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Historisch-kritische Methode (Geschichtswissenschaft)

Die historisch-kritische Methode ist eine im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte Methode zur Untersuchung von historischen Quellen, ganz überwiegend in Form …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Ziel
  2. 2. Anwendung in Philologie, Recht und Theologie
  3. 3. Bedeutung in der Geschichtswissenschaft
  4. 4. Heuristik, Kritik und Interpretation
  5. 5. Grenzen und wissenschaftlicher Anspruch

Grundidee und Ziel

Die historisch-kritische Methode ist eine im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte wissenschaftliche Methode zur Untersuchung historischer Quellen, vor allem von Texten. Ihr Ziel ist es, eine Quelle möglichst genau zu interpretieren und zugleich offenzulegen, auf welchen Annahmen und Argumentationsschritten diese Interpretation beruht. Entscheidend ist dabei die Rekonstruktion der Entstehung und der Überlieferung eines Textes: Man fragt also, unter welchen historischen Bedingungen ein Text entstanden ist, wie er weitergegeben wurde und ob sich sein Wortlaut im Lauf der Zeit verändert hat.

Die Methode heißt historisch, weil sie Texte nicht nur als alte Texte betrachtet, sondern davon ausgeht, dass sie unter bestimmbaren historischen Bedingungen entstanden und überliefert wurden. Diese Bedingungen sind für das Verständnis wichtig. Sie heißt kritisch im älteren Sinn von „Kritik“: Gemeint sind philologische Arbeitsweisen, besonders die Textkritik. Textkritik bedeutet, die erhaltene Überlieferung genau zu vergleichen, zum Beispiel verschiedene mittelalterliche Handschriften eines antiken Textes. So soll geklärt werden, welcher Wortlaut wahrscheinlich ursprünglich oder zuverlässig ist.

Die historisch-kritische Methode ist mit fachlichen Unterschieden in allen Philologien, in der Theologie und in den Geschichtswissenschaften etabliert. Außerdem wird sie in anderen Fächern genutzt, die mit historischen Texten im weiteren Sinn arbeiten. Als „Väter“ der Methode gilt nicht eine einzelne Person, sondern eine Reihe von Gelehrten aus verschiedenen Fächern, weil die Methode in mehreren wissenschaftlichen Bereichen in leicht unterschiedlichen Varianten entwickelt und angewandt wurde.

Anwendung in Philologie, Recht und Theologie

Die klassische Philologie war das erste Fach, in dem Textkritik betrieben wurde. Philologie beschäftigt sich mit Sprache, Texten und ihrer Überlieferung. Im 19. Jahrhundert wurde die Textkritik erweitert: Der historische Kontext eines Textes wurde stärker für die Interpretation berücksichtigt. Dadurch entwickelte sich die Textkritik zur historisch-kritischen Methode weiter. Andere Disziplinen, die ebenfalls mit historischen Texten arbeiten, übernahmen viele Methoden aus der Altphilologie. Bis heute ist die historisch-kritische Methode für alle Philologien grundlegend.

In der Rechtswissenschaft waren historische und textkritische Fähigkeiten lange wichtig, weil antike Rechtsquellen auf Latein und Altgriechisch bis zu den Kodifikationen des 19. und 20. Jahrhunderts eine große Rolle spielten. Besonders wichtig waren die Pandekten. In der Kanonistik, also der Wissenschaft vom kirchlichen Recht, kamen mittelalterliche lateinische Rechtsquellen hinzu. Solche Texte mussten historisch eingeordnet und textkritisch geprüft werden. Im 19. Jahrhundert wurde die Rechtsgeschichte innerhalb der Historischen Rechtsschule besonders wichtig. Juristen wie Theodor Mommsen trugen wesentlich zur Entwicklung der historisch-kritischen Methode bei. In der Gegenwart spielt diese Methode innerhalb der Rechtswissenschaften jedoch keine große Rolle mehr.

In der Theologie war die Methode vor allem für die Auslegung der Bibel wichtig. Historische und textkritische Fragen sollten helfen, den Wortlaut und die Entstehung der biblischen Schriften genauer zu untersuchen. Im 19. Jahrhundert entwickelten Theologen und Philologen dafür neue Methoden. Gleichzeitig gab es starke Vorbehalte gegen die Anwendung der historisch-kritischen Methode auf biblische Texte. Diese Vorbehalte wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts schwächer.

