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Hermeneutik
Die Hermeneutik (altgriechisch ἑρμηνεύειν hermēneúein, deutsch ‚erklären', ‚auslegen', ‚übersetzen') ist die Theorie der Interpretation von Texten und des …
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Grundlagen und Aufgaben
Hermeneutik ist die Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens. Der Mensch versteht mithilfe von Symbolen, Zeichen und Sprache und ist dabei in eine Gemeinschaft eingebunden. Sinn findet sich nicht nur in Texten, sondern in allen menschlichen Schöpfungen. Diesen Sinn zu erschließen, ist eine hermeneutische Aufgabe.
In Antike und Mittelalter war Hermeneutik vor allem die Kunst und Wissenschaft der Auslegung grundlegender Texte, besonders der Bibel und von Gesetzen. In der Neuzeit wurde sie zu einer allgemeinen Lehre von den Voraussetzungen und Methoden sachgerechter Interpretation sowie zu einer Philosophie des Verstehens. Die allgemeine Hermeneutik untersucht Texte und Zeichen im Allgemeinen. Die besondere Hermeneutik behandelt fachbezogene Auslegungsprobleme etwa der Rechtswissenschaft, Theologie, Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Kunstgeschichte. Auch die Interpretation von Musik und Bildender Kunst kann hermeneutisch genannt werden.
Hermeneutik fragt sowohl nach dem Sinn eines Werkes als auch nach den Bedingungen seines Verstehens. Ein intuitiver Ansatz versteht Verstehen als unmittelbaren Vorgang, der aller Reflexion und allem diskursiven Denken vorausgeht. Die philosophische Hermeneutik betont dagegen, dass Verstehen geschichtlich, sprachlich und perspektivisch gebunden ist. Seit dem 19. Jahrhundert wurde daher besonders problematisch, wie Menschen trotz ihrer geschichtlichen Begrenztheit zu angemessenen Deutungen gelangen können.
Von der Antike bis zur Reformation
In der antiken Hermeneutik ging es darum, hinter offenbaren Bedeutungen verborgene Bedeutungen zu erkunden. Bei der Auslegung Homers wurden zunächst Wörter und Sätze erklärt; anschließend untersuchte man die allegorische Bedeutung. Allegorese bezeichnet die Ermittlung eines verborgenen Sinns, der vom wörtlichen Sinn eines Textes abweicht. Die Stoa beeinflusste diese Methode ebenso wie die jüdische Bibelinterpretation, besonders bei Philon von Alexandria. Origenes nahm neben dem wörtlichen Sinn einen höheren geistigen und seelischen Sinn der Heiligen Schrift an. Augustinus unterschied wörtlichen, moralischen und geistlichen Sinn und verstand Dinge zugleich als Zeichen der Schöpfung.
Platon unterschied die sinnlich wahrnehmbare Beschaffenheit eines Dinges von seinem nicht sinnlich wahrnehmbaren wesenhaften Sein. Die vollständige geistige Erkenntnis erfolgt nach ihm in fünf Schritten: Name; sprachlich ausgedrückte Begriffsbestimmung; sinnlich Wahrnehmbares; begriffliche Erkenntnis; und schließlich das wahre Urbild beziehungsweise die Idee des Dinges. Erkenntnis soll durch vergleichende, leidenschaftslose Prüfung und die dialektische Methode gewonnen werden.
Aristoteles verstand jede Aussage zugleich als Ausdruck eines Gemeinten. Das Aussagen wandelt innerlich Gedachtes in Sprache um; das Auslegen geht umgekehrt von der geäußerten Sprache zur gedachten Aussageabsicht zurück. Hermeneutik ist damit ein Vorgang der Sinnvermittlung vom Äußeren zu einem Inneren von Sinn.
Im Mittelalter wurde die Bibel nach dem Modell des vierfachen Schriftsinns ausgelegt. Der äußere Mantel, der cortex, enthielt den wörtlichen beziehungsweise historischen Sinn (sensus litteralis, sensus historicus). Der tiefere Kern, der nucleus, wurde in drei Ebenen gegliedert: den moralischen Sinn (sensus tropologicus), den christologischen und kirchlichen Sinn (sensus allegoricus) sowie den hinführenden Sinn (sensus anagogicus), der auf die himmlischen Mysterien und Künftiges verweist. Die tiefsten Offenbarungen galten im Diesseits als nicht vollständig erschließbar.
