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Quelle (Geschichtswissenschaft)

Für die Definition einer Quelle ist das Forschungsinteresse des jeweiligen Historikers entscheidend. Aus dieser und aus der inneren und äußeren Form der Quellen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung historischer Quellen
  2. 2. Quelle, Fachliteratur und Überlieferung
  3. 3. Arten und Einteilungen von Quellen
  4. 4. Nähe, Tradition und Normen
  5. 5. Erschließung, Prüfung und Belege

Bedeutung historischer Quellen

Quellen sind in der Geschichtswissenschaft nach Paul Kirn „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“. Ob etwas als Quelle gilt, hängt immer auch vom Forschungsinteresse des Historikers ab. Quellen ermöglichen es, historische Sachverhalte zu rekonstruieren und Aussagen wissenschaftlich zu belegen.

Die Quellenlage ist die Gesamtheit der verfügbaren Quellen zu einem Thema sowie ihr jeweiliger Status. Sie muss sorgfältig erfasst werden, damit ein Sachverhalt angemessen beurteilt werden kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Quellen verloren gegangen sein können: Besonders viele antike Prosawerke und frühmittelalterliche Urkunden sind nicht erhalten. Solche Zeiten können daher quellenärmer erscheinen, als sie ursprünglich waren.

Zentral ist die Quellenkritik, die unter anderem Johann Gustav Droysen und Barthold Georg Niebuhr in die Geschichtswissenschaft einführten und Ernst Bernheim weiterentwickelte. Sie prüft erstens die Echtheit einer Quelle und zweitens ihre Aussagekraft. Historiker sollen Quellen außerdem nicht nur zur Bestätigung eigener Aussagen benutzen, sondern ihre Perspektive durch Dekonstruktion erkennen. Das sogenannte Vetorecht der Quellen, geprägt von Reinhart Koselleck, bedeutet: Quellenbefunde können Deutungen als historisch falsch oder unzulässig erweisen.

Quelle, Fachliteratur und Überlieferung

Quellen sind grundsätzlich von Sekundärliteratur zu unterscheiden. Sekundärliteratur ist moderne wissenschaftliche Fachliteratur, etwa Monografien oder Artikel in Fachzeitschriften. In ihr stellen Wissenschaftler Forschungsergebnisse vor und diskutieren sie unter Bezug auf andere Fachliteratur.

Die Grenze kann jedoch vom Erkenntnisinteresse abhängen. Theodor Mommsens Römisches Staatsrecht ist für einen Altertumshistoriker, der das politische System des Alten Roms erforscht, Fachliteratur. Für einen Wissenschaftshistoriker, der Mommsens Werk oder die Altertumswissenschaft des 19. Jahrhunderts untersucht, ist dasselbe Buch dagegen eine Quelle. Im Regelfall werden antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Texte als Quellen ausgewertet und mit moderner Fachliteratur interpretiert.

Angesichts KI-generierter Texte, bei denen Quellen, Urheberschaft und historiographische Verantwortung weitgehend unklar sein können, soll die Unterscheidung von Quellen und Darstellungen um den Begriff Kompilation ergänzt werden.

Eine Primärquelle ist die Quelle, auf die sich eine Untersuchung direkt bezieht. Eine Sekundärquelle vermittelt dagegen etwas über den Inhalt einer verlorenen Primärquelle. Cassiodors spätantike Gotengeschichte ist beispielsweise verloren; Jordanes’ Getica kann als Sekundärquelle dienen, weil Jordanes nach eigener Aussage Cassiodor benutzte. Stefan Jordan definiert eine sekundäre Quelle als „die sinngemäße Wiedergabe einer Quelle in einer anderen Quelle“. Eine Zwischenquelle ist ein Werk, das einem Geschichtsschreiber Informationen aus weiteren, von ihm selbst nicht eingesehenen Werken vermittelt hat.

