Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Geschichte des Antisemitismus bis 1945

Der ab 1878 entstandene Rassenantisemitismus führte als Staatsideologie in der Zeit des Nationalsozialismus zum Holocaust (1941–1945). Antisemitische Karikatur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Voraussetzungen
  2. 2. Entstehung des modernen Antisemitismus
  3. 3. Deutschland im Kaiserreich
  4. 4. Erster Weltkrieg, Weimarer Republik und Nationalsozialismus
  5. 5. Österreich und Europa bis 1945

Begriff und Voraussetzungen

Antisemitismus bezeichnet eine mit Nationalismus, Sozialdarwinismus und Rassismus verbundene Judenfeindlichkeit. Er trat seit der Aufklärung in Europa auf und löste den älteren christlichen Antijudaismus teilweise ab oder wandelte ihn um. Der ab 1878 entstandene Rassenantisemitismus wurde unter dem Nationalsozialismus zur Staatsideologie und führte zum Holocaust von 1941 bis 1945.

Um 1800 bildeten Juden in den meisten mitteleuropäischen Ländern die größte nichtchristliche Minderheit. Mittelalterliche Verbote – etwa von Grunderwerb, Ackerbau, Handwerkszünften und Kaufmannsgilden – hatten sie überwiegend in die Unterschicht gedrängt. Ghettos, Pogrome, Sondersteuern, Schutzbriefe und Berufs- sowie Ansiedlungsbeschränkungen prägten ihre Lage. Häufig blieben nur Handel, Pfandleihe, Kleinkredite und einzelne nichtzünftige Berufe. Weniger als zwei Prozent erreichten den Status wohlhabender „Hofjuden“ oder Ärzte.

Seit etwa 1780 wanderten verarmte Juden aus Osteuropa westwärts. Das Statut Katharinas II. von 1791 beschränkte jüdischen Wohn- und Arbeitsort im Russischen Reich auf bestimmte Grenzgebiete, den späteren Ansiedlungsrayon; in den Folgejahren wurden etwa 230.000 russische Dorfjuden ausgewiesen oder zwangsumgesiedelt. Bis 1871 stieg die Zahl der Juden im deutschsprachigen Raum von etwa 220.000 (1820) auf 512.000, bis 1910 auf 615.000; ihr Bevölkerungsanteil sank dabei von 1,25 Prozent auf knapp ein Prozent.

Die Emanzipation verlief widersprüchlich. Nach dem Habsburger Toleranzpatent von 1781 verlieh die französische Nationalversammlung den Juden 1791 erstmals in einem europäischen Staat volle Bürgerrechte. Napoleons Code civil von 1804 verbreitete diese Regelungen, doch sein Dekret von 1808 schränkte jüdische Kreditgeber, Bewegungsfreiheit und Berufsmöglichkeiten wieder ein. Nach 1815 nahmen deutsche Staaten Zugeständnisse zurück. Erst 1867 in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, 1869 im Norddeutschen Bund und 1871 im Deutschen Reich wurde die volle Gleichberechtigung gesetzlich festgeschrieben.

Entstehung des modernen Antisemitismus

Aufklärung und Naturrecht leiteten die Gleichberechtigung aus der gemeinsamen Menschheit ab. Gleichzeitig übernahmen viele Aufklärer, Idealisten und Romantiker ältere Vorurteile. Voltaire, Lichtenberg, Kant und Herder schrieben Juden negative, teilweise als angeboren verstandene Eigenschaften zu; zugleich traten einzelne von ihnen für Gewissensfreiheit oder rechtliche Gleichstellung ein. Moses Mendelssohn, Lessing und Friedrich Schlegel unterstützten Toleranz und Emanzipation. Auch Hegel verband abwertende Deutungen des Judentums mit einer Forderung nach Bürgerrechten.

Der gegen Napoleon gerichtete Nationalismus definierte Nation zunehmend nicht mehr politisch, sondern als Abstammungs- und Kulturgemeinschaft. Deutsche Autoren wie Grattenauer, Friedrich Rühs, Hartwig von Hundt-Radowsky und Ernst Moritz Arndt stellten Juden als fremde, parasitäre oder volksgefährdende Elemente dar und forderten Vertreibung, Assimilation oder sogar Vernichtung. Solche Schriften verbreiteten Abgrenzungs-, Deportations- und Vernichtungsrhetorik im öffentlichen Diskurs.