Die Rezeption des römischen Rechts machte juristische Auslegung politisch und wirtschaftlich bedeutsam. Juristen mussten historische Texte verstehen und zugleich auf die neuzeitliche Welt anwenden. Maßstab war deshalb nicht nur die Absicht des Gesetzgebers, sondern auch der „Grund des Gesetzes“. In Reformation und Humanismus forderten die Reformatoren dagegen eine Rückkehr zum Wortlaut der Bibel und eine objektive, objektgebundene Auslegung ohne subjektive Willkür. Martin Luther formulierte das Prinzip „sacra scriptura sui ipsius interpres“: Die Schrift legt sich selbst aus. Damit verbunden war das Sola-scriptura-Prinzip. Philipp Melanchthon übertrug Begriffe der antiken Rhetorik auf die verständige Lektüre von Texten („ars bene legendi“). Matthias Flacius betonte zusätzlich Sprachkenntnisse, grammatische Analyse und den Vergleich von Parallelstellen.
Renaissance und Aufklärung
In der Renaissance entwickelte sich die Textkritik (ars critica) als eigenständige Disziplin. Sie suchte die ursprüngliche Gestalt von Bibeltexten und klassischen Werken zurückzugewinnen, die durch kirchliche Lehrtradition, Übersetzungen oder das mittelalterliche Latein entstellt worden sein konnten. Der Buchdruck und das erneuerte Studium der römischen und griechischen Antike erweiterten die Auslegung. Dadurch entstand das Bedürfnis nach einer allgemeinen Methodenlehre für die Wissenschaften.
Johann Conrad Dannhauer verwendete den Begriff Hermeneutik als Buchtitel erstmals im 17. Jahrhundert. In seiner „Idea Boni Interpretis“ von 1630 entwarf er eine „hermeneutica generalis“; 1654 erschien seine „Hermeneutica sacra“. Für eine richtige Interpretation verlangte er unter anderem ein unbestechliches Urteil, die Untersuchung des Vorangehenden und Folgenden, die Beachtung von Analogie, Kernaussage (Scopus) und Zielsetzung, Kenntnis des Sprachgebrauchs des Autors sowie die Berücksichtigung von Übersetzungsfehlern. Ziel sei, den wahren Sinn einer Rede darzulegen und vom falschen abzugrenzen. Allgemeine Hermeneutik sollte als propädeutische, der Logik zuordenbare Wissenschaft auch Recht, Theologie und Medizin mit einem gemeinsamen Auslegungsinstrumentarium versorgen.
In der frühen Aufklärung wurde die Verbalinspiration abgelehnt und nach allgemeinen Regeln des Verstehens gesucht. Baruch de Spinoza forderte eine freie, historische und kritische Prüfung der Bibel. Nur was klar aus ihr entnommen werden könne, solle angenommen werden. Vernunftwidrige Aussagen verlangten nach einer natürlichen Erklärung; die Bibel solle nicht als wissenschaftliches Lehrbuch gelesen werden. Ihre Lehren zielten auf Gottes- und Nächstenliebe. Texte sollten nach ihrer Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte sowie nach ihrem geschichtlichen Umfeld untersucht werden.
Johann Martin Chladenius führte 1742 den Begriff „Sehepunkt“ ein. Damit bezeichnete er die Umstände von Seele, Körper und gesamter Person, die bewirken, dass jemand eine Sache so und nicht anders vorstellt. Objektivität wird nach Chladenius erst möglich, wenn diese unterschiedlichen Perspektiven berücksichtigt werden. Georg Friedrich Meier weitete 1757 die Hermeneutik zu einer Universalhermeneutik aus, die auf natürliche und künstliche Zeichen aller Art gerichtet ist. Verstehen bedeutet bei ihm, ein Zeichen in den umfassenden Zusammenhang der Welt einzuordnen.
Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ unterschied die Welt der Phänomene, wie sie durch den menschlichen Erkenntnisapparat vermittelt wird, von den „Dingen an sich“. Daraus folgte die Einsicht in die Grenzen menschlicher Erkenntnis und später in die geschichtliche Gebundenheit des Denkens und Verstehens.
Hermeneutik im 19. Jahrhundert
Friedrich Ast formulierte die These vom hermeneutischen Zirkel: Das Einzelne wird aus dem Ganzen verstanden, während das Ganze durch die einzelnen Elemente erkannt wird. Er unterschied eine analytische Methode, die aus dem Einzelnen den Geist des Ganzen sucht, und eine synthetische Methode, die durch das Ganze das Einzelne begreift. Das Ganze ist nach Ast nicht erst das Ergebnis der Zusammensetzung aller Teile; es ist bereits in jedem einzelnen Element wirksam.
