsexamen; das Unterrichtsfach heißt je nach Bundesland beispielsweise Gemeinschaftskunde, Sozialkunde, Gesellschaftslehre, Politik- und Sozialwissenschaft oder Politik und Wirtschaft.

Zu den besonderen Angeboten gehören verwaltungswissenschaftlich und methodisch ausgerichtete Studiengänge in Konstanz und Potsdam sowie staatswissenschaftliche Studiengänge in Erfurt und Passau. An der Zeppelin Universität Friedrichshafen gibt es vierjährige Bachelor- und zweijährige Masterstudiengänge in „Politics, Administration & International Relations“ mit verschiedenen Vertiefungen. Die FernUniversität in Hagen bietet ein Fernstudium an. An der Helmut-Schmidt-Universität kann Politikwissenschaft im Diplomstudiengang in Trimesterstruktur studiert werden; der Abschluss ist nach drei Jahren möglich. Die Hochschule für Politik München bietet weiterhin einen Diplomstudiengang an und ermöglicht unter bestimmten Voraussetzungen ein Studium auch ohne allgemeine Hochschulzugangsberechtigung.

In Österreich ist das Studium in Bachelor und Master gegliedert; anschließend ist eine Promotion möglich. Außerdem gibt es einen Lehramtsabschluss im Fach Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung. Politikwissenschaft wird an den Universitäten Innsbruck, Salzburg und Wien angeboten. In Innsbruck besteht seit dem 1. Januar 2005 eine eigene Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie. In Salzburg kann das Fach seit Herbst 2017 mit Philosophie und Volkswirtschaftslehre verbunden werden; an der Universität Linz ist es seit dem Wintersemester 2018/19 im Doktoratsstudium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften möglich.

In der Schweiz wird Politikwissenschaft unter anderem in Zürich, Basel, Bern, Genf, Lausanne, Luzern und St. Gallen angeboten. Die Studiengänge sind teilweise interdisziplinär und verbinden das Fach mit Volkswirtschaftslehre, Recht, Geschichte, Soziologie oder Kommunikations- und Medienwissenschaften. Das Center for Comparative and International Studies wurde 1997 aus Einrichtungen der Universität Zürich und der ETH Zürich gebildet.

Berufsfelder, Verbände und Einrichtungen

Politikwissenschaftliche Absolventen arbeiten nicht nur in Forschung und Lehre, sondern auch in der politischen Bildung, im Lehramt, in Publizistik und Medien, in Parteien und Parlamenten, Verbänden, der öffentlichen Verwaltung, internationalen Organisationen und der Wirtschaft. Sprachkenntnisse und weitere fachliche Qualifikationen beeinflussen die individuellen Berufslaufbahnen.

Eine wissenschaftliche Karriere strebt heute etwa jeder fünfte Studierende an. Der Zugang zum wissenschaftlichen Arbeitsmarkt hängt unter anderem vom Alter bei der Promotion, vom Engagement der Betreuung, der fachlichen und thematischen Breite der Ausbildung, dem Generationenwechsel bei Professuren sowie von gesellschaftlichen Diskursen und staatlicher Förderung ab. Der Arbeitsmarkt ist konjunkturabhängig und weist einen hohen Konkurrenzdruck auf. Rund 15 % der Politikwissenschaftler arbeiten bei Parteien, Parlamenten, Verbänden oder Nichtregierungsorganisationen. Ein großer Anteil ist in den Medien tätig, rund ein Fünftel in der freien Wirtschaft, besonders in Consulting und Public Relations, und etwa ein Zehntel in der öffentlichen Verwaltung. Dort schränkt das faktische „Juristenmonopol“ im höheren Dienst die Karrierechancen ein.

Zu den Fachgesellschaften gehören die Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft, die Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft, die Deutsche Gesellschaft zur Erforschung des Politischen Denkens, die Österreichische Gesellschaft für Politikwissenschaft und die Schweizerische Vereinigung für politische Wissenschaft. International besteht die International Political Science Association; die International Association for Political Science Students vertritt die Studierenden.

Zu den ausgewählten deutschen Einrichtungen zählen das älteste Institut für Politikwissenschaft in Tübingen, gegründet 1952, das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin als größte politikwissenschaftliche Einrichtung Deutschlands, das Geschwister-Scholl-Institut in München und die NRW School of Governance in Duisburg-Essen. In Österreich werden unter anderem das Institut für Politikwissenschaft in Wien und der Fachbereich Politikwissenschaft in Salzburg genannt.

Globale Verbreitung und Publikationssprache

Die weltweite Verbreitung politikwissenschaftlichen Wissens ist ungleich. Nach Daten des OCLC WorldCat und einer Studie von Arno Tausch wurden zwischen 2016 und 2021 insgesamt 505365 neue Titel zur Politikwissenschaft in allen Sprachen registriert. 69 % erschienen auf Englisch, 4,2 % auf Deutsch, jeweils 1,8 % auf Schwedisch und Französisch, 1,7 % auf Arabisch und 1,3 % auf Spanisch. Damit besteht weiterhin eine deutliche Dominanz der englischen Sprache.

Nur 4,1 % der englischsprachigen Publikationen waren in mehr als 500 Bibliotheken vorhanden; 17,5 % der politikwissenschaftlichen Buchproduktion waren in 50 bis 499 Bibliotheken vertreten. Länder mit nur 5,4 % der Weltbevölkerung beherbergen die Publikation von 70,1 % der in Scopus indizierten politikwissenschaftlichen Zeitschriften. Die Bibliotheken der BRICS-Länder Brasilien, Russland, Indien und China, deren Bevölkerung mehr als 40 % der Weltbevölkerung ausmacht, hatten jeweils Zugang zu weniger als 1 % der 474974 im OCLC WorldCat verzeichneten Werke mit „Politikwissenschaft“ im Titel.

Von 16705 Zeitschriftenpublikationen mit dem Stichwort „Politikwissenschaft“ erschienen 11254 auf Englisch, 772 auf Deutsch, 711 auf Französisch und 471 auf Chinesisch. Die American Political Science Review war in 1797 Bibliotheken verfügbar, darunter nur in 16 Bibliotheken in Lateinamerika, 7 in Afrika südlich der Sahara, 6 in Innerasien und 7 in Südasien. Diese Zahlen weisen auf eine begrenzte globale Sichtbarkeit und eine starke Konzentration der politikwissenschaftlichen Wissensproduktion hin.

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