Auch Frühsozialisten und Anarchisten waren nicht frei von Judenfeindschaft. Ludwig Feuerbach setzte den jüdischen Glauben mit Egoismus gleich; Pierre Leroux, Karl Marx in Zur Judenfrage, Proudhon und Bakunin verbanden Judentum mit Kapitalismus, Geldherrschaft oder Ausbeutung. Antisemitismus war daher nicht ausschließlich nationalistisch, sondern konnte auch antikapitalistisch, antikirchlich oder antidemokratisch begründet werden.

Nach der rechtlichen Gleichstellung wurde Judenfeindschaft zunehmend pseudobiologisch begründet. Sozialdarwinisten übertrugen Variation, Vererbung und Selektion auf Völker und behaupteten einen Kampf höherer und niedrigerer „Rassen“. Gobineau entwickelte 1853–1855 eine arische Herrenrassenlehre, war aber selbst nicht antisemitisch. Autoren wie Eugen Dühring, Paul de Lagarde, Wilhelm Marr und Houston Stewart Chamberlain erklärten Judesein zur unveränderbaren Erbanlage und bezeichneten Juden als „Parasiten“, „Krebsgeschwüre“ oder „Ungeziefer“. Dadurch wurden Taufe, Bildung und Integration als wirkungslos dargestellt und Vertreibung oder Vernichtung als angeblich einzige Lösung nahegelegt. Wie stark der Rassismus den Nationalsozialismus vorbereitete, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt.

Deutschland im Kaiserreich

Die Hep-Hep-Krawalle von August bis Oktober 1819 erfassten über 80 Städte und Orte des Deutschen Bundes und darüber hinaus, besonders Dänemark. Handwerker, Bauern und Studenten machten Juden für Folgen der frühkapitalistischen Industrialisierung verantwortlich. Es kam zu Steinwürfen, körperlichen Angriffen und einzelnen Plünderungen; jüdische Todesopfer gab es nicht. Auch 1830, 1835, 1840 und während der Revolution 1848/49 kam es zu antijüdischen Ausschreitungen, unter anderem wegen der Ritualmordlegende, wirtschaftlicher Schulden und Krisen.

1879 gilt als Geburtsjahr des modernen Antisemitismus. Der Gründerkrach von 1873 verstärkte die Verbindung des Judenbildes mit Börse und unverdientem Kapital. Wilhelm Marr gründete die Antisemitenliga; Heinrich von Treitschke prägte den Satz „Die Juden sind unser Unglück“. Adolf Stoecker machte Antisemitismus zum Kern seiner christlich-sozialen Partei und verband Juden zugleich mit Großkapital und Revolution. Eine Antisemitenpetition von 1880 forderte unter anderem Sondersteuern, den Ausschluss aus öffentlichen Ämtern und ein Einwanderungsverbot; etwa 250.000 Bürger unterschrieben, doch Bismarck ignorierte die Forderungen.

Vereine, Studentenverbindungen, Turnerschaften, Offizierskorps und Berufsverbände schlossen Juden zunehmend aus. Der Kyffhäuserverband begann 1886, die meisten Burschenschaften folgten bis 1896. 1924 hatten 98 von 110 österreichischen Alpenvereinssektionen einen Arierparagraphen. Antisemitische Parteien blieben parlamentarisch begrenzt, erzielten aber 1893 zusammen 18 Reichstagsmandate. 1894 vereinigten sie sich zur Deutschsozialen Reformpartei; 1903 kamen sie nur auf 3,5 Prozent und 11 Mandate, 1907 noch auf sieben Abgeordnete. 1912 verloren sie weiter an Einfluss.

Konservative und Zentrumspolitiker übernahmen zeitweise Forderungen oder Stereotype, während liberale Abgeordnete wie Eugen Richter, Albert Hänel und Theodor Mommsen den Antisemitismus bekämpften. Die SPD nahm antisemitische Forderungen nie in ihr Programm auf, verwendete in einzelnen Unterhaltungsblättern jedoch ebenfalls Stereotype. Jüdische Organisationen reagierten mit Integration, Abwehrvereinen, Studentenverbindungen und teilweise Zionismus. Leo Pinsker forderte 1882 in Autoemanzipation ein eigenes jüdisches Land; Theodor Herzls Judenstaat von 1896 begründete den politischen Zionismus.