Bedeutung in der Geschichtswissenschaft

In der Geschichtswissenschaft ist die historisch-kritische Methode eng mit der Entwicklung des Fachs als akademische Disziplin im 19. Jahrhundert verbunden. Wichtige methodische Grundlagen waren bereits im 18. und 19. Jahrhundert von Altphilologen und Theologen entwickelt worden. Erst im 19. Jahrhundert wurden sie aber systematisch auf historische Quellen im Allgemeinen angewandt.

Zunächst profitierte davon besonders die Erforschung der Antike. Im Historismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Methode dann vor allem auf mittelalterliche, seltener frühneuzeitliche Rechtstexte, Urkunden und Chroniken angewandt. Diese Quellengattungen standen damals im Mittelpunkt historischer Forschung. Im 20. Jahrhundert wurde das Spektrum der Quellen immer weiter erweitert. Für einige neuere oder andersartige Quellen eignet sich die klassische historisch-kritische Methode allerdings nicht gleich gut.

In der praktischen Durchführung gilt meist Barthold Georg Niebuhr als Begründer der historisch-kritischen Methode in der Geschichtswissenschaft. Die Ausformulierung als Methode findet sich in Johann Gustav Droysens „Historik“. Seit Ernst Bernheim wird das Vorgehen in Lehrbüchern bis in die Gegenwart meist als Dreischritt dargestellt: Heuristik, Kritik und Interpretation.

Heuristik, Kritik und Interpretation

Heuristik bedeutet das Sammeln der Quellen, die für eine bestimmte Fragestellung wichtig sind. Dazu gehört auch die gesamte Überlieferung. Wer eine historische Frage untersucht, soll also nicht nur einzelne passende Texte herausgreifen, sondern möglichst vollständig erfassen, welche Quellen und Fassungen vorhanden sind.

Die Quellenkritik prüft diese Quellen. Dabei geht es besonders um Echtheit, Überlieferung, Datierung und Aussageabsichten, auch „Tendenzen“ genannt. Ziel ist festzustellen, welche Aussagen aus einer Quelle mit welcher Sicherheit abgeleitet werden können. An erster Stelle steht oft die Textkritik, besonders die Echtheitskritik. Allgemeiner fragt man: Wann und wo ist ein Text entstanden? Welchen Wortlaut hatte er? Wurde er im Laufe der Zeit verändert? Zu welcher Quellengattung gehört er? Wie verhält er sich zu älteren Quellen?

Wichtig ist auch die Frage, was dem Verfasser bekannt war und ob beziehungsweise wie er davon berichtet. Dadurch können Tendenzen erkannt werden, zum Beispiel ein bestimmter ideologischer Standpunkt des Verfassers. Erst nach dieser Prüfung folgt als dritter Schritt die Interpretation. Sie wertet die Quelle aus, berücksichtigt dabei aber die Ergebnisse der Quellenkritik. Die Interpretation soll also nicht unabhängig von der Prüfung der Quelle erfolgen, sondern auf ihr aufbauen.

Grenzen und wissenschaftlicher Anspruch

Der Dreischritt aus Heuristik, Kritik und Interpretation ist keine starre und vollständige Arbeitsanleitung. Je nach Fragestellung und Quellenlage können verschiedene Unterpunkte unterschiedlich wichtig sein. Genaue Arbeitsschritte lassen sich nicht allgemein für alle Quellen festlegen, sondern eher für einzelne Quellengattungen. Deshalb ist es ein wichtiger Teil der Quellenkritik, zuerst zu bestimmen, zu welcher Gattung eine Quelle gehört.

Typisch und entscheidend für die historisch-kritische Methode ist ihr hoher Anspruch an Vollständigkeit, besonders bei der Heuristik und der Quellenkritik. Wenn keine historisch-kritischen Ausgaben von Quellen vorhanden sind, kann eine endgültige Interpretation erst nach sehr aufwändigen Quellenstudien möglich sein. Eine wissenschaftliche Untersuchung historischer Texte muss daher nicht nur die Arbeitsschritte durchführen, sondern sie auch nachvollziehbar darstellen. Andere sollen erkennen können, wie die Quelle gesammelt, geprüft und schließlich interpretiert wurde.

Lernvideos zu Historisch-kritische Methode (Geschichtswissenschaft)

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