Friedrich Schleiermacher bestimmte Hermeneutik als Kunst des Verstehens und Technik der richtigen Auslegung. Sie soll nicht erst einsetzen, wenn das Verständnis unsicher wird, sondern von Anfang an mögliche Missverständnisse verhindern. Zwei Ebenen sind zu beachten: Die grammatische Interpretation erschließt den sprachlichen Kontext; die psychologische Interpretation untersucht die Motive, das Leben und die geschichtliche Situation des Verfassers. Der Interpret soll sich durch „Einleben“ beziehungsweise Divination in das Bewusstsein des Autors hineinversetzen. Ein Werk wird dadurch als Ausdruck der Psyche, des Lebens und der Epoche seines Verfassers verstanden. Schleiermacher führte außerdem die Fremdheit zwischen verstehendem Subjekt und Verstandenem als zentrales Problem ein, hielt ihre prinzipielle Überwindung aber für möglich.
Im Historismus wurde „Verstehen“ zu einem wissenschaftlichen Begriff der Geschichtswissenschaften. Johann Gustav Droysen unterschied Verstehen von „Erklären“, das den mathematisch-physikalischen Wissenschaften zugeordnet wurde. August Boeckh beschrieb Philologie als „Erkennen des Erkannten“ und unterschied grammatische, literarisch-gattungshafte, historisch-reale und psychologisch-individuale Interpretation.
Wilhelm Dilthey begründete die Geisteswissenschaften auf einer verstehenden und beschreibenden Psychologie. Sein Grundsatz lautet: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Das Erlebnis ist für ihn das unmittelbar Gewisse. Die beschreibende Psychologie erfasst den erlebten Zusammenhang des Seelenlebens; die erklärende Psychologie konstruiert dagegen aus Elementen und Hypothesen kausale Zusammenhänge. Beide Erkenntnisweisen ergänzen sich.
Auch bei Dilthey wird das Einzelne aus dem Zusammenhang des Ganzen verstanden: Wie sich die Bedeutung eines Wortes aus dem Satz und die Bedeutung des Satzes aus dem Text ergibt, erschließt sich geschichtliche Bedeutung aus umfassenden Überlieferungszusammenhängen. Die Geisteswissenschaften untersuchen, was der Mensch geschaffen und mit seinem Gepräge versehen hat; die Naturwissenschaften behandeln die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit.
Philosophische Hermeneutik im 20. Jahrhundert
Heinrich Rickert unterschied historisches Verstehen vom psychologischen Verstehen als Nacherleben. Historische Tatsachen erhalten ihre Bedeutung durch den Bezug auf Kulturwerte, die als irreale Sinngebilde verstanden werden. Historisches Verstehen erfasst diese Sinngebilde, während psychologisches Nacherleben reale seelische Vorgänge betrifft.
Martin Heidegger machte Verstehen zu einem konstitutiven Element des menschlichen Daseins, einem „Existenzial“. Verstehen ist nicht nur eine Erkenntnisweise, sondern eine Grundbewegung des Daseins und eine Voraussetzung praktischen Könnens. Der Mensch versteht sich in seinem In-der-Welt-Sein, das durch Verstehen, Befindlichkeit und Sorge bestimmt ist. Wegen seiner „Geworfenheit“ ist jedes Verstehen geschichtlich geprägt. Hermeneutik soll dem Dasein seine eigenen Seinsstrukturen zugänglich machen; Reflexion setzt dabei auf einem ursprünglicheren, vorprädikativen Verstehen auf.
Hans-Georg Gadamer stellte Verstehen in den Zusammenhang eines prinzipiell unabschließbaren Gesprächs mit der geschichtlichen und kulturellen Überlieferung. Anders als der Historismus verlangt er nicht, sich vollständig in den Geist vergangener Zeiten zu versetzen. Der zeitliche Abstand kann vielmehr neue Sinnbezüge eröffnen. Der Sinn eines Textes oder Kunstwerks wird nie endgültig ausgeschöpft, weil sich ständig neue Verständnismöglichkeiten ergeben.