Erster Weltkrieg, Weimarer Republik und Nationalsozialismus

Im Ersten Weltkrieg überlagerte der Burgfriede zunächst die politischen Gegensätze. 1916 behaupteten Alldeutscher Verband und Deutschvölkische Partei, Juden seien Schieber und Drückeberger. Daraufhin wurde eine Judenzählung im Heer angeordnet. Sie ergab einen hohen Anteil jüdischer Frontsoldaten, darunter zehn Prozent Freiwillige; die Ergebnisse blieben bis 1919 geheim. Etwa 100.000 Juden meldeten sich zum deutschen Militärdienst, 10.000 freiwillig zur Front.

Nach 1918 verband die Dolchstoßlegende Antisemitismus, Antisozialismus und Antidemokratie. Juden, Sozialdemokraten und Bolschewisten wurden als angebliche Urheber von Niederlage, Revolution, Inflation und Versailler Vertrag dargestellt. Die Protokolle der Weisen von Zion, 1920 auf Deutsch veröffentlicht, schienen diese Verschwörungstheorie zu bestätigen. Pogrome, politische Morde und Straßengewalt nahmen zu; beim Angriff auf das Berliner Scheunenviertel 1923 wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert. Konservative, völkische und nationalsozialistische Gruppen forderten eine „nationale Revolution“ gegen die Weimarer Demokratie.

Hitler entwickelte seinen eliminatorischen Antisemitismus 1919. Das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 verlangte den Ausschluss der Juden aus der Staatsbürgerschaft und öffentlichen Ämtern, besondere „Fremdengesetze“ sowie die Ausweisung seit dem 2. August 1914 eingewanderter „Nicht-Deutscher“. In Mein Kampf (1925/26) verband Hitler die Verschwörungsidee eines „Weltjudentums“ mit Kapitalismus, Bolschewismus und der Vorstellung einer arischen Herrenrasse.

Nach der Machtübertragung am 30. Januar 1933 folgten Boykott, Berufsverbote, das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das Reichskulturkammergesetz, ein Numerus clausus und die Nürnberger Gesetze von 1935. 1938 kamen „Arisierungen“ und Novemberpogrome hinzu. Insgesamt wurden 1933–1945 etwa 2000 antijüdische Gesetze und Verordnungen erlassen. Die Politik verlief nach Peter Hayes in drei Phasen: 1933–1938 Ausgrenzung und erzwungene Auswanderung, 1938–1941 weitere Radikalisierung und ab Sommer 1941 die Ermordung sämtlicher Juden Europas. Ab dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begann die organisierte Massenvernichtung; bis 1945 ermordeten die Täter rund sechs Millionen Menschen.

Österreich und Europa bis 1945

In Österreich begannen Reformen mit Josephs II. Toleranzpatenten, blieben aber von Sondergesetzen begleitet. 1867 vollendete die Dezemberverfassung die rechtliche Emanzipation. In Wien lebten 1848 etwa 4000 Juden, 1910 rund 175.000 beziehungsweise 8,6 Prozent der Bevölkerung. Seit 1875 entstanden christlich-soziale und völkische Bewegungen; Karl Lueger nutzte Antisemitismus als politisches Agitationsmittel. Nach 1918 verschärften Christlich-Soziale, katholische Presse und Nationalsozialisten die Ausgrenzung. Nach dem Anschluss 1938 wurden Juden zu „Reibpartien“ gezwungen und verfolgt.

In Frankreich führten Emanzipation und Revolution zu Verschwörungstheorien. Édouard Drumonts La France Juive von 1886, der Panamaskandal und die Dreyfus-Affäre von 1894 zeigten den Einfluss des Antisemitismus auf Öffentlichkeit, Militär und Justiz. Nach 1918 verbreiteten katholische und royalistische Kreise die Protokolle der Weisen von Zion. Das Vichy-Regime beteiligte sich 1940–1944 an Inhaftierung und Deportation französischer Juden. Großbritannien entwickelte trotz mittelalterlicher Vertreibung, literarischer Stereotype und Konflikten um die Einwanderung von fast 200.000 Ostjuden um 1900 keinen vergleichbar starken politischen Antisemitismus; die British Union of Fascists blieb nach 1930 erfolglos.