Arten und Einteilungen von Quellen

Quellen lassen sich nicht immer eindeutig einer Gruppe zuordnen, weil die Einteilung von der Fragestellung abhängt. Grundsätzlich unterscheidet man Sachquellen, Bildquellen, abstrakte Quellen und Textquellen; Benennungen und Einteilungen können je nach Lehrbuch abweichen.

Sachquellen oder dingliche Relikte sind etwa Bau- und Kunstwerke, Münzen sowie Gegenstände aus Arbeit und Alltag, beispielsweise Pfeilspitzen oder Pflüge. Bearbeiteter Feuerstein gehört zu den ältesten Sachquellen zur menschlichen Kultur. Solche Quellen behandeln häufig Archäologie und Historische Hilfswissenschaften.

Bildquellen sind profane oder künstlerische Darstellungen, etwa Gemälde und Fotografien. Nicht nur die Kunstgeschichte, sondern auch Politik-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte nutzt sie für Aussagen über gesellschaftliche Wirklichkeit. Zur modernen Überlieferung gehören auch Audio- und Videoquellen. Bild-, Ton- und Filmquellen lassen sich grob in dokumentarische sowie narrativ-fiktionale Quellen gliedern. Bei komplexen und vieldeutigen Formen wie Bildton-Dokumenten, Kinofilmen, TV-Serien oder Computerspielen ist vor der Auswertung eine theoretische Auseinandersetzung nötig. Eine Darstellung des norwegischen Königs Haakon aus dem 19. Jahrhundert ist nicht Quelle für das 10. Jahrhundert, wohl aber dafür, wie ein Maler des 19. Jahrhunderts sich Haakon vorstellte.

Abstrakte Quellen oder abstrakte Überreste sind nicht gegenständlich, sondern in der sozialen Realität erfahrbar. Ahasver von Brandt versteht darunter fortlebende oder überlieferte Institutionen. Die madagassische Sprache kann etwa auf die Herkunft der Vorfahren heutiger Einwohner Madagaskars aus Asien hinweisen. Auch ein lange gefeiertes Volksfest belegt zumindest seine eigene Existenz und seine frühere Entstehung. Wissenschaftlich verwendbar wird eine Beobachtung jedoch erst, wenn ein Forscher sie schriftlich festhält.

Textquellen sind für Historiker meist besonders wichtig und aussagekräftig. Dazu zählen Geschichtswerke, Briefe, Akten, Zeitungen, Pamphlete und literarische Werke. Problematisch können Quellen sein, die ursprünglich mündlich überliefert wurden, auf Erinnerungen beruhen und erst später schriftlich festgehalten wurden. Typologien ordnen schriftliche Quellen nach Textgenre und Literaturgattung, etwa Chroniken, Annalen, Biographien, Urkunden, Akten, Steuerbücher, Universitätsmatrikel oder Nekrologe. Zu Ego-Dokumenten beziehungsweise Selbstzeugnissen zählen unter anderem Briefe, Taschenkalender, Tagebücher und Memoiren. Hilfswissenschaften befassen sich jeweils mit bestimmten Quellengattungen: Numismatik mit Münzen, Paläographie mit Schriftarten, Diplomatik mit Urkunden, Epigraphik mit Inschriften und Sphragistik mit Siegeln.

Nähe, Tradition und Normen

Bei der Bewertung einer Quelle ist ihre zeitliche, personelle und sonstige Nähe zum Ereignis wichtig. Ein Tagebucheintrag am Tag eines Ereignisses unterscheidet sich von Jahre später verfassten Memoiren. Frühere Quellen sind aber nicht automatisch zuverlässiger: Entscheidend ist auch, auf welche Quellen sich ein Verfasser stützte und ob er aus eigener Anschauung möglichst zuverlässig und wenig subjektiv berichtete.