Für Gadamer ist Verstehen ein Gespräch, in dem sich die Beteiligten unter die Führung der Sache stellen und auch die Stärke einer anderen Meinung prüfen. Kein Verstehen ist vollständig frei von Vorurteilen; die Aufgabe besteht darin, Vorurteile durch Fragen und Forschung zu prüfen. Wahrheit ist kein bloßes Ergebnis subjektiver Methode, sondern kann sich im Geschehen des Verstehens ereignen. Das Subjekt ist in Sprache, Überlieferung und Lebenszusammenhänge einbezogen.
Neben der Heidegger-Gadamer-Tradition entwickelten Georg Misch, Hans Lipps und Otto Friedrich Bollnow eine an Dilthey anschließende, nicht ontologische Hermeneutik. Sie bezogen philosophische Begriffe auf das Leben zurück. Lipps verstand Philosophie als sprachgebundene Hermeneutik der Wirklichkeit; Bollnow entwickelte die Hermeneutik als Lebensphilosophie weiter.
Neuere Ansätze und Anwendungsfelder
Karl-Otto Apel ergänzte das verstehende Verfahren der Geisteswissenschaften durch erklärende Methoden der Natur- und Sozialwissenschaften. Besonders bei außereuropäischen Kulturen müsse die eigene und fremde Sinntradition mit soziologischen Analysen von Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen vermittelt werden. Er forderte eine dialektische Vermittlung von sozialwissenschaftlicher „Erklärung“ und historisch-hermeneutischem „Verstehen“.
Paul Ricœur übertrug die Textinterpretation auf menschliche Handlungen und soziale Phänomene. Eine Handlung sei wie ein Text ein offenes, unvollendetes Werk, dessen Sinn in der Schwebe bleibt. Zwischen Dogmatismus und Skeptizismus soll die Interpretation argumentativ geprüft werden. Ricœur unterscheidet eine oberflächliche von einer Tiefensemantik: Entscheidend ist nicht nur, was der Autor ausdrücken wollte, sondern die Welt, die der Text eröffnet. Verstehen bedeutet, der Bewegung vom Sinn zu dem zu folgen, wovon der Text handelt.
Jürgen Habermas kritisierte, dass ein hermeneutischer Konsens nach Gadamer auch durch ideologisch verschleierte Herrschaft entstehen könne. Ideologiekritik soll gesellschaftlich falsches Bewusstsein aufdecken. Später entwickelte Habermas das Modell einer herrschaftsfreien Diskursethik. Die interkulturelle Hermeneutik, etwa bei Hans Köchler, nutzt Gadamers „Horizontverschmelzung“ zur Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen.
Der hermeneutische Intentionalismus untersucht die Gedanken und Absichten des Autors. Quentin Skinner unterscheidet die retrospektive Bedeutsamkeit eines Werkes (significance) von seiner Bedeutung für den Autor (meaning). Die Bedeutung wird durch die Absichten des Autors festgelegt.
Jürgen Bolten ersetzt den Begriff des hermeneutischen Zirkels durch die „hermeneutische Spirale“. Ein vorläufiges Verständnis des Ganzen wird durch die genauere Untersuchung der Teile laufend korrigiert. So entsteht Verstehenszuwachs; Interpretationen sind mehr oder weniger angemessen und bleiben prinzipiell unabgeschlossen.
In der Psychologie ist Verstehen ein konstruktiver und rekonstruktiver Prozess, der neue Informationen mithilfe vorhandener kognitiver Schemata deutet. Diese Schemata übernehmen die Funktionen Selektion, Erwartung, Aufmerksamkeit, Abstraktion, Interpretation und Integration.
Die Hermeneutik der Natur untersucht Naturerfahrung und die kulturelle Konstitution von Natur. Zu ihren Grundtypen gehören unter anderem leibliche und alltägliche Naturerfahrung, soziale Naturwissenschaft, eine andere Naturwissenschaft, hermeneutische Phänomenologie naturwissenschaftlicher Forschung, Tiefenökologie und environmental philosophy.
Die von Ulrich Oevermann entwickelte Objektive Hermeneutik richtet sich auf objektive Bedeutungen von Zeichen und Texten sowie auf latente soziale Sinnstrukturen. Sie unterscheidet zwischen dem Gesagten und dem subjektiv Gemeinten. Auch Bedeutungen, die niemand beabsichtigt, etwa sozial oder psychisch Unbewusstes, können Gegenstand der Auslegung sein. Der Ausdruck „objektiv“ bedeutet dabei nicht, dass die Methode automatisch objektive Interpretationen liefert.