In Italien blieb Antisemitismus bis 1938 gesellschaftlich begrenzt. Mussolini übernahm erst nach 1936 und der Achse Rom–Berlin die Rassenideologie; 1938 folgten Rassengesetze. Nach der deutschen Besetzung 1943 wurden über 6000 italienische Juden verhaftet und deportiert. Spanien tolerierte unter Franco den Transit jüdischer Flüchtlinge; Portugal war unter Salazar neutral und veröffentlichte auch Kritik an der nationalsozialistischen Rassenideologie. In den Niederlanden deportierte die kollaborierende NSB-Führung ab 1942 107.000 Juden, von denen 102.000 ermordet wurden. In Belgien wurden etwa 25.000 Juden ausgeliefert und nach Auschwitz deportiert; nur 1200 überlebten.

In Osteuropa verbanden sich Nationalismus, Katholizismus, soziale Konkurrenz und alte religiöse Vorwürfe. Im Russischen Reich führten Ansiedlungsrayon, Maigesetze von 1882 und Pogromwellen, besonders ab 1881 und 1903, zu Verfolgung und Auswanderung. Im Bürgerkrieg starben etwa 60.000 Juden in Pogromen. Polen, Litauen, Lettland, Rumänien und Ungarn entwickelten starke antisemitische Bewegungen; für Rumänien schwanken die Schätzungen der unter Antonescu Ermordeten zwischen 300.000 und 400.000. In Bulgarien verhinderten Proteste die Deportation von etwa 50.000 Juden aus dem alten Staatsgebiet, während über 12.000 Juden aus besetzten Gebieten deportiert und ermordet wurden. In der Tschechoslowakei galten Juden bis 1939 offiziell als gleichberechtigt; von 118.310 Juden aus den tschechischen Ländern fielen 78.000 dem Holocaust zum Opfer.

In der islamischen Welt waren Juden als Dhimmi rechtlich marginalisiert, aber grundsätzlich geschützt; ein mit Europa vergleichbarer allgemeiner Judenhass der Frühen Neuzeit ist nicht belegt. Ob frühere Massaker als Antisemitismus gelten, ist umstritten. Viele moderne Verschwörungstheorien wurden seit dem 19. Jahrhundert aus Europa übernommen, besonders durch die Protokolle der Weisen von Zion und den Palästinakonflikt. Amin al-Husseini unterstützte im Zweiten Weltkrieg offen die nationalsozialistische Propaganda. In der Türkei wurden 1934 bis zu 10.000 Juden aus Ostthrakien vertrieben; offizielle türkische Angaben nannten 3000.

Lernvideos zu Geschichte des Antisemitismus bis 1945

Weiterlesen

Antisemitismus Als Antisemitismus werden heute alle pauschalen Formen von Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft bezeichnet. Der Ausdruck entstand 1879 als … Nationalismus Nationalismus ist eine Denkhaltung oder eine politische Bewegung, die eine Identifizierung und Solidarisierung aller Mitglieder einer Nation anstrebt und … Sozialdarwinismus Der Sozialdarwinismus ist eine sozialwissenschaftliche Theorie, deren Weltbild auf einem biologistischen Determinismus beruht und in der Politik meist der … Rassismus Rassismus oder Rassenideologie ist ein Komplex von Praktiken, Einstellungen und Strukturen, durch den Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale oder negativer … Aufklärung Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. Aufklärung und Barock, die oft als Gegensätze gesehen werden, entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im … Europa Europa ; 10.523.000 km² · 746 Millionen (2020) · 70 Einwohner/km² · ca. 50 · UTC±0 (Island) bis UTC+5 (Russland) … Antijudaismus Das Verhältnis beider Formen zueinander und damit die Definition von Antisemitismus werden in der Antisemitismusforschung diskutiert. ... (Siehe Geschichte des … Ideologie Ideologische Deutungsmuster sind nicht auf politische Lehren beschränkt, sondern können auch nationale, kulturelle, wirtschaftliche oder religiöse Vorstellungen … Zeit des Nationalsozialismus Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht … Holocaust Das Menschheitsverbrechen gründete auf dem staatlich propagierten Antisemitismus und der entsprechenden rassistischen Gesetzgebung im Deutschen Reich zur Zeit … Mittelalter Als Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit … Zunft Geschichte. Bearbeiten. Vorläufer städtischer Zünfte gab es seit der römischen Kaiserzeit; sie dienten vor allem der steuerlichen Erfassung ihrer Mitglieder …