Droysen unterschied ursprünglich „Überreste“, „Quellen“ und „Denkmäler“; Bernheim formte dies zur Unterscheidung von Überrest und Tradition um. Überreste sind „Alles, was unmittelbar von den Begebenheiten übriggeblieben ist“. Tradition ist „Alles, was von den Begebenheiten übriggeblieben ist, hindurchgegangen und wiedergegeben durch menschliche Auffassung.“

Eine Traditionsquelle berichtet absichtlich über Vergangenes, etwa eine Rede, ein Brief oder ein Geschichtswerk. Ein Überrest entsteht dagegen bei einer anderen Handlung. Eine Rechnung aus dem Geschäftsverkehr belegt beispielsweise einen Geschäftsvorgang und kann später als Quelle dienen. Überreste gelten allgemein als zuverlässiger, weil bei Traditionsquellen Irrtum oder absichtliche Täuschung möglich sind. Auch eine Rechnung kann jedoch fehlerhaft oder betrügerisch sein.

Dieselbe Quelle kann je nach Frage anders eingeordnet werden: Ein Brief von A an B ist hinsichtlich des beschriebenen Ereignisses eine Traditionsquelle, hinsichtlich der Beziehung und Kommunikation zwischen A und B aber ein Überrest. Deshalb erlaubt die Einteilung laut von Brandt keine „absolute Systematik“. Alle Sachquellen, etwa Gebäude oder körperliche Überreste, gehören nach von Brandt zu den Überrestquellen.

Deskriptive Quellen sollen eine vom Verfasser wahrgenommene Wirklichkeit beschreiben; eine möglichst wertfreie Betrachtung ist in der Praxis jedoch schwer festzustellen. Normative Quellen, zum Beispiel Gesetzestexte oder politische Traktate, sagen dagegen, wie etwas sein oder gemacht werden soll. Ob diese Normen tatsächlich befolgt wurden, muss zusätzlich geprüft werden.

Erschließung, Prüfung und Belege

Vor jeder Interpretation verlangt die historisch-kritische Methode die Erschließung und kritische Prüfung des Materials. Erschließung bedeutet, Quellenmaterial festzustellen, einen Überblick zu gewinnen und den Zugang zu ermöglichen. Forschung nutzt besonders Quellen in Archiven, Bibliotheken und Museen, wenn sie durch Findmittel wie Inventare, Kataloge, Repertorien oder Datenbanken erschlossen sind. Eindeutige Signaturen oder Inventarnummern ermöglichen gezielte Recherche und genaue Zitate.

Häufig werden Quellen nicht im Original, sondern als Reproduktion oder Edition verwendet, etwa als Digitalisat einer Handschrift oder als kritische Edition einer Schriftquelle. Das erleichtert Recherche und Überprüfung, weil Originale oft nur an einem Ort liegen und schwer zugänglich sind. Reproduktionen und Editionen können jedoch Fehler oder Besonderheiten enthalten, welche die Interpretation beeinflussen. In wichtigen Fällen kann daher der Vergleich mit dem Original nötig sein.

Vor der Verwendung einer Quelle sind Echtheit, Hersteller und Glaubwürdigkeit zu prüfen. Bei Prosaquellen muss außerdem zwischen Verfasser und Erzähler unterschieden werden. Quellen sind im Zusammenhang mit anderen Quellen einzuordnen. Ein Quellenzitat darf nicht nur einen ausgewählten Textausschnitt bieten, sondern braucht Sachkommentar und Interpretation.

Wissenschaftliche Arbeiten müssen Quellenzitate und quellenbasierte Aussagen genau belegen. Archivalische Quellen werden mit Ort, Archiv, Bestand und Signatur angegeben; Editionen und andere gedruckte Quellen mit bibliographischen Angaben. Wörtliche Zitate werden seitengenau oder etwa mit Spalte oder Folium nachgewiesen. Einzelbelege stehen meist im Anmerkungsapparat; alle verwendeten Quellen werden zusätzlich in einem vom Literaturverzeichnis getrennten Quellenverzeichnis zusammengestellt. Ziel ist, dass Leser die benutzten Quellen finden und die Argumentation überprüfen